Nicht mehr ladenneu: Optisch scheint der weiche Pirelli-Reifen mächtig zu leiden

Formel 1 2013

— 12.04.2013

Causa Pirelli: Und ewig schallt das Klagelied

Trotz heftiger Kritik bleibt Sportchef Paul Hembery unbesorgt, nennt den weichen Reifen ein Qualifying-Produkt und rechnet mit "business as usual"



Es ist so sicher wie die Ampel, die auf Grün springt: Schlagen die Formel-1-Teams an einem Freitag auf einer beliebigen Grand-Prix-Strecke auf und testen die Pirelli-Reifen, startet das große Wehklagen. "Reifenabbau!", "Körnen!", "sechs Boxenstopps!" schallt es durch das Fahrerlager. Dass die Gummisuppe am Rennsonntag praktisch nie so heiß gelöffelt wird, wie sie 48 Stunden zuvor gekocht wurde, scheint eine Woche später niemanden mehr zu interessieren. Und so heißt es auch in Schanghai: Feuer frei!

Zum China-Grand-Prix liefert Pirelli neben der weiß markierten mittelharten Mischung auch erstmals den weichen Pneu mit gelber Optik. Erneut steht dieser im Mittelpunkt der Kritik. "Es scheint auch hier der Fall zu sein, dass die Reifen einfach zu weich sind", glaubt 'Sky'-Experte Marc Surer und bemitleidet die Piloten beinahe: "Es ist unglaublich, wenn wir die Bilder anschauen, wie sie versuchen mit vollem Tank auf weichen Reifen eine Runde zu drehen."

Konkret heißt das: Die Autos rutschen, die Räder blockieren, der Verschleiß steigt an, der Abbau sowieso. Kurz gesagt: Materialgenozid im Land des Lächelns. "Je weicher der Gummi, desto schneller ist er natürlich auch weg, wenn das Rad einmal steht", erklärt Surer. "Deswegen ist es für die Fahrer wahnsinnig schwierig. Sie sollen im letzten Moment bremsen, dürfen aber das Rad nicht blockieren lassen." Die Quadratur des Kreises also oder besser gesagt die Quadratur des Reifens durch einen Haufen Bremsplatter.

"Langsamer als GP2-Autos"

Nachdem Mercedes insbesondere in der ersten Session sehr dominant aufgetreten war, relativierte sich dieser Eindruck am Freitag mit den weicheren Pneus. "Diese Reifenmischung ist 'Hardcore'", pustet Lewis Hamilton im Gespräch mit 'Sky Sports F1' durch. "Ich weiß nicht, ob es die richtige Wahl für diesen Kurs ist. Ich habe einige Runden gedreht und schon fing der Abbau an. Das ist ziemlich ungewöhnlich." Surer stimmt zu: "Nico Rosbergs Vorderreifen sahen schon ziemlich schlimm aus. Der Gummi ist zu weich, anders kann man es nicht sagen."

Der Mercedes-Pilot selbst erinnert sich nur mit Unbehagen an sein Freies Training: "Und dann aber der Longrun, also für das Rennen... Mann oh Mann, meine weichen Reifen sind völlig auseinander gefallen nach einer halben Runde." Rosberg selbst bringt noch die Theorie ins Spiel, dass mehr Wärme am Samstag und Sonntag für eine Entspannung an der Pirelli-Front sorgen könnten. Bei Asphalttemperaturen, die schon am Freitag jenseits der 30-Grad-Marke lagen, wirkt das jedoch unwahrscheinlich.

Für Jenson Button wäre es ein Debakel: Der McLaren-Pilot glaubt an einen Zeitverlust von einer Sekunde pro Runde mit den weichen Reifen, bei einem ganzen Stint wären das zu zwölf Sekunden pro Umlauf. Der Brite klagt: "Wir sind langsamer als die GP2-Autos. Ich denke nicht, dass das gut ist." Bei Pirelli kann man die Aufregung nicht nachvollziehen. Paul Hembery meint: "Wir würden uns Gedanken machen, stünde uns ein Fünf-Stopp-Rennen bevor. Es sieht aus, als handele es sich beim weicheren Reifen um einen Qualifying-Pneu."

Wie viel Poker lohnt sich?

Ist die Lösung so einfach, wie sie der Pirelli-Sportchef skizziert? Insbesondere aus dem Red-Bull-Lager flogen zuletzt die Giftpfeile in seine Richtung. Gemessen daran gibt sich Sebastian Vettel beinahe zurückhaltend: "Da hat man gesehen, dass sich alle schwer tun. Jetzt müssen wir schauen, woran das bei uns liegt, und versuchen, das besser zu machen." Leiste Töne also. Vielleicht auch deshalb, weil die Teams zwingend auf die weichere Mischung angewiesen sind: "Es sieht nach wie vor so aus, als wäre das der Qualifying-Reifen", bestätigt Vettel. "Ich glaube nicht, dass das die Strategie ändern wird."

