Formel 1 2013

— 18.09.2013

Hembery: "Als Fan liebe ich strategische Rennen"

Paul Hembery im Interview: Was ihn persönlich an der Formel 1 fasziniert, wie sich die Reifenplatzer auf den Verkauf auswirkten und wieso Silverstone nicht überstanden ist





Pirellis Motorsportchef Paul Hembery hat einen der schwierigsten Jobs der Formel 1: Immer wieder muss er sich gegen die Kritik an den unberechenbaren Reifen wehren. Wie er damit umgeht, wie sich die Reifenprobleme zu Saisonbeginn auf die Verkaufszahlen ausgewirkt haben, was für ihn die Faszination der Formel 1 ausmacht und wie Pirelli im Detail vorgeht, wenn eine neue Strecke wie der Red-Bull-Ring auf dem Programm steht, verrät der Brite im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Paul, gibt es Tage, an denen du deinen Job hasst, wenn alle auf den Reifen herumhacken und du dich immer wieder gegen die Kritik an Pirelli verteidigen musst, oder siehst du die Arbeit auch dann positiv?"
Paul Hembery: Die Rennen sind interessant. Wenn man Ungarn oder Deutschland nimmt: Dort sind die Rennen traditionell langweilig, aber sie waren es nicht. Sie waren aus verschiedenen Gründen interessant. Wenn man solche Rennen hat, gibt einem das viel Zufriedenheit. Die Leute haben ein schlechtes Gedächtnis. Noch vor drei Jahren hatten wir 300 Überholmanöver pro Saison, jetzt haben wir über 1.000. Das vergessen die Leute manchmal. Das ist ein wenig frustrierend."

Frage: "Aber das kann ja auch positiv sein - Stichwort Silverstone. Da redet am Saisonende keiner mehr drüber..."
Hembery: "Doch, das werden sie vermutlich, denn in unserem Geschäft landen Reifenschäden dann in Videoclips, weil es ziemlich langweilig ist, ein Auto nur um die Kurven fahren zu sehen. Man nimmt Unfälle und Reifenschäden für eine Saison-Zusammenfassung. Silverstone war aus meiner Sicht kein großartiges Rennen - das ist klar. Aber wir haben schnell reagiert und eine Reihe von Elementen gefunden, die wir in Ordnung bringen mussten. Wir haben mit den Teams zusammengearbeitet - das wird nicht noch einmal passieren."

Frage: "Wusstest du, dass es ein schmaler Grat zwischen interessanten Rennen und explodierenden Reifen ist?
Hembery: So ist das Geschäft. Es war nicht das, was wir gewollt und angestrebt haben, sondern vermeiden wollten."

Frage:#Glaubst du trotzdem, dass sich das Formel-1-Engagement für Pirelli aus Marketing-Sicht positiv auswirken wird?"
Hembery: "Wir haben keine Veränderungen in den Verkaufszahlen gesehen. Es hatte keinen Einfluss. Natürlich haben wir uns das angeschaut. Aber wenn es in jedem Rennen so weitergehen würde, dann hätten wir ein Problem. Aber ich denke, es wurde geschätzt, dass wir die Demut besaßen um zu sagen, dass wir eine Änderung brauchen. Wir haben sehr schnell reagiert, und hoffentlich können wir die Saison so beenden wie die vergangenen beiden. Wir reden dabei über gute und aufregende Rennen."

Was Hembery an der Formel 1 fasziniert

Frage: "Ihr hattet den Auftrag, die Rennen aufregender zu gestalten. Ziehst du daraus persönlich deine Freude? Denn immerhin gewinnt ihr jedes Rennen..."
Hembery: "Aus dem Gewinnen jedenfalls nicht. Es ist natürlich ein Unterschied, in einem Wettbewerbsumfeld zu sein. Das sind wir dafür in einigen anderen Kategorien. Trotzdem geht es beim Sieg immer nur um den Fahrer und das Auto - und nie um die Reifen. Selbst, wenn man weiß, dass man einen besseren Reifen als der Konkurrent hat, bemerkt es niemand. Ich schaue die Rennen natürlich auch, ich bin Motorsportfan. Wenn das Rennen interessant ist, dann bin ich auch ein Fan."

