Die Entscheidungen am Kommandostand wirbelten zuletzt viel Staub auf

Formel 1 2013

— 17.04.2013

Klartext: Wie die Teams zum Thema Stallorder stehen

Nach turbulenten Wochen kehrt in der Stallorder-Debatte wieder Ruhe ein, doch wie stehen die unterschiedlichen Teamchefs nun wirklich zum umstrittenen Thema?



Bei Red Bull hat man sie abgeschafft, bei Mercedes wird man sich in Zukunft genau überlegen, wann sie Sinn ergibt, und bei Ferrari gehört sie seit Jahren dazu - die Stallorder. In Malaysia sorgten die Teambefehle beim Weltmeisterteam und bei den "Silberpfeilen" für heftige Diskussion: Nico Rosberg ließ das Überholverbot verärgert über sich ergehen, Sebastian Vettel verstieß dagegen und wirbelte viel Staub auf.

Fakt ist aber, dass die Stallorder seit 2010 wieder erlaubt ist - dafür verantwortlich ist mit FIA-Boss Jean Todt jener Mann, der das Schachspiel an der Boxenmauer in seiner früheren Rolle als Ferrari-Teamchef ausufernd zelebrierte, damit viele Fans verärgerte und mit der Farce von Spielberg 2002 auch das Verbot herausforderte.

Todt versteht Unmut über Stallorder nicht

Der Standpunkt des Franzosen zum umstrittenen Thema hat sich seitdem nicht verändert. "Es schockiert mich nicht, wenn ich sehe, dass im Namen des Teams gehandelt wird", sagt Todt gegenüber 'AFP'. "Es werden Instruktionen gegeben, die befolgt werden oder manchmal eben nicht befolgt werden. Das hat wahrscheinlich immer wieder für Kontroversen gesorgt. Die Instruktionen sind aber Teil des Wettbewerbs. Es ist doch normal in einem Team, dass das Teamwork im Vordergrund steht. Das erfordert, dass man die Strategie der jeweiligen Situation anpasst."

Doch wie sehen die Teamchefs - und damit die Personen, die die Instruktionen durchsetzen - das Thema Stallorder? Eine interessante Frage, denn für die Teams ist nicht nur der Erfolg wichtig, sondern auch die Sympathiewerte bei den Fans, die spannende Rennen sehen wollen - also ist das Thema auch für sie eine Gratwanderung.

Mercedes: Stallorder nur noch in Ausnahmefällen

Mercedes-Teamchef Ross Brawn erklärt, dass bei seinem Rennstall Gleichberechtigung vorherrscht und die Fahrer gegeneinander kämpfen können, es aber spezielle Situationen gibt, wo eine Stallorder Sinn ergibt. "Das war bei uns in Malaysia der Fall", erklärt er gegenüber 'Sport Bild', "als für beide Autos die Gefahr bestand, dass der Sprit ausgeht. Sollten solche Stallordern in bestimmten Situationen unumgänglich sein, sollten sie transparent ausgeführt werden, damit die Fans verstehen, was gerade passiert und warum."

Aus dem Mund des Aufsichtsratsvorsitzender Niki Lauda klingt das um einiges deutlicher. Der Österreicher, der für seine direkte Art bekannt ist, meint, dass es bei den "Silberpfeilen" nach den Ereignissen in Sepang "keine Stallorder mehr geben wird" und beide Piloten "ihr Rennen gegeneinander fahren" dürfen. Mit einer Ausnahme, wie er 'Sport Bild' erklärt: wenn man beim Saisonfinale Gefahr läuft, "dass ein Dritter uns die Weltmeisterschaft wegschnappt".

McLaren: Stallorder nur, wenn ein Pilot keine Titelchancen mehr hat

Bei McLaren hat es Tradition, dass die beiden Teamkollegen gegeneinander kämpfen können - mit teils negativen Folgen für das Team, wie der Stallkrieg zwischen Fernando Alonso und Lewis Hamilton 2007 bewiesen hat. Damals war bekanntlich Kimi Räikkönen im Ferrari der lachende Dritte und staubte den WM-Titel ab.

