Grand Prix von China in Schanghai: Willkommen im Reich der Mitte!

Formel 1 2013

— 10.04.2013

Willkommen im Reich der Mitte!

Bigger, better, faster, more: Was eigentlich ein amerikanischer Slogan sein sollte, passt perfekt als Beschreibung des Shanghai International Circuit



Das flchenmig viertgrte Staatsgebiet der Erde wird seinem Ruf auch beim gigantischen Shanghai International Circuit gerecht, der im Jahr 2004 seinen Weg in den Formel-1-Kalender fand. Der Kurs in Schanghai sprengt alle bisher da gewesenen Superlative, ist moderner und grer als alle anderen Grand-Prix-Anlagen Europas. "Europa ist ein bisschen zur Dritten Welt verkommen, wenn man sieht, was die Leute hier alles leisten", sagt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone. Er hat mit den Organisatoren einen Vertrag bis 2017 ber die Ausrichtung des Rennens.

China, das ist nicht nur das Land der Chinesischen Mauer, der Verbotenen Stadt und der Volksbefreiungsarmee, sondern in erster Linie ein lange Zeit schlafender Riese in jeder - und vor allem wirtschaftlicher - Hinsicht, der zuletzt rasend schnell erwacht ist. Fr die Automobilwerke ist Schanghai mit Sicherheit das wichtigste Rennen des Jahres, denn nirgendwo sonst gibt es so viele Menschen, die sich in den nchsten Jahren einen PKW zulegen werden: 1994 wurden landesweit bescheidene 227.000 Fahrzeuge verkauft, 2008 waren es schon fast zehn Millionen! Und die Tendenz ist weiter steigend: Der PKW-Absatz wchst dieses Jahr erneut um knapp zehn Prozent.

Volkswagen weckte 1984 den "schlafenden Riesen" China

Marktfhrer ist im Moment brigens kein in der Formel 1 aktiver Automobilhersteller, sondern Volkswagen. Der VW-Konzern hat das gigantische Potenzial Chinas frh genug entdeckt und errichtete 1984 im Stadtteil Anting, rund 30 Kilometer auerhalb der City Schanghais, ein gigantisches Werk. Das Areal rundherum wurde inzwischen zu einem wahren Automobil-Wirtschaftspark ausgebaut, zu dem seit 2004 auch der Shanghai International Circuit zhlt - ein Projekt, dessen Gesamtkosten sich auf geschtzte 400 Millionen Euro belaufen.

Wie wichtig China aus wirtschaftlicher Sicht fr die Formel 1 ist, unterstreicht die Tatsache, dass das Land sptestens 2050 die strkste Wirtschaftsmacht der Welt sein soll - wobei man sich fragen darf, ob es nicht schon viel frher soweit sein wird. Davon abgesehen befindet sich China auch in sportlicher und gesellschaftlicher Hinsicht im Aufschwung: 2008 fanden in Peking die Olympischen Sommerspiele statt, 2010 veranstaltete Schanghai fr drei Milliarden US-Dollar fr erwartete 65 Millionen Gste die Weltausstellung.

Schneller, hher, besser: Bis 2020 soll das Internationale Finanzzentrum von Schanghai fertig werden - mit einigen der hchsten Bauwerke der Welt. In unmittelbarer Umgebung der Stadt gilt der Transrapid als populres Verkehrsmittel - so nebenbei der schnellste Zug der Welt.

Automobilhersteller buhlen um Aufmerksamkeit

Mehr als 1,3 Milliarden Menschen leben in China, mehr als 18 Millionen davon in Schanghai - kein Wunder, dass die Automobilhersteller und Sponsoren um jeden Funken Aufmerksamkeit ringen. Allerdings hat das Interesse der Chinesen an der Formel 1 in den vergangenen Jahren drastisch abgenommen.

Insgesamt 200.000 Zuschauer kamen im ersten Jahr im Verlauf des Rennwochenendes an den Kurs. "Die Begeisterung der Leute fr mich ist unglaublich. Wenn es noch einen chinesischen Fahrer in der Formel 1 gibt, wird es wohl noch besser", sagte Michael Schumacher damals. Und Mark Webber besttigt: Die Fans sind sehr wild. Sie treffen uns auf dem Flughafen, sie sind beim Hotel, sie folgen uns zur Rennstrecke. Sie sind sehr hartnckig und ziemlich einzigartig." Allerdings hat die Euphorie in den vergangenen Jahren deutlich nachgelassen, sodass vereinzelte Tribnen inzwischen nur noch als gigantische Werbeflchen dienen.