"Ich liebe es, wenn es ein strategisches Rennen ist. Ich habe Deutschland geliebt, wo man sehen konnte, wie Kimi sich nach vorne gekämpft und Sebastian herausgefordert hat. Wenn man das Rennen detailliert verfolgt hat, dann konnte man sehen, dass das passieren wird. Um ehrlich zu sein: Wenn sie ihren Boxenstopp ein wenig eher gemacht hätten oder bei ihrer Zweistoppstrategie geblieben wären, dann hätten sie vermutlich gewonnen. Wenn man das sieht, genießt man es."

Frage: "Wäre die Freude nicht größer, wenn man in einem Team involviert wäre - als Teamchef zum Beispiel?"
Hembery: "Beim Gewinnen mit Sicherheit. Aber wir sind in 256 Meisterschaften involviert, um die wir uns Sorgen machen. Es ist nicht nur die Formel 1. An jedem Wochenende passiert irgendetwas auf der Welt. Jeder sagt, wir seien im Urlaub, aber wir fahren in Brasilien Stockcar, GT in der Blancpain-Serie oder in nationalen Meisterschaften. Der wirkliche Spaß kommt durch internationale Beteiligung. Niemand ist weltweit in so vielen Motorsportserien involviert. Autohersteller haben Nischenaktivitäten, aber wer ist schon weltweit im Motorsport involviert? Vermutlich nur die Reifenhersteller. Und wir sind vermutlich die Internationalsten davon."

Frage: "Wäre es nicht verlockend, mal eine Position in einem Team zu bekleiden?"
Hembery: "Ich denke nicht, dass meine Chefs besonders glücklich wären, wenn ich so etwas sagen würde. Also sollte ich besser nein sagen (lacht; Anm. d. Red.)!"

Frage: "Aber Pirelli ist vermutlich nicht ewig in der Formel 1."
Hembery: "Wenn Pirelli aus der Formel 1 aussteigt, dann können wir noch einmal darüber reden."

Wie Pirelli an eine neue Strecke herangeht

Frage: "Mit dem Red-Bull-Ring wartet ein neues Abenteuer. Mit welchem Ansatz geht ihr auf eine neue Strecke?"
Hembery: "Wir haben bisher noch keine Daten. Natürlich warten wir auf die volle Bestätigung des Kalenders. Es ist interessant. Es ist immer schön und aufregend, auf neue Strecken zu gehen. Es ist ein ordentlicher Kurs, sonst würden wir dort nicht hingehen. Es ist schön, in ein anderes Land zu gehen."

Frage: "Der Red-Bull-Ring war immer etwas speziell für die Reifen. Weißt du schon etwas über die Strecke und wisst ihr, was der Grund für das teils außergewöhnliche Kräfteverhältnis war?"
Hembery: "Im Moment wissen wir gar nichts, um ehrlich zu sein. Wir sind in kleineren Serien und im GT-Bereich dort gefahren, aber wir werden ein Mapping von der Strecke und auch ein paar Asphaltmessungen machen. Und Simulatordaten von den Teams holen wir uns auch. Aber schauen wir mal, was sonst noch für Strecken kommen. Wir haben ja noch mehr, zum Beispiel sollten wir auch nach Russland fahren."

Frage: "Welches Equipment braucht ihr, um die Daten zu bekommen?"
Hembery: Wir werden unter anderem Messungen der Strecke durchführen, erstellen ein Modell der Strecke, werden auch Laser-Messungen machen, damit wir eine Vorstellung von der Oberfläche bekommen. Die Layout-Details bekommt man von den Teams: Was passiert mit den Reifen, und welche Belastungen entstehen in den Kurven? Und in Hinblick auf die Streckenbeschreibung machen wir das gleiche: Wir machen einen Reifenplan und simulieren die Belastungen für den Reifen."

