Der neue Lewis Hamilton: Kann er endlich so sein, wie er will?

Formel 1 2013

— 14.03.2013

Hamilton rechnet mit McLaren ab und will sich neu erfinden

Mercedes-Neuzugang Lewis Hamilton geht mit McLaren ins Gericht und erklärt, wie er sein über die Jahre schwer angekratztes Image mit viel Mühe wieder aufpolieren will



2011 war Lewis Hamilton auf Kriegsfuß mit der Welt, mit seinem Team - und mit sich selbst. Der Brite, der 2007 als werdender Seriensieger in die Formel 1 gekommen war, fuhr plötzlich von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen und gab später zu, dass ihn private Probleme abgelenkt hatten. Manager Simon Fuller wollte aus ihm zudem einen globalen Weltstar wie David Beckham formen, doch Hamilton war dies alles zu viel.

"Wartet ab", sagte damals Vater Anthony Hamilton gegenüber der 'BBC'. "Ihr habt Lewis noch nicht gesehen, bloß einen jungen Lewis. Jetzt kommt ein neuer Lewis Hamilton." Und der Vater, der seinen Sohn jahrelang gedrillt hatte, sollte Recht behalten: Der McLaren-Star hielt sich 2012 - abgesehen von seinen umstrittenen 'Twitter'-Postings - aus allen Schwierigkeiten raus und zeigte sich auf der Rennstrecke in alter Hochform.

Und er setzte auch seinen Abnabelungsprozess fort - von seinem Vater und von seinem Team. Ende 2011 ließ er sich zahlreiche Tattoos stechen. "Mein Vater heißt das nicht gut", gibt der 28-Jährige gegenüber der 'Daily Mail' zu. "Es muss aber auch niemand gutheißen. Ich fühle mich wohl so wie ich bin, ich brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun muss. Wenn mich jemand nicht akzeptiert so wie ich bin, dann ist es sein Problem. Man benötigt etwas Stolz."

Rundumschlag gegen McLaren

Diese Lebensphase führte schließlich auch zum Bruch mit McLaren - ein Team, das er seit Teenager-Zeiten kennt. Und das ihn kennt. Für Ron Dennis & Co. wird Hamilton daher immer der kleine Junge bleiben, der den damaligen Teamchef einst darum angebettelt hatte, eine Chance zu erhalten. "Ich komme von einem Ort, wo sehr viel kontrolliert wurde", spricht Hamilton heute über sein Ex-Team, das sich stets wichtiger nahm als seine Fahrer. "Es war ein kontrolliertes Umfeld, wo man tun und sagen musste, was einem angeschafft wurde."

Bei Mercedes sieht er nun mehr Freiraum: "Man muss sich an seine Werte halten, muss respektvoll und höflich sein, aber man kann immer noch so sein, wie man sein möchte. Jeder hat seinen eigenen Geschmack, aber ich habe das Gefühl, dass ich mich heutzutage besser ausdrücken kann, mehr ich selbst sein kann."

Mercedes duldet Tattoos und Hund in der Box

Mit seinen Tattoos und mit den 'Twitter'-Fotos, die ihn als Rapper zeigen, hat er die Marke mit dem Stern einem Härtetest unterzogen - offenbar mit Erfolg. Sogar seine neue Bulldogge namens Roscoe wurde bei den Testfahrten in der "Silberpfeil"-Box geduldet - beim McLaren-Team ein schwer vorstellbares Szenario.

"Das bedeutet Frischluft für Lewis", kommentiert Ex-McLaren-Pilot David Coulthard Hamiltons Abgang gegenüber dem 'Guardian'. "Er war bei McLaren, seit er 13 ist, aber er kennt Mercedes natürlich, weil sie der Motorenhersteller waren - und das macht immerhin ein Drittel des Autos aus. Er muss jetzt neue Beziehungen aufbauen, und es liegt großteils an ihm, wie viel Druck er auf das Team ausübt. Am Ende zählt, wie er sich auf der Strecke schlagen wird."

Aus Mercedes-Kreisen hört man, dass der Brite bisher einen hervorragenden Eindruck hinterlassen und im Nu die neue Mannschaft kennengelernt hat. Hamilton scheint auf einer Mission zu sein - er will der Welt beweisen, dass er auch außerhalb seiner vertrauten McLaren-Umgebung Erfolg haben kann.

Coulthard sieht Hamilton gereift

Genau darauf kommt es laut Coulthard an: "Eine intime Beziehung zu den Designern ist notwendig, damit sie deine Bedürfnisse verstehen. Es handelt sich nicht nur auf der Strecke um einen sehr schnellen Sport, sondern auch, wenn es darum geht, neue Teile zu entwickeln. Es benötigt Zeit und Mühe, um diese Beziehungen aufzubauen."

