Bislang ist von politischen Unruhen rund um den Grand Prix nichts zu spüren

Formel 1 2013

— 18.04.2013

Bahrain: Die Welt zu Gast bei (einigen) Freunden

Im Vorfeld des Grand Prix ist von Gewalt nichts zu merken, obwohl Oppositionelle große Töne spucken - Piloten fühlen sich sicher und dem Sport verschrieben



Das Multi-Millionen-Dollar-Business Formel 1 ist schon seit Jahrzehnten ein sportliches Politikum. Beim Bahrain-Grand-Prix wird jedes Jahr deutlich, dass die Strahlkraft der Königsklasse auch vor der Weltpolitik nicht Halt macht. Bedenken, dass Radikale das Gastspiel von Sebastian Vettel und Co. nutzen könnten, um mit gewaltsamen Mitteln ihrer Forderung nach einer Absetzung des Al Chalifa-Regimes Nachdruck zu verleihen, haben sich bisher als unbegründet herausgestellt. Rund um Manama scheint alles ruhig.

Zwar gibt es erhöhte Polizei- und Militärpräsenz in den Straßen, allerdings ist das in einem Staat wie Bahrain nicht unbedingt ungewöhnlich und auch kein Anhaltspunkt für drohende Gefahr. Wenn überhaupt, dann für das Gegenteil. "Bisher scheint alles in Ordnung zu sein. Wir konzentrieren uns auf den Rennsport", bestätigt McLaren-Star Sergio Perez. "Dass die Lage angespannt ist, ist kein Geheimnis", unterstreicht Vettel genau wie Adrian Sutil: "Von mehreren Seiten habe ich gehört, dass sich die Situation verbessert hat."

Der Veranstalter ist darum bemüht, keine Zweifel an der Sicherheit des Formel-1-Zirkus aufkommen zu lassen. Streckenchef Zayed Alzayani spricht nur von Terroristen, wenn es um Personen geht, die unter Zuhilfenahme von Gewalt demonstrieren - wie etwa eine Untergrund-Organisation namens Jugendkoalition des 14. Februar, die in dieser Woche eine auf den Namen "Vulkanische Flammen" getaufte Kampagne gegen den Grand Prix hatte initiieren wollen. Allerdings blieb es bisher bei dem Vorhaben.

FIA im Zwiespalt: Unpolitisch bleiben, heilsam wirken

Was sich tatsächlich abspielte, waren auf 'Youtube' dokumentierte Aktionen von Demonstranten, die Hauptstraßen mit alten Autoreifen blockierten und sie in Brand steckten. "Ich bin gänzlich gegen Gewalt", unterstreicht Alzayani. "Aus welchem Grund auch immer, man darf den normalen Lebensrhythmus nicht stören. Dann ist es nicht Demokratie, sondern Terrorismus. Da gibt es keine zwei Meinungen." Über die Lebensverhältnisse in Bahrain vielleicht schon, was der Pistenboss jedoch ausblendet.

"Das Land und seine Verfassung erlauben es, friedlich zu demonstrieren, was getan und von der Polizei begleitet wird - wie überall auf der Welt." Sein Job sei es, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen, betont Alzayani. "Für das, was außerhalb der Strecke passiert, ist jemand anderes verantwortlich." Trotzdem zeigt er sich davon überzeugt, dass die Durchführung des Grand Prix keinerlei Probleme bereite, spricht von 95 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung und der Idee, für Bahrain zu werben, anstatt Profit zu machen.

Genau das war zuletzt immer wieder ein Argument der Kritiker, die sich gegen eine Durchführung des Grand Prix aussprachen. In einer E-Mail-Antwort an John Horne, Mitarbeiter der akademischen Menschenrechts-Organisation Bahrain Watch, gibt sich Jean Todt unpolitisch. "Die FIA ist ein Verband, der sich dem Sport und der Mobilität widmet", erklärt der Franzose in dem Schreiben, das 'Motorsport-Total.com' vorliegt. "Ihre Aufgabe ist es, Motorsport weltweit einen Rahmen zu geben", so Todt weiter.