Frage: "Wann werdet ihr zum Testen an den Red-Bull-Ring kommen?"
Hembery: "Ich habe keine Ahnung. Es wird erst in ein paar Monaten sein, aber wir werden auf den Kalender warten."

Wie Mercedes das Reifenrätsel knackte

Frage: "Hat irgendein Team die Reifen schon vollkommen verstanden?"
Hembery: "Ja. Sie haben viele Experten und Topingenieure. In diesem Jahr waren die Reifen ziemlich aggressiv, deswegen war es für viele Teams schwieriger. Aber wir haben wieder ein paar interessante Rennen gesehen. Wir haben ihnen eine technische Herausforderung gegeben, aber alle hatten die gleichen Reifen."

"Wir haben gesehen, dass manche Teams auf einigen Strecken besser sind als andere, und mit fortschreitender Saison ziehen die Topteams weg. Ihre Entwicklungsrate ist deutlich höher, aber das ist auch vom Budget abgängig. Viele Teams werden sich denken, dass sie dieses Jahr abhaken und mit der Arbeit für kommendes Jahr beginnen sollten, weil die Änderungen so gewaltig sind."

Frage: "Mercedes hat große Fortschritte gemacht. Was denkst du über ihre Entwicklung?"
Hembery: "Sie haben in dieser Saison einen deutlichen Performance-Sprung gemacht, waren sehr konkurrenzfähig und sahen im Qualifying immer sehr gut aus. Aber sie haben immer noch Probleme mit dem Überhitzen der Hinterreifen. In Ungarn haben sie zum ersten Mal bei heißen Bedingungen gewonnen. Ich habe vor dem Rennen die Interviews mit Lewis gelesen."

Frage: "Und er war nicht gerade zuversichtlich..."
Frage: "Und wir auch nicht. Ich wurde in der Startaufstellung gefragt, wie es bei Mercedes aussieht, und ich habe gesagt, dass sie nach Runde fünf in Probleme kommen könnten. Aber sie sind mit ein paar Ideen gekommen, um die Temperatur der Hinterreifen zu reduzieren. Das war ihr Problem. Sie haben viel zu viel Temperatur bis in die Felgen der Hinterreifen bekommen. Die anderen Teams sind vermutlich nicht so glücklich, dass sie eine Lösung gefunden haben. Aber es waren 18 Monate, die sie daran gearbeitet haben. Es war unausweichlich, dass sie irgendwann herausfinden, warum sie diese Anomalie hatten."

Frage: "Ist Mercedes dadurch der Gewinner? Durch das ganze Forschen und die Auseinandersetzung haben sie jetzt viel mehr Wissen über die Reifen."
Frage: "Nein, das würde ich nicht sagen. Lotus hat einen herausragenden Job in diesem Jahr gemacht, und Red Bull war immer gut. Mercedes kannte das Problem, aber sie konnten es nicht lösen. Aber sie haben diesbezüglich einen Schritt vorwärts gemacht."

Frage: "Haben sie jetzt alles im Griff?"
Hembery: "Schwer zu sagen. Wenn sie es gelöst haben, wäre das gut, denn dann haben wir noch ein paar spannende Rennen. Klar hat Sebastian einen Vorteil, der unmöglich aufzuholen ist. Lewis könnte jedes Rennen gewinnen und wäre trotzdem nicht Champion. Wenn er nicht gewinnt, dann wird er Zweiter oder Dritter. Von daher ist es schwer, an Sebastian vorbeizuschauen, wenn es um den Titel geht. Aber es wäre gut, wenn Nico und Lewis Red Bull ein bisschen aufmischen könnten. Und wer weiß, wozu die anderen noch in der Lage sind. Ferrari und Lotus könnten ebenfalls noch eingreifen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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