Die Supersofts von Pirelli stellen jedes Team vor eine große Herausforderung

Formel 1 2013

— 22.03.2013

Haben die Reifen zu viel Einfluss in der Formel 1?

Die Diskussion in der Königsklasse entfacht erneut: Während Fahrer und Teams von der Reifensituation genervt sind, sieht Pirelli-Chef Hembery keinen Grund zur Sorge



Schaut man auf den Sieg von Kimi Räikkönen in Australien, dann deuten viele Aussagen im Fahrerlager nur in eine Richtung, warum der Iceman so locker zum Erfolg spazieren konnte: Nicht die Stärke des Lotus oder eine besonders gelungene Strategie seien ausschlaggebend gewesen, sondern es waren wieder einmal die Reifen, die den Schlüssel bildeten. Der E21 des Finnen konnte am besten mit den Pirelli-Pneus umgehen, wodurch sich der Ex-Weltmeister einen Boxenstopp im Vergleich zur Spitzengruppe sparen konnte.

Folgt man den Aussagen der Fahrer nach einer Trainingssitzung, dem Qualifying oder dem Rennen, findet man in beinahe jeder Presseaussendung irgendwo das kleine Wort "Reifen" - sechs Buchstaben, die die ganze Formel-1-Welt verrückt machen. Das ganze Reifenthema geht auch den Fahrern mittlerweile zu weit, schließlich sei von nichts anderem mehr die Rede, wie Red-Bull-Pilot Mark Webber findet: "Alles dreht sich im Moment nur noch um Reifen", so der Australier. "Es geht immer um Reifen. Reifen, Reifen, Reifen, Reifen, Reifen..."

Ein Fokus auf das schwarze Gold ist in der Königsklasse per se nichts Neues. Nach Jahren des "Reifenkriegs" zwischen Bridgestone und Michelin, in denen sich mal das eine, mal das andere Team benachteiligt fühlte, ist lediglich die Situation für alle Beteiligten eine neue Herausforderung. Doch die Art, wie sehr das Reifenmanagement in den heutigen Tagen die Performance beeinflusst, ist vielen Fahrern ein Dorn im Auge: "Heute war der Reifenverschleiß für alle eine ernste Angelegenheit", analysiert Sebastian Vettel nach dem Training.

"Man operiert immer unter dem Niveau des Autos", beschwert sich der Heppenheimer. "Es macht keinen Spaß, so ist es nun einmal." Mercedes-Pilot Nico Rosberg pflichtet seinem Kollegen bei: "Man muss die gesamte Distanz über sehr vorsichtig zu Werke gehen. Das Reifenmanagement ist das A und O." Doch der Deutsche sieht die ganze Angelegenheit gelassener als sein Landsmann. "Natürlich bauen die Reifen ab. Davor ist keiner gefeit. Jetzt geht es darum, mit der Situation besser zurechtzukommen als die anderen."

Weich, weicher, zu weich?

Aggressiv wollte Pirelli in dieser Saison zu Werke gehen. Deswegen wurden die einzelnen Reifenmischungen einen Tick weicher und schneller auf einer Runde. Auch die Strategien für die einzelnen Rennwochenenden wurden seitens des italienischen Reifenherstellers überdacht. So brachte man beispielsweise gleich zum ersten Rennen in Australien die superweiche Mischung mit in den Albert Park. Doch gerade der weichste aller Reifensätze bereitete den Teams über den Winter das größte Kopfzerbrechen und zerbröselte bei den Tests schon nach wenigen Metern.

Schnell schob man seitens Teams und Reifenhersteller alles auf die niedrigen Temperaturen, die den Reifen nicht ins gewünschte Arbeitsfenster bringen wollten. Für Australien sah man andere Bedingungen voraus - doch das Wetter spielte nicht mit. Und die Supersofts auch nicht. Jenson Button kam als erster Fahrer bereits nach vier Runden zum Boxenstopp und Adrian Sutils letztem Reifensatz verließen auch nach zwei Runden die Kräfte, sodass er relativ einfach von Lewis Hamilton und Mark Webber geschluckt werden konnte. Für Ex-Pilot und 'Sky'-Experte Marc Surer ist diese Situation absurd: "Ich finde, Mark Webber hat es genau auf den Punkt gebracht, als er sagte: 'Die weichen Reifen sind der Formel 1 nicht würdig.' Mit der Supersoft-Mischung ist man zu weit gegangen."

