Geldsorgen in der Formel 1: Wird es früher oder später für alle eng?

Formel 1 2013

— 15.03.2013

Die Formel 1 im Umbruch: Fallen weitere Teams weg?

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten muss sich die Formel 1 neu erfinden - Wie lange geht der laut Eric Boullier "noch nicht abgeschlossene" Prozess gut?



Rein sportlich zeigte sich die Formel 1 in der Saison 2012 von ihrer besten Seite. Acht verschiedene Saisonsieger - davon sieben bei den ersten sieben Rennen - und ein Titelkampf zwischen Sebastian Vettel und Fernando Alonso, der erst im dramatischen Saisonfinale in Sao Paulo entschieden wurde. Zudem sorgte das Comeback von Ex-Weltmeister Kimi Räikkönen sowohl auf als auch neben der Strecke für reichlich positiven Gesprächsstoff.

In finanzieller Hinsicht aber mussten einige der Teams die Zügel stark anziehen. Bei HRT half auch das nichts. Kurz nach dem Saisonfinale in Brasilien musste das spanische Team zusperren, weshalb die Saison 2013, die an diesem Wochenende in Australien beginnt, nur noch von elf Teams unter die Räder genommen wird.

Nach dem Wegfall von HRT sind Caterham und Marussia die neuen "Kellerkinder" der Formel 1. Beide setzen sich trotz aller Anstrengungen mehr mit der finanziellen Situation als mit dem Kampf um Zehntelsekunden auseinander. Bei Caterham wurden die Routiniers Heikki Kovalainen und Witali Petrow im Winter vor die Tür gesetzt. Dem Vernehmen nach werden im Hintergrund bereits Übernahmepläne für das von Tony Fernandes in die Formel 1 gebrachte und inzwischen von Cyril Abiteboul geleitete Team geschmiedet.

Paydriver bestimmen das Bild im Hinterfeld

In der Saison 2013 setzen die "Grünen" auf Charles Pic und Giedo van der Garde - eine Fahrerpaarung, die es vor dem Rennen am Sonntag in Melbourne auf zusammengerechnet gerade einmal 20 Grand-Prix-Starts bringt. Pics Verbindung zu Renault und van der Gardes Sponsorenmillionen gaben den Ausschlag gegenüber den von Kovalainen und Petrow abgelieferten Leistungen.

Im Falle Marussia ist die Situation noch grotesker. Zunächst wurde der langjährige (und entsprechendes Gehalt beziehende) Nummer-eins-Pilot Timo Glock vor die Tür gesetzt, um das Überleben des Teams zu sichern. Wenig später präsentierte man neben Max Chilton den Brasilianer Luiz Razia als zweiten Fahrer.

Doch der Schachzug, mit weiteren Sponsorengeldern zum Wohle des Teams beizutragen, ging nach hinten los. Razias Geldgeber zahlten nicht, weshalb der Südamerikaner kurzerhand durch Jules Bianchi ersetzt wurde. Eines ist jedoch geblieben: Auch nach dem Rauswurf Razias geht Marussia mit zwei Rookies in die neue Saison. Die Erfolgsaussichten dürften auch mit dem aktuellen Modell MR02 gering sein.

Auch die Topteams müssen die Zügel anziehen

Doch auch die größeren Teams sind vor finanziellen Engpässen alles andere als gefeit. Sowohl im Mittelfeld als auch im Vorderfeld schlägt man sich ebenfalls mit Budget-Sorgen herum. Lotus hat trotz des Deals mit der Coca-Cola-Submarke Burn nach wie vor keinen Hauptsponsor. McLaren gab am Donnerstag offiziell bekannt, dass Hauptsponsor Vodafone zum Ende der Saison von Bord geht.

Dem Vernehmen nach steht in Form von Telmex ein direkter Vodafone-Wettbewerber parat und könnte die McLaren-Boliden ab der Saison 2014 zieren. Dass Sergio Perez in einem der beiden Autos aus Woking sitzt, ist in diesem Zusammenhang alles andere als Zufall. Für die Mercedes-Motoren im Heck muss McLaren schon jetzt in die Tasche greifen. Auch aus diesem Grund werden die Gerüchte um ein Comeback von Honda an der Seite von McLaren lauter und lauter. Teamchef Martin Whitmarsh freilich äußert sich diesbezüglich ebenso zurückhaltend wie zum Thema Telmex.

