Was lief wirklich beim Pirelli-Test von Mercedes in Barcelona?

Formel 1 2013

— 07.06.2013

Test-Affäre: Druck auf Mercedes wird größer

Warum der Pirelli-Vertrag mit der FIA Mercedes nicht freispricht, wie Ross Brawn die "falschen" Helme rechtfertigt und welche Strafen zu befürchten sind



Für Mercedes wird die Luft dünner. Im Fahrerlager zweifelt kaum jemand daran, dass die "Silberpfeile" durch den umstrittenen Pirelli-Test in Barcelona von 15. bis 17. Mai einen Vorteil genossen hat. Selbst Vertreter der Mercedes-Kundenteams geben dies inzwischen zu. Drei Testtage sind "ein großer Vorteil", sagt Force-India-Betriebsleiter Otmar Szafnauer gegenüber 'Sky Sports F1'. Und auch McLaren-Mercedes-Pilot Jenson Button, der das Spiel mit den Medien wie kaum ein anderer beherrscht, lässt leise durchschimmern, dass es nur schwer zu glauben ist, dass drei Testtage keine Erkenntnisse bringen: "Man würde das für Mercedes nicht hoffen."

Nun steigt die Spannung vor der Verhandlung vor dem Internationalen Tribunal, die laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' am 20. Juni - also in der dreiwöchigen Pause zwischen den Rennen in Montreal und Silverstone - stattfinden wird. Die Front im Fahrerleger gegen Mercedes ist groß - die meisten fordern eine Strafe. Auch Sauber-Pilot Nico Hülkenberg sieht die "Silberpfeile" gegenüber 'Sky' in Nöten: "Irgendetwas ist dort nicht konform mit dem Sportlichen Reglement gelaufen."

Reglement höher einzustufen als Pirelli-Vertrag

Ursache dafür ist die Faktenlage: Trotz des Testverbots während der Saison ist Mercedes mit einem 2013er-Boliden ausgerückt - das ist laut Reglement verboten. Zwischen der FIA und Pirelli mag es zwar einen Vertrag geben, der 1.000-Kilometer-Tests erlaubt, und der Reifenhersteller mag Mercedes um ein "repräsentatives Auto" gebeten haben, doch das ist noch lange kein Freibrief, sich über das Reglement hinwegzusetzen.

Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn hat gegegenüber 'auto motor und sport' keinen Zweifel: "Ein Vertrag kann nie ein Gesetz außer Kraft setzen." Zudem sind die Umstände des Tests seltsam: Bei den "Silberpfeilen" beteuert man stets, dass es sich nicht um einen Geheimtest handelte, schließlich traten das Pirelli- und das Mercedes-Personal in Teamkleidung auf und die Transporter blieben am Circuit de Catalunya, während die Konkurrenz zusammenpackte.

Trotzdem fuhren die Einsatzpiloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton nicht mit ihren originalen, sondern mit einfärbigen Helmen. Wollte Mercedes etwas verbergen? Während die Piloten die Frage nach der Ursache nicht beantworteten, reagiert nun Teamchef Ross Brawn.

Wie Brawn die "falschen" Helme rechtfertigt

Er meint, dass man sich zum Schutze der Piloten für diese Lösung entschieden hatte: "Der Grund für die Helme der Fahrer ist, dass es ein Pirelli-Test war. Sie haben die Security organisiert, sie haben sich um alles gekümmert. Wir wollten die Aufmerksamkeit nicht auf die Fahrer lenken, wir wollten uns nicht um Security kümmern, wir wollten keine Bewacher hinstellen. Und das war der einfachste Weg für uns, keine Hinweise zu geben, welcher Fahrer im Auto sitzt - das ist der einzige Grund."

Dazu kommt, dass Pirelli und Mercedes daran festhielten, dass die Truppe aus Brackley aus dem Test keinen Vorteil hätte ziehen können, da dieser "blind" durchgeführt wurde und die Pirelli-Reifen kodiert waren. Bis Rosberg am Donnerstag in Montreal gegenüber 'Sky Sports F1' zugab, dass er "natürlich" Bescheid wusste, "was ihre Ideen waren und was sie getestet haben. Ich musste ja versuchen, ihnen Hinweise zu geben, was gerade passiert und in welche Richtung sie am besten gehen sollten."

