Die Reifen sind seit Monaten ein heißes Thema in der Formel 1

Formel 1 2013

— 24.05.2013

Wann verliert Pirelli die Geduld?

Pirelli ist ins Zentrum von viel Kritik gerückt - In turbulenten Zeiten lässt ein neuer Vertrag auf sich warten: Wie lange spielen die Italiener noch mit?



Pirelli ist derzeit in einer sehr undankbaren Situation. Die Italiener, die nach der Formel-1-Rückkehr 2011 den klaren Auftrag bekommen hatten, mit weichen und fragilen Pneus für mehr Show zu sorgen, müssen aktuell reichlich Kritik einstecken. Immer wieder heißt es aus Reihen von Teams und Fahrern, die Reifen der Generation 2013 seien "nicht gut genug", oder sie seien sogar ein Sicherheitsrisiko. Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery eilt derzeit von Brandherd zu Brandherd, um die züngelnden Flammen zu löschen.

Abseits aller Debatten um die Haltbarkeit der aktuellen Reifengeneration laufen im Hintergrund die Verhandlungen um eine Verlängerung des Zulieferervertrages von Pirelli. Die Italiener sollen auch 2014 weiterhin Exklusivausrüster der Königsklasse sein. Eine entsprechende Vereinbarung mit allen Teams lässt allerdings auf sich warten. Spätestens zum 1. September müssten die Spezifikationen für das kommende Jahr vorliegen. Die Zeit drängt also.

Seit Monaten wird Hembery in seinen Verhandlungen um neue Vereinbarungen für die Zeit ab 2014 vertröstet. Man gewinnt den Eindruck, dass der Geduldsfaden beim Briten und beim gesamten Unternehmen Pirelli bald reißen wird. "Wir müssen den Teams bis September alle wichtigen Dinge über die Reifen liefern, die wir nächstes Jahr verwenden möchten. Jetzt haben wir schon Mitte Mai. Man kann sich vorstellen, wie lächerlich es ist, dass es bis heute nicht nicht einmal Verträge für 2014 gibt", sagt Hembery.

Pirelli droht mit Ausstieg

"Vielleicht sind wir aber auch gar nicht mehr dabei", meint der Brite mit einem Lächeln. Die Mundwinkel gehen nach oben, aber die Augen von Hembery lachen beim Ausspruch dieser Worte nicht wirklich mit. Es wird klar: Bei allem Humor steckt doch ein Funken Wahrheit mit in dieser Ansage - ein freundlicher Warnschuss in ungemütlichen Zeiten. "Es sind schon wieder zwei Wochen ins Land gezogen und nichts ist passiert. Irgendwann kommt ein Punkt, wo man entscheiden muss."

Pirelli verspürt enormen Druck. Die Reifen für 2014 müssen konzipiert werden. Dies ist mit großem Aufwand verbunden, da im kommenden Jahr ein völlig neues Reglement in der Formel 1 gilt. "Es ist nicht so, dass wir der aktuellen Konstruktion einfach härtere Mischungen verpassen können, sondern das erfordert einen gründlichen Umbau unseres Reifens. Je länger es dauert, desto schwieriger wird unsere Aufgabe - und irgendwann erreichen wir vielleicht einen Punkt, wo wir es gut sein lassen", unterstreicht Hembery.

"Die machen so lange herum, bis Pirelli keine Lust mehr hat und aufhört. Und was passiert dann? Die Formel 1 findet so kurz vor Torschluss keinen Ersatz mehr. Dann kann Bernie seine alten Avon-Reifen hervorkramen", malt Ex-Formel-1-Pilot Johnny Herbert ein düsteres Bild von der aktuellen Situation. Die Gefahren für Pirelli sind groß. Schon jetzt steht man im Zentrum der Kritik, 2014 könnte es noch schlimmer werden.

2014: Kein Vertrag, keine Testmöglichkeit

Je später die Spezifikationen für 2014 erarbeitet werden können, desto größer ist die Gefahr, dass die Teams nicht mit den neuen Reifen zufrieden sein werden. "Die Veränderungen im Reglement sind dramatisch. Die Leistungsentfaltung der Motoren wird sich verändern, die Höchstgeschwindigkeiten werden anders sein und die aerodynamischen Kräfte erst recht", sagt Hembery. "Die Frage ist zum Beispiel, welche Reifengröße wir verwenden sollten. Mit weniger Abtrieb könnte es sein, dass wir breitere Pneus brauchen, um ausreichend Grip zu bekommen. Sonst riskieren wir, dass die Räder zu stark durchdrehen."

"Wenn man jetzt zu den Teams geht und sie nach den Anforderungen für 2014 fragt, dann bekommt man elf verschiedene Antworten", erklärt der Pirelli-Motorsportchef jenes Dilemma, in dem der Reifenhersteller steckt. Eine Vertragsverlängerung ist von Bernie Ecclestone gewünscht, gestaltet sich aber in den Verhandlungen mit den Teams als schwierig. Alle Seiten haben eigene Forderungen - auch Pirelli. Die Italiener pochen beispielsweise auf einen veränderten Testplan.