Grundsätzlich sieht der McLaren-Teamchef die Formel 1 aber auf dem richtigen Weg. "Unserer Ansicht nach gibt es nach wie vor viele Unternehmen, die die Formel 1 als sehr attraktive Plattform ansehen, um in diese zu investieren", so Whitmarsh. Doch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie diesen beobachtet der Brite bei potenziellen Sponsoren "derzeit ein gewisses Zögern".

Formel 1 steht laut Whitmarsh "gesund" da

Doch nicht zuletzt dank der sportlichen Schlagzeilen der vergangenen Jahre ortet der McLaren-Teamchef inzwischen "positive Anzeichen auf dem Markt" und argumentiert, dass die Formel 1 als globaler Sport "wahrscheinlich als letztes von der Rezession Wind bekam und somit auch als letztes wieder aus dieser herausfindet".

Toto Wolff kennt als ehemaliger geschäftsführender Direktor des Williams-Teams und heutiger Mercedes-Motorsportchef beide Perspektiven - sowohl die eines kleinen Traditionsteams als auch die eines großen Rennstalls mit einem weltweit agierenden Automobilhersteller im Rücken. "Ich befinde mich in einer ganz anderen Lage als im vergangenen Jahr. Das hat mir in gewisser Weise geholfen, eine Gesamtperspektive zu bekommen. Ich weiß jetzt, wie wichtig es für uns alle ist, den Sport als solchen voranzubringen und nicht nur im eigenen Interesse zu handeln", so Wolff.

"Natürlich haben die Finanzkrise und die wirtschaftliche Situation einen großen Einfluss", ist sich der Österreicher der Schwierigkeit, neue Sponsoren anzulocken, bewusst und weiß: "Wenn große Unternehmen ihre Ausgaben zurückschrauben müssen, dann sind Marketing- und Sponsoring-Projekte die ersten, auf die ein Auge geworfen wird."

Neues Portfolio des Sponsorings im Grand-Prix-Sport

Genau wie Whitmarsh sieht aber auch Wolff den Grand-Prix-Sport als Ganzes "gesund" dastehen. So spricht der Mercedes-Motorsportchef von "Konjunkturschwankungen", die zur Folge hätten, dass andere als die aus Vergangenheit gekannten Sponsoren Interesse an der Formel 1 zeigen. "Cola-Cola hat sich für diesen Sport entschieden", spricht er den Lotus-Deal mit dem Energydrink-Hersteller Burn an und bringt zudem ein Beispiel aus den eigenen Reihen: "Der Deal mit Blackberry stellt für uns einen wichtigen Meilenstein dar."

"Ich bin bezüglich des Sponsorenmarktes nicht bedrückt", unterstreicht Wolff seinen Optimismus, warnt aber im selben Atemzug "die Situation genau beobachten" zu müssen: "Wie ich schon sagte, wir dürfen nicht nur auf uns selbst schauen, sondern müssen alle Teams im Blick haben und versuchen, den Sport gesund zu halten."

So besteht nach Meinung von Lotus-Teamchef Eric Boullier die schwierigste Aufgabe darin, die Sponsoren davon zu überzeugen, dass "wir die Formel 1 heutzutage als solches verkaufen, wohingegen es in der Vergangenheit darum ging, dass die Automobilhersteller möglichst viele Autos verkaufen". Den Umschwung von traditionellen Formel-1-Geldgebern wie großen Tabakkonzernen oder eben Automobilherstellern hin zu modernen Unternehmen wie Herstellern von Energydrinks oder Telekommunikationsunternehmen sieht Boullier noch nicht abgeschlossen: "Es wird Zeit brauchen, bis sich das neue Portfolio vollständig etabliert hat."

