Trotz seiner Behinderung ist Williams die Leidenschaft für die Formel 1 anzusehen

Formel 1 2013

— 23.10.2013

Das Wunder Frank Williams: Wie ihn die Formel 1 am Leben hält

"Rollstuhl-General" Frank Williams kommt auch mit 71 nicht von der Formel 1 los: Was sein letzter Wunsch ist, wie er die Rennen erlebt und vor wem er den Hut zieht



Frank Williams ist 71 Jahre alt. Seit einem Autounfall 1986, bei dem der fünfte und der sechste Nackenwirbel brachen, ist der Brite querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Er kann seine Arme nur noch über die Schultern bewegen, benötigt rund um die Uhr Betreuung. Dennoch hat er es geschafft, sein Team danach mit eisernem Willen zu großen Erfolgen in der Formel 1 zu führen: In den 1990er-Jahren war das Team aus Grove die treibende Kraft in der Königsklasse des Motorsports.

Seit dem Ausstieg von BMW vor etwas weniger als einem Jahrzehnt muss Williams zusehen, wie sein Rennstall immer weiter zurückfällt. Doch der Brite kämpft gegen das Schicksal an, leitet auch im pensionsreifen Alter immer noch die Geschicke seines Teams. Unterstützung erhält er von seiner Tochter Claire Williams, die sich als stellvertretende Teamchefin um die wirtschaftliche Seite kümmert.

Im Vorjahr sah es so aus, als hätte Williams die Kurve gekriegt - mit Pastor Maldonado feierte man einen sensationellen Sieg in Barcelona. Doch dieses Jahr ist das Team wieder in die Niederungen des Starterfelds zurückgekehrt - derzeit hat man nur einen WM-Punkt auf dem Konto, die erfolgloseste Saison in der Teamgeschichte droht.

Williams' letzter Wunsch

Williams gibt aber nicht auf, kämpft wie ein Löwe darum, das Team vor seinem Tod auf sichere Beine zu stellen. Er will etwas wiederholen, was ihm Ende der 1970er-Jahre gelungen ist: mit Hilfe von Geldgebern aus dem Nahen Osten für ein erfolgsversprechendes Fundament zu sorgen und eine neue Erfolgsära einzuleiten. "Mein letzter großer Wunsch ist es, unsere Partnerschaft mit Katar zu einem Abschluss zu bringen", bestätigt der "Rollstuhlgeneral" gegenüber 'auto motor und sport'.

"Ich habe in den 1970er-Jahren mit den Saudis einen Vertrag gemacht", spielt er auf den Deal an, der die saudiarabische Fluglinie Saudia, den Technologiekonzern TAG und die im Besitz der Bin-Laden-Familie stehenden Hotelkette Albilad als Sponsoren an das Team band und Gelder in die Kriegskasse spülte, die Williams Aufstieg bis zum WM-Triumph 1980 mit Alan Jones ermöglichten. "Das gleiche möchte ich jetzt mit Katar schaffen", erklärt er. "Ich arbeite daran seit drei Jahren. Wir haben dort unten unsere kleine Filiale, die sich um die Entwicklung neuer Technologien kümmert. Von meiner Erfahrung mit den Saudis weiß ich, dass Geduld eine große Rolle spielt."

Was Williams seine "kleine Filiale" nennt, ist in Wahrheit ein Technikzentrum in Doha, der Hauptstadt des arabischen Emirats Katar, das neben dem Formel-1-Team und Williams Hybrid Power (WHP) im britischen Grove eines von drei Standbeinen des Rennstalls ist. "Es ist nicht unsere Lebensader, aber es ist wichtig. Es ist das dritte Bein eines Barhockers. Auf zwei sitzt es sich schlechter", sagt er.

Warum Williams einige Überseerennen auslassen muss

Das Geld, das man in Katar einnimmt, fließt direkt in das Formel-1-Team. Sein Plan: das Interesse reicher Araber zu wecken, die dann in den Standort Doha investieren und dem Rennstall langfristig zu Wohlstand zu verhelfen. Für viele grenzt es ohnehin an ein Wunder, mit wie viel Herzblut Williams trotz seiner Behinderung für sein Team kämpft, sich völlig dafür aufopfert, nur um noch einmal mitzuerleben, dass seine Firma längerfristig auf die Siegerstraße zurückkehrt. Seit 27 Jahren geht er auf bewundernswerte Art und Weise mit seiner Behinderung um.

"Ich bin immer noch bei allen europäischen und vier bis fünf Überseerennen dabei", lässt er sich auch von den enormen Reisestrapazen nicht aus der Bahn werfen. Ginge es nach ihm, würde er zu allen Rennen reisen, aber "die langen Strecken kann ich nicht mehr fliegen. Die Fluggesellschaften erlauben es nicht, dass ich in einen Stretcher gestellt werde. Das könnte bei Turbulenzen Probleme geben."

Williams nimmt es mit Humor: "Ich hätte mir eben nicht den Hals brechen dürfen. Mein alter Partner Patrick Head hat mich immer mit dem Spruch aufgezogen: Du hättest besser korrigieren sollen, als das Auto damals übersteuert hat." Selbst wenn Williams nicht vor Ort ist, wird er von seinem Team über die Geschehnisse an der Strecke detailliert auf dem Laufenden gehalten. " Wenn mein Vater nicht da ist, telefoniere ich jeden Tag mit ihm", sagt Claire Williams gegenüber 'auto motor und sport'. "Das tun aber unser Teammanager Dickie Stanford, unser Technikchef oder die Fahrer auch."

Firma hält Williams am Leben

Am Rennwochenende ist Williams in der Fabrik und verfolgt das Geschehen: "Ich sitze mit den Ingenieuren im so genannten Communications-Room und habe alle Daten aus der Boxengarage und dem Technik-Truck zur Verfügung. Ich kann auch beim Debrief zuhören, so als wäre ich an der Strecke."

Diese tägliche Auseinandersetzung mit dem Rennsport treibt die Teamchef-Legende nach wie vor an, ist für seine Tochter das "Lebenselixier" von Frank Williams: "Der Rennsport war für meinen Vater der Sauerstoff zum Leben." Das ist auch ihm bewusst: "Ich hatte ein Geschäft, als es passierte, und hatte das Glück, viele hochqualifizierte Menschen um mich herum zu haben." Kaum ein Mensch wurde mit einer derartigen Behinderung so alt wie der Sohn eines Bomberpiloten im zweiten Weltkrieg.

Williams selbst kennt nur einen: "Es gibt da einen Schweizer, dem ist das gleiche zwei oder drei Jahre vor mir passiert. Er hat vielleicht ein Prozent mehr Beweglichkeit als ich. Und er lebt immer noch. Ein toller Bursche. Der Typ hat nach seinem Unfall eine Firma gegründet. Eine Firma, die Rollstühle herstellt. Noch im Krankenhaus hat er gesagt: Ich kann bessere Rollstühle bauen als dieser Mist, den wir hier im Krankenhaus haben. Da ziehe ich meinen Hut vor. Er hat sein Geschäft trotz der Behinderung von null aufgebaut."

Fotoquelle: Williams

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