Mark Webber hat die Nase voll von den derzeit so unberechenbaren Rennen

Formel 1 2013

— 22.05.2013

Keine Lust mehr: Webber wünscht sich echtes Racing

Mark Webber hat die Nase voll von den aktuellen Roulette-Rennen und sieht das Problem aus der Formel 1 langsam auch in die Nachwuchsformeln durchsickern



Mark Webber ist bekannt dafür, sich selten ein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es darum geht, seine Meinung zu äußern, und dass er mit seinen 36 Jahren eher zu den Racern der alten Schule gehört als zur Generation Computer-Kids, versteht sich von selbst. So ist es auch kein Wunder, dass er wenig Freude hat mit den aktuellen Formel-1-Rennen, die vor allem viele Traditionalisten eher an Roulette-Runden im Casino erinnern als an hart umkämpfte Autorennen - getreu dem Motto: Auf wen die Pirelli-Kugel heute fällt, der nimmt den Jackpot mit nach Hause!

Die Fahrer müssen sich teilweise künstlich einbremsen, um die Reifen nicht zu schnell zu verschleißen, und gehen in den Rennen schon lange nicht mehr ans Limit. "Seit Jahren nicht mehr", präzisiert McLaren-Pilot Jenson Button. 2011 kam Pirelli als neuer Reifenhersteller in die Formel 1 und trat das Erbe von Bridgestone an - und hatte man den Japanern noch nachgesagt, dass ihre Reifen zu lange halten und langweilige Rennen produzieren, so wirft man Pirelli nun vor, den Faktor künstliche Show völlig überspannt zu haben.

In Barcelona führte das zu 77 Boxenstopps - sogar Sieger Fernando Alonso musste viermal reinkommen, um seine Pneus zu wechseln. "Es ist jedes Wochenende das große Thema", seufzt Webber, dem deutlich anzusehen ist, dass er lieber über andere Dinge sprechen würde. Für ihn reduziert der Faktor Unberechenbarkeit den sportlichen Wert der Rennen: "Sebastian hat in Bahrain gewonnen, aber haben wir uns danach hingesetzt und gesagt, dass wir die Reifen jetzt voll verstehen? Absolut nicht. Wir hatten keine Ahnung, warum wir im Rennen so konkurrenzfähig waren."

Keine Ahnung warum, aber plötzlich schnell

"Drittes Training in Malaysia: Wir haben keinen Plan, was wir mit dem Auto für das Rennen machen sollen - und wir waren im Nirgendwo, die Longruns waren fürchterlich. Und dann werden wir im Rennen Erster und Zweiter", schildert der Red-Bull-Pilot, der zumindest eine Ahnung hat, was den Umschwung bewirkt haben könnte: "Vom dritten Training bis zum Rennen nahm die Streckentemperatur um sechs oder sieben Grad zu. Um die Frage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese Reifen im Griff hat. Ferrari hatte halt ein paar gute Ergebnisse." Und ist deshalb gegen eine Einführung neuer Reifen ab Kanada.

Die Spielregeln während des Spiels zu ändern, so argumentiert neben Ferrari auch noch Lotus (und damit jene Teams, die die Reifen im Rennen derzeit am besten im Griff zu haben scheinen), sei des Grand-Prix-Sports unwürdig. Das kann Webber sogar bis zu einem gewissen Grad verstehen: "Ob man die Reifen jetzt ändern sollte oder später, das ist eine ganz andere Frage", aber: "Momentan haben wir kein Rennen im Sinn von Autorennen, bei dem man sich gegenseitig für die Position Druck macht und am Limit fährt. Es ist reines Entertainment - und dagegen müssen wir etwas machen."

Die "neue Formel 1" mit (auf Wunsch von Bernie Ecclestone und den Teams) besonders progressiven Pirelli-Reifen und dem Klappflügel DRS hat das Ziel, Rennen mit mehr Überholmanövern zu generieren, hundertprozentig erreicht. Allerdings stören sich traditionsbewusste Fans daran, dass ein Überholmanöver nichts mehr wert ist, wenn der Hintermann nur das Knöpfchen drücken und sich auf den besseren Grip seiner Reifen verlassen muss. Manöver, bei denen der Attackierende das Herz in die Hand nehmen muss, sieht man kaum noch.

