Formel 1 2013

— 29.04.2013

Die Formel 1 und ihre Finanzen: Briatore in Sorge

Flavio Briatore sieht die Formel 1 in einem finanziell schlechten Zustand und würde heute ohne Profit kein Team mehr aufbauen: "Man muss komplett bescheuert sein"



Bis Ende der Saison 2012 wurde Flavio Briatore nach dem Unfall in Singapur 2008 aus der Formel 1 gesperrt. Seit dieser Saison könnte der ehemalige Teamchef wieder in der Königsklasse arbeiten, doch ob der Italiener jemals wieder mit einer Funktion im Fahrerlager gesichtet wird, ist mehr als fraglich. "Ich habe nun einen dreijährigen Sohn, ich arbeite 20 Stunden am Tag für verschiedene Geschäfte, Investments, Situationen - hier und drüben in Amerika. Ich bin sehr glücklich", schließt Briatore eine Rückkehr gegenüber 'Autosport' aus.

Doch nicht nur an seiner eigenen Geschäftigkeit scheitert ein Neueinstieg in die Königsklasse. Der Italiener sieht bei der aktuellen Situation in der Formel 1 keinen Sinn darin: "Ich war 20 Jahre in der Formel 1 und habe sieben Weltmeisterschaften mit zwei verschiedenen Teams gewonnen sowie die beiden großen Stars nach Ayrton Senna entdeckt: Schumi und Fernando (Michael Schumacher und Fernando Alonso; Anm. d. Red.). Ich weiß, was dort abgeht und ich weiß, dass es finanziell momentan keinen Sinn macht, ein Team zu haben."

Doch Briatore wäre nicht Briatore, wenn er nicht selbst die Erklärung für seine Aussage hinterherlegen würde. "Das Problem im Moment ist, dass drei oder vier Teams ihre Fahrer bezahlen, und bei dem Rest ist es der Fahrer, der bezahlt um zu fahren", schielt der 63-Jährige mit Argwohn auf die Paydriver. Die Schuld dafür will er natürlich nicht den Fahrern anlasten. "Wir haben darüber schon oft gesprochen, und das Problem ist das gleiche geblieben: Die Kosten für ein Team sind astronomisch", so Briatore.

Briatore: Mit Benetton in jedem Jahr Profit

"Was auch immer sie von Bernie (Ecclestone; Anm. d. Red.) bekommen, geben sie aus", erklärt der Geschäftsmann weiter. Zusätzliche Einnahmen durch einen Bezahlfahrer sind da natürlich gerne gesehen, bringen aber auch Nachteile, wie Briatore findet: "Wenn die Fahrer bezahlen, dann glaube ich nicht, dass wir die besten Fahrer in der Formel 1 sehen. Ich habe noch nie einen Bezahlfahrer gesehen, der wirklich schnell ist", urteilt er.

Dass für die Mehrheit der Teams der Fahrer zum Budget gehört, ist für den ehemaligen Teamchef in der Form neu. "Wir haben unsere Fahrer bei Benetton bezahlt. Vielleicht nicht viel, aber wir haben sie bezahlt. Ein Team wie Jordan hat zumindest einen Fahrer bezahlt. Das ist nun anders", spielt er auf Team wie Marussia oder Caterham an, die ihre Plätze scheinbar meistbietend versteigern. Zu ihrer Verteidigung muss man aber sagen, dass beide Rennställe zu Beginn mit Timo Glock bzw. Heikki Kovalainen und Jarno Trulli Fahrer beschäftigten, die sie auch auf dem Gehaltsposten stehen hatten.

Doch selbst ein traditionsreiches Team wie Williams ist nicht mehr davor geschützt, auf die Millionen von Paydrivern angewiesen zu sein. Für Briatore ist diese Situation der Formel 1 nicht zuträglich. "Um eine gesunde Formel 1 zu haben, braucht man gesunde Teams. Während meiner Zeit bei Benetton haben wir in jedem Jahr Profit gemacht. Wir haben diesen Profit in die Fabrik und das Team gesteckt. Es gab eine Warteliste für Teams, die in die Formel 1 wollten. Es gab ein Pre-Qualifying um sechs Uhr morgens. Es war ein Business", erinnert sich der Italiener.

