Sebastian Vettel und die Siegerpose: Für den Finger reichte die Kraft noch

Formel 1 2013

— 22.09.2013

Vettel im großen Siegerinterview: "Alles harte Arbeit"

Totale Kontrolle als Belohnung für einen Knochenjob: Der Weltmeister lobt die Red-Bull-Disziplin und zeigt sich von den Buhrufen auf dem Podium unbeeindruckt



Fabelhaft, fehlerlos und einfach fantastisch: Superlative für die Leistung Sebastian Vettels beim Großen Preis von Singapur am Sonntag lassen sich nicht genug finden. Obwohl scheinbar alles so makellos war, zitterte der Red-Bull-Pilot einige Male: Als er beim Start die Führung für wenige Meter einbüßte, als das Safety-Car seinen Vorsprung eindampfte, als die Bremsen gegen Rennende nachließen und als Mark Webbers Getriebe den Geist aufgab. Im Siegerinterview lässt Vettel alles Revue passieren.

Frage: "Sebastian, es sah von außen so einfach aus. Wie war es für dich im Cockpit?"
Sebastian Vettel: "Der Start war ziemlich haarig und ziemlich schwierig mit Nico (Rosberg, Anm. d. Red.), der besser losgefahren ist als ich. Ich bin nicht sofort vor ihn gekommen und musste irgendwie die Innenbahn erwischen. Er rutschte etwas zu weit heraus und ich konnte ihn wieder schnappen. Das war wichtig, denn wir hatten anschließend ein gutes Tempo und haben den ersten Stint kontrolliert gefahren. Mit dem Safety-Car wurde es schwierig. Aber dann schienen wir zurückzukommen. Das Tempo unseres Autos war sehr, sehr stark."

"Unglaublich für das Team - das passiert nicht zufällig oder glücklich, es steckt harte Arbeit dahinter, die ich nur begrüßen kann. Es ist ein Vergnügen, so über diesen verrückten Kurs zu fahren. Das war schon sehr stark. Ich will mir jetzt nicht selbst auf die Schulter klopfen, im Gegenteil. Ich habe es danach direkt im Funk gesagt: Es ist eine Teamleistung und so etwas passiert nicht alle Tage. Auf einer Strecke wie hier muss alles passen. Das Auto muss passen. Es steckt wirklich viel Arbeit dahinter. Das Geheimnis - wenn es eines gibt - ist, dass wir so leidenschaftlich sind und lieben, was wir tun."

Wenn der Biorhythmus Achterbahn fährt

"Der eine oder andere, der sich vielleicht vor dem Fernseher langweilt, denkt sich: 'Mensch, das kann doch ruhig ein bisschen spannender sein.' Aber ich glaube, der Unterschied steckt im Detail. Wenn die anderen nach Hause gehen und sich die Eier in den Pool hängen, dann sind wir noch da und tüfteln weiter am Auto. Wir versuchen, noch mehr herauszuquetschen. So etwas macht über das Wochenende gesehen und über das Jahr gesehen den Unterschied."

Frage: "Der Start war die einzige Situation, in der es ein bisschen eng geworden ist."
Vettel: "Es war sehr eng. Ich dachte, ich hätte gut reagiert auf die Lichter, als sie ausgegangen sind. Aber ich kam am Anfang nicht so weg. Ich wusste, dass wir mit der Kupplung ein bisschen Probleme hatten und kamen nicht gut aus den Startlöchern. Ich dachte mir schon, dass Nico da vielleicht besser wegkommt, habe ihn dann im Spiegel gesehen und musste ihm den Platz lassen."

"Ich habe natürlich versucht, mit KERS und allem, was ich hatte, dagegenzuhalten, aber ich musste ihm den Platz lassen. Gott sei Dank hatte er sich ein bisschen übernommen und war dann natürlich auch auf der schlechteren Seite. Er ist ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen. Ich konnte wieder zurückkommen, innen durchflutschen. Die nächste Ecke ging linksherum, was für mich natürlich super war."

Frage: "Es sah so aus, als hätte dich nur das langsamste Auto auf der gesamten Strecken stoppen können: Das Safety-Car."
Vettel: "Es ist ein langes Rennen, es scheint ewig zu dauern. Da gibt es eine Menge Dinge, die schiefgehen können. Manchmal wird es wirklich eng und man kann es sich nicht erlauben, sich zurückzulehnen. Zum Ende hin habe ich den Abstand kontrolliert. Es half, dass ich auf frischen Option-Reifen (der Supersoft-Mischung, Anm. d. Red.) unterwegs war im Unterschied zu denen, die noch einen älteren Satz der härteren Mischung verwendeten. So konnte ich den Abstand bis zur Zielflagge kontrollieren."

Frage: "Du hast von 'Kontrolle' gesprochen, als dich das Safety-Car eingefangen hat. Darum ging es heute. Es war eine unglaubliche Demonstration von Kontrolle."
Vettel: "Das passiert doch nicht einfach so. Es war nicht einfach, sich für das Wochenende aufzustellen. Ich bin extrem glücklich. Das ganze Team kann sehr stolz sein. Ich weiß, wie viel Arbeit da investiert wird. Hier haben wir einen verrückten Rhythmus. Um neun Uhr beginnt der Zapfenstreich. Dann verlassen unsere Mechaniker die Strecke am Samstagmorgen. Sie überprüfen ohne Unterlass alles am Auto, was sie nur können."