Grtes Problem waren die zu hohen Eintrittspreise fr das Rennen von bis zu 400 Euro: "Die meisten Chinesen haben 900 Euro Jahresverdienst, da kann man sich nicht ein Drittel fr eine Eintrittskarte leisten", meint der ehemalige Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Aber der Hype ist riesig, obwohl es hier vor 40 Jahren noch kein Auto gab. Ich habe noch nie ein Land erlebt, das sich schneller eine Fankultur aufgebaut hat."

Fr klassische Sightseeing-Touristen ist Schanghai kein idealer Boden. Die Stadt ist in erster Linie ein Geschftszentrum mit nur wenigen Touristenattraktionen. Fr groe historische Bauten ist die Stadt zu jung - und auerdem werden ltere Gebude meist schon nach wenigen Jahren durch neue ersetzt: "Wenn du morgens aufstehst und auf die Strae gehst, kann es dir passieren, dass in der Nachbarschaft ber Nacht drei Huser abgerissen wurden, um einen neuen Wolkenkratzer zu bauen", erzhlt ein Exil-Deutscher. Schanghai selbst ist die Hauptattraktion, sie gehrt zu den faszinierendsten Metropolen der Welt.

Finanzmetropole bietet wenige Sehenswrdigkeiten

Dennoch gibt es einige wenige Sehenswrdigkeiten: Die Bund, die alte Promenade Schanghais, ist einfach ein touristisches Muss - speziell am Abend, wenn die Huserzeilen beleuchtet werden und im gegenberliegenden Pudong die Lichter angehen. Die Bauten verkrpern im neoklassizistischen Stil die Macht der Banken und des Handels. Das Park-Hotel in der Nanjing Lu war fast 50 Jahre lang das hchste Gebude Schanghais.

Der Yuyuan-Garten sdlich der Bund ist die eigentliche Altstadt Schanghais, ein frheres Fischerdorf, das im Zentrum den Garten beinhaltet, der ihr den Namen gibt. Der Garten, von der reichen Familie Pan Mitte des 16. Jahrhunderts erbaut, ist eine echte Oase der Ruhe. Besonders beeindruckend sind die kleinen Seen, die Holzschnitzereien und der Jade-Felsen.

Im Jade-Buddha-Tempel knnen zwei seltene Buddhastatuen aus Jade besichtigt werden. Sie wurden vor rund 100 Jahren aus Burma eingefhrt. Der Tempel entging nur deshalb der Zerstrung whrend der Kulturrevolution in den 1960er-Jahren, weil die Priester die Tren verrammelten und auen Bilder des Vorsitzenden Mao anbrachten. Die Roten Garden wagten es nicht, diese Bilder zu berhren. Der Tempel befindet sich in der Strae Anyuan Lu 170.

Kommunisten hielten ersten Kongress in Schanghai

In der Strae Xingye Lu, Hausnummer 76, fand 1921 der erste Kongress der Chinesischen Kommunistischen Partei statt. Der kleine Raum, in dem das geheime Treffen damals abgehalten wurde, ist im Stil der damaligen Zeit dekoriert. Die Versammlung fand ein abruptes Ende, als ein mutmalicher Spion der damaligen franzsischen Behrden auftauchte und die Parteimitglieder flohen.

Ganz zu Hause fhlen sich in Schanghai jene Menschen, die gerne shoppen gehen - in kaum einer anderen asiatischen Metropole findet man so viele Designerboutiquen, Einkaufszentren und sonstige Geschfte. Der Einkaufsbummel fhrt ber die Nanjing Lu mit vielen gnstigen Angeboten - zahlreiche Kaufhuser, Spezialgeschfte, Restaurants und Fast-Food-Buden. Hier kann man sich den ganzen Nachmittag und Abend aufhalten.

