Sebastian Vettel konnte sich nur am Start locker durchsetzen

Formel 1 2013

— 17.03.2013

Räikkönen: Geheimfavorit gewinnt in Melbourne

Polesetter Sebastian Vettel ist geschlagen: Kimi Räikkönen gewinnt den Saisonauftakt dank seiner Zweistoppstrategie souverän vor Fernando Alonso



Ernsthaft gezweifelt hat zwar schon im Vorjahr niemand mehr daran, aber spätestens jetzt herrscht endgültig Klarheit darüber, dass der "Iceman" wieder voll da ist: Kimi Räikkönen (Lotus) gewann heute in Melbourne den Grand Prix von Australien vor Fernando Alonso (Ferrari) und Sebastian Vettel (Red Bull) und zog mit seinem 20. Sieg in der Formel 1 mit Landsmann Mika Häkkinen gleich. Erstmals seit Mai 2008 führt Räikkönen damit wieder die Weltmeisterschaft an.

"Ich hab' euch ja gesagt, das Auto ist gut", sagte er - in gewohnter Coolness - nach der Zieldurchfahrt am Boxenfunk. "Jetzt habt ihr alle einen Grund zu lächeln. Ich hoffe, das war der erste Sieg von vielen!" Dabei hatte der Tag gar nicht so aussichtsreich begonnen, denn Räikkönen stand nach dem Qualifying nur auf Startplatz sieben. "Kimi war fantastisch und der Lotus ist ein großartiges Auto. Da kann man nur gratulieren", zieht der zweitplatzierte Alonso neidlos seinen Hut.

Der Ferrari-Pilot hat gut lachen, denn im Gegensatz zu 2012 scheint er von Anfang an über eine gesunde Basis zu verfügen. In der 46. von 58 Runden ging Alonso an Adrian Sutil (Force India) vorbei, der vor allem wegen seiner Strategie lange Zeit an der Spitze mitmischen konnte, und machte sich mit 5,8 Sekunden Rückstand auf die Jagd nach Räikkönen. Zwischendurch drehte Alonso mit einigen schnellen Runden mächtig auf, am Ende musste er aber zurückstecken.

Keine Reifenprobleme beim Sieger

Räikkönen hatte zwar aufgrund seiner Zweistoppstrategie die um sechs Runden älteren Medium-Pirellis drauf, aber: "Es gab keine Probleme mit den Reifen", analysiert er. Trotzdem will er sich noch in keine Favoritenrolle drängen lassen: "Es fühlt sich gut an, aber jetzt ist gerade mal ein Rennen gefahren. Das ändert nichts an unseren Zielen und an unserer Arbeitshaltung. Wir freuen uns über diesen Sieg, doch es ist noch viel zu tun, wenn man die WM gewinnen will."

Vettel hatte im Finish keine realistische Siegchance mehr: Der Deutsche lag zwar zum Zeitpunkt seines ersten Boxenstopps in der siebten Runde knapp vor dem von Felipe Massa angeführten Ferrari-Duo in Führung, doch in der Boxenstopp-Sequenz kam er immer relativ früh zum Reifenwechsel - eine Rechnung, die nicht aufging. Letztendlich fehlte aber auch die nötige Pace, sonst hätten sich in 58 Runden nicht 22,3 Sekunden Rückstand summiert.

Am Start hatte der Polesetter von heute Morgen noch alles richtig gemacht - nach der ersten Kurve hatte er schon mehrere Wagenlängen Vorsprung auf Massa und Lewis Hamilton (Mercedes), der jedoch kurz darauf von Alonso geschnupft wurde. Geschulten Beobachtern wurde dann relativ schnell klar, warum Hamilton auf Supersoft so konservativ ins Rennen ging: Während etwa Jenson Button (McLaren) schon nach vier Runden auf Medium wechselte, wartete Hamilton bis Runde 13.

