Stellte sich am Freitag den Fragen der Journalisten: Ross Brawn

Formel 1 2013

— 08.06.2013

Umstrittener Reifentest: Brawn hält den Kopf hin

Die Teamchefs und der Pirelli-Test von Mercedes: Horner haut drauf, Whitmarsh schweigt, Domenicali bleibt sachlich und Brawn steht in der Ecke



Am 20. Juni soll das Internationale Tribunal des Automobil-Weltverbandes FIA über mögliche Konsequenzen des Mercedes-Reifentests befinden, den das deutsche Werksteam Mitte Mai offenbar auf Wunsch von Pirelli in Barcelona absolviert hat. Die Silberpfeile stehen unter Druck, auch Pirelli ist in Erklärungsnöten. Viele Teams und Piloten sehen in den Probefahrten einen klaren Verstoß gegen das Sportliche Reglement. Es werden teils drastische Strafen gefordert.

"Für mich ist die Sache ganz klar, wenn man die Regeln liest. Die Regelung der Tests ist eine der eindeutigsten Regeln überhaupt. Der Test mit einem aktuellen Auto ist im Zeitraum von zehn Tage vor dem ersten Rennen und dem 31. Dezember des gleichen Jahres nicht erlaubt", sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Klartext: "Es gibt einen klaren Verstoß gegen die Regeln, wenn man während der Saison mit einem aktuellen Autos testet."

"Die Teamchefs waren doch in den Prozess der Regelformulierung eingebunden. Die wissen doch alle, was mit den entsprechenden Paragraphen beabsichtigt wurde", kann sich Horner eine etwaige Unwissenheit seitens der Mercedes- und Pirelli-Verantwortlichen nicht erklären. "Es gibt einen speziellen Passus zu Tests und dieser klärt eigentlich alles. Aber jetzt gibt es offenbar wieder Unsicherheiten. Wenn plötzlich solche Tests erlaubt wären, dann könnten wir ja demnächst auch die 014er-Motoren ausprobieren." Deswegen gelte es nun, Klarheit zu schaffen.

"Ich sehe das so: Wir nehmen an einer WM teil. Jeder Teilnehmer - in diesem Fall sind das die Teams - muss sich mit den jeweiligen technischen und sportlichen Regularien einverstanden erklären und diese befolgen. Tust du das nicht, dann hast du Probleme. Das war bei uns auch so, als Mark Webber das Benzinproblem in China hatte", schildert der Teamchef der Weltmeistermannschaft. Horner kritisiert das gesamte Vorgehen - vor allem auch die mangelnde Transparenz.

Es fehlt an Transparenz

"Wenn Transparenz vorhanden ist, dann geht es ja vielleicht, aber wenn da etwas vertuscht werden soll, dann stimmt etwas nicht. Wenn Pirelli ein Problem mit den Reifen hat, dann sollen sie sich in aller Offenheit mit allen Teams zusammensetzen. Dann findet man auch eine Lösung", sagt er. Dass es zu einer solchen Zusammenkunft nicht kam, ist nicht nur Horner ein Dorn im Auge. Allein die geringe Transparenz in diesem Fall - der Test wurde erst einige Tage später bekannt - setzt Mercedes-Teamchef Ross Brawn arg unter Druck.

"Wir waren der Meinung, dass wir diesen Test machen können. Es war ein Pirelli-Test, das möchte ich noch einmal betonen", erklärt Brawn am Freitag in Montreal. "Leider wurde es als 'Geheimtest' tituliert. Es war ein privater Test, es war kein Geheimtest. Jeder, der denkt, er könnte mal eben über drei Tage einen 1.000-Kilometer-Test in Barcelona abspulen ohne entdeckt zu werden, ist doch naiv." Warum ist dieser Testbetrieb nicht aufgefallen? Warum trugen die Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton nicht ihre normalen Helme? Um vor Autogrammjägern geschützt zu sein?

"Die sportliche Integrität ist Mercedes sehr wichtig", betont Brawn. "Wir hätten diesen Test nicht unternommen, wenn wir nicht fest davon überzeugt gewesen wären, dass wir diesen Test machen dürfen. Das Tribunal wird die Antworten liefern", sagt er. Brawn nimmt die Zustimmung zur Durchführung der Probefahrten auf seine Kappe. "Es war meine Entscheidung, dass wir diesen Test machen. Diese Entscheidung hatte in keinster Weise etwas mit unserer Performance zu tun."

Wussten Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff und Aufsichtsratsboss Niki Lauda von dem Vorhaben? "Das möchte ich nicht kommentieren", wiegelt Brawn ab. Der Brite - während der Pressekonferenz am Donnerstag ungewöhnlich bleich - steckt mit dem Kopf in der Schlinge. Ob er ihn noch einmal befreien kann? "Es gab schon mehrfach Gerüchte, aber nie ist etwas passiert", gibt sich der Hobby-Angler gelassen. "Aber angenehm ist die jetzige Situation sicherlich nicht."

Mercedes-Partner McLaren schweigt

"Ich kenne Ross jetzt seit 24 oder 25 Jahren. Wir sind befreundet. Ich weiß es selbst, dass man im Verlauf der Zeit als Teamchef mal unter Druck kommen kann. Ross hat diesen Druck gerade", zeigt Martin Whitmarsh Mitgefühl. Der McLaren-Teamchef haut nicht drauf. Auch Ferrari-Amtskollege Stefano Domenicali nicht. "Es ist eigentlich alles gesagt. Es läuft ein Verfahren. Das Tribunal wird entscheiden. Die haben alle notwendigen Informationen. Wir warten es ab", so der Italiener.

"McLaren beteiligt sich nicht aktiv an den Debatten", stellt Whitmarsh klar. "Wir halten uns da raus und kommentieren dies nicht weiter. Es läuft ein Verfahren bei der FIA, die Untersuchungen dauern an. Dieser Prozess wird bestimmt bald ein Ende finden." Dies wird am 20. Juni der Fall sein, wenn das neue Gremium zusammenkommt, um eine Entscheidung zu treffen. Ross Brawn muss persönlich vor Ort erscheinen, andere Verantwortliche halten lieber Distanz.

"Ich werde nicht persönlich nach Paris reisen, wir werden dort nicht vertreten sein. Aber wir verfolgen natürlich, was passiert. Es handelt sich um neue Abläufe bei diesem Verfahren. Wir schauen uns in Ruhe an, wie es funktioniert. Wir hoffen natürlich, dass wir nicht auch mal Thema eines solchen Verfahrens sein werden. Aber man weiß es nie", sagt Whitmarsh, der mit seinem Landsmann fiebert. "Ross wird diese schwierige Phase bestimmt überstehen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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