Ultimative Herausforderung Singapur

"Mit den Ingenieuren ist es das Gleiche. Sie haben Nachtschicht im Büro vor Ort, aber auch in der Fabrik. Da wird so viel Arbeit investiert. Erzielen wir Resultate wie dieses heute, genießen wir den Luxus das Rennen ab einem gewissen Punkt zu kontrollieren. Dann liegt es an diesen Nachtschichten und dem Einsatz, den jeder leistet. Es ist ein Privileg, Teil dessen und Teil des Teams zu sein, den Augenblick komplett zu genießen. Dieses Rennen zählt zu meinen Favoriten. Ich habe hier dreimal in Folge gewonnen, was unglaublich ist, also bin ich extrem glücklich damit und extrem zufrieden mit dem Team."

Frage: "Wann merkt man in so einem Rennen, dass man überlegen ist?"
Vettel: "Am Anfang ging es darum, auf den weichen Reifen so weit wie möglich zu kommen und so viele Runden zu schaffen. Nico hatte da anfangs eine Herangehensweise ähnlich wie in Monaco, wo sie ein bisschen Omnibus gefahren sind und die Reifen ganz schonend angefahren haben. Deswegen konnte ich am Anfang direkt eine riesige Lücke aufreißen, danach haben sich die Zeiten einigermaßen stabilisiert und wir mussten ein oder zwei Runden später auch an die Box."

"Nachdem das Safety-Car reinkam, haben wir versucht, Druck zu machen und einen Vorsprung herauszufahren. Andere hatten direkt vor oder während der Safety-Car-Phase gestoppt. Wir wussten nicht, welche Reifenstrategie sie haben. Wir haben versucht, alles zu geben. Da war eine Phase, in der wir sehr schnell waren im Vergleich zu den anderen. Ich habe immer versucht, mir ins Gedächtnis zu rufen, wie schnell hier ein Fehler passiert ist und wie nahe die Mauern sind. Da sieht man schnell blöd aus."

Frage: "Und physisch? Du siehst ziemlich durchgeschwitzt aus. War es ein hartes Rennen?"
Vettel: "Wir sind alle nass geschwitzt. Wir schwitzen sehr viel. Es ist harte Arbeit da draußen, aber wir mögen das. Es ist eine der knackigsten Herausforderungen des Jahres. Es ist ein sehr gutes Gefühl, wenn man über die Linie fährt. Es ist die größte Herausforderung für die Physis. So fühlt es sich jedenfalls für mich an. Vor einigen Jahren hat Fernando (Alonso, Anm. d. Red.) vorgeschlagen, das Rennen zu verkürzen."

Bremsen hätten Sieg noch ins Wanken bringen können

"Es ist schon ziemlich lang, um ehrlich zu sein. Es hängt davon ab, wo man im Rennen liegt, aber körperlich gesehen ist es die größte Herausforderung. Nicht, weil es so viele Hochgeschwindigkeits-Kurven gäbe, sondern weil es eine lange Runde ist. Es gibt so viele Kurven, keinen Raum für Fehler, es ist sehr wellig, die Luftfeuchtigkeit hoch und das künstliche Licht - all das ist eine schwierige Kombination. Umso süßer schmeckt hier der Erfolg."

Frage: "Was war dein persönliches Highlight im Rennen?"
Vettel: "Die Runden, in denen ich versucht habe, alles zu geben auf den harten Reifen, um den Vorsprung herauszufahren. Wir waren doch sehr viel schneller als alle anderen. Danach mit den weichen Reifen im Vergleich zu den anderen mit den harten konnten wir uns ein bisschen zurücklehnen, weil der Pneu an sich schonmal 1,5 Sekunden schneller ist."

Frage: "Hast du irgendwann mal nachgefragt: 'Wo sind denn die anderen überhaupt?'"
Vettel: "Natürlich. Wir stehen ständig im Funkkontakt. Ich mag es, wenn man mich auf dem Laufenden hält, wie die anderen fahren, wie weit sie hinten dran sind. Zum Schluss mussten wir nicht mehr viel machen - dadurch, dass der Reifen eine oder 1,5 Sekunden pro Runde schneller war. Fernando und Kimi saßen im gleichen Boot. Sie haben einfach versucht, über die Distanz zu kommen und sich retten. Von Attacke kann man von ihrer Seite aus nicht mehr sprechen. Deswegen war es einfacher für uns, das Rennen zu kontrollieren."

