Nick Heidfeld weiß, dass man manchmal Grauzonen ausloten muss

Formel 1 2013

— 07.06.2013

Heidfeld: "Ein cleverer Schachzug ist manchmal nötig"

Nick Heidfeld spricht über die Geheimtest-Affäre von Mercedes und Pirelli, und kann sich eine Strafe für die Silberpfeile vorstellen: "Sie können nicht blindlings handeln"



Am Thema Pirelli und Mercedes-Test kann man sich derzeit leicht die Finger verbrennen. Keiner weiß etwas Genaues, aber jeder hat eine Meinung über das Geschehen und will diese auch kundtun. Während manche die Silberpfeile verteidigen, stellen sich andere gegen den Test. Zu jenen, die die Ansicht der gegnerischen Teams verstehen können, gesellt sich nun auch Nick Heidfeld, der im Spätherbst seiner Formel-1-Karriere selbst einmal für das Mercedes-Team tätig war - als Testfahrer.

Der Deutsche spricht bei 'spox.com' von einer außergewöhnlichen Situation. "Keinem wird das gefallen. Nicht nur Red Bull oder der Scuderia", glaubt der ehemalige Grand-Prix-Pilot. "Für die kleineren Rennställe wie Lotus oder Force India, die mit den Begebenheiten bestens zurecht kommen, ist das ärgerlich." Ihn verwundere aber, wie lange es gedauert hat, bis all das öffentlich wurde. "Normalerweise bekommt die Konkurrenz sofort Wind davon, wenn etwas im Hintergrund geschieht", weiß Heidfeld.

Trotz dröhnender Motoren und silbernen Trucks, die die Strecke nach dem Großen Preis von Spanien nicht verlassen haben sollen, ist der Test bis zum Monaco-Wochenende geheim geblieben. Heidfeld übt sich in Erklärungsversuchen: "Von den teilnehmenden Parteien, sprich Pirelli und Mercedes, wurde vermutlich bewusst darauf geachtet, es möglichst geheim zu halten. Obwohl an einem solchen Projekt zahlreiche Mitarbeiter beteiligt sind", so der 36-Jährige.

"Von Anwohnern oder schaulustigen Zuschauern hätte ich gedacht, dass via 'Twitter' oder 'Facebook' erste Bilder auftauchen." Doch dem war vorerst nicht so. Erst später gelangten sogenannte Spyshots über den Test in Barcelona durch 'Motorsport-Total.com' an die Öffentlichkeit. Und während die Experten immer noch über die Legalität dieser Aktion streiten, muss sich nun das Internationale Tribunal damit befassen.

Heidfeld unsicher über Legalität

Viele rechnen mit einer drastischen Strafe für Mercedes, im Team selbst geht man davon aus, dass alles rechtmäßig ablief. Auch Heidfeld ist sich unsicher, ob der Test nun erlaubt war oder nicht: "Pirelli-Chef Paul Hembery sagte, dass im letzten Jahr alle Teams gefragt wurden. Da wäre noch nicht mal von allen eine Antwort gekommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wer in der Formel 1 absagen würde, wenn es regeltechnisch zweifelsfrei wäre", geht der Deutsche davon aus, dass die Silberpfeile noch Probleme bekommen werden.

Und er legt nach: "Sowohl Mercedes als auch Pirelli können nicht blindlings handeln. Sie glauben, aus dieser Sache herauszukommen. Andernfalls hätten sie nicht so gehandelt. In dem Business bewegt man sich oftmals in Grauzonen. Und da treffen bekanntlich verschiedene Meinungen aufeinander." Verschiedene Meinungen gibt es im Übrigen auch darüber, ob Mercedes nun einen Vorteil aus den 1.000 Kilometer gezogen hat. Red-Bull-Technikchef Adrian Newey gab an, dass sein Team in diesem Rahmen eine Sekunde gefunden hätte.

Diese Angabe hält Heidfeld für übertrieben, dennoch sei es für ihn zweifelsfrei, dass das Team aus Brackley einen signifikanten Vorteil daraus ziehen konnte: "Mercedes konnte sich einen Vorteil verschaffen. Ob erlaubt oder nicht - das war mit Sicherheit nicht im Sinne der Fairness", urteilt er, verteidigt Mercedes im gleichen Atemzug aber auch: "Ein cleverer Schachzug ist in der Formel 1 manchmal nötig. Man muss als Rennstall hinter den Kulissen gute Kontakte zu den relevanten Personen pflegen. Das hat man offensichtlich geschafft."

Vorteil schon in Monte Carlo sichtbar?

Sollte Mercedes auch in Kanada wieder siegreich sein, kann sich das Team wohl auf noch mehr Diskussionen einstellen. In Monaco konnte man den Erfolg noch damit verkaufen, dass man in der Qualifikation schon vorher gut war, und Überholen im Fürstentum unmöglich ist. Doch Heidfeld will auch in den Straßen von Monte Carlo schon gesehen haben, dass Nico Rosberg und Lewis Hamilton die Erkenntnisse aus dem Dreitagestest genutzt haben.

Für den Mönchengladbacher war besonders die Cockpit-Perspektive aus dem Silberpfeil heraus aufschlussreich: "Man hörte sogar, wie vorsichtig Rosberg und Hamilton die Pirellis behandelten", erklärt er. "Sie haben überlegt und entwickelt, nur nichts gefunden. Vielleicht erkannte man stattdessen das fahrerische Potenzial, etwa mit weniger Wheel-Spin zu beschleunigen." Die Funksprüche hätten laut Heidfeld zumindest ins Bild gepasst: "Man gab Rosberg anfangs relativ langsame Rundenzeiten vor. Sebastian Vettel klagte, die Reifen seien am Limit. Bei Nico waren noch 50 bis 60 Prozent Gummi drauf, sie waren von der Traktion bedeutend besser. Dieser Unterschied ist eklatant."

Man darf gespannt sein, wie Mercedes nach dem Kanada-Grand-Prix argumentiert, und zu welcher Entscheidung das Tribunal kommt. Wie diese ausfallen wird, das kann auch Nick Heidfeld nicht vorausahnen. "Bei den Statuten bin ich nicht ganz sattelfest", gibt er zu und weiß, dass der Spielraum für Interpretationen enorm ist. "Wie ich das interpretiere, wirkt es nicht eindeutig", so Heidfeld. Doch bei einer Sache, da ist sich der 183-fache Grand-Prix-Teilnehmer sicher: "Zu sagen, da würde man nichts lernen, ist totaler Quatsch."

Fotoquelle: xpb.cc

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