Sebastian Vettel empfindet in Monaco eine besondere Faszination

Formel 1 2013

— 22.05.2013

Vettel: Von Leitplanken und Holzlatten

Weltmeister Sebastian Vettel über die besondere Faszination in Monaco und die anhaltende Reifendiskussion: "Auch die Lotus-Piloten klagen"



Vor dem Grand Prix von Monaco sind nicht Glanz, Glamour und Showstars im Mittelpunkt des Interesses, sondern die schwarzen Walzen von Pirelli. Die große Frage ist: Wie wirken sich die fragilen Pneus beim Rennen im Fürstentum aus. Für eine Einschätzung dessen ist es vor den ersten Trainings am Donnerstag noch zu früh, meint Sebastian Vettel. Der amtierende Champion fand am Mittwoch in Monaco jedoch klare Worte für die aktuelle Situation.

Frage: "Sebastian, welches ist aus deiner Sicht die aufregendste Passage in Monaco?"
Sebastian Vettel: "Vielleicht dort, wo man um das Casino herumkommt, praktisch die Links-Rechts-Passage. Dort hat man noch viel Speed drauf. Im Vergleich zu den anderen Kurven ist man dort erheblich schneller. Hinzu kommt, dass es im siebten Gang über die Kuppe geht. Im ersten Moment sieht man gar nichts. Das ist immer wieder eine Herausforderung. Natürlich weiß man, was danach kommt, aber trotzdem muss man sich immer wieder überwinden. Vor allem im Qualifying."

"Es ist nicht unbedingt die Stelle, wo man die meiste Zeit verlieren oder gutmachen kann. Da gibt es andere Passagen, die technisch etwas anspruchsvoller sind. Zum Beispiel die Spitzkehre und die beiden Rechtskurven danach, um wieder in den Tunnel zu kommen. Auch die beiden Schikanen am Schwimmbad sind die Schlüsselstellen, wenn man auf die Rundenzeit schaut."

Monaco und die Alternative Leitplanke

Frage: "Du sprichst von Überwindung: Ist die Sicherheit auf dieser Strecke bei euch Piloten ein Thema?"
Vettel: "Ein gewisses Risiko fährt immer mit. Das wird man nie rauskriegen können. Dass die Formel 1 gefährlicher ist als viele andere Sportarten, wird immer so sein. Man hat in den zurückliegenden Jahren viel gemacht. Nicht nur generell in der Formel 1 und an den Strecken, sondern speziell auch hier in Monaco, um es sicherer zu machen. Aber ein gewisses Risiko wird immer vorhanden sein. Ich denke nicht, dass die Strecke unsicher ist. Zu einem gewissen Teil gehört es auch dazu."

"Man versucht es jedes Jahr etwas weiter zu verbessern, aber ganz entschärfen wird man es nicht können. Soll man auch nicht, denn es würde sonst den Reiz verlieren. Wenn wir hier alle mit 30 km/h herumfahren würden, dann wäre das kein Spektakel. Es ist schön, dass die Autos schnell und laut sind. Natürlich hofft man immer, dass nichts passiert. Man tut abseits der Strecke viel, um es sicherer zu gestalten. Ich fühle mich nicht unsicher, wenn ich einsteige."

Frage: "Wenn du hier ins Auto steigst, inwiefern fühlt sich das anders an als auf anderen Strecken?"
Vettel: "Zunächst einmal ist es ein Straßenkurs. Das ist immer besonders, weil man praktisch keinen Platz für Fehler hat. Nicht nur, weil es keinen Auslaufzonen gibt, sondern weil es im Prinzip nur eine Linie gibt. Wenn man die nicht trifft, wenn man etwas zu schnell ist oder etwas zu spät auf der Bremse, dann kommst du auf jenen Teil der Strecke, der nicht so viel Grip hat. Dann gibt es nur noch eine Alternative. Die heißt Leitplanke."

"Das versucht man natürlich zu vermeiden. Ansonsten zeichnet sich die Strecke dadurch aus, dass es viel bergauf und bergab geht. Das sieht man im TV gar nicht so. Jeder, der mal hier war und die Strecke vom Start hoch zum Casino gegangen ist weiß, dass es dort ziemlich hoch geht. Wenn man dort mal in die Hocke geht, dann kann man sich vorstellen, dass man nichts sieht, wenn man oben ankommt. Es gibt ein paar Stellen, wo das so ist. Das ist das Besondere."