Was Essen und Trinken angeht, ist das M on the Bund, 5, The Bund, ein Muss. Mit Blick ber die Uferstrae geniet der Gast hier kreative chinesische Kche im klassischen Ambiente, das den 1930er-Jahren nachempfunden wurde. Unbedingt reservieren! Das 1221, 1221 Yanan Xilu, ist mit seinem zwanglosen Stil bei Einheimischen wie auswrtigen Besuchern sehr beliebt. Die Speisekarte bietet vor allem regionale Kche, aber auch internationale Gerichte sind dabei. Das Chaozhou Garden, 2099 Yanan Xilu, ist ein elegantes Lokal mit exzellentem Service und erstklassigem Essen nach regionalen Rezepten. Ob Meeresfrchte, herzhaft gewrztes Geflgel oder Gemse und Nudeln - Vielseitigkeit und Qualitt der Kche sind ein wahrer Genuss.

Oktoberfest-Atmosphre mitten in Schanghai

Wer sich mit der chinesischen Kche nicht anfreunden kann, sollte gerade zur Zeit des Oktoberfests das Paulaner, 150 Fen Yang Road, aufsuchen, das bei Chinesen und Besuchern gleichermaen beliebt ist. Das Bier steht fr die meisten Gste im Mittelpunkt, aber auch Sauerkraut und Bratwurst werden gern verzehrt. Bierzeltbnke und -tische schaffen einen Hauch von Oktoberfest-Atmosphre.

Stichwort Bier: Wie in Deutschland trinkt man Bier auch gerne in China, es ist neben Tee das beliebteste Getrnk. Es ist sehr gnstig, teilweise sogar gnstiger als abgeflltes Wasser. Das berhmteste Bier in China heit Tsingtao (gesprochen: "tsching-dou"). Diverse Biersorten aus dem Ausland stehen ebenfalls zur Verfgung, sind aber deutlich teurer.

In den Restaurants kann ab 17:00 Uhr zu Abend gegessen werden, vor 21:00 Uhr schlieen die Kchen. Es gibt jedoch zahlreiche Imbissbuden, an denen man bis tief in die Nacht speisen kann. Wenn man mit dem Essen fertig ist, legt man als Zeichen fr die Bedienung die Essstbchen ber den Rand der Schale.

Die Rechnung im Restaurant wird blicherweise von der ltesten Person am Tisch bezahlt. Auslnder werden als Gste behandelt. Man kann versuchen, die gesamte Rechnung zu begleichen, aber wenn man anbietet, fr sich selbst zu zahlen, wird man sich in Verlegenheit bringen. Trinkgelder sind in Restaurants und Hotels blich. In Restaurants gibt es jede Menge vegetarische Kost, aber die meisten verwendeten Fette sind tierischen Ursprungs.

Rauchen gehrt in China zum guten Ton

In China rauchen praktisch alle Mnner. Nichtraucher werden nicht viele ffentliche Orte finden, an denen nicht geraucht wird, und werden sich oft entschuldigen mssen, wenn ihnen eine Zigarette angeboten wird. Marlboro ist die bekannteste Zigarettenmarke in China.

Ein bekanntes Getrnk ist Maotai. Es ist Wodka nicht unhnlich und wird aus Reis und Hirse hergestellt. Maotai ist sehr stark und an den Geschmack muss man sich erst gewhnen. Man trinkt es gepflegt aus kleinen Glsern und mit einem einzigen Schluck.

Die Chinesen trinken gerne Tee, dieser kann grn, rot, schwarz oder aromatisiert sein. Es ist hflich, die Tassen der Tischgenossen aufzufllen, und man bedankt sich, indem man mit den ersten beiden Fingern leicht auf den Tisch tippt. Wenn man mchte, dass die Teekanne aufgefllt wird, hebt man den Deckel ab und legt ihn umgekehrt auf die Kanne.

Bezahlt wird selbst die Mnchner Weiwurst im Paulaner im Normalfall in Yuan (CNY), der offiziellen Landeswhrung. Ein Yuan entspricht derzeit 0,1232 Euro, oder umgekehrt bekommt man fr einen Euro 8,116 Yuan. Gerade im Zentrum Schanghais und an der Grand-Prix-Strecke ist es aber kein Problem, mit amerikanischen Dollars zu zahlen.

