Monisha Kaltenborn steht seit einem Jahr an der Spitze des Sauber-Teams

Formel 1 2013

— 11.10.2013

Kaltenborn: Bilanz nach einem Jahr an der Sauber-Spitze

Monisha Kaltenborn im Interview: Das schwierige Jahr an der Spitze des Sauber-Teams und der Spagat zwischen Familie und Beruf



Monisha Kaltenborn hat in der Formel 1 Geschichte geschrieben. Vor genau einem Jahr wurde die sterreicherin mit indischen Wurzeln an die Spitze des Schweizer Sauber-Rennstalls berufen. Kaltenborn ist die erste weibliche Teamchefin in der Knigsklasse. Fr ihre ersten zwlf Monate im Amt hatte sich die Nachfolgerin von Peter Sauber sicherlich weniger turbulente Zeiten gewnscht. "Es gab einen Moment, wo ich berlegt habe, ob ich der Aufgabe gewachsen bin. Niemand hatte gedacht, dass es so schwierig werden wrde", erklrt Kaltenborn. Wie sie mit den hohen Hrden zurecht kam, schildert sie im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Monisha, genau vor einem Jahr sind sie zur ersten Teamchefin in der Formel 1 ernannt worden. Ist in ihrem ersten Jahr in dieser Rolle alles abgelaufen wie erwartet?"
Monisha Kaltenborn: "Ich hatte nicht erwartet, dass es ein solch schwieriges Jahr werden wrde. Nach den guten Ergebnissen in der Saison 2012 hatte ich gehofft, dass wir das Team vor allem im Bereich Finanzen mehr stabilisieren knnen. Auf Grundlage der sportlichen Resultate dachte ich, dass diesbezglich gute Chancen bestnden. Leider konnten wir davon nicht so profitieren wie gedacht. Die Arbeit wurde sehr schwierig. So, wie manche Medien ber das Team geschrieben haben, wurde es sehr kompliziert."

Frage: "Wann wurde deutlich, dass es eine schwierige Phase werden wrde? War das bereits Ende vergangenen Jahres?"
Kaltenborn: "Nein, nicht schon am Ende vergangener Saison. Es war im Verlauf der diesjhrigen Saison. Es gab fortlaufende Gesprche und es sah immer gut aus, aber es zog sich alles extrem lange hin. Dann erreicht man irgendwann einen Punkt, an dem es schwierig wird."

Frage: "Bei den Tests vor der Saison war sichtbar, dass wenige Sponsoren auf dem Auto sind. War da nicht schon klar, dass es schwierig werden wrde?"
Kaltenborn: "Wir waren sehr sicher, dass es bis zum Saisonbeginn zwei neue groe Partner geben wrde. Wir waren damals in den entsprechenden Verhandlungen sehr weit fortgeschritten. Sehr pltzlich gab es dann aber auf deren Seite ein Umdenken und die Entscheidung, deren Engagement aus internen Grnden zu verschieben. Als dies so unerwartet passierte, standen wir pltzlich vor einer groen Herausforderung."

Russen als Rettung in der Not

Frage: "Nun haben sie russische Partner gefunden. Waren sie persnlich die treibende Kraft hinter diesen Deals?"
Kaltenborn: "Die entsprechenden Herren sind uns von jemandem vorgestellt worden. Es wurde schnell deutlich, dass die Russen sofort mit uns zusammenarbeiten wollen - und so kam es eben. Sie hatten fr ein Engagement in der Formel 1 nur uns im Blick. Es war uns also klar, dass sie diesen Schritt mit uns machen wrden."

Frage: "Ist der Deal komplett finalisiert?"
Kaltenborn: "Ja. Es ist allerdings kein normaler Deal. Wir kennen nicht alle der involvierten Parteien, die an diesem Konstrukt teilhaben. Es ist nicht klar, welches Logos auf das Auto kommen. Das war uns aber immer bewusst. Es gibt eine Basis, eine Sicherheit, aber in manchen Bereichen noch keine Detailarbeit.Bei der technischen Zusammenarbeit gibt es einen Businessplan."

"Wir mssen nun schauen, wir wir das konkret umsetzen. Es gibt diesen Plan. Wir haben nun die Projekte definiert und entsprechende Budgets zugewiesen. Wir sind in Gesprchen mit einem Unternehmen, mit dem wir all dies umsetzen wollen. Das System in Russland ist ganz anders, es ist sehr komplex. Das muss man erst einmal alles verstehen."

