Teamchef Christian Horner glaubt, dass Red Bull die Situation kontrollieren kann

Formel 1 2013

— 12.04.2013

Horner relativiert Eiszeit zwischen Vettel und Webber

Christian Horner findet nicht, dass Sebastian Vettel seine Autorität untergraben hat, und empfindet die Eiszeit zwischen den Red-Bull-Fahrern nicht als neue Situation



Kein Blick, kein Handschlag, nur pure Abneigung: Sebastian Vettel und Mark Webber stehen nach dem Training zum Grand Prix von China lediglich einen Meter auseinander, ignorieren sich aber komplett. Zwischen den Red-Bull-Teamkollegen herrscht eine fast fühlbare Eiszeit, nachdem die Stallorder-Affäre zuletzt ihre nächste Eskalationsstufe erreicht hat. Webber gibt sich im Gegensatz zu Vettel gar nicht mehr die Mühe, die miese Stimmung herunterzuspielen: "Aufgeladen" sei das Verhältnis, sagt der Australier - und verschwindet.

Ein paar Minuten später zeigt sich Teamchef Christian Horner im Pressekonferenz-Saal bemüht, den Bruch zwischen seinen beiden wichtigsten Angestellten herunterzuspielen: "Ehrlich gesagt ist ihr Verhältnis in vielerlei Hinsicht nicht groß anders als vor Malaysia", spielt er darauf an, dass die beiden - spätestens seit der Kollision in der Türkei 2010 - noch nie beste Freunde waren. "Aber sie sind professionelle Jungs, sehr ehrgeizig, sehr talentiert."

"Jetzt gerade sitzen sie gemeinsam in einem Debriefing und analysieren, wie sich das Auto hier fährt. Sie arbeiten weiterhin professionell zusammen", unterstreicht Horner. "Ich bezweifle, dass sie den Sommerurlaub oder Weihnachten zusammen verbringen werden, aber dafür zahlen wir sie ja auch nicht. Wir zahlen sie, weil wir glauben, dass sie die beste Fahrerpaarung der Formel 1 sind, wie sie in den vergangenen drei oder vier Jahren immer wieder bewiesen haben."

Angespannte Stimmung: War nie anders

Vettel hatte sich für die Missachtung der "Multi-21"-Stallorder in Malaysia zunächst entschuldigt, gestern aber im Rahmen einer aufsehenerregenden Pressekonferenz zurückgerudert und erklärt, Webber hätte sich den Sieg ohnehin nicht verdient gehabt. Aber dass die Stimmung zwischen den beiden angespannt ist, ist für Horner nichts Neues: "Es ist jetzt ein bisschen öffentlicher und somit für die Journalisten interessanter geworden, aber was uns angeht, ist es Business as usual."

Sehr wohl neu war in Malaysia allerdings, dass sich Vettel einer Anweisung von oben widersetzt. Horner höchstpersönlich - normalerweise kommuniziert der Fahrer während eines Rennens nur mit seinem Renningenieur - hatte sich daraufhin am Boxenfunk gemeldet: "Komm schon, Seb, das ist dumm!" Was in den Medien prompt zu dem Rückschluss führte, dass die Position des Teamchefs von Vettel teamintern geschwächt wurde.

Das sieht Horner anders: "Wurde meine Autorität untergraben? In jenem Rennen hat er nicht das gemacht, worum ich ihn gebeten hatte. War ich darüber glücklich? Natürlich nicht! Hat er sich entschuldigt. Ja, hat er. Hat er daraus gelernt? Da bin ich mir sicher. Würde er es wieder tun? Darüber würde er glaube ich zweimal nachdenken, aber wie er gestern erklärt hat, ist zwischen diesen beiden Fahrern halt schon viel passiert."

Extrem erfolgreiche Fahrerpaarung

"Das ist für uns nichts Neues, denn wir kennen das schon seit vier, fünf Jahren. Aber lasst uns nicht vergessen: Sie sind eine der erfolgreichsten Fahrerpaarungen der Formel-1-Geschichte. Wir haben in dieser Zeit mehr als 2.000 Punkte, 35 Grands Prix und sechs WM-Titel gewonnen. Ist meine Führung untergraben? Ich glaube nicht. Ich habe dieses Team seit dem Einstieg von Red Bull zu sechs WM-Titeln geführt", gibt der erst 39-jährige Brite zu Protokoll.

