Pirelli hat in Australien die Mischungen Supersoft (rot) und Medium (weiß) dabei

Formel 1 2013

— 14.03.2013

Melbourne: Werden die Reifen zur großen Unbekannten?

Die diesjährigen Pirelli-Reifen treiben Teams und Fahrern Sorgenfalten ins Gesicht - Im Fokus stehen die Wahl im Qualifying und die Lebensdauer im Rennen



Am Sonntag um 7:00 Uhr MEZ beginnt in Melbourne die neue Formel-1-Saison. Im Vergleich zum Vorjahr weist das Starterfeld aufgrund der HRT-Pleite inzwischen zwei Autos weniger auf. Aus diesem Grund rauchen bei Teams und Fahrern schon jetzt die Köpfe, wenn es um die richtige Strategie für das Qualifying am Samstag geht. Zwei (langsame) Autos weniger im Feld bedeutet unterm Strich eine größere Gefahr, bereits in Q1 die Segel streichen und somit am Sonntag von weit hinten losfahren zu müssen.

Die Pirelli-Reifen, die im Vergleich zum Vorjahr nun weicher daherkommen, tragen ein Übriges dazu bei, dass sich in den Köpfen der Piloten Fragezeichen auftun. Der italienische Reifenhersteller hat für das Saisonauftaktrennen die beiden Slick-Mischungen Supersoft und Medium ausgewählt. Während man den Medium-Reifen im Rahmen der drei Testwochen in Spanien bereits ausgiebig testen konnte, beschränken sich die Erfahrungen mit der diesjährigen Supersoft-Mischung auf ganz wenige Runden. Bei Red Bull verzichtete man in Jerez und Barcelona sogar gänzlich auf Runden mit der weichsten aller Pirelli-Mischungen.

"Wir haben diesen Reifen gar nicht benutzt", bestätigt Weltmeister Sebastian Vettel und ist gespannt darauf, zu sehen "ob die Pneus überhaupt einen Unterschied machen oder gar nicht. Wir brennen darauf, es herauszufinden und dann wissen wir etwas mehr". Die übrigen drei Reifenmischungen Soft, Medium und Hard fuhr Red Bull bei den Testfahrten sehr wohl, woraufhin Vettel zur Erkenntnis kommt: "Wir hatten alle das gleiche Problem: Die Reifen haben nicht durchgehalten. Es war extrem schwierig für uns, viele Runden auf denselben Pneus abzuspulen und bestimmte Dinge zu erkunden. Hoffentlich wird es besser. Sonst könnte es lustig werden."

Seltsame Spielchen im Qualifying?

Vettel glaubt allerdings nicht, dass die Topteams soweit gehen werden und auf den dritten Teil des Qualifyings verzichten, um Reifen für das Rennen zu sparen. "Ich glaube, man versucht immer, soweit vorn wie möglich loszufahren. Es mag zwar in der Vergangenheit vorgekommen sein, dass die Leute, die sich einen Reifensatz aufgehoben haben, in der Schlussphase des Rennens im Vorteil waren, doch generell glaube ich, dass man sich immer für einen besseren Startplatz entscheidet - wenn man die Chance darauf hat."

Im McLaren-Lager sieht man es genauso. "Wenn man schnell genug für die Pole ist, dann wird man es versuchen. Als Erster in die erste Kurve zu fahren, ist so viel wichtiger als auf der richtigen Reifenmischung zu starten", sagt Jenson Button, der den Saisonauftakt 2012 in Melbourne für sich entschied und bei den jüngsten Testfahrten ebenfalls seine liebe Mühe mit der neuesten Pirelli-Generation hatte.

"Ich glaube außerdem, dass der Supersoft-Reifen nicht der falsche beim Start des Rennens sein wird", spannt Button den Bogen vom potenziell schnelleren Reifen für das Qualifying hin zur Anfangsphase des Rennens. Bekanntlich müssen die Top 10 der Startaufstellung mit dem Reifen ins Rennen gehen, den sie Q3 aufgezogen hatten - es sei denn dort wurde auf eine fliegende Runde verzichtet.

An derartige Kniffe glaubt Button zumindest in der Spitzengruppe nicht. "Ich rechne nicht mit seltsamen Spielen im Qualifying - zumindest, was die Top-Autos angeht. Bei den Autos, die Mühe haben, in Q3 zu kommen, könnte das eine andere Geschichte sein, aber hoffentlich zählen wir nicht zu diesen Autos."

Grundsätzlich könnte der Unterschied zwischen den beiden Mischungen Supersoft und Medium in Melbourne laut Button sehr groß ausfallen. "Er könnte mehr als eine Sekunde betragen. Q1 könnte knifflig werden - kniffliger als in den vergangenen Jahren, denn wir haben ein Team verloren", spricht der Brite auf die HRT-Pleite an und mutmaßt: "Man hat keine Sekunde Vorsprung mehr auf die Teams, die in Q1 hinausfliegen werden. Es werden zwei schnelle Autos in Q1 ausscheiden. Wahrscheinlich werden alle den Supersoft-Reifen benutzen, wenn das Feld eng beisammen liegt."