Wieviel wussten die Fahrer über die Reifen?

Nun spielt Brawn die Aussagen seines Schützlings herunter. Die Fahrer "hatten ein Bewusstsein über die Reifen, aber diese Art von Bewusstsein muss man einem Fahrer beim Reifentesten zugestehen. Wenn man effektiv testen will, muss man den Fahrer anleiten, wonach man gerade sucht." Das bedeute aber nicht, dass die Fahrer zur Gänze im Bilde waren, was gerade vor sich ging: "Es hieß nicht: 'Das ist der Reifen, den wir beim kommenden Rennen verwenden werden'."

Der Mercedes-Teamchef vergleicht die Situation beim Test mit einem "Puzzle. Wir wussten nicht, worum es sich gerade handelt. Es wäre aber unverantwortlich gewesen, den Fahrer nicht ein paar Hinweise zu geben, worum es sich handelt - eine neue Konstruktion oder was auch immer."

Brawn: Mercedes hätte Teams nicht informieren müssen

Unklar ist weiterhin, warum man nicht wie eigentlich im Vertrag zwischen Pirelli und der FIA festgelegt, die anderen Teams über den Test informiert und sie eingeladen hat. Laut 'auto motor und sport' soll Mercedes bei Pirelli sogar in einer E-Mail angefragt haben, ob dies geschehen sei, weil dies von der FIA-Rechtsabteilung als Auflage verlangt wurde. Der Test fand aber trotzdem statt, obwohl eine positive Antwort ausblieb.

"Wäre es nicht vielleicht politisch cleverer gewesen, das vorher anzukündigen?", fragte auch Nick Heidfeld gegenüber 'ServusTV' nach Bekanntwerden der Affäre. Und gab selbst die Antwort, dass der Widerstand der anderen Teams einen Test von Vornherein verunmöglich hätte: "Das hätte nie funktioniert."

Mercedes-Teamchef Brawn sieht die Verantwortung in diesem Punkt nicht bei seinem Rennstall, sondern bei Pirelli: "Das war ein Pirelli-Test. Wir glauben nicht, dass wir die anderen Teams informieren hätten müssen. Wenn Pirelli die anderen Teams informieren wollte, dann liegt es an ihnen. Wir sind entspannt, denn es war ein Pirelli-Test, der von Pirelli beantragt wurde."

Marko fordert Punktabzug und Geldstrafe

Doch mit welchen Folgen muss Mercedes nun rechnen? Schwer zu sagen, denn das Internationale Tribunal der FIA wurde erst 2010 eingerichtet und kommt nun zum ersten Mal zum Einsatz. Es kann Geldstrafen, Ausschlüsse und oder andere Sanktionen verhängen, die im Artikel 153 des Internationalen Sportgesetzes vorgesehen sind - das Datum der Urteilsverkündung wird nach der Verhandlung bekanntgegeben. Im Fahrerlager vermutet, man dass dies noch vor Silverstone geschehen soll. Das Urteil kann aber vor dem Internationalen Berufungsgericht der FIA beeinsprucht werden.

Sollte es - was im Moment wenige glauben - zu einem Freispruch kommen, dann muss Mercedes damit rechnen, dass Red Bull in die Berufung geht. Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko hat bereits angekündigt, dass man in diesem Fall nicht nachgeben wird. "Punktabzug plus Geldstrafe wären angemessen", fordert der Österreicher gegenüber 'auto motor und sport'. Sollte es wirklich dazu kommen, müsste Mercedes mit einem Imageschaden rechnen. Dann dürfte man gespannt sein, wie man intern auf so eine Situation reagiert und wer dafür die Verantwortung übernimmt. Noch heißt es allerdings abwarten.

Fotoquelle: xpbimages.com

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