Keine Langeweile im Cockpit

Frage: "Es heißt immer, dass der Fahrer hier mehr den Unterschied ausmachen kann. Wie sehr fällt das ins Gewicht?"
Vettel: "Gerade hier steht der Fahrer in gewisser Weise mehr im Vordergrund. Die Linienwahl ist extrem wichtig, welches Risiko man in Kauf nimmt und inwieweit man sich jedes Mal überwindet. Gerade im Qualifying, wenn man alles herausquetschen will und der Reifen optimalen Grip bietet. Das nun prozentual im Vergleich zu anderen Strecken zu bemessen, ist vielleicht nicht möglich. Ich glaube aber schon, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Fahrern hier größer sind - oder größer sein können. Allein aufgrund der Tatsache, dass man sich im Auto wohlfühlt. Dann kann man hier mehr herausholen als anderswo."

Frage: "Ist der mentale Stress hier wirklich größer als anderswo?"
Vettel: "Es ist halt so wie auf allen Straßenkursen. Wenn man jetzt von mentalem Stress spricht, dann ist Singapur die Strecke, die sich diesbezüglich am meisten hervorhebt. Dort geht es extrem lang. Das Rennen ist dort jedes Jahr zwei Stunden lang. Es wird dort bei Nacht gefahren, was auch noch einmal ein Unterschied ist - mit künstlichem Licht und nicht normalem Tageslicht."

"Generell ist auf Straßenkursen die Belastung für den Geist größer, man hat mehr Stress und weniger Zeit, sich auszuruhen, weil die nächste Kurve schneller kommt. Gleichzeitig ist die Belastung für den Körper nicht so hoch. Man hat weniger Geschwindigkeit in den Kurven, geringere Kräfte, die auf einen einwirken. Von daher ist es einfacher, aber insgesamt trotzdem anstrengend, weil es ständig etwas zu tun gibt. Man muss ständig hoch- und runterschalten, es geht immer recht und links - es wird nicht langweilig."

Frage: "Ist ein Sieg hier mehr wert als auf anderen Strecken?"
Vettel: "Wenn man die Punkte betrachtet, dann natürlich nicht. Aber es ist ein sehr emotionsgeladener Grand Prix mit solch großartiger Geschichte. Wenn man sich hier umschaut, dann ist das schon spektakulär. Wenn man hierher kommt, dann ist klar, dass es eines der besten Rennen ist, die wir haben."

"Wenn es um Rennen und Überholen geht, dann ist es wahrscheinlich der schlechteste Ort, den man sich vorstellen kann Dennoch ist es ein fantastischer Grand Prix. Die Strecke ist anspruchsvoll, der Fahrer spielt hier eine wichtigere Rolle als anderswo. Der Rhythmus ist wichtig, das Vertrauen in dein Auto. Es stimmt schon: Ein Sieg schmeckt hier noch süßer als an anderen Orten."

Hamilton und Rosberg als Favoriten

Frage: "Die ersten fünf Rennen sind vorbei. Wie fällt die Bilanz aus?"
Vettel: "Es gibt allerhand Positives. Die Ergebnisse waren bis jetzt sehr konstant und sehr gut. Ich denke, wir können mit den bisher zwei Siegen zufrieden sein. Natürlich gibt es bei den Rennen, die nicht ganz so gut gelaufen sind, immer etwas. Ich würde das aber nicht automatisch als negativ bezeichnen. Die Rennen auf den vierten Plätzen und auf dem dritten Rang waren insgesamt auch sehr stark. Wir haben jeweils das Optimum herausgeholt."

"Natürlich gibt es dennoch einiges zu tun. Der Umgang mit den Reifen ist immer sehr wichtig, gerade auf jenen Strecken, wo die Reifen sehr strapaziert werden. Das wird vielleicht an diesem Wochenende hier in Monaco etwas weniger der Fall sein. Wir müssen es mal abwarten. Es gibt diesbezüglich aber noch viele Dinge, die wir verstehen müssen, weil der Reifen nicht jedes Mal das gleiche Problem hat, sondern er sich auf jeder Strecke anders anfühlt und anders reagiert. Da liegt das größte Steigerungspotenzial."