Diese Einschätzung deckt sich mit der Hemberys. Zusammengefasst: Die Top 10, die in den dritten Qualifying-Abschnitt gelangen, ziehen weiche Reifen für eine schnelle Runde auf und starten mit dem ungeliebten Material, dahinter wird gepokert. Oder gibt es noch mehr Zocker im Feld? "Du musst deine Strategie über das ganze Wochenende hinweg planen. Mit Sicherheit versucht jemand, in Q3 die Reifen zu schonen oder plant, auf den länger haltbaren zu starten", vermutet Mercedes-Teamchef Ross Brawn.

Button kann sich zwar vorstellen, dass einige Teams eine solche taktische Finesse einstreuen. Er warnt aber davor, dass man auf Positionen zwischen acht und zehn ohnehin nicht nach vorne fahren kann, wenn dort Fahrzeuge mit einbrechendem Material auf dem Zahnfleisch kriechen: "Das Problem ist, dass man dann aufgehalten wird, wenn man auf dem besseren Reifen ist, denn alle anderen sind dann auf der weichen Mischung", gibt der Brite zu bedenken. Eines ist klar: Es klingt nach einer Menge Spannung.

Pirelli liegt im Plan

Doch wie lange halten die Pneus nun wirklich? Die sarkastische "halbe Runde", von der Rosberg spricht, ist wohl ein Relikt der Rhetorik. Vettel kommt auf fünf oder sechs Umläufe, Hembery hat zehn bis zwölf ausgerechnet. Noch unklarer ist, welchen Zeitverlust die Piloten hinnehmen müssen. "Der weiche Reifen baut stärker ab als wir uns das gewünscht hätten", räumt der Sportchef der Italiener ein. "Gerade vorne links gibt es viel Körnen und das macht den Abbau noch heftiger. Aber es hat keinen Einfluss darauf, wie im Rennen strategisch vorgegangen wird."

Hembery unterstreicht: "Es sieht aus wie ein klassisches Zweistopp-Rennen, im schlimmsten Fall drei. Wir liegen da im Plan." Denn es gibt ja noch die härtere Mischung, über die nicht geflucht wird. Sie ist mit 1,5 Sekunden im Vergleich zu ihrem Pendant zwar langsamer als erwartet, hält dafür laut Schätzungen aber deutlich länger. Genauer gesagt 20 bis 23 Runden. "Rosbergs schnellste Runde in der ersten Session des Freien Trainings kam auf mittelharten Reifen, als er schon zehn Runden gefahren hatte", unterstreicht Hembery.

"Würde der härtere Reifen das gleiche machen, wäre ich ernsthaft besorgt. Aber das ist nicht der Fall." Alles erinnert an Melbourne, als das Wehklagen ebenfalls groß war, am Sonntag aber dann doch seinen gewohnten Gang ging. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass sich Grand-Prix-Strecken stärker "entwickeln", wenn sie viel befahren werden. Im Rennen fahren 22 Autos hintereinander her, es kommt Gummi auf die Piste und alles relativiert sich schneller als auf einer jungfräulichen, so genannten "grünen" Bahn.

Datenmaterial widerlegt Fahrermeinungen

Während der Verschleiß auf dem härteren Reifen stark vom jeweiligen Team abhängt, wird es am Körnen wohl keinen Weg vorbei geben - das räumt auch Hembery ein. "Die Fahrer haben eine bestimmte Sichtweise: Sie mögen das nicht. Aber die Ingenieure schauen sich die Berechnungen an und betrachten alle Arten von Zusammenhängen. Es ist eine gute technische Herausforderung." Sollten die Piloten einfach mehr den Computerausdruck studieren? "Sie hätten wohl Probleme, von fünf oder sechs Stopps zu sprechen, wenn sie die Daten betrachten."

Zurück zur Schuldfrage: Liefert Pirelli wirklich zu weiches Gummi, das den enormen Verschleiß hervorruft? "Denke ich an Brasilien zurück, wo wir damit zum ersten Mal gefahren sind, gab es keine Anzeichen dafür, dass das der Fall sein würde", erinnert McLarens Sportdirektor Sam Michael an das Saisonfinale 2012. "Das ist wohl der beste Vergleich, weil es im Winter eine Menge Änderungen am Auto gab, bei der Geometrie und dem Karosseriedesign. In Sao Paulo haben wir keine großen Veränderungen bei den Spezifikationen gehabt." Wird Pirelli also zu Unrecht geprügelt? Die Chancen stehen gut, dass am Montag wieder Waffenstillstand herr

Fotoquelle: xpbimages.com

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