"Ich denke aber nicht, dass das Feld in Q3 eng beisammen liegen wird. Wir werden wahrscheinlich einen großen Zeitunterschied zwischen den Schnellsten und den Langsamsten in Q3 sehen. Ich glaube, dass manche das Auto auf eine Runde wirklich hinbekommen haben. Das hat beim Testen so ausgesehen - schauen wir mal, wie es hier sein wird", so Buttons Prognose für den dritten und in Bezug auf die Pole-Position entscheidenden Teil des Qualifyings.

Mercedes tappt im Dunkeln

Mercedes-Pilot Nico Rosberg gibt sich bezüglich der diesjährigen Reifen zurückhaltend und hat vor allem die Lebensdauer der Pneus im Rennen im Blick: "Wir müssen abwarten, wie es sich in puncto Verschleiß verhält. Bei den Testfahrten im Winter haben wir diesbezüglich nicht sehr viel gelernt. Wir wissen, dass Pirelli großen Wert auf den Verschleiß legt, denn ein hoher Verschleiß bedeutet in der Regel großartige Rennen. Technisch gesehen ist es aber eine große Herausforderung für uns, ein Auto zu bauen, das die Reifen nicht zu hart rannimmt."

"Jeder wird damit zu kämpfen haben. Deshalb muss es darum gehen, mit etwas weniger Reifenverschleiß als die Konkurrenz über die Runden zu kommen", meint Rosberg und erinnert daran, dass der Vorjahres-Mercedes die Pirelli-Gummis schnell verschleißen ließ: "Im vergangenen Jahr war dieser Bereich eine unserer großen Schwächen. Ich bin überzeugt, dass wir auf diesem Gebiet viel gelernt haben, doch wir wissen noch nicht, wo wir im Vergleich zu den anderen Teams stehen."

Von einem derartigen Lernprozess ist der neue Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff zumindest in Bezug auf die Supersoft-Mischung noch nicht überzeugt. Gegenüber 'ORF' äußert der Österreicher seine ganz eigene Darstellung der Lebensdauer der rot markierten Pirelli-Reifen: "Nach einer schnellen Runde hat der Reifen aufgeschäumt wie ein Camembert, der in den Toaster gefallen ist - also unbrauchbar."

Mercedes-Teamchef Ross Brawn tappt derzeit ebenfalls noch im Dunkeln. "In Bezug auf das Rennen werden bei allen Teams die Köpfe rauchen. In Barcelona war es so, dass man die Reifen zu Beginn eines Stints hart rannehmen konnte, dann aber gegen Ende des Stints nicht mehr viel Grip zur Verfügung stand. Ein anderer Ansatz ist, über den gesamten Verlauf eines Stints ein konstantes Tempo an den Tag zu legen. Diese Thematik ist in diesem Jahr wahrscheinlich noch entscheidender als in der vergangenen Saison. Ein erstes richtiges Urteil über die neuen Reifen werden wir aber wohl erst in Malaysia abgeben können. Dort erwarten wir hohe Temperaturen, die wir bisher nicht hatten."

Di Resta erwartet keine Probleme mit der Supersoft-Mischung

Anders als an diesem Wochenende in Australien bringt Pirelli für die zweite Saisonstation in Malaysia (24. März) nicht die Supersoft-, sondern die Hard-Mischung als Alternative zu Medium an die Strecke. Im Albert Park müssen sich die Piloten an diesem Wochenende aber mit der weichsten der vier Slick-Mischungen auseinandersetzen.

"Man kommt hier in einer seltsamen Situation an, denn wir haben einen Reifen, mit dem wir bei den Wintertests noch nicht viel gearbeitet haben", sagt Force-India-Pilot Paul di Resta über die Supersofts, glaubt aber, dass die vergleichsweise niedrigen Temperaturen den Teams in die Karten spielen werden. "Es wäre ein anderes Rennen, wenn wir es am Anfang der Woche abgehalten hätten, denn da war es ziemlich heiß. Jetzt senken sich die Temperaturen wieder auf ein Niveau, mit dem wir gearbeitet haben. Ich erwarte keine großen Überraschungen."

Grundsätzlich findet der Schotte Gefallen an der aggressiven Reifenstrategie von Pirelli. "Es wurden die Reifen ausgewählt, die ein geringeres Arbeitsfenster von der Temperatur her brauchen: Supersoft und Medium. Wir haben hier einen Straßenkurs, der ziemlich wenig Grip aufweist. Die Supersofts sollten uns den bestmöglichen Grip auf eine Runde geben. Es ist wichtig, sie im Rennen am Leben zu erhalten, egal welchen Stint man fährt. Im vergangenen Jahr waren sogar Ein-Stopp-Strategien möglich, doch in dieser Woche dürfte es schwierig werden, diese umzusetzen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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