Dennoch bleibt man der klassischen Strategie treu, wie Teamchef Martin Whitmarsh gegenüber 'Sport Bild' erklärt: "Bei McLaren sind beide Fahrer traditionell gleichberechtigt. Wir würden aktiv keine Stallorder aussprechen, es sei denn, ein Pilot hätte rechnerisch keine Chance mehr auf den Titel und könnte dem anderen im WM-Kampf helfen. Aber selbst dann bin ich sicher, dass die Fahrer das auch untereinander so ausmachen würden, ohne dass das Team intervenieren muss."

Während man bei Red Bull die Stallorder auf Anordnung von Dietrich Mateschitz komplett abgeschafft hat, sieht man dies auch beim kleineren Toro-Rosso-Rennstall ähnlich, wie Teamchef Franz Tost gegenüber 'Sport Bild' klarstellt: "Formel 1 ist Unterhaltung, und wir wollen freie Kämpfe zwischen den Fahrern sehen."

Ferrari: Alles für das Team

Anders der Standpunkt von Ferrari: Die "Scuderia" ist bekannt dafür, dass man bedingungslos für das Team arbeitet - das "springende Pferd" ist der Star, Piloten müssen ihre Interessen unterordnen. Diese Erfahrung mussten schon viele Ferrari-Piloten machen - zuletzt immer wieder Felipe Massa, bei dem in den USA im Vorjahr durch einen Getriebewechsel die Rückversetzung in der Startaufstellung provoziert wurde, damit WM-Kandidat Fernando Alonso auf der sauberen Seite der Start-Ziel-Geraden losfahren darf.

"Wir sind unserer Position, dass die Interessen des Teams im Vordergrund stehen, immer treu geblieben", stellt Teamchef Stefano Domenicali bei 'Sport Bild' klar. Während bei McLaren erst dann Teamorder ausgesprochen werden darf, wenn ein Pilot rein rechnerisch keine Titelchancen mehr hat, gibt man sich bei Ferrari diesbezüglich schwammiger.

"Zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Saison wird ein Fahrer bessere WM- Chancen haben als der andere", erklärt Domenicali. "Dann wird das Team entscheiden, wie man gewisse Situationen im Sinne des Teams löst." Eine Ansicht, mit der Ferrari nicht alleine dasteht: Auch bei Lotus, Sauber, Force India, den beiden Nachzüglerteams Marussia und Caterham und sogar beim traditionell stallorderresistenten Williams-Rennstall betont man, dass die Formel 1 ein Teamsport ist und man nicht davor zurückscheut, Teambefehle zu geben.

Auch Williams würde Stallorder nutzen

"Unser Hauptziel ist ein freier Kampf unserer Fahrer auf der Strecke", sagt Claire Williams, Tochter der Teamcheflegende Frank Williams, und inzwischen Vizeteamchefin gegenüber 'Sport Bild'. Der "Rollstuhlgeneral" war bekannt dafür, dass ein hartes Duell seiner Piloten sein Racer-Herz höher schlagen lässt. Seine Tochter sieht dies aber pragmatischer und ist der Meinung, dass manchmal Situationen entstehen, "in denen man als Team handeln muss, um das bestmögliche Resultat sicherzustellen. Das würden wir dann tun".

Interessant ist die Meinung von Marussia-Teamchef John Booth. Er erklärt die Verwendung von Stallorder mit der schwierigen finanziellen Situation seines Rennstalls. "Wir investieren so viel Geld in die Formel 1, dass wir sicherstellen müssen, am Ende das bestmögliche Resultat einzufahren", sagt der Brite gegenüber 'Sport Bild'. "Wenn das nur mit Stallorder geht, werden wir sie benutzen."

Fotoquelle: Red Bull / GEPA

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