Formel 1 2013

— 20.09.2013

Renault & Nissan: Große Pläne mit "tausend Ideen"

Die französisch-japanische Synthese eröffnet Perspektiven wie Motorenentwicklung in Asien und Brandings - Prost nicht in den Vorstand, Werksteam bleibt Geschichte





Renault und die Formel 1 - das passt zusammen wie Roquefort und Birne. Seit 1977 engagieren sich die Franzosen in der Königsklasse des Motorsport: Zweimal waren sie mit einem Werksteam aktiv und ebenso oft Konstrukteurs-Weltmeister. Als Zulieferer für Antriebsstränge sicherten sich die Mannen aus Boulogne-Billancourt die Krone mit ihren Partnern zehnmal. Doch selbst so viel Tradition muss dem Zeitgeist Tribut zollen. Der steht im Zeichen großer, schlanker und effizienter Unternehmen.

Kooperiert wird vertikal und horizontal. Bei so viel Verflechtung ließe sich mit einer Portion Ironie das Wort "diagonal" ergänzen. Renault ging seinen großen Schritt im Jahr 1999, als man sich bei Nissan einkaufte und den Japanern im Gegenzug Anteile am Unternehmen überließ. Französischer Chic traf japanische Effizienz. Diese Synthese hat den Marken in automobilen Krisenzeiten und trotz des Aufkommens koreanischer sowie chinesischer Fabrikate das Überleben gesichert. Es ist ein logischer Schritt, die Zusammenarbeit über das Endverbrauchergeschäft hinaus zu realisieren.

Das heißt also auch Motorsport. Sichtbar wird das bisher nur partiell. Beispiel Red Bull: Das Weltmeisterteam fährt mit Aggregaten von Renault Sport F1. Die Abteilung, die sich ausschließlich mit der Beletage beschäftigt und immer eine hundertprozentige Tochter der Marke aus dem Pariser Süden blieb, ist Konzernchef Carlos Ghosn direkt unterstellt. Sie ist strikt von Tätigkeitsbereichen wie der Renault-World-Series (WSbR) getrennt, wo Nissan mitmischen kann. Auf dem RB9 glänzen in Lila jedoch unübersehbar die Logos Infinitis, der Nobelmarke der Japaner.

Infiniti-Motoren? Wohl nur eine Frage der Zeit

Es ist ein Aspekt eines komplizierten Geflechts aus Geben und Nehmen. Seit geraumer Zeit geistert das Gerücht durch das Fahrerlager, das Branding der Motoren könnte bald Infiniti alleine gebühren, obwohl Franzosen schrauben. "Seit 2011 spekuliert jeden Monat jemand darüber, speziell wenn es um die Saison 2014 geht. Es ist eines von vielen Szenarien, das wir offen diskutiert haben - auch mit dem Team und Partnern", kommentiert Jean-Michel Jalinier gegenüber 'Motorsport-Total.com', bremst aber: "Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem es für beide Seiten wirklich Sinn ergibt."

Noch nicht. Der Chef von Renault Sport F1 will nicht ausschließen, dass es eines Tages soweit ist, dass französisches Flair weichen muss. "Könnte es doch passieren?", fragt sich Jalinier. "Vielleicht, aber im Moment gibt es kein bestimmtes Datum. Im Motorsport wird viel gemunkelt und oft kommt man sich vor, als hielte man Businessmeetings mitten im Paddock ab." Auch Rob White bleibt im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' schmallippig, wenn es um Infiniti geht: "Ich habe ganz ehrlich nicht mehr zu sagen, als dass unsere Motoren von uns entworfen und gebaut werden."

Am Hauptsitz der Tochterfirma in Viry-Chatillon gab es jüngst eine kleine Neustrukturierung durch Ghosn, personifiziertes Bindeglied. "Er will, dass die Änderung so wenig Einfluss auf die Organisation wie möglich hat", bemerkt Jalinier. Also kein Nissan-Einstieg, der schon durch die räumliche Entfernung ein schwieriges Unterfangen wäre. Vielleicht gibt es aber doch ein Nissan-Hintertürchen auf dem Weg in die Formel 1, die beginnend mit der großen Motorennovelle hin zu V6-Turbomotoren auch immer mehr auf Hybride und damit auf Elektroantriebe setzt.

Wäre Nissan die bessere Turboschmiede?

Die Japaner kooperieren mit NEC Energy Drives, einem führenden Spezialisten für Motorenakkus in Hybridfahrzeugen. Damit sind sie Renault einen Schritt voraus. White unterstreicht: "Über den Tellerrand der Formel 1 hinausgeblickt gibt es Kompetenzzentren in beiden Unternehmen, die nicht identisch sind." Das ist das große Kapital eines jeden Joint Ventures. "Manche Dinge kann Renault besser entwickeln, manche Nissan. Wir sind ein bisschen gewinnsüchtig und wollen so viel Wissen ernten, wie wir bekommen können." Aus den Worten lassen sich Schlüsse ziehen, wieder Gerüchte.

Denn der White-Logik zufolge müssten die neuen Motoren der Königsklasse eine Domäne des Unternehmens aus Yokohama sein, der Vordenker bleibt jedoch unverbindlich: "Wir haben einen guten Draht zu den Verantwortlichen (bei NEC. Anm. d. Red.). Sie sind ein verlässlicher Zulieferer für Technologie, die wir in Zukunft verwenden." Eine Garantieerklärung dafür, dass NEC bei den 2014er-Motoren an Bord ist, bleibt der Brite schuldig. Geschieht es hinter dem Schutzschild Infiniti, zeigen sich die Verantwortlichen offensiver im Kommentieren von Formel-1-Angelegenheiten.