Chinesischer Motorsport existierst erst seit kurzem

Motorsport steckt in China im Gegensatz zur Wirtschaft noch weitgehend in den Kinderschuhen. Erst seit Mitte der 1990er-Jahre wurde mit staatlichen Frderungen ein elitrer Kreis an Rennsportlern herangezogen. Anlsslich des Formel-1-Rennens wurde Anfang 2004 auch die China-Championship ins Leben gerufen, eine nationale Rennserie ohne jede internationale Bedeutung. Im Gegensatz dazu genoss die Formel BMW Pazifik bis zu ihrer Einstellung ein vergleichsweise hohes Ansehen.

Im Dezember 2003 durfte sogar erstmals ein Chinese ein Formel-1-Auto testen, nmlich Ho-Pin Tung, der so fr seinen Meistertitel in der Formel BMW Asien belohnt wurde. Auch einer seiner Landsmnner hat sich ein Herz gefasst und sich nach Europa abgesetzt, um Rennfahrer zu werden: Cheng Congfu, 27 Jahre alt, stand vor einigen Jahren auf der Watchlist von McLaren-Boss Ron Dennis und fr 2010 DTM, HRT untersttzte 2012 den 25-jhrigen Chinesen Qing-Hua Ma. Er feierte im Vorjahr im spanischen Team seine Premiere als Freitag-Tester, sa bei den Young-Driver-Tests im Cockpit und wird diese Saison fr Caterham das Freitag-Training bestreiten.

Doch auch wenn es sicher noch einige Jahre dauern wird, bis sich Bernie Ecclestones Wunsch nach einem Formel-1-Chinesen erfllt, wird China am kommenden Wochenende eine motorsportliche Gromacht sein, denn was der Aachener Architekt Hermann Tilke, der sich unter anderem auch fr die Anlagen in Abu Dhabi, Yeongam, Neu Delhi, Kuala Lumpur und Manama verantwortlich zeichnet, in Schanghai auf die Beine gestellt hat, entbehrt jeder Beibehaltung der bodenstndigen Realitt. Dabei ging die Formel 1 bis in die 1990er-Jahre hinein fast spurlos am Reich der Mitte vorbei.

Projekt in Zhuhai in den 1990er-Jahren geplatzt

Internationalen Motorsport gab es in der Volksrepublik China erstmals Mitte der 1990er-Jahre. Die BPR-Serie, eine Sportwagen-Meisterschaft, fuhr Rennen auf einem Straenkurs im Zentrum von Zhuhai, sdlich von Hongkong. 1996 zog die Veranstaltung auf eine neu gebaute Rennstrecke auerhalb der Stadt um. Die Veranstalter hofften bereits damals, dort einen Grand Prix austragen zu knnen, doch der Kurs entsprach nicht ganz den Anforderungen der FIA fr eine Formel-1-Rennstrecke. Im Juli 2004 startete die DTM bei einem Einladungsrennen erstmals in Schanghai. Das Rennen wurde auf einem 2,85 Kilometer langen Straenkurs in Pudong, dem Geschftsviertel der Stadt ausgetragen.

Der Shanghai International Circuit liegt nordstlich der Stadt Anting im Jiading-District, der zu Schanghai gehrt. Die gesamte Anlage ist 2,5 Quadratkilometer gro und bietet Platz fr rund 200.000 Zuschauer. Das Areal wurde mit ber zwei Millionen Kubikmetern Erde aufgefllt, die auf 40.000 Betonpfhle und Unmengen von Styropor aufgeschttet wurden, um das darunter liegende Sumpfmaterial zu stabilisieren. In der Dachkonstruktion der Haupttribne wurden 5.000 Tonnen Stahl verarbeitet, fr das gesamte Projekt wurden 12.000 Tonnen bentigt. Die Rennstrecke, deren Layout an den chinesischen Buchstaben Schang erinnert, der soviel wie "hoch" oder "Aufstieg" bedeutet, wurde innerhalb von 18 Monaten von bis zu 8.000 gleichzeitig beschftigten Bauarbeitern fertig gestellt.

"Zwischendurch stellte sich das Problem, woher wir weiteres Styropor erhalten", erinnert sich Tilke. "Wir haben den chinesischen Markt fr ein Jahr weggekauft!" Und weiter: "Die modellierte Landschaft besteht aus Styropor, mit zwei Metern Erde drauf. Styropor wiegt nur ein Zehntel von Erde." So musste vorgegangen werden, um nicht gezwungen zu sein, die angesprochenen Betonpfhle noch tiefer abzusenken.