Frage: "War dieser Deal der wichtigste Erfolg in ihrer bisherigen Amtszeit?"
Kaltenborn: "Der grte Erfolg war es, das Team berhaupt am Laufen zu halten. Vor allem bei den Voraussetzungen, die man hat, wenn man aus einem Land heraus agiert, wo nicht mal eben drei oder vier andere Teams um die Ecke beheimatet sind. Es ist schwierig, gute Leute zu bekommen. In unserer nicht alltglichen, schwierigen Phase war es enorm wichtig, den Kern zusammenzuhalten - also die Gruppe von Leuten, auf die man sich immer verlassen kann."

Halten Teams zusammen? Nein!

Frage: "An der Spitze der Technikabteilung gab es wichtige Abgnge. James Key hat das Team verlassen, spter auch Matt Morris. Hat ihnen dies Sorgen bereitet?"
Kaltenborn: "Nein. Wenn man die Grnde kennt, dann macht so etwas keine Sorgen. Ich mchte aber nicht ber die Grnde sprechen, warum jemand das Team verlassen hat."

Frage: "ber den grten Erfolg ihrer bisherigen Amtszeit haben wir bereits gesprochen. Was war denn der Tiefpunkt?
Kaltenborn: "Der Tiefpunkt war Mitte dieses Jahres, als wir gewissen ffentlichen Angriffen ausgesetzt waren. Es war schwierig zu verstehen, warum dies passierte und woher das kam."

Frage: "Die Formel 1 ist extrem leistungsorientiert und hart umkmpft. Gab es dennoch in der schwierigen Phase die Untersttzung durch andere Teamchefs oder haben die sogar noch drauf getreten?"
Kaltenborn: "Nein, gar nichts haben sie gemacht. Wir sind zwar zusammen in einem Sport, aber dennoch tritt hier jeder sehr individuell und fr sich auf. Ich hatte von Seiten der anderen Teams auch nichts erwartet. Da gab es nichts."

Frage: "Aber konnte man nicht vielleicht vom langjhrigen Partner Ferrari ein wenig Untersttzung erwarten?"
Kaltenborn: "Ferrari war immer auf unserer Seite, aber die konnten uns dort nicht helfen. Wir waren in einer ganz schwierigen Situation. Da lsst einem niemand noch besondere Hilfe zugute kommen."

Kinder sollen nicht Formel-1-Fahrer werden

Frage: "Wie geht es nun weiter? Planen Sie mit weiteren 20 Jahren in der Formel 1?"
Kaltenborn: "Ich habe die Leitung eines Unternehmens von jemandem bernommen, der seit mehr als 40 Jahren im Motorsport ist - und zwar trotz aller Probleme. Meine Aufgabe ist es, dieses Unternehmen so lange wie mglich fortzufhren. Hauptziel ist und bleibt die Formel 1, denn das ist unser Kerngeschft. Wir werden an unserem Traum, eines Tages an der Spitze zu stehen, festhalten."

Frage: "Der aktuelle Job hat Schattenseiten. Nur selten bei den eigenen Kindern sein zu knnen, muss hart sein. Wollen sie dies noch lange Zeit so fortfhren?"
Kaltenborn: "Bemerkenswert ist, dass meine Kinder mich bei meinem Job sehr untersttzen. Es ist schon hart, aber die Kinder werden ja auch grer. Ich habe sie niemals von meiner Arbeit ausgeschlossen. Sie fhlen sich als ein Teil dessen, was sehr gut ist. Ich hoffe, dass sie mir nicht irgendwann sagen werden, dass ich eine schlechte Mutter war."

Frage: "Vielleicht kommen sie ja irgendwann und sagen: 'Mama, ich will in der Formel 1 arbeiten'..."
Kaltenborn: "Ja, das ist auch meine Hoffnung (lacht)."

Frage: "Wie stehen die Chancen darauf?"
Kaltenborn: "Ich wei es nicht. Ich habe meinen Kindern auf jeden Fall schon einmal klargemacht, dass es mit einem Job als Fahrer schwierig werden drfte, weil sie alle schon zu gro gewachsen sind. Auerdem wrde ich verhindern, dass sie einen solchen Vertrag bekommen wrden. Man sollte seine Kinder auf ihrem Weg jederzeit untersttzen, aber wenn es nach mir ginge, dann wrde ich sie lieber in anderen Bereichen sehen."

Fotoquelle: xpbimages.com

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