Rosberg verwundert über Räikkönens Tempo

Teamkollege Nico Rosberg wartete sogar noch eine Runde länger - daher auch kein Wunder, dass ihm der spätere Sieger Räikkönen am Anfang um die Ohren fuhr: "Räikkönen ist losgefahren wie ein Wahnsinniger. Ich dachte: Wir müssen doch alle Reifen schonen, was macht denn der? Aber anscheinend hat er das Tempo durchgehalten." Rosberg schied in Runde 27 mit Elektronikdefekt aus, an dritter Stelle liegend, aber mit einem Boxenstopp weniger.

"Es ist so schwierig, das Rennen zu lesen. Im Funk hat es sich eigentlich immer sehr gut angehört. Wenn ich jetzt sehe, wo sich Lewis befindet, dann war es offenbar doch nicht so gut", seufzt der Mercedes-Pilot und analysiert: "Die Vorderreifen hatten große Abnutzungserscheinungen. Ich hatte viel Untersteuern. Vielleicht hatten andere weniger damit zu kämpfen. Wir haben aber auf jeden Fall eine solide Basis. Es ist besser als letztes Jahr."

Weil die Top 10 auf Supersoft-Reifen starten mussten und er selbst auf Medium war, schlug nach der ersten Boxenstopp-Serie die große Stunde von Formel-1-Rückkehrer Sutil: Der Force-India-Pilot fuhr nach einem Jahr Zwangspause so, als wäre er nie weg gewesen, führte den Grand Prix zwischen der 14. und 20. sowie zwischen der 40. und 43. Runde noch einmal an und erntete jede Menge Lob für seine beeindruckende Performance.

Sutils Strategie verhilft zu Glanzlichtern

"Ich war auf einer anderen Strategie und begann das Rennen auf den harten Reifen. Es lief alles sehr gut und meine Rennpace war ordentlich", bilanziert Sutil. "Dann kam jedoch der letzte Stint mit den superweichen Reifen. Ich habe sehr vorsichtig angefangen, doch nach zwei Runden sind sie komplett eingebrochen, was sehr komisch war. Das Auto war dann wirklich kaum zu fahren und ich dachte schon, ich könnte das Rennen mit diesem Reifensatz nicht beenden."

Sutil wurde bereits vor dem letzten Boxenstopp von Räikkönen und Alonso, danach fast in einem Aufwasch von Hamilton und Mark Webber (Red Bull) überholt - und im Finish musste er sich noch gegen Teamkollege Paul di Resta verteidigen, der mit Siebenmeilenstiefeln näher kam, weil er sich das Rennen zu Beginn völlig anders eingeteilt hatte. Platz sieben beim Comeback ist aber eine aus deutscher Sicht sehr erfreuliche Performance.

Insgesamt sieben Fahrer sammelten heute Führungsrunden, doch die beiden Australier im Feld zählten nicht dazu. Webber versemmelte wieder einmal den Start, kam nur als Siebter aus der ersten Runde zurück, und Toro-Rosso-Junior Daniel Ricciardo schien mit einbrechenden Reifen schon früh aussichtslos als Letzter auf. Sein persönliches Highlight setzte Webber in Runde 42, als er mit einem entschlossenen Manöver an di Resta vorbeiging.

Webber ohne KERS chancenlos

"Es wäre ohnehin schwierig geworden, hier zu siegen - dafür waren wir nicht schnell genug", gesteht er. "Es wäre aber sicher mehr drin gewesen. Wir hingen im Verkehr fest und zogen dann unseren Boxenstopp vor. Das klappte nicht sehr gut. Außerdem hatte ich in den ersten 20 Runden kein KERS. Was schiefgehen konnte, ging schief. Das hat es schwierig gemacht. Ich habe ständig gekämpft. Im Prinzip begann mein Rennen aber erst ab Runde 20."

Am schlechtesten war die Laune bei McLaren: Button wurde Neunter, während "Reifenflüsterer" Sergio Perez mit seinen Pirellis wohl zu Beginn zu leise flüsterte, als er nach hinten durchgereicht wurde, und als Elfter ins Ziel kam, 0,6 Sekunden hinter Romain Grosjean. Aber: "Wer hätte gedacht, dass McLaren heute gerade mal in die Punkte kommt? Die Formel 1 ist schwierig zu lesen. Aber man darf sie nicht abschreiben", warnt Red-Bull-Teamchef Christian Horner.

