Nico Rosberg holte sich beim Klassiker in Silverstone den zweiten Saisonsieg

Formel 1 2013

— 30.06.2013

Reifenplatzer in Silverstone: Rosberg siegt, Vettel k.o.

Pirelli nach der Reifenplatzer-Orgie beim britischen Grand Prix in Erklärungsnot - Rosberg gewinnt vor Webber und Alonso - Vettel verliert sicher scheinenden Sieg



Nicht Lokalmatador Lewis Hamilton, sondern Nico Rosberg feierte heute beim Grand Prix von Großbritannien den zweiten Saisonsieg für Mercedes. Der Deutsche triumphierte in einem kuriosen Rennen in Silverstone, das wegen vier fast identischen Reifenschäden teilweise am Rande des Abbruchs stand, vor Mark Webber (Red Bull) und Fernando Alonso (Ferrari).

Großer Pechvogel dieses Rennens war Sebastian Vettel (Red Bull), der das Geschehen über weite Strecken recht sicher im Griff hatte, aber in der 41. Runde in Führung liegend ausschied: "Ich habe keinen Vortrieb mehr. Das Getriebe ist weg", meldete er am Funk. Dabei hatte er bis dahin alles richtig gemacht: am Start Rosberg überholt, in der achten Runde durch den Reifenschaden von Polesetter Lewis Hamilton (Mercedes) in Führung gegangen, von da an ohne ans Limit zu gehen den Vorsprung auf Rosberg kontrolliert.

"Es war alles in Ordnung", sagt Vettel. "Wir hatten immer einen konstanten Abstand nach hinten zu Nico. Und dann aus Kurve 15 heraus wollte ich vom fünften in den sechsten Gang hochschalten, und dabei hat sich der fünfte Gang verabschiedet. Und wenn sich ein Gang verabschiedet, dann sieht es da drinnen nicht ganz so gut aus, dann sind die anderen auch gleich alle weg. Silverstone ist ein schönes Rennen zum Gewinnen. Wenn man dann so nah dran ist und eigentlich nichts dafür kann, dass es in die Hose geht, dann ist das schade."

Pirelli nach Reifenplatzern in Erklärungsnot

Doch die Story dieses Rennens waren eigentlich nicht die Fahrer, sondern die Reifen: Nicht nur bei Pechvogel Hamilton, sondern auch bei Felipe Massa (Ferrari) und Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) platzte jeweils der linke Hinterreifen - und später im Rennen dann auch noch bei Sergio Perez (McLaren), der auf diese Weise unabsichtlich fast den knapp dahinter fahrenden Alonso aus dem Rennen eliminiert hätte. Für Reifenhersteller Pirelli, zuletzt ohnehin immer wieder in die Kritik geraten, das totale PR-Debakel!

Nach dem Vergne-Zwischenfall schickte FIA-Rennleiter Charlie Whiting erstmals das Safety-Car auf die Strecke - eine Phase, in der der Grand Prix am Rande des Abbruchs stand, weil niemand mit Sicherheit erklären konnte, warum die Reifenschäden plötzlich so gehäuft auftraten. Und dass ein Reifenschaden bei über 300 km/h auf der Hangar-Straight unter Umständen fatale Folgen haben kann, ist jedem bewusst. Aber Whiting entschied sich nach intensiven Diskussionen hinter den Kulissen trotzdem, nach sechs neutralisierten Runden wieder freizugeben.

Ein gefährliches Spiel, denn auch wenn zunächst Überhitzung in Kombination mit überfahrenen Randsteinen als mögliche Ursache gehandelt wurde, hatte in Wahrheit niemand eine Ahnung, was auf der Strecke gerade passierte. "Das müssen wir uns sicherlich anschauen", klagt Mercedes-Teamchef Ross Brawn. "Mir fehlen noch wichtige Informationen, daher kann ich derzeit nicht mehr dazu sagen. Fest steht, dass man es sich ganz genau anschauen muss. Danach müssen wir Maßnahmen ergreifen, damit so etwas nicht noch einmal vorkommt."

Neue Reifen zahlten sich im Finish aus

Ausgerechnet Rosbergs Mercedes, zumindest bis zum umstrittenen Geheimtest in Barcelona als unverbesserlicher "Reifenfresser" bekannt, überstand die Distanz von 52 Runden problemlos - und wie: Als sich Webber, der während der von Vettel ausgelösten Safety-Car-Phase auf die weichen Reifen wechselte und damit einen Goldgriff tat, der Reihe nach Daniel Ricciardo (Toro Rosso), Adrian Sutil (Force India) und Kimi Räikkönen (Lotus) schnappte, hatte Rosberg in den letzten drei Runden noch genug Körner, um die Führung über die Distanz zu retten.