Zwei auf Stelzen befestigte Huser fr jedes Team

Auch den Teams wird ein einzigartiger Komfort geboten: Abgesehen von den gigantischen Boxen stehen jedem Rennstall zwei beschauliche Huschen zur Verfgung, in denen es Massagerume, Aufenthaltsbereiche, eine Kche sowie WC- und Duschanlagen gibt. Hinter dem Fahrerlager wurde mit zahlreichen kleinen Seen so etwas wie eine kleine Formel-1-Stadt geschaffen, die ein bisschen an das Athletendorf bei Olympischen Spielen erinnert.

"Bahrain war groartig, aber China ist eine neue Dimension", sagte Jo Bauer, Technischer Delegierter der FIA, nachdem er im Vorfeld des Premierenrennens 2004 einen Abstecher nach Schanghai gemacht hatte, um das dortige Personal auf die Formel 1 vorzubereiten. "Die schiere Gre haut dich um. Wenn du in die Boxengasse trittst, siehst du zuerst einmal keinen Himmel, sondern vor dir trmt sich die 50 Meter hohe Haupttribne auf."

Die Strecke ist 5,451 Kilometer lang, das Rennen wird ber 56 Runden ausgetragen. Der Rundenrekord liegt bei 1:32.238 Minuten, aufgestellt 2004 von Michael Schumacher (Ferrari), was einem Schnitt von 212,749 km/h entspricht. Auf der lngsten Geraden des Kurses erreichen die Boliden ungefhr 325 km/h Topspeed - abhngig von der Flgeleinstellung, die im mittleren Bereich liegt.

"Wenn man sich Schanghai anschaut, so ist die Strecke geprgt von zwei langen Geraden", erklrt Technikguru Pat Symonds, "von denen eine mehr als einen Kilometer und die andere rund 600 Meter lang ist, was darauf schlieen lsst, dass ein wettbewerbsfhiger Topspeed mitentscheidend fr die Position ist. Daneben gibt es aber auch Kurven, von denen manchmal eine direkt in die nchste bergeht. Auerdem ist die Strecke dafr, dass sie so modern ist, erstaunlich lang."

Eine Runde in Schanghai bietet im Prinzip alles, was ein Formel-1-Kurs heutzutage bieten kann: Sektor eins besteht aus berwiegend langsamen Kurven - vor allem der schon im Vorfeld berhmt gewordenen 300-Grad-Schneckenkurve - und einer Haarnadel, Sektor zwei beinhaltet eher schnellere Kurven und eine herausfordernde Kombination, die durchaus mit der Becketts-Passage in Silverstone vergleichbar ist, und die beiden langen Geraden mit einer guten berholmglichkeit gegen Ende der Runde. Die zwei DRS-Zonen befinden sich auf der Start-Ziel-Geraden und auf der langen Geraden - beide haben eigene Messpunkte.

Setup mit mittleren Abtriebswerten

"Die Strecke erfordert anfangs eine High-Downforce-Abstimmung fr eine gute Rundenzeit, aber die Bestrafung dafr, die Flgel flacher einzustellen, ist relativ gering", erklrt Symonds. "Ist das bei einer Strecke der Fall, sagen wir in der Fachsprache, dass ihr aerodynamisches Profil flach ist. Am Renntag ist daher ein Setup mit mittleren Abtriebswerten ideal."

"Die Bedeutung der Motorleistung ist hnlich wie in Melbourne", so der Brite, "also im unteren Viertel der Saison, aber die Auswirkung von Benzin im Tank ist ziemlich stark - nmlich wegen der schnellen Kurven. Die Bremsen werden nicht so stark belastet wie in Bahrain, Schanghai liegt da geringfgig unter dem Durchschnitt. Durch die langen Geraden werden die Bremsen gut abgekhlt."

Aus Motorensicht stellt Schanghai also keine besondere Herausforderung dar. Die Triebwerke arbeiten lediglich rund 55 Prozent einer Runde unter Volllast. Die lange Gegengerade verlangt allerdings nach hoher Motorleistung, da die Anfahrt auf Turn 14 die beste berholmglichkeit der gesamten Runde darstellt.