Frage: "Die Mercedes-Piloten werden hier als Favoriten gehandelt - zumindest für die Pole-Position. Ist die Startposition hier vor dem Hintergrund der fragilen Reifen immer noch so wichtig wie früher?"
Vettel: "Ich kann das schon nachvollziehen, dass man Lewis und Nico hier zu den Favoriten zählt. Die hatten in den vergangenen Rennen ein beeindruckendes Tempo im Qualifying. Wir wissen, dass es in Monaco sehr wichtig ist, möglichst weit vorne zu starten. Es ist derzeit kaum abzuschätzen, wie wichtig die Reifen hier sein werden und wie lange sie halten. Wenn sie haltbar sind, dann sind sie kaum entscheidend."

"Wenn aber jemand Probleme bekommt, dann kann das bedeuten, dass die Pole-Position nicht alles ist. Es ist aber kein Geheimnis: In Monaco brauchst du möglichst freie Runden ohne Verkehr, weil Überholen hier schwierig ist. Ich bin sicher, dass alle auf die Pole aus sind. Mercedes war halt in den vergangenen Wochen in dieser Disziplin sehr stark. Hier ist es wichtig, dass du in einen guten Rhythmus kommst. Wenn uns das gelingt, dann könnten auch wir gute Chancen haben. Wie gut diese Chancen ausfallen werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich muss morgen mal ins Auto steigen und ein erstes Gefühl aufbauen."

Wenn der Skifahrer Holz bekommt

Frage: "Dietrich Mateschitz (Red-Bull-Besitzer; Anm. d. Red.) hat gesagt, es sei derzeit kein Rennsport mehr, sondern ein Wettbewerb im Reifenschonen. Stimmst du zu?"
Vettel: "Er war in Barcelona und hat dort auch bisschen über die Reifen gequatscht. Es gab viele Diskussionen nach den ersten Rennen des Jahres. Vor allem nach jenen Rennen, wo die meisten Leute Probleme mit den Reifen hatten. Man muss den Menschen klarmachen, dass wir bei Problemen mit den Pneus - und das betrifft nicht nur uns - ein ganz anderes Fahren haben als wie es gewohnt sind. Und ganz anders als wir es eigentlich mögen."

"Mir fällt jetzt gerade kein passender Vergleich ein. Wir haben einen Punkt erreicht, wo alles sehr technisch bestimmt ist. Man muss als Fahrer immer noch die gleichen Fähigkeiten einbringen wie zuvor, wie in vielen zurückliegenden Jahren. Die Technik ist immer wichtiger geworden. Die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren ist enorm wichtig. Nehmen wir mal den Skisport. Das aktuelle Material lässt hohe Kurvengeschwindigkeiten zu. Man muss dafür mutig genug, stark genug sein und man muss Fahren können. Jetzt stelle man sich vor, man führt von einem Jahr auf das andere Skier aus Holz ein. Plötzlich wären vielleicht Leute vorne, die sonst nicht dort waren."

"Das heißt nicht, dass bei uns nun Fahrer vorne dabei sind, die dort nicht sein sollten. Der Sport hat sich erheblich verändert, die Rennen sind komplett anders. Wenn du heutzutage Reifenprobleme hast und die Pneus schonen musst, dann musst du ganz anders fahren. Wo es früher Überholduelle gab, da winkst du heute Leute durch. Alles nur, um deinen Reifen nicht zu sehr zu strapazieren. Man versucht, sein eigenes Rennen so schnell wie möglich zu absolvieren. Das ist aber doch nicht die Idee, die man Racing nennt. Das war jetzt vielleicht eine etwas komplizierte Antwort. Aber es ist wichtig, dass alle verstehen, wie sehr sich das Rennfahren mit diesen Reifen für uns verändert hat."

Frage: "Die Reifen sollten verändert werden, um die Zahl der Boxenstopps wieder zu reduzieren. Aber die FIA lässt nur eine Änderung im Sinne der Sicherheit zu. Sind deine Hoffnungen somit geplatzt?"
Vettel: "Es liegt nicht in unserer Entscheidungsgewalt. Die Sicherheit spielt aber sicherlich auch eine Rolle. Ich will niemanden schlechtreden, aber da hat manchmal jemand in Sachen Sicherheit einen schlechten Job gemacht. Wir haben gesehen, dass sich Laufflächen komplett abgelöst haben. Zum Glück ist dort nichts passiert."