"Aber wir behalten diese Fahrer, weil sie das Team antreiben und das Beste aus sich herausholen", stellt er klar. "Natürlich ist das manchmal unangenehm für das Team, aber es ist meiner Meinung nach eine gesunde Rivalität, auch wenn sie die Dinge manchmal in die eigenen Hände nehmen. Sie haben sich zumindest genug Platz gelassen. Klar war es für uns auf der Boxenmauer unangenehm, aber es war spektakuläre Fahrkunst von beiden, mit gerade mal genug Platz."

"Ich glaube nicht, dass Seb auch nur für einen Moment glaubt, dass er dieses Team führt", wischt Horner alle Autoritätsdiskussionen vom Tisch. "Er weiß, was seine Aufgabe ist, er weiß, wofür wir ihn eingestellt haben und warum. Er ist schon lange bei Red Bull, als Junior, als Formel-1-Fahrer und heute als mehrfacher Weltmeister. Ihm ist der Wert dieses Teams für seinen Erfolg mehr als jedem anderen bewusst und er weiß, dass er ohne das Team nicht arbeiten kann."

Horner blickt nach vorne

"Er stellt sich nicht über das Team", sagt Horner und verweist auf den Entschuldigungs-Besuch seiner unausgesprochenen Nummer 1 in der Fabrik in Milton Keynes. "Was passiert ist, ist passiert, das können wir nicht mehr ändern. Seb ist nicht so erfolgreich, weil er sich Chancen entgehen lässt. Er hat eine Chance gesehen und hat sie genutzt. Aber jetzt schauen wir nach vorne - auf dieses Rennen und auf die anderen, die danach kommen."

Eine Stallorder will Red Bull nicht mehr aussprechen, Teamentscheidungen müsse man, abhängig von den vielen verschiedenen Faktoren, die in einem Rennen eine Rolle spielen, aber vielleicht weiterhin treffen. Hinter dieser Strategie steht offenbar auch Red-Bull-Konzernchef Dietrich Mateschitz, der Webber schon seit Jahren die Treue hält und sich immer für einen offenen Schlagabtausch zwischen den beiden Fahrern ausgesprochen hat.

Horner sieht kein Konfliktpotenzial mit seinem Vorgesetzten: "Ich habe mich nach dem Rennen mit Dietrich zusammengesetzt und ausführlich diskutiert, was in Malaysia passiert ist", erklärt er. "Dietrich ist ein Purist, ein Fan des Sports. Red Bull will freien Wettbewerb von Red-Bull-Athleten in allen möglichen Sportarten, aber bei Red Bull Racing haben wir auch ein Team. Da gibt es einen Konflikt zwischen dem, was die Fahrer wollen, und dem, was das Team will."

Teaminteressen stehen weiterhin im Vordergrund

"Der Purist will, dass die Fahrer gegeneinander rennfahren, wie das übrigens schon oft der Fall war. Aber manchmal kommt man in eine Situation, die man handhaben muss. Unsere Hauptsorge in Malaysia war nicht, dass die beiden Fahrer gegeneinander rennfahren, sondern - auf Basis der Informationen, die wir am Wochenende gesammelt hatten - der Reifenverschleiß. Uns war wichtig, das Rennen mit möglichst geringem Risiko zu beenden", fährt er fort.

"Die Entscheidung, die wir in dem Moment getroffen haben, passte nicht zu Sebastians Vorhaben. Dann hat man diesen Konflikt zwischen den Fahrerinteressen und der Position des Teams", sagt Horner. "Wir haben das diskutiert und schauen nach vorne. Wir vertrauen den Fahrern und lassen sie weiterhin gegeneinander rennfahren. Sie werden Informationen bekommen und werden dann auch wissen, was sie damit anstellen sollen."

Dass Vettel/Webber auch 2014 noch gemeinsam für Red Bull fahren werden, kann sich angesichts der jüngsten Eskalation kaum noch ein Experte vorstellen. Aber Horner bewertet die Situation emotionslos, wenn er sagt: "Sebastian steht langfristig bei uns unter Vertrag. Marks Vertrag wurde in den vergangenen drei, vier Jahren jeweils nur für ein weiteres Jahr verlängert. Das werden wir dieses Jahr wieder genauso angehen, auch wenn jetzt die Emotionen hochschwappen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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