Von neuen Teams keine Spur

Die Warteliste ist längst leerer geworden. Vor der Saison 2010 gab es einen großen Run auf die drei freien Slots im Starterfeld, doch seitdem kam kein neues Team hinzu. Leisten können sich die Formel 1 die wenigsten. Von den drei damals ursprünglich ausgewählten Teams (USF1, Campos, Manor; Anm. d. Red.) schaffte es kein Name in die Königsklasse. Manor war durch die Namensgebung mit Virgin von allen noch am besten im Plan, Campos konnte erst im letzten Moment durch die Übernahme von Colin Kolles als HRT gerettet werden, ist mittlerweile aber ebenfalls verschwunden. USF1 war eine Totgeburt.

Lotus (heute Caterham), die später den Startplatz von BMW-Sauber übernehmen konnten, ist zwar ebenfalls wie Marussia noch mit am Start, doch auch in ihrem vierten Jahr konnte keines der Teams auch nur ansatzweise einen Punkt einfahren. Von Entwicklung keine Spur. Doch darüber wundert dich Briatore absolut nicht: "Um irgendetwas in dem Business zu entwickeln, muss man Profit machen. Je größer das Team, desto größer der Profit. Die Teams müssen mit dem Geld des Promoters und von Bernie laufen können. Der Sponsor ist eine Zugabe; der Sponsor bringt den Profit", hat Briatore die Idealvorstellung vor Augen.

Doch diese Vorstellung ist heute Utopie, weiß der Italiener. "Darum ist der Fahrer auch Teil des Budgets. In unserem Budget war der Fahrer ein Kostenpunkt. Jetzt - die vier Topteams mal ausgenommen - ist er das Einkommen." Eine Rückkehr von großen Herstellern wie Honda, die nach der Saison 2008 den Stecker zogen, könnte die Wende bringen. "Aber nur wenn die Kosten vernünftig sind", ergänzt der 63-Jährige. "Für mich sind das 120 bis 150 Millionen Euro im Jahr für ein großes Team."

70 Millionen für den letzten Platz? "Bescheuert"

"Die Formel 1 hat die Show verbessert und die Rennen spektakulärer und unterhaltsamer gemacht. Es besteht also eine gute Chance, dass Konstrukteure zurückkommen, wenn das Geschäft profitabel ist - wie damals, als Benetton Toleman gekauft hat und man ein Geschäft machen konnte", so der ehemalige Teamchef. Heute ist das für ihn undenkbar. "Warum sollte man 60 bis 70 Millionen ausgeben, nur um immer Letzter zu werden? Das macht man nur, wenn man komplett bescheuert ist."

Das bedeutet zusammengefasst: Wenn man keinen Profit macht, kann man sich nicht weiterentwickeln. Wenn man sich nicht weiterentwickelt, kann man nie nach vorne kommen und ein Topteam werden. "Und wenn es keine Chance gibt, ein Topteam zu sein oder zu gewinnen, dann ist das einzig Gewisse, dass du die schlechtesten Fahrer haben wirst" - so sieht der Geschäftsmann den logischen Kreislauf der aktuellen Formel 1.

Eine schnelle Lösung sieht er für das Problem aber auch nicht kommen - obwohl er mit Bernie Ecclestone in regelmäßigem Kontakt steht und "jeden Tag mit jemandem aus der Formel 1" spricht. "Ich halte die ganze Zeit Kontakt, ich verpasse nichts." Darum kümmert er sich auch lieber um seine anderen Geschäfte und möchte nicht mehr in der Königsklasse involviert sein: "Es gibt keinen Grund für mich, in die Formel 1 zurückzukehren."

Fotoquelle: xpb.cc

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