Symonds fhrt bezugnehmend auf die Reifen fort: "Die Gesamtenergie, die die Reifen pro Runde absorbieren mssen, ist relativ hoch. Andererseits dauert das Rennen nur 56 Runden. Die Verteilung zwischen Vorder- und Hinterreifen ist relativ gleichmig, knnte sich aber mit Verlauf des Rennens ein wenig nach hinten verlagern, weil viele der Kurven aufmachen und man aus ihnen herausbeschleunigen muss", meint der Brite.

Ferrari-Tester Pedro de la Rosa - ein ausgewiesener Reifenspezialist, ergnzt: "Der Verschlei ist zwar durchschnittlich, aber die Vorderreifen leiden extrem, vor allem in den Kurven eins und zwei, die sehr langgezogen sind und am Ende zumachen. Auch in Kurve 13, die fast voll geht und in der man konstant beschleunigt, ist die Belastung fr den linken Vorderreifen gro." Dazu kommt, dass die niedrigen Temperaturen das erwartete Graining der Reifen verstrken knnten, was die Herausforderung an der Reifenfront noch zustzlich vergrert.

In puncto Aufhngungen ist ein gelungener Kompromiss gefragt, der dem Fahrer ber die gesamte Renndistanz Vertrauen in das Handling gibt. In Schanghai wechseln sich pro Runde mehrere Bremsmanver aus hohen Geschwindigkeiten mit schnellen Kurven und zahlreichen Beschleunigungsphasen ab. Hinzu kommen verschiedene Richtungswechsel bei hohen und niedrigen Geschwindigkeiten.

All dies verlangt nach einer tendenziell steiferen Front, um Lenkimpulse unmittelbar umsetzen zu knnen. Hinten kommen weichere Federn zum Einsatz, um optimale Traktion und Bremsstabilitt zu garantieren. Die Ingenieure konzentrieren sich vor allem auf ein stabiles Fahrverhalten bei starkem Bremsen und im Teillastbereich, da die Fahrer oftmals gleichzeitig lenken und verzgern beziehungsweise beschleunigen mssen - beispielsweise in den Turns eins, zwei und acht.

Das sagt Sebastian Vettel ber die Strecke:

"Der Kurs ist durch seine Gre einzigartig. Die breite Strecke lsst an jeder Stelle ausreichend Platz fr berholmanver, zudem sorgen groe Auslaufzonen fr hchste Sicherheitsstandards. Sogar in den sonst blichen engen Boxenanlagen ist in Schanghai fr ausreichend Platz gesorgt. Normalerweise gehrt eine Boxeneinfahrt nicht zu den Kurven einer Strecke, aber in China sehe ich das anders. Der Grund: Sie ist wirklich extrem eng und man darf auf keinen Fall den Bremspunkt zur eigentlichen Boxengeraden verpassen. Sonst steckt man im Kiesbett fest und alles ist vorbei. Genau das ist 2007 Lewis Hamilton passiert."

"Es ist alles andere einfach, die Schneckenkurve wirklich hundertprozentig zu erwischen, weil sie zum Ausgang hin immer enger wird. Es gibt verschiedene Linien, sie zu fahren, und das ist das Problem. Man kann hier viel Zeit gewinnen, aber bei einem Fehler auch schon entscheidende Zeit verlieren."

Die Kurve 7 macht richtig Spa, weil man hier mit einem gut abgestimmten Auto so richtig 'durchfliegen' kann. Wir fahren sie im sechsten Gang fast voll, die Geschwindigkeit betrgt um die 250 km/h. Das heit, die seitlichen Fliehkrfte sind hier extrem hoch, ich schtze so um die 4,5 G. Die Kurven 11, 12 und 13 gehren fr mich zusammen. Man muss die enge Kurve sehr gut erwischen, um den richtigen Rhythmus zu haben, damit man am Ende am Ausgang von Kurve 13 die optimale Beschleunigung auf die extrem lange Gerade hat."

"Die Kurve 14 ist die beste Gelegenheit zum berholen. Wir bremsen vor der Haarnadel von 320 km/h auf circa 65 km/h herunter, fahren sie im ersten Gang. Doch Vorsicht: Wer in der engen Rechts-Kehre auf der Auenbahn ist, hat in der folgenden Linkskurve auf Start-Ziel die bessere Linie, um vorne zu bleiben."