Formel 1 von Natur aus eine Bühne für hohe Ausgaben

So wollen die Bosse auch den Vorwurf nicht gelten lassen, dass in der Königsklasse des Motorsports derzeit zu viel Geld verprasst wird. "Das liegt auf der Hand, aber keines der Unternehmen, die in die Formel 1 investieren, tut dies selbstlos. Sie tun es, weil es für sie Sinn ergibt. Sie bekommen für ihre Ausgaben etwas zurück. Ist dies nicht der Fall, dann bleiben sie nicht lange in diesem Sport", sagt Whitmarsh.

In diesem Zusammenhang spricht der McLaren-Teamchef einen ganz entscheidenden Punkt an, der die hohen Ausgaben im Grand-Prix-Sport begründet: "Die Formel 1 ist nicht gerade das Paradebeispiel für eine Umgebung, in der sich eine Kostenkontrolle realisieren lässt. Wir denken alle von Haus aus konkurrenzbetont und versuchen stets, einen Vorteil zu erarbeiten, die Performance zu verbessern, einen Weg zu finden, um mehr Geld auszugeben."

Die Bemühungen der vergangenen Jahre, diesem Trend Einhalt zu gewähren - wie etwa in Form der fest vorgeschriebenen Anzahl zugelassener Motoren und Getriebe im Verlauf einer Saison oder aber der Beschränkungen der Testfahrten - stehen für Whitmarsh "im Kontrast zur eigentlichen Neigung der großen Teams, denn diese Teams wollen alle genau diese Dinge so oft und so viel wie möglich". Dabei bezieht der Brite McLaren genauso ein wie die direkte Konkurrenz von Red Bull, Ferrari, Lotus und Mercedes.

Die Frage nach der Relation Aufwand zu Nutzen

Die Tatsache, dass man sich dennoch auf die angesprochenen Beschränkungen einigen konnte, spricht laut Whitmarsh für "eine Einsicht, dass in der Vergangenheit maßlos gehandelt wurde und nun versucht wird, das Ganze zu kontrollieren". Dass dies alles andere als einfach ist, machen auch die nach wie vor nicht abgeschlossenen Verhandlungen über ein Ressourcen-Restriktionsabkommen (RRA) deutlich. "Man kontrolliert dann einen Teil, aber alle in diesem Geschäft sind kreativ genug, um an anderen Stellen Geld auszugeben. Das ist ein nie stillstehender Prozess", der McLaren-Teamchef, der gleichzeitig Vorsitzender der Teamvereinigung FOTA ist.

So kommt Whitmarsh, der in seiner Rolle als McLaren-Teamchef ebenso wenig gewillt ist, massive Einsparungen vorzunehmen, zum Schluss: "Ich glaube, in der Formel 1 wird viel mehr über Geld diskutiert als dies eigentlich nötig wäre. Ich weiß nicht, inwiefern es die breite Masse tatsächlich interessiert. Wahrscheinlich sprechen wir einfach viel zu viel darüber." Lotus-Teamchef Boullier meint, die eigentliche Frage ist nicht, ob in der Formel 1 zu viel Geld ausgegeben wird, sondern "die Frage, wie wir sicherstellen können, dass der Sport langfristig gesehen tragbar und zukunftsfähig bleibt".

Mercedes-Motorsportchef Wolff sieht es ähnlich: "Wenn man sich die Medienwirksamkeit einiger unserer Rennen anschaut, dann ist diese riesig. Ich erinnere mich daran, Zahlen gelesen zu haben, dass der Mercedes-Sieg im vergangenen Jahr in Schanghai für unsere Marke einen Werbewert in Höhe von rund 60 Millionen (Wolff nennt keine Währung; Anm. d. Red.) erbrachte. Man muss es also in Relation sehen: Wie viel gibt man aus und wie viel bekommt man dafür zurück. Diese Relation passt meiner Meinung nach."

Eine unmittelbare Gefahr, dass in Kürze weitere Teams dem Negativbeispiel HRT folgen werden, sehen derzeit weder Whitmarsh noch Boullier noch Wolff - oder wollen eine solche nicht sehen.

Fotoquelle: xpbimages.com

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