Räikkönen in Melbourne: Sieger ohne Zweikämpfe

"Kimi ist in Melbourne sein eigenes Rennen gefahren. Er hat wahrscheinlich kein einziges Auto richtig überholt, aber dann kommt die karierte Flagge und er gewinnt", moniert Webber. "Dass Fernando Kimi überholt und die Führung im spanischen Grand Prix übernommen hat, war kein Ereignis. Dass Sebastian und Fernando in Schanghai gekämpft haben, war auch nicht besonders spannend anzusehen. Wir müssen einen Kompromiss für die Fans und die Fahrer finden, denn im Moment ist der Bogen überspannt."

Ausgerechnet beim Grand Prix von Monaco, früher wegen der praktisch nicht vorhandenen Überholmöglichkeiten meistens eine Prozession von der ersten bis zur letzten Runde, könnte die Situation jedoch etwas besser sein: "Hier ist es vielleicht ein bisschen leichter, weil du von hinten weniger Druck hast. Wenn du in Barcelona oder Schanghai Reifen schonen willst, zieht der Hintermann mit DRS gleich vorbei. Hier ist das anders: Hier kann man die Reifen schonen und trotzdem versuchen, die Position zu verteidigen", erklärt Webber.

"Jeder Fahrer wird sagen, dass der Reifenkrieg und das Nachtanken sehr aufregende Zeiten waren, aber das Überholen war halt schwierig. Wir müssen uns wieder ein bisschen mehr ums Racing kümmern", fordert er und sieht ein, dass es "keine perfekte Balance" gibt, an der man sich orientieren könnte. Grundsätzlich sei die Welt vor drei Jahren aber noch eher in Ordnung gewesen: "2010 haben wir auch Reifen geschont, ja, aber es war keineswegs eine langweilige Weltmeisterschaft - ganz im Gegenteil, sie war vielleicht genauso spannend wie 1986."

Unberechenbarkeit raubt sportliche Wertigkeit

"Jeder Grand-Prix-Fahrer sagt natürlich, dass es frustrierend ist, über die volle Distanz hinter einem Gegner festzusitzen - das macht keinen Spaß. Andererseits bin ich 2011 in Schanghai an Jungs wie Lewis und Fernando problemlos vorbeigezogen, weil ich zweieinhalb Sekunden pro Runde schneller war, nachdem ich das Qualifying verpatzt hatte. Das kann nicht richtig sein", erinnert sich der Red-Bull-Pilot und ergänzt: "Dass ein Lewis Hamilton in der fünften Runde in Barcelona praktisch gleichauf mit Fernando ist und dann überrundet wird, finde ich persönlich nicht richtig."

Und noch etwas liegt ihm am Herzen: "Nicht nur in der Formel 1, sondern es ist sehr wichtig, dass wir auch die Nachwuchsformeln nicht vergessen. Die jungen Fahrer haben momentan keine Chance, das zu zeigen, was sie können. Das sollte aber die Grundlage sein, dass die jungen Talente ihre Autos am Limit bewegen und konstant schnell fahren. Ein Alex Ferguson will bei Manchester United einen beständigen 16- oder 17-jährigen Fußballer sehen. Aber das in den Nachwuchsformeln derzeit zu erkennen, ist fast unmöglich."

Webber muss wissen, wovon er spricht, schließlich betreibt er gemeinsam mit Red-Bull-Teamchef Christian Horner das MW-Arden-GP3-Team. Sein großes Problem als Talentscout: GP2 und GP3 orientieren sich in Sachen Reifen stark an der Formel 1, werden ebenfalls von Pirelli beliefert - aber ein Nachwuchstalent ist nicht der, der am besten die Reifen schont, sondern der, der am schnellsten Autofahren kann. Und Formel-1-Weltmeister soll laut Webber auch nicht der beste Reifenschoner werden, sondern der schnellste Autofahrer...

Fotoquelle: xpbimages.com

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