Zeitraffer:

2012:
Der Grand Prix von China 2012 steht ganz im Zeichen der "Silberpfeile". Whrend die meisten Teams die Reifen aufgrund des khlen Wetters nicht auf Temperatur bekommen, gelingt das Nico Rosberg und Michael Schumacher hervorragend - sie stellen die Mercedes-Boliden in auf die Startpltze eins und drei, McLaren-Star Lewis Hamilton durchbricht die "Silberpfeil"-Phalanx. Sebastian Vettel, der im Gegensatz zu Red-Bull-Teamkollegen Mark Webber das alte Auspuffsystem ausprobiert, wird enttuschender Elfter. Im Rennen bernehmen die Mercedes-Piloten rasch die Fhrung, doch Schumacher wird Opfer seines ersten Stopps, wo ein Rad nicht richtig angeschraubt wird, und scheidet aus.

Rosberg dominiert das Rennen souvern, whrend dahinter die Reifen das Geschehen beherrschen. Der zweitplatzierte Lotus-Pilot Kimi Rikknen versucht, mit zwei Stopps durchzukommen, muss dieser Entscheidung aber Tribut zollen und wird mit vllig verschlissenen Reifen bis auf Rang 14 durchgereicht. Auch Vettel geht es nicht viel besser: Seine Aufholjagd bringt ihn zwar ebenfalls bis auf Platz zwei nach vorne, doch in den letzten Runden muss er mit abbauenden Reifen die McLaren-Piloten Jenson Button und Hamilton sowie Webber ziehen lassen und wird Fnfter. Fr Ferrari-Star Fernando Alonso setzt es mit Platz neun nach dem Sepang-Sieg eine herbe Enttuschung.

2011:
Nach der Red-Bull-Dominanz bei den ersten zwei Saisonrennen berrascht McLaren-Pilot Lewis Hamilton in Schanghai mit seinem ersten Saisonsieg. Rivale Sebastian Vettel geht zwar vor dessen Teamkollegen Jenson Button und ihm von der Pole ins Rennen, doch der Red-Bull-Pilot verzichtet auf den dritten Stopp und hat daher in der Endphase schlechtere Reifen. Hamilton berholt in den Schlussrunden der Reihe nach Button, Nico Rosberg, Felipe Massa und den Weltmeister.

Fr eine groe berraschung sorgt Mark Webber, der nach einem verpatzten Qualifying nur als 18. startet, aber schlielich knapp hinter seinem Teamkollegen, aber vor Button, Dritter wird. Mercedes-Pilot Nico Rosberg liegt nach seinem frhen ersten und zweiten Boxenstopps durch die frischen Reifen einige Runden lang in Fhrung und wird am Ende Fnfter. Massa kommt als Sechster berraschend vor Fernando Alonso ins Ziel. Achter wird Michael Schumacher.

2010:
Jenson Button feiert in seinem vierten McLaren-Rennen den zweiten Sieg, weil er in einem unglaublich turbulenten Regen-Grand-Prix den khlsten Kopf behlt und die wenigsten Fehler macht. Der Brite triumphiert vor seinem Teamkollegen Lewis Hamilton. Dritter wird Nico Rosberg (Mercedes), der lange Zeit in Fhrung liegt, dann aber durch einen Fahrfehler von Button berholt wird. Fernando Alonso (Ferrari) wird nach Raketen-Fehlstart Vierter, Sebastian Vettel (Red Bull) Sechster. Michael Schumacher (Mercedes) kommt nicht ber Platz zehn hinaus und muss fr seine Leistung anschlieend viel Kritik einstecken.

2009:
Sebastian Vettel "entjungfert" nach Toro Rosso auch das zweite Red-Bull-Team und feiert seinen zweiten Grand-Prix-Sieg - genau wie in Monza 2008 von der Pole-Position aus und bei strmendem Regen! Der Deutsche fhrt an der Spitze ein ungefhrdetes Rennen und gewinnt vor seinem Teamkollegen Mark Webber und Jenson Button (Brawn), der seine erste Saisonniederlage einstecken muss. Vierter wird Rubens Barrichello (ebenfalls Brawn). Eines der aufflligeren Rennen fhrt McLaren-Pilot Lewis Hamilton, der aber nach einigen Fahrfehlern mit Rang sechs Vorlieb nehmen muss. Der Platz wre eigentlich fr Adrian Sutil (Force India) reserviert gewesen, aber der Regenspezialist rutscht mit abgefahrenen Reifen von der Bahn und setzt ein weiteres Topergebnis in den Sand. Timo Glock (Toyota) und vor allem Sbastien Buemi (Toro Rosso) sammeln als Siebter und Achter WM-Punkte.