Ecclestone lässt Fingerspitzengefühl vermissen

Dennoch meint er, kathartische Effekte im Motorsport erkannt zu haben. "Wir glauben fest daran, dass ein Formel-1-Grand-Prix positive und heilsame Wirkung haben kann, wo Konflikte, soziale Unruhen und Spannungen für Zwietracht sorgen", formuliert Todt. Ob diese Worte bei Khalil al-Marzooq angekommen sind? "Wir sind nicht gegen den Grand Prix, aber wir wollen, dass die Welt unsere Forderungen hört - Demokratie, Achtung der Menschenrechte und eine gewählte Regierung", skandiert der Führer der wichtigsten Oppositionspartei Bahrains.

Unter dem Motto "Vulkan des Zorns" wolle man ab Freitag, dem Beginn des Freien Trainings, gegen die "Unterdrückung der Menschen" in Bahrain demonstrieren. Al-Marzooq beschwört friedliche Proteste gegen das Regime, kann eine Eskalation aber nicht ausschließen: "Gewalt erzeugt Gegengewalt." So wie unter der Woche, als in Manama die Molotow-Cocktails flogen, die Polizei Tränengas und Blendgranaten einsetzte. Am Donnerstag wurden sechs Personen wegen Brandstiftung und Verkehrsbehinderung festgenommen.

Die Protestanten riefen "Formel des Blutes", "Euer Rennen ist ein Verbrechen" und trugen teilweise Plakate, auf denen das Gesicht von Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone mit einem großen X durchgestrichen war. Der Zampano selbst wandte sich mit einem Brief an Oppositionelle, der Inhalt war an Zynismus kaum zu übertreffen. "Es ist eine große Schande, dass ich davon nicht schon vor September 2012 erfahren habe, als der Formel-1-Kalender erstellt wurde. Jetzt ist es zu spät, um noch Änderungen an dem Kalender vorzunehmen", zitiert die 'Die Welt'.

Fahrern geht es nur um den Sport

Die Regierung Bahrains macht klar, dass sie "angemessene" Maßnahmen zur Gefahrenabwehr ergreifen wird, die Sicherheit sei gewährleistet. Eine Sprecherin des Al Chalifa-Regimes nennt die Demonstranten eine "kindische Bewegung". Den Formel-1-Piloten selbst scheinen die Hände gebunden. Egal, welche politische Ansicht sie nun vertreten. "Man verfolgt natürlich die Nachrichten und wenn man einen Twitter-Account hat, ist es unmöglich, nichts davon mitzukriegen", räumt Jenson Button ein, ohne darauf reagieren zu wollen.

"Wir müssen uns aber an das halten, was die FIA vorgibt. Wir vertrauen auf die Entscheidung, hierher zu kommen. Also fahren wir." Auch Sauber-Pilot Nico Hülkenberg macht deutlich: "Wir können hier nichts beeinflussen." Auf seinen Job konzentrieren will sich auch Vettel und glaubt, dass das auf das gesamte Paddock zutrifft: "Ich denke, jeder der morgens hier durchs Drehkreuz geht, egal ob er fährt oder hier arbeitet, ist wegen dem Sport hier und nicht, um wirklich bei der Politik mitzumischen", weiß der Heppenheimer.

Seit zwei Jahren kämpfen Oppositionelle der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung für mehr Rechte in Bahrain, das seit Jahrhunderten von der Herrscherfamilie Al Chalifa regiert wird - einer sunnitischen Dynastie. 80 Menschen sind in dem autoritären Land seit dem Ausbruch des Arabischen Frühlings Anfang 2011 ums Leben gekommen. Allein in diesem Monat sollen bisher rund 100 Aktivisten gefangen genommen und 30 verletzt worden sein. 2011 war das Rennen in Bahrain abgesagt worden, nachdem die aufkommenden Unruhen von Truppen aus dem benachbarten Saudi-Arabien blutig niedergeschlagen worden waren.

Fotoquelle: Bahrain in Pictures

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