Der Schotte sieht auch noch eine andere Herausforderung auf Hamilton zukommen: "Wie wird er damit umgehen, wenn sein Auto nicht zu einer guten Qualifying-Platzierung fähig ist? Lewis war bislang noch nie in dieser Situation." Der langjährige Teamkollege von Mika Häkkinen glaubt, dass der neue Mercedes-Pilot nun zumindest besser damit umgehen würde als in der Vergangenheit: "Lewis weiß, dass er einen anderen Weg eingeschlagen hat. Vielleicht gewinnt er dieses Jahr die Weltmeisterschaft - das wäre bemerkenswert. Er weiß bereits, dass das nicht jedes Jahr passieren wird."

Hamilton gesteht Fehler in der Vergangenheit ein

Auch Hamilton selbst glaubt, dass ihn die harten McLaren-Jahre nach dem WM-Titel 2008 vor allem eines gelehrt haben: Geduld. "Mangelnde Erfahrung hat dazu geführt, dass ich in der Vergangenheit ungeduldig war", gibt er zu. "Jetzt habe ich mehr Geduld - ich schätze, das liegt am Alter. Man trifft klügere Entscheidungen. Ich hoffe, das wirkt sich auch auf meine Rennen aus - die Entscheidungen, die ich auf der Strecke treffe."

Ganz allgemein ist dem Briten bewusst, dass er in der Vergangenheit viele Fehler gemacht hat: "In meinen ersten Formel-1-Jahren habe ich davon geredet, eine Inspiration zu sein - das war an den Haaren herbeigezogen und unangebracht." Oft wirkten Hamiltons Aussagen in seinen Anfangsjahren unüberlegt, was auch zu Missverständnissen führte.

Grenzgang zwischen Hass und Bewunderung

"Entweder man hasst mich, oder man liebt mich", sagt er. "Leider habe ich als Formel-1-Neuling nicht immer gewusst, was ich sage. Ich sagte das Eine, meinte aber etwas anderes -die Leute nahmen es falsch auf. Und die Leute vergessen das nicht." Bei den Wintertests in Spanien musste sich der ehemalige McLaren-Pilot jahrelang auspfeifen lassen - ein Umstand, der vermutlich auf das hasserfüllte Stallduell mit Fernando Alonso 2007 zurückzuführen ist.

"Man muss nur nach Spanien schauen - grundsätzlich hassen mich die Leute dort", klagt Hamilton sein Leid. Und fragt sich bis heute, was der Grund dafür ist: "Ob es daran liegt, dass ich etwas über Fernando gesagt habe, oder er den Leuten etwas über mich gesagt hat - sie vergessen es nicht, und ich bin abgestempelt. Man kann nur versuchen, das langsam zu ändern, aber es braucht Zeit. Es gibt Unmengen von Menschen, die mich nicht mögen, und Unmengen, die mich mögen."

Wie Hamilton seinen Ruf aufpolieren will

Hamilton ist davon überzeugt, dass ihm Unrecht getan wird: "Was ich den Leuten garantieren kann, ist, dass die, die mich nicht mögen, ihre Meinung ändern werden, wenn sie mich kennenlernen. Ich nehme mir Zeit für sie, und dann sehen sei eine andere Seite von mir. Hoffentlich werden mich die Leute nach ein paar Jahren in diesem großartigen neuen Team in einem anderen Licht sehen."

Apropos neues Team: Hamilton wurde gescholten, vor allem des Geldes wegen zu Mercedes gewechselt zu haben, schließlich feierte die Truppe aus Brackley in den vergangenen drei Jahren gerade Mal einen Grand-Prix-Sieg. Eine weitere unrichtige Einschätzung, meint der Freund von Popsternchen Nicole Scherzinger: "Ich will weitere Weltmeisterschaften gewinnen. Ich will eine Größe sein."

Was er damit meint? Hamilton spricht den Namen seines großen Idols aus: "Da fällt mir nur Ayrton Senna ein. Die Storys, wie er einen Raum betreten hat, die Aura, die er hatte, die Art und Weise, wie ihn die Leute wahrgenommen haben, wie er fuhr und die Leute inspirierte, eine ganze Nation inspirierte - das ist wahre Größe." Doch Hamilton scheint gelernt zu haben, besser zu reflektieren: "Ich bin nicht Ayrton Senna. Ich habe meine eigene Persönlichkeit, aber ich hoffe, dass ich diese Größe haben werde."

Fotoquelle: xpbimages.com

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