Ferrari-Stratege Neil Martin im Element: eine Welt aus Zahlen und Berechnungen

Formel 1 2013

— 26.09.2013

Wie Ferrari-Stratege Martin die Formel 1 revolutionierte

Am Anfang war er "der Junge mit den Zahlen", heute ist er einer der Top-Strategen in der Formel 1: Wie Neil Martin den Sport revolutionierte und Ferrari vom Staub befreit



Ferraris Niederlage im Titelfinale 2010 war schmerzhaft: Die "Scuderia" verpokerte sich bei der Stratege und holte Fernando Alonso zu früh an die Box - dadurch musste der Spanier hinter dem damaligen Renault-Piloten Witali Petrow zusehen, wie Sebastian Vettel dem WM-Titel entgegen fährt. Als Konsequenz daraus holte Ferrari den ehemaligen Red-Bull-Strategen Neil Martin nach Maranello. Er sollte die Schwächen des Traditions-Rennstalls ausmerzen, die auch darauf zurückzuführen waren, dass die Strategie durch die immer komplexer werdende Formel 1 in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat.

Der Brite steuert seitdem Fernando Alonso und Felipe Massa aus der "virtuellen Garage" in Fiorano - ein kleiner Raum an der Teststrecke, der am Wochenende von Statistikern gefüllt wird. Doch das ist nicht die einzige Aufgabe Martins. Er ist Chef der Abteilung für Unternehmensforschung, eine Art "interne Beratungsabteilung", die sich auf Basis mathematischer Berechnungen und Software-Simulationen darum bemüht, die Abläufe zu optimieren.

Martin macht Ferrari bereit für die Zukunft

"Wir sehen uns unterschiedliche Bereiche und Abläufe im Unternehmen an, erstellen ein Modell, und wenn es nötig ist, optimieren wir es oder implementieren eine neue Herangehensweise, einen neuen Ablauf oder eine neue Software, damit wir uns verbessern", erklärt Martin gegenüber 'gocar.gr'. Da kommen Martin seine bislang 19 Jahre in der Formel 1 zugute.

Was ihn am Ende eines Grand-Prix-Wochenendes glücklich macht? "Natürlich hängt die Stimmung von der Performance auf der Strecke ab", grinst er. "Die Gewissheit, dass wir unser Team bestmöglich unterstützt haben, ist auch wichtig - und dabei klare, richtig getimte, wahrheitsgetreue Einschätzungen von Situationen, Möglichkeiten und Risiken abgeben, und dann die bestmögliche Entscheidung treffen."

Von der Uni direkt zu McLaren

Martin war einer der Ersten in der Formel 1, die ihre Entscheidungen dermaßen auf Berechnungen und die dabei verwendete Technologie stützten. Der ehemalige Mathematik- und Informatik-Student der Universität Southampton gewann die Unterstützung des McLaren-Teams für seine Master-Arbeit über Risikoeinschätzung und fand unter Einbeziehung der firmeninternen Strategiedaten von 1994 heraus, dass das Team seine Boxenstopps stets zu früh ansetzte.

"McLaren versorgte mich mit Informationen von den Rennen - auf Papier", erinnert er sich. "Ich musste also alle Sektorenzeiten aller Autos von jeder Session und jeder Rennveranstaltung zur Analyse in den Computer eingeben." Die Arbeit zahlte sich aus: "Bei einem Rennen - und ich hatte nur die Daten, die vor einem Rennen verfügbar waren - hat mein Modell gezeigt, dass McLaren nur einen Stopp hätte machen sollen. Das hat das Team aber erst nach dem Rennen herausgefunden. Das hat dann ihr Interesse geweckt."

Wie sich Martin durchsetzte

Das Ergebnis: Im Oktober 1996 wurde er von McLaren engagiert und mauserte sich zu einem der Topstrategen der Formel 1 - von 2007 bis 2010 leitete er bei Red Bull die Strategieabteilung, dann wechselte er zu Ferrari. "Am Anfang war ich 'der neue Junge mit den Zahlen'", wurde er am Anfang bei McLaren von Kollegen noch kritisch beäugt. "Leute mit viel Erfahrung, die am Kommandostand und in der Führungsebene waren, verließen sich damals bei einem gewissen Rennen auf gewisse Kriterien, und nannten diese dann als Grund, warum die neuen Methoden zum Scheitern verurteilt waren." Es hieß: "Atypische Ereignisse könnten zwar eintreten, aber die Leute tendieren dazu, sich nur daran zu erinnern - vor allem, wenn man dann ein schlechtes Ergebnis hat."

Doch Martin hatte selbst für atypische Ereignisse Berechnungen und Lösungen: "Ich habe ständig zu ihnen gesagt: 'Ihr könnt es so machen, aber das wahrscheinliche Ergebnis wird X oder Y sein. Und genau das ist in der Folge eingetreten." Und so erarbeitete er sich bei McLaren Respekt - seine Methode wurde schließlich angenommen. Heute sagt er: "Eine gesunde Portion Skepsis ist gut, damit wir motiviert bleiben und unsere Lösungen ständig in Frage stellen, aber heutzutage kommt es nur selten vor, dass ich wegen Denkfehlern meine Zeit vergeude."

Genie im Hintergrund

Den Ruhm erhalten aber meist andere, denn Martin arbeitet im Hintergrund. Doch einmal stand selbst er im Scheinwerfer-Licht - als Kimi Räikkönen 2005 in Monaco mit Hilfe eines genialen Strategie-Schachzugs triumphierte. Diesen hatte der Brite via E-Mail abgegeben.

"Am Montag nach dem Rennen hat ein Freund bei McLaren zu mir gesagt: 'Du bist im Telegraph'", blickt er zurück. "Ich dachte, dass er einen Witz macht, ehe jemand am Vormittag eine Ausgabe auf meinen Tisch legte. Ich war ziemlich überrascht, da ich das gleiche gemacht hatte wie Woche für Woche in den Jahren davor." Zudem amüsierte Martin, bei dem Genauigkeit die Grundlage für seinen Job ist, die Art und Weise der Berichterstattung: "Ein paar Aspekte entsprachen der Wahrheit, aber ich hatte die Ereignisse ein bisschen anders in der Erinnerung."

Fotoquelle: Ferrari

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