"Es ist fantastisch, ein ganz, ganz besonderer Tag", jubelt der Deutsche. "Unser Team hat so einen fantastischen Job gemacht, so durch die Saison zu kommen. Wir haben das Momentum gerade auf unserer Seite. Wir sind wirklich extrem schnell im Qualifying und werden auch im Rennen immer schneller und schneller. Heute hatten wir mit das schnellste Auto. Als Sebastian ausgefallen ist, war ich natürlich nicht allzu sehr enttäuscht - da will ich gar nicht lügen. Von da an war es ein großartiges Rennen bis zum Sieg."

Sutil einer der tragischen Helden des Rennens

Hamilton kämpfte sich nach seinem anfänglichen Pech, begünstigt natürlich durch die Safety-Car-Phasen, noch auf den vierten Platz nach vorne, vor Räikkönen, der die Entscheidung seines Teams, im Finish nicht mehr Reifen zu wechseln, sofort am Boxenfunk anzweifelte. Der gleiche strategische Fehler kostete auch Sutil einen möglichen Podestplatz: Der Deutsche fiel in den letzten fünf Runden vom dritten auf den siebten Platz zurück und wäre beinahe auch noch von Ricciardo überholt worden, der seinerseits den Qualifying-Speed nicht ganz reproduzieren konnte.

"Es ist nicht schlecht, aber jetzt sind wir so lange vorne auf dem dritten, vierten Platz gewesen, dass man dann vielleicht ein bisschen enttäuscht ist", seufzt Sutil. "Das Auto war nicht auf dem Niveau der Topteams - ich habe schon ein bisschen kämpfen müssen. Wir hatten am Anfang eine richtig gute Strategie, aber das letzte Safety-Car hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Andere sind in die Box gefahren und haben neue Reifen geholt, ich bin draußen geblieben. Dadurch war ich beim Restart Dritter, hatte aber keine Chance, die anderen hinter mir zu halten."

Paul di Resta (Force India) und Nico Hülkenberg (Sauber) sammelten ebenfalls Punkte, ganz im Gegensatz zu den beiden britischen Traditionsteams McLaren und Williams, die bei ihrem Heimspiel leer ausgingen. Für Perez war der Arbeitstag nach seinem zweiten Reifenschaden dieses Wochenendes beendet, und auch Romain Grosjean (Lotus) sah die Zielflagge nicht. Letzterer hatte übrigens in der ersten Kurve eine leichte Kollision mit dem schlecht gestarteten Webber, der deswegen beim ersten Boxenstopp die Nase austauschen ließ.

Hamilton übt scharfe Kritik an Pirelli

Aber nach dem Rennen sprach niemand über kleine Gerangel wie dieses, sondern FIA-Präsident Jean Todt zitierte direkt Pirelli-Sportchef Paul Hembery zu sich ins Motorhome. Der ist momentan noch völlig ratlos: "Das, was wir heute erlebt haben, war wieder etwas ganz Neues. Wir analysieren das nun", sagt er. "Wir müssen verstehen, was da passiert ist, dann können wir erklären, was die Ursache für die Schäden war. Wir nehmen die Probleme sehr ernst. Wenn wir die Antworten haben, dann geben wir mehr bekannt."

Und auf diese Antworten sind insbesondere die Fahrer gespannt, schließlich waren die durch die heutigen Reifenplatzer einem enormen Sicherheitsrisiko ausgesetzt. Am lautesten tobt Hamilton: "Ich frage mich, warum ich mein Leben wegen dieser Reifen aufs Spiel setze! Ich habe mich auf den Boxenstopp vorbereitet - aber plötzlich zerreißt es den Reifen. Man verliert die Kontrolle über das Auto, muss einen Dreher verhindern. Es ist richtig gefährlich, ich hatte einen richtigen Schreck! Die Reifenschäden machen mir große Sorgen. Da muss was passieren!"

In der Weltmeisterschaft führt nach acht von 19 Rennen trotz des Ausfalls weiterhin Vettel mit 132 Punkten, allerdings ist sein Vorsprung auf Alonso (111) auf 21 Zähler, also weniger als einen Sieg, geschrumpft. Auf den weiteren Positionen folgen Räikkönen (98), Hamilton (89), Webber (87) und Rosberg (82). Bei den Konstrukteuren liegt Red Bull (219) vor Mercedes (171) und Ferrari (168). Weiter geht's schon am kommenden Freitag mit dem Trainingsauftakt zum Grand Prix von Deutschland auf dem Nürburgring.

Fotoquelle: xpbimages.com

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