Vor der Saison 2013 ergab sich bei den Wintertests in Spanien ein "schiefes" Bild. Bei kühlen Temperaturen in Jerez und Barcelona arbeiteten die Reifen anders als anschließend bei den ersten Grands Prix des Jahres in Australien, Malaysia und China - ein Schock für einige Teams. Daher fordert Hembery ein Umdenken. Ab 2014 soll vor dem Start in die Saison auch in wärmeren Gefilden getestet werden - in Abu Dhabi, Bahrain, Dubai oder Katar.

Pirelli will die Sonne sehen

"Wenn wir in diesem Winter in wärmeren Regionen getestet hätten, dann wären einige der aktuellen Probleme schon vom Tisch", meint Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost. "Ich hoffe sehr, dass wir in den kommenden Jahren vernünftige Tests absolvieren werden, bei Bedingungen, die wir auch an Rennwochenenden antreffen. Dann könnte Pirelli bei etwaigen Problemen sofort reagieren und uns eine ordentliche Lösung präsentieren."

Die Wurzel des Test-Übels liegt sogar noch tiefer. Pirelli konnte die Reifen vor Beginn einer Saison bislang nur an Altwagen testen. Vor dem Formel-1-Einstieg 2011 bekamen die Italiener den Toyota des Jahrgangs 2009 für Testfahrten, zwischenzeitlich kaufte man einen HRT, seit 2012 testet man mit einem Renault aus der Saison 2010, der mit veränderter Aerodynamik und Mechanik ausgestattet wurde. Und genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister.

Hinter vorgehaltener Hand wird immer wieder gemutmaßt, dass Lotus seine aktuelle Stärke genau aus jener Tatsache bezieht, dass Pirelli die Reifen mit einem Renault - also einem Vorgänger des aktuellen Lotus E21 - entwickelt hat. "Das ist ein ernsthaftes Problem und eine Situation, mit der sicherlich niemals alle zufrieden sein können", erklärt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. "Das kann sich nur dann ändern, wenn das Testverbot fällt und wir alle wieder gemeinsam Probefahrten machen können."

"Es ist eben schwierig, weil sich die verschiedenen Autos eben unterschiedlich verhalten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass alle Teams eine Einigung erzielen in der Form, dass wir alle zusammenschmeißen und ein Testauto für Pirelli finanzieren. Das würde mich zumindest sehr überraschen", erklärt der Brite. Einen solchen Plan gibt es allerdings. Um Neutralität gewährleisten zu können und Gerüchten um mögliche Vorteile eines Teams (in diesem Fall Lotus) vorzubeugen, könnte ein Testauto von beispielsweise Dallara gebaut werden.

Lotus-Vorteil durch Renault-Testauto?

"Es ist schwierig, da einen Konsens zu finden", meint auch Lotus-Besitzer Gerard Lopez. "Als wir vorgeschlagen haben, dass man den alten Renault für Reifentests nutzt, waren alle einverstanden. Plötzlich heißt es jedoch, dass dies das Geheimnis auf dem Weg zur guter Reifennutzung unsererseits sei. Ich möchte betonen, dass die beiden Fahrzeuge nichts miteinander gemein haben. Kaum möglich, eine Lösung zu finden, mit der alle leben können. Vielleicht ist tatsächlich der Freitag die Lösung."

"Wir sollten wirklich den Freitagmorgen nutzen", sagt Tost. Der Toro-Rosso-Teamchef erklärt: "Die erste halbe Stunde der ersten Session könnte man für Reifentests verwenden. Das wäre auch für die Zuschauer interessant. Eine halbe Stunde lang werden neue Reifen ausprobiert. Diesen Vorschlag mache ich seit zwei Jahren immer wieder." Man könne diesen Ansatz sogar noch verfeinern, meint Force-India-Vizeteamchef Robert Fernley: "Man könnte junge Nachwuchsfahrer ins Auto setzen. Dann schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe."

"Es muss einfach besser werden", betont Hembery. "Die Teams sind in ihren Möglichkeiten begrenzt. Die Testteams sind aus guten Gründen abgeschafft worden. Aber mittelfristig könnte es ein guter Ansatz sein, beispielsweise nach einem Grand-Prix-Wochenende noch am Schauplatz zu bleiben und dort zu testen. Das wäre aus unserer Sicht sehr wertvoll." Zumindest seien die dort erzielten Ergebnisse und gewonnenen Daten endlich einmal realistisch.

"Mit unserem aktuellen Testauto fahren wir Rundenzeiten, die etwa drei bis vier Sekunden langsamer sind als jene der modernen Formel-1-Autos. Da ist es dort klar, dass die Reifen beim Test nicht so sehr belastet werden wie am Rennwochenende. Es gibt da leider keine optimale Lösung", sagt der Brite. Mit Blick auf 2014 fügt er an: "Sollten wir dann noch dabei sein, dann haben wir ein anderes Problem. Die neuen Autos sind komplett anders und es gibt kein Fahrzeug - auch nicht eines der diesjährigen Saison -, das annähernd die Bedingungen des kommenden Jahres darstellt. Es wird ein Schuss ins Dunkle. Da müssen wir vorsichtig sein."

Fotoquelle: xpbimages.com

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