Frage: "Gegen Ende des Rennens hat dein Renningenieur Guillaume Rocquelin dir im Funk gesagt, dass es Bremsvibrationen im Auto gäbe. Hast du davon etwas bemerkt?"
Vettel: "Ja, auf jeden Fall. Ich konnte es definitiv spüren. Es wurde gegen Ende immer schlimmer. Glücklicherweise lagen wir in Führung und hatten einen neuen Satz der superweichen Reifen, den wir uns am Samstag gespart hatten. Ich konnte es mir leisten, es ruhiger angehen zu lassen. Wären wir stark unter Druck gewesen... Wir hatten diese Probleme schon einmal und es nicht das Angenehmste. Hier gebraucht man die Bremse sehr viel. Dann konnten wir es kontrollieren, aber hätten wir bis zum Ende kämpfen müssen, hätte es schwierig werden können."

Die schönste Belohnung: Ein kaltes Wasser

Frage: "Wie sehr hast du das Podium heute genossen?"
Vettel: "Das ist immer etwas Besonderes nach einer Hitzeschlacht. Das Rennen hier ist immer ein sehr langes. Es geht nichts darüber, dass man etwas Kaltes zu trinken hat. Die Trinkflasche im Auto, da war zwar noch etwas drin, aber kalt war das zum Schluss auch nicht mehr."

Frage: "Leider gab es dieses Jahr wieder Buhrufe. In Monza hatte man vielleicht damit gerechnet, weil es Ferraris Heimrennen ist und die Fans sehr leidenschaftlich sind. Aber bei einem Touristen-Grand-Prix mit Publikum aus aller Welt?"
Vettel: "Es nennt sich Reisen. Sie sind auf einer Rundreise, sie kommen zu jedem Rennen. Glücklicherweise gewinnen wir weiter und sie haben einen Grund, zu buhen."

Frage: "Sie werden wohl leider weiter auf der Reise bleiben. Bist du deshalb traurig oder bedrückt? Erschöpft dich das mental?"
Vettel: "Es ist nicht schön, aber ich denke, man sollte hinter die Tribünen blicken. Die meisten Fans sind in Rot gekleidet, Ferrari hat eine starke Fangemeinde und dafür gibt es einen Grund: Sie haben viel Tradition in der Formel 1. Sie sind länger dabei und haben viel gewonnen, sie waren erfolgreicher als jedes andere Team. Es gibt aber mehr und mehr Leute in Blau, wir machen also an dieser Warte einen guten Job."

"Aber die Leute sind sehr emotional, wenn sie nicht gewinnen sondern jemand anderes. Es gefällt ihnen nicht und es sieht so aus, als seien sie auf einer Rundreise und kämen wieder. Sie sind reich genug, viele Rennen zu besuchen - nach Monza zu kommen oder den Flieger nach Singapur zu nehmen. Solange sie buhen, machen wir einen guten Job, so sehe ich das. Es sind nicht die Leute aus Singapur oder aus einem einzelnen Land."

Auch Vettels Getriebe zickte

"Es ist normal im Sport, dass Menschen, die einen bestimmten Fahrer unterstützen, den anderen nicht mögen. Es waren genauso deutsche Flaggen an der Strecke zu sehen, es sind sehr viele Deutsche in Singapur. Die Stadt ist sehr international. Bei der Fahrerparade war es schön und auch bei der Ehrenrunde haben viele Leute gejubelt. Ich habe ihnen nicht das spannendste Rennen geliefert, aber das interessiert mich nicht."

Frage: "Was war eigentlich bei Mark los? Warum hat dich das Problem nicht betroffen?"
Vettel: "Ich glaube, da gibt es keinen Grund. Wir hatten in Monza beide Probleme mit dem Getriebe, falls das auf Mark auch wieder zutrifft. Als wir hier angereist sind, hatten wir die Sache in einem gewissen Maße verstanden, aber nicht komplett. Am Freitag hatte ich weitere Probleme mit dem Getriebe, mehr als Mark. Vielleicht steckte er das ganze Rennen im Verkehr. Es ist ziemlich heiß, die Temperaturen waren vielleicht etwas höher. Aber auf der anderen Seite hatte vielleicht sein Getriebe schon in Monza mehr gelitten, weil es ein Problem mit der Kühlung gab. Vielleicht ist es eine Folge dessen. Aber ich glaube nicht, dass es dafür einen Grund gibt, was die Autos angeht. Wir erhalten identisches Material."

Frage: "Wie belohnst du dich?"
Vettel: "Ich habe das ganze Wochenende über so eine kleine Erkältung mitgeschleppt. Nichts Wildes. Ich will mich auch nicht beschweren. Ich denke, dass wir uns etwas verdient haben heute Abend, die ganze Mannschaft - weil es letztendlich eine Teamleistung ist."

Frage: "Für die WM sieht es jetzt ziemlich gut aus, oder? Aber es ist immer Fernando Alonso, der dir auf das Podium folgt."
Vettel: "Die Meisterschaft erhält zu viel Beachtung. Wir sind in einer guten Position. Ich genieße den Moment und Tage wie diese, ich mochte es gestern, die Spannung zu fühlen. Ich genieße den Augenblick, liebe den Rennsport. Das Auto ist fantastisch. Es passiert nicht zufällig, denn viele wollen mitmischen. Wir arbeiten seit Freitag hart und machen viel Druck, um ein starkes Rennen zu haben. Es ist ein Genuss, im Auto zu sitzen. Die Jungs stehen voll dahinter. Großartig."

Fotoquelle: Red Bull

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