Zwar erwartet die Formel 1 in Malaysia tropischere Temperaturen - doch nicht unbedingt eine bessere Reifensituation, wie Sebastian Vettel glaubt: "Man muss kein Genie sein, um vorherzusagen, dass am Sonntag - sollte es trocken sein - sehr viel über die Reifen geht. Ähnlich wie vergangene Woche tun wir uns ziemlich schwer, aber ich glaube, das geht allen so heute. Die Anzahl der Reifensätze, die wir am Wochenende einsetzen dürfen, ist natürlich begrenzt. Hoffentlich ist sie ausreichend."

Der Heppenheimer macht sich Sorgen, dass ein noch größeres Problem als in Australien entstehen könnte: "Ich hoffe, dass die Reifen ausreichen, um das Rennen zu überstehen", malt er ein dunkles Szenario an die Wand, während Teamkollege Webber nach dem heutigen Schauer im zweiten Training forsch ergänzt: "Die feuchten Bedingungen sind die einzigen, bei denen die Slicks ordentlich funktionieren."

Gleiche Chance für alle

Doch es gibt auch Leute im Fahrerlager, die weniger Probleme mit den Gummiwalzen sehen. Für Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn stellen die Pirellis mehr Möglichkeit als Hindernis dar: "Es ist absolut eine Chance, denn diese Ausgangslage ist für alle gleich. Dadurch ist es für uns eine realistische Chance, dass wir vielleicht besser damit umgehen können. Aber genauso hat man das Risiko, dass andere das auch können und wir dann vielleicht auf der Strecke bleiben."

"Natürlich können die großen Teams mit mehr Geld mehr Spezialisten haben, die mehr berechnen und mehr Daten generieren - das haben sie immer", so die Österreicherin. "Aber per se ist das zumindest ein Bereich, wo man grundsätzlich gleichgestellt ist und dieselbe Ausgangslage hat." Ihr Kollege bei Red Bull, Christian Horner, ist zwar grundsätzlich kein Freund der neuen Reifen, sieht die Ausgangslage durch die neue Situation aber ähnlich.

"Man muss sich nur die Zeitlupen anschauen, um zu sehen, wie viel Gummi von den Reifen wegfliegt - sogar auf der Geraden. Das überrascht schon. Andererseits hat natürlich jeder den gleichen Reifen", kommentiert der Brite. Es sei ungewöhnlich, dass beispielsweise Force India sanft zu den harten Reifen sei, gleichzeitig aber den weichen Reifen auffresse. Andersherum sei es bei Mercedes oder Toro Rosso gewesen, was ihn zu einem Schluss bringt: "Niemand in der Boxengasse versteht die Reifen wirklich."

Für ihn sei an dieser Stelle Schluss mit lustig: "Wir wollen vermeiden, dass Fahrer unter dem Niveau des Autos fahren müssen - unfähig, einem anderen Auto folgen zu können. Das ist kein Racing!" Allerdings sei erst ein Rennen vorbei, mahnt der Teamchef zu Geduld. Nach zwei oder drei Rennen könne man immer noch Schlüsse ziehen. Ein Stück länger warten, will Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery, der sich ständiger Kritik ausgesetzt sieht.

Hembery erwartet Abklingen der Kritik

Von 'Autosport' auf die erneut ausbrechenden Schimpftiraden angesprochen, antwortet der Brite: "Um ehrlich zu sein: Man kann die Aussagen der letzten beiden Saisons und von den ersten drei Rennen in diesem Jahr vergleichen. Es sind exakt Dieselben." Es gebe eine Phase am Start des Jahres, in der sich das alles immer wiederholt. "Nach sechs bis acht Rennen ändert sich das", ist sich Hembery sicher.

"Wenn man sich die Aussagen zu Beginn des Jahres anschaut, als jeder herauszufinden versuchte, wo er steht, und wie er das Maximum aus der Kombination von Chassis und Reifenperformance herausholen kann, dann tendiert das stark in die Richtung", so der Pirelli-Chef weiter. "Aber das hört auf, sobald sich die Leute daran gewöhnen." Für ihn sei eh klar: "Es ist immer das Gleiche. Wir geben den Teams eine neue Herausforderung, und wenn ihr Fahrer nicht gewinnt, dann beschweren sie sich."

Anders als die Fahrer, erwartet Hembery in Malaysia keine Probleme mit übermäßigem Abbau, sondern die normale Drei-Stopp-Strategie. Der Verschleiß aus dem Freien Training werde sich nicht wiederholen. Gerüchte, Pirelli müsse seine Reifenmischungen ändern, schlägt der Brite gleich mit in den Wind: "Wir sehen die Notwendigkeit nicht. Wir hatten das aufregendste Melbourne-Rennen seit Jahren. Wollt ihr, dass wir langweilige Rennen fabrizieren?"

Fotoquelle: xpbimages.com

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