"Es war nicht so, dass dort Piloten über Trümmerteile gefahren waren, sondern es lag daran, dass die Reifen nicht gut genug waren. Das kann doch nicht sicher sein. Es liegen jede Menge Gummistücke herum. Auch das kann in gewisser Weise gefährlich sein. Es gibt bestimmte Dinge, auf die wir achten sollten. Ein heftiger Abflug ist das Letzte, was wir sehen möchten. Wenn du hier auf die Schikane zufliegst, dann geht dir ein Reifen kaputt - so etwas will doch niemand erleben."

Auch Lotus-Piloten klagen über Reifen?

Frage: "Du bist in der Fahrerwertung vorn, Red Bull führt die Konstrukteurswertung an. Eigentlich gibt es doch keinen Grund, sich zu beklagen, oder?"
Vettel: "Naja, das ist die Situation: Wenn Journalisten die Wahl haben, zu einem gewissen Thema einen Red-Bull-Fahrer oder einen Piloten von - sagen wir mal - Marussia zu zitieren, dann nehmen sie meistens Red Bull. Dabei denken viele Fahrer gleich. Das hören wir auch immer wieder in den gemeinsamen Besprechungen. Wenn man jetzt auf Lotus zeigt und sagt, dass die das beste Auto für diese Art von Reifen haben, dann werden sich auch deren Piloten über die Pneus beschweren. Die haben das gleiche Problem wie wir, einfach nur in einem geringeren Ausmaß. Das alles heißt doch nicht, dass sich außer uns niemand aufregt."

Frage: "Vor zwei Jahren gab es hier einen Reifenkrimi, wo du dich ebenso wie Fernando Alonso gegen Jenson Button wehren musstest. Wie war das damals?"
Vettel: "Das war wirklich ein besonderes Rennen, besonders wegen unserer Strategie. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Details, aber wir hätten das Rennen damals eigentlich nicht gewinnen können. Wir haben es damals mit einem Stopp versucht, was niemand für möglich gehalten hätte. Ich konnte aber meine Reifen ganz gut schonen."

"Die letzten Runden waren ziemlich aufregend, als Jenson und Fernando hinter mir lagen. Überholen ist hier schwierig. Man kann es sich durchaus erlauben, ein ganzes Stück langsamer zu sein, ohne dass Leute an dir vorbeikommen. Am Ende gab es das Safety-Car, was es uns ermöglichte, fast neue Reifen zu holen. Das waren schon besondere Umstände damals."

Frage: "Auf wen schaust du hier in erster Linie? Auf deinen Teamkollegen Mark Webber?"
Vettel: "Ich habe immer alle im Blick. Aber natürlich ist es bei Mark so, dass wir für das gleiche Team fahren. Er war hier in Monaco immer besonders stark. Wenn man die vergangenen drei Jahre nimmt, dann war er hier richtig gut. Er ist hier schnell, das ist mir klar. Er wird mich bestimmt sehr fordern, aber ich werde das gleiche Ziel haben wie immer. Ich will mich möglichst weit vorne qualifizieren - mal sehen. Der Fahrer macht hier einen größeren Unterschied. Wenn hier alles passt, dann kannst du hier alle hinter dir lassen. In dieses Fenster wollen wir uns alle bewegen."

Dortmund ist näher als München

Frage: "Ist ein Sieg in Monaco wie ein Championsleague-Sieg? Und wie fällt dein Tipp für das Fußballfinale in Wembley aus?"
Vettel: "Ich weiß nicht, ob es vergleichbar ist. Es ist ein Rennen unter vielen. Es zeichnet sich aber dennoch dadurch aus, dass es etwas Besonderes ist. Das ist vielleicht nicht mit einem Spiel der Championsleague vergleichbar. Vielleicht eher mit dem Weltpokal, oder mit dem Spiel zwischen Meister und Pokalsieger vor dem Start der neuen Saison. Mein Tipp: Ich denke, dass die Bayern unheimlich stark sind - nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf dem Platz. Aber ich glaube, dass die Dortmunder es schaffen können."

"Ich drücke den Dortmundern einen Tick mehr die Daumen. Einen deutschen Sieger wird es ohnehin geben, was natürlich fantastisch ist - gerade nach den vergangenen drei Jahren. Ich drücke Dortmund die Daumen. Frankfurt ist ja leider - noch - nicht dabei. Da müssen wir noch ein wenig warten, deshalb gebe ich diesmal Dortmund den Vorzug."

Fotoquelle: xpbimages.com

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