Er selbst brachte immerhin ein Auto auf das Podium, und das trotz eines am Boxenfunk gemeldeten Telemetrie-Ausfalls bei Vettel vor dem Start. "Wir dürfen zufrieden sein mit diesem Sonntag", sagt der Dritte des heutigen Tages mit einem leicht gequält wirkendenden Lächeln im Gesicht. "Wir wollten natürlich mehr. Wenn du schon von der Pole-Position ins Rennen gehst, willst du logischerweise auch gewinnen."

Vettel hadert mit Haltbarkeit der Reifen

"Der Start war gut, die ersten Runden ebenfalls. Als die Reifen in die Knie gingen, konnten wir aber nicht so lange fahren wie die anderen", seufzt Vettel. "Gratulation an Lotus und vor allem an Kimi! Sie haben heute die beste Arbeit geleistet. Auch Ferrari war stark. Wir waren im Rennen nur die dritte Kraft und freuen uns über Platz drei. Ich bin nicht besorgt. Manchmal muss man aber auch zugeben, dass andere schneller waren."

Am glücklichsten wirkte bei der Siegerehrung Alonso, der endlich einmal vom ersten Rennen an vorne bei der Musik ist: "Deswegen ist Alonso zufrieden, denn sein Gegner in der Saison ist eher Vettel als Kimi. Dass er den gleich im ersten Rennen schlagen konnte, das tut ihm gut", meint Experte Marc Surer. Und dass er letztendlich auch teamintern für klare Verhältnisse sorgen konnte, tut dem stolzen Spanier sicher genauso gut.

Alonso musste sich zunächst hinter Massa anstellen, der sich sehr zur Verwunderung des Publikums mit Händen und Füßen gegen die Überholung wehren und sogar als Erster zum Boxenstopp kommen durfte. Die Chance auf einen Podestplatz verzockte die Ferrari-Crew für Massa aber, als dieser beim zweiten Boxenstopp zu lange draußen blieb und so hinter Alonso, der früher reingeholt wurde, zurückfiel - möglicherweise im gescheiterten Versuch, einen Reifenwechsel einzusparen.

Alonso jubelt über positiven Saisonauftakt

"Es war ein fantastisches Rennen", kann Alonso daher jubeln. "Wir waren ständig in irgendwelche Zweikämpfe verstrickt. Es war nicht einfach, in jeder Runde gab es Action. Ich habe es genossen. Wir waren am Ende aber nicht dazu in der Lage, das Rennen zu gewinnen. 2011 und 2012 hatten wir schwierige Starts in die Saison. Dieses Jahr ist das anders. Das Auto verhält sich prima und wir sind optimistisch. Es liegt eine interessante Saison vor uns."

18 von 22 gestarteten Autos sahen bei trockenen Bedingungen - bis auf ein paar vereinzelte Tropfen blieb der befürchtete Regen dem Albert Park fern - die Zielflagge. Neben Ricciardo und Rosberg kam auch Pastor Maldonado (Williams) nicht durch: Der Venezolaner wurde durch seinen langen ersten Stint nach vorne gespült, lenkte Seite an Seite mit Alonso, der gerade aus der Box kam, in die erste Kurve ein - und blieb im Kiesbett stecken.

Nico Hülkenberg (Sauber), im Qualifying noch solider Elfter, konnte wegen eines Fehlers im Benzinsystem gar nicht erst starten: "Wir wissen noch nicht genau, was es war, doch es bestand ein Sicherheitsrisiko. Damit konnten wir nicht an den Start gehen. Das ist natürlich extrem frustrierend", meint der Deutsche achselzuckend. "Zum Glück geht es nächste Woche schon weiter." Nämlich mit dem Grand Prix von Malaysia in Sepang.

Fotoquelle: xpbimages.com

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