Blockierende Reifen können in der Formel 1 weitreichende Folgen haben

Formel 1 2013

— 31.03.2013

Bremsen in der Formel 1 erfordert "Fußspitzengefühl"

Bremsen ist nicht gleich Bremsen: In der Formel 1 spielen bei der Verzögerung zahlreiche Faktoren eine Rolle - Fernando Alonso gibt einen Einblick



Sie kennen das vielleicht: Sie nehmen an einem Fahrsicherheitstraining eines namhaften Automobilclubs teil und müssen in einer simulierten Gefahrensituation eine Vollbremsung hinlegen. In der Regel gelingt es nur den wenigsten Teilnehmern - zumindest zu Beginn - mit der vollen Kraft auf das Bremspedal zu steigen. Erst wenn sich ein wirkliches Hindernis, etwa der Instruktor des Lehrgangs, den Teilnehmern in den Weg stellt, bremsen sie wirklich mit voller Kraft ab.

In der Formel 1 kommt eine solche Vollbremsung im PKW ungefähr der Verzögerung gleich, die erfolgt, wenn der Pilot vom Gas geht. Eine Vollbremsung lässt hingegen die Augäpfel des Fahrers hervortreten. Durch den fehlenden Bremskraftverstärker müssen die Piloten viel stärker auf das Pedal treten als PKW-Fahrer: "Ich glaube, dass ich mit einem Bein ungefähr einen Druck von 180 oder 190 Kilogramm auf das Bremspedal ausüben kann", beschreibt Ferrari-Pilot Fernando Alonso, welche Kraft er regelmäßig aufwenden muss.

Und das nicht etwa nur einmal pro Runde: "Die Herausforderung besteht nicht darin, es nur einmal zu machen, sondern acht oder neun Mal pro Runde. Pro Rennen sind das mehrere hundert Male." Unterstützung gibt es dabei von Mutter Natur, genauer gesagt von der Physik: "Die Trägheitskraft vor der Kurve hilft uns etwas", so Alonso. "Von daher beträgt mein Druck mit dem Bein vielleicht 100 Kilogramm. Die restlichen Kilogramm erzeugt quasi die Fliehkraft."

Der regelmäßige Griff zum Bremskraft-Regler

Die Kraftaufwendung beim Bremsen ist nicht die einzige Herausforderung, die die Formel-1-Fahrer während eines Trainings oder - noch wichtiger - eines Rennens zu bewältigen haben. Auch die richtige Balance, also die Verteilung der Bremskraft über alle vier Räder, ist für das gesamte Fahrverhalten des Autos enorm wichtig. Oft lässt sich beobachten, wie Piloten während eines Rennens an die linke Cockpitseite greifen, wo sich der Bremskraft-Regler befindet.

"Wir verstellen beim Fahren praktisch pausenlos die Bremsbalance, das kann man auch bei den Onboard-Aufnahmen immer sehr schön erkennen", beschreibt Alonso. "Wir betätigen dann einen Hebel, der sich an der linken Cockpitseite befindet."

Äußere Einflüsse müssen bei der Wahl der Balance ständig berücksichtigt werden: "Bei der Bremsbalance spielt zum Beispiel der Wind eine wichtige Rolle. Bei Gegenwind verlagert man die Balance etwas Richtung Heck, um eine höhere Bremskraft zu erwirken. Bei Rückenwind macht man genau das Gegenteil: man verlagert die Balance nach vorne. In dieser Hinsicht muss man etwas flexibel sein, es gibt da keine strikte Vorgehensweise. Man muss die Bremsbalance immer ein wenig abhängig machen von der gesamten Balance des Autos."

Überlegtes Bremsen schont die Reifen

Das Energie-Rückgewinnungssystem KERS, welches beim Bremsen freigewordene Energie in Batterien einspeist, die dann wiederum für Extra-PS kurzzeitig abgerufen werden kann, hat zusätzliche Auswirkungen auf die Bremsbalance. "Durch KERS bremst die Hinterachse stärker, wodurch wir die Bremsbalance anpassen müssen", erläutert der Spanier die Problematik. "Die KERS-Leistung ist über das Rennen gesehen auch sehr unterschiedlich, da man zu Beginn aufgrund des schweren Tanks viel stärker bremst, wodurch mehr Energie in die KERS-Batterien eingespeist wird.

Bremsen ist also nicht gleich Bremsen. Die Verzögerung sollte nicht nur möglichst passend auf das Auto verteilt sein, sondern auch die Reifen schonen. Das kann vor allem angesichts der sehr sensiblen Pirelli-Reifen heutzutage entscheidend sein. Alonso: "Angesichts des sehr hohen Reifenverschleißes in der Formel 1 ist es wichtig, vernünftig in die Kurve hineinzufahren und dabei die richtige Bremswirkung zu haben. Die Bremskraft spielt bei der Reifenschonung schon eine gewichtige Rolle."

Denn zu schnelles Einbiegen in die Kurve zieht ein Rutschen des Autos und somit nachlassende Reifenleistung mit sich. "Man kann nicht einfach die Gerade herunterfahren und gedankenlos auf die Bremse steigen. Dann blockieren nämlich alle vier Räder. Es ist nicht so als könnte man einfach einen Knopf betätigen." Wie so oft kommt es auf das richtige Timing und - in diesem Fall - das richtige "Fußspitzengefühl" an: "Man muss schon ein Gefühl dafür haben, wie viel Bremskraft notwendig ist."

Bremsen sind vor allem zu Rennbeginn gefordert

Nicht minder wichtig ist beim Umgang mit den Bremsen die Rücksprache mit den Ingenieuren. In Einführungsrunden vor einem Start oder Neustart halten sie die Fahrer via Funk jedes Mal dazu an, die Bremsen auf Temperatur zu bringen. Hierzu tritt der Fahrer beim Fahren mit dem linken Fuß leicht auf das Bremspedal während er mit dem rechten Fuß gleichzeitig Gas gibt. Dadurch schleifen die Bremsbeläge an den Bremsscheiben, was die Temperatur und letztlich auch die Bremskraft für den Start erhöht. "Wir können immer auf die Hilfe der Ingenieure zurückgreifen, die für uns die Temperaturen der Bremsen im Auge behalten", sagt Alonso, dessen Ferrari-Team auf Bremsanlagen des Herstellers Brembo vertraut.

"Manchmal sagen sie uns dann, wie wir mit den Bremsen umgehen, dass wir sie beispielsweise auf der Einführungsrunde vor dem Start auf Temperatur bringen sollen." Die optimale Temperatur der Bremsen sei vor allem auf Strecken wichtig, auf denen die erste Kurve mit hoher Geschwindigkeit angefahren wird: "Bei Rennen wie in Malaysia muss man zum Beispiel in der ersten Kurve stark abbremsen, da man sie mit sehr hoher Geschwindigkeit anfährt. Deshalb müssen die Bremsen auf Temperatur sein, damit sie richtig greifen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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