Für viele Inder bleibt der Grand-Prix-Sport trotz des Rennens in Noida ein Fremdkörper

Formel 1 2013

— 23.10.2013

Vor Ort in Indien: Warum die Formel 1 scheitert

Obwohl Formel-1-Replika-Helme hoch im Kurs sind, ist die Formel 1 für die Inder nach wie vor ein Fremdkörper - Und Vijay Mallyas Popularitätswerte sind im Keller



Es dürfte sie irgendwann einmal günstig im Abverkauf gegeben haben. Heute trägt sie gefühlt jeder vierte indische Mopedfahrer: Replika-Helme im Design von Kimi Räikkönen. Vereinzelt erblickt man im turbulenten Verkehr des indischen Molochs Neu Delhi, der an Autoscooter erinnert, auch das Helmdesign von Fernando Alonso aus Renault-Zeiten oder das von David Coulthard aus seiner McLaren-Ära. Fix ist aber: Die Mopedfahrer haben keine Ahnung, dass es sich um Kopien berühmter Originale der vielleicht besten Rennfahrer der Welt handelt.

Die Formel 1 fährt seit 2011 in der Nähe von Noida, einer künstlichen Industriestadt, deren Name sich aus der uncharmanten Abkürzung für New Okhla Industrial Development Authority zusammensetzt. Angekommen ist die Königsklasse des Motorsports in Indien aber noch lange nicht. Der von Hermann Tilke designte Buddh International Circuit kostete rund 300 Millionen Euro, viele Inder wissen aber über seine Existenz nicht einmal Bescheid.

"Formel 1? Noch nie gehört..."

Auch der Name Formel 1 ist für viele ein Fremdwort, mit dem sie nichts anfangen können. "Formel 1? Noch nie gehört", antwortet ein Taxifahrer in Delhi auf die Frage von 'Motorsport-Total.com', was er vom Grand-Prix-Sport halte. Und das, obwohl die Zeitungen über die Königsklasse des Motorsports durchaus berichten, dem Force-India-Team auch an den Trainingstagen ein paar Zeilen gewidmet werden.

Erst als der Name Vijay Mallya fällt, wird der indische Taxilenker hellhörig. "Kingfisher", sprudelt es aus ihm heraus. "Shah Rukh Khan - er flog immer Kingfisher, ehe die Fluglinie Pleite ging". Die Helden der Inder sind keine Rennfahrer, sondern Bollywood-Stars. Und Khan ist der erfolgreichste Schauspieler des Landes.

Force-India-Teamgründer und Mitbesitzer Mallya spielt da in Sachen Bekanntheit schon in einer niedrigeren Preisklasse. Der reiche Geschäftsmann ist aber den meisten Indern durch regelmäßige TV-Auftritte ein Begriff, zudem umgibt er sich bei seinen ausschweifenden Partys gerne mit den heimischen Superstars und Models. Dass er auch ein Formel-1-Team besitzt, geht dabei unter.

Mallyas Luxusleben provoziert arme Bevölkerung

Mallya ist in Indien umstritten. "Er hat kein Herz für die Menschen, er ist unglaublich reich", übt Fahrradrikscha-Chauffeur Saleem Mallan Kritik. Der 43-Jährige Familienvater, der wegen seiner hervorragenden Kenntnisse über die engen Gassen liebevoll Saleem Old Delhi genannt wird, zählt trotz seines harten Brotberufs zum indischen Mittelstand.

Wie viele fühlt er sich durch Mallyas Lebensstil provoziert: "Er könnte ja auch den Menschen etwas von seinem Vermögen zukommen lassen, ein öffentliches Krankenhaus stiften, um die Armut etwas zu lindern."

Mallya fällt auch in Indien nicht gerade durch Bescheidenheit auf. Seine mondänen Feste auf der Luxusjacht "Indian Empress" - in der Rangliste der längsten Motorjachten der Welt auf Rang 29 geführt - sind berüchtigt, gleichzeitig mussten die Mitarbeiter seiner Fluglinie Kingfisher lange auf ihre Gehälter warten, ehe diese Bankrott ging - ein Widerspruch, der gerade an der armen Bevölkerung nicht spurlos vorbeiging.

Ein Sport der Reichen

Auch 2.700 Kilometer südlich von Delhi, in der 600.000-Einwohner-Stadt Kochi am arabischen Meer, stößt der Name Mallya nicht gerade auf Begeisterung. "Er ist ein Arschloch", kann Breeze Thomas, 34-jähriger