Nissans weltweiter Marketingboss Simon Sproule erklärt 'Motorsport-Total.com' die allgemeine Strategie, wenn die Zahnrädchen ineinander greifen: "Wir zielen darauf ab, unsere gesamten weltweiten Aktivitäten auszubauen. Es gibt kein Thema, das vom Tisch wäre. Motorsport zählt dazu, ganz klar", bekennt er sich zu Renault und nennt die Formel 1 einen Grund, weshalb man sich seit 2011 etwas näher gekommen sei. "Als Infiniti in den Sport kam und nach einem Projekt zur Steigerung der Markenbekanntheit suchte, hat Renault den Weg ins Paddock geebnet", so Sproule weiter.

Hangar Straight statt Anfield Road

Dabei hatte man bei Nissan für die ursprünglich für den US-amerikanischen Markt konzipierten Luxusschlitten durchaus prominente Alternativen im Blick, um das Logo in die Medien zu bringen. Sebastian Vettel stach Wayne Rooney aus: "Es war eine Entscheidung zwischen einem Formel-1-Team und Premier-League-Fußball", verrät Sproule, wohl mit Blick auf Trikotwerbung oder dem Erwerb von Namensrechten. Parallel belebte man den Haustuner und Motorsport-Agenten Nismo neu, brachte den Namen in die Super-GT-Serie und zu den 24 Stunden auf dem Nürburgring.

Wieder ein "Projekt", das für Spekulationen fruchtbar ist wie Vulkangestein. Bei Nissan sind die Entscheidungsträger offenbar so kreativ wie die Journalisten, die über ihre Agenden spekulieren. "Wir wissen, dass am Ende des Tages eine von zehn Ideen Realität wird", bremst Sproule. Es ist viel Zukunftsmusik dabei, in Anbetracht steigenden Kostendrucks und dem Bemühen um Rationalisierung scheinen Verquickungen aber unausweichlich. In näherer Zukunft spielt sich das Formel-1-Geschäft bei Renault ab. Auch ohne Teriyaki kocht das Ratatouille in der Gerüchteküche.

Diskutiert wird eine mögliche Beförderung Alain Prosts in den Vorstand von Renault Sport F1. Eher scheint allerdings die Tour de France künftig in Tokio zu enden, als dass der viermalige Weltmeister einen bequemen Ledersessel und ein silbernes Namensschild spendiert bekommt. Darauf beharrt Jalinier ausdrücklich: "Wir haben aktuell einen Vertrag mit Alain. Er ist in zwei Funktionen für uns aktiv: erstens als Markenbotschafter. Zweitens fungiert er als Berater, weil er die Formel 1 und ihr Fahrerlager bestens kennt." Kurzum: Prost soll Turbos schmackhaft machen, keine Flipcharts.

Prost bleibt Klinkenputzer, das Werksteam Geschichte

Ähnlich mager scheint der Wahrheitsgehalt der Spekulationen über eine Renaissance des Renault- Werksteams, das mit Jean-Pierre Jabouille und Rene Arnoux in den Siebzigern, mit Fernando Alonso in der Moderne seine goldenen Zeiten erlebte. "Die Strategie ist klar: Wir haben es aufgegeben, um Kosten in der Formel 1 zu senken, denn leider ist der europäische Markt nicht in allzu guter Verfassung", macht Jalinier klar, dass sich die Sache nicht finanzieren ließe, und forciert die Rolle des Motorenlieferanten: "Wir bleiben bei unserer Strategie, die uns eine Menge einbringt."

Und nochmal im Klartext: "Wir sind immer im Gespräch mit Teams. Aber es ist nicht Thema, zurückzukommen und das eine oder andere zu kaufen. Das werden wir nicht tun." Wer zwischen den Zeilen liest, könnte vermuten: Da will jemand neue Kunden anwerben. Neben Red Bull, Lotus und Caterham kommt 2014 Toro Rosso hinzu, während Williams seine Technik künftig bei Mercedes bezieht. Gerüchte, Spekulationen. Genau wie die Überlegung, dass Renault auch die V6-Herzen der weiteren Kunden mit anderen Schriftzügen als dem der Kernmarke branden könnte.

Auch Mercedes mischt munter mit

Stichwort: Datsun. Bis in die Achtziger eine Ikone des japanischen Sportwagenbaus hat Nissan seine Export-Marke kürzlich wiederbelebt und bräuchte eine Plattform, um den Namen zurück in die Szene zu befördern. Die Rallye-Weltmeisterschaft (WRC), die die sechs Buchstaben einst in aller Munde brachte, ist so eine Idee. Caterham den Aufklebern nach mit Datsun-Power auszustatten oder Lotus im Sprachjargon bei Nissan anzusiedeln, eine andere. Letztendlich bleiben solche Entscheidungen dezentral und im Zuständigkeitsbereich der einzelnen Marketingabteilungen.

Sproule fasst die Direktive zusammen: "Am Ende entscheidet man bei jeder Marke gemäß des Budgets selbst über Aktivitäten." Natürlich unter dem Druck, Kosten zu sparen, wo es nur geht. Und die Möglichkeiten sind gegeben, wie der Nissan-Vizepräsident mit Arbeitsplatz in der Schaltzentrale in Yokohama weiß: "Gibt es Raum für Synergieeffekte? Ja", sagt er. "Welche wir in den kommenden Wochen und Monaten nutzen, daran arbeiten wir. Es ist nichts beschlossen." Im Endkunden-Segment arbeitet Renault mit der Daimler-Marke Smart zusammen, Nissan ließ sich von Mercedes für sein Super-GT-Projekt in die DTM einführen. Und da wäre wieder ein Gerücht...

Fotoquelle: Renault



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