2008:
Ein Jahr nach der Pleite von 2007 gelingt Lewis Hamilton (McLaren) die Revanche: Der WM-Leader feiert von der Pole-Position aus einen souvernen Sieg. Hinter ihm kommt es allerdings zu Diskussionen um eine Ferrari-Stallorder - Felipe Massa geht in Runde 49 ohne starke Gegenwehr an seinem Teamkollegen Kimi Rikknen vorbei und sammelt auf diese Weise zwei zustzliche WM-Punkte! Vierter wird Fernando Alonso (Renault), Fnfter Nick Heidfeld (BMW) und Siebter Timo Glock (Toyota).

2007:
Lewis Hamilton (McLaren) vergibt seinen ersten Matchball auf den WM-Titel: Der Brite fhrt auf nasser Strecke zwar ein perfektes Rennen, doch kurz vor seinem zweiten Boxenstopp bauen seine Regenreifen auf abtrocknender Piste stark ab. Das Team holt ihn jedoch zu spt an die Box - und Hamilton rutscht in der Boxeneinfahrt ins Kiesbett! Kimi Rikknen (Ferrari) erbt auf diese Weise den Sieg und bleibt im WM-Rennen. Zweiter wird Fernando Alonso (McLaren) vor Felipe Massa (Ferrari) und Sebastian Vettel (Toro Rosso), der sein bestes Saisonresultat einfhrt. Auch Nick Heidfeld (BMW) holt als Siebenter zwei WM-Punkte.

2006:
Fernando Alonso und Giancarlo Fisichella (beide Renault) gewinnen bei nassen Bedingungen den Start und setzen sich auch gleich vom Rest ab, whrend Michael Schumacher (Ferrari) an sechster Stelle liegend wegen eines Reifennachteils immer weiter zurckfllt. Aber der neunten Runde lsst der Regen jedoch nach, es trocknet ab - und das Bild dreht sich komplett: Schumacher profitiert von einem schlechten Intermediate-Satz bei Alonso, schnappt sich auch Fisichella und fhrt den Sieg souvern nach Hause. Alonso, am Ende schnellster Mann im Rennen, wird mit nur 3,1 Sekunden Rckstand Zweiter und geht punktgleich mit Schumacher in die Finalrennen in Suzuka und Sao Paulo. Nick Heidfeld (BMW) verliert den sicher scheinenden vierten Platz erst im Chaos der letzten Kurve, wo er von einem Nachzgler aufgehalten wird, an Jenson Button (Honda).

2005
Vor dem Start wird Michael Schumacher (Ferrari) beim Rollen auf die Startaufstellung von Christijan Albers (Minardi) gerammt und muss ins Ersatzauto wechseln - Albers war zick-zack gefahren und hatte seinen Rivalen damit berrascht. Nach der peinlichen Szene vor dem Start verabschiedet sich der entthronte Ex-Weltmeister dann auch unwrdig aus dem letzten Rennen des Jahres: Beim Aufwrmen seiner Reifen in einer Safety-Car-Phase legt er eine Bremsung ein, verliert dabei das Heck seines Autos auer Kontrolle und muss den Ferrari im Kiesbett abstellen. Den Sieg holt sich Weltmeister Fernando Alonso - Renault war damit Konstrukteursweltmeister - vor Kimi Rikknen (McLaren) und Ralf Schumacher im Toyota.

2004:
Beim ersten Grand Prix auf chinesischem Boden fhrt Rubens Barrichello von der Pole-Position einen souvernen Sieg ein. Der Ferrari-Pilot gert nie ernsthaft in Gefahr, drosselt in der Schlussphase das Tempo und kommt mit Jenson Button (BAR) und Kimi Rikknen (McLaren) im Windschatten ins Ziel. Michael Schumacher startet nach einem Dreher im Qualifying aus der Boxengasse, kollidiert mit Christian Klien (Jaguar), erleidet einen Reifenschaden und wird schlussendlich nach einem katastrophalen Wochenende nur Zwlfter. Durch unterschiedliche Strategien und einige berholmanver ist das Rennen eines der spannenderen der Saison 2004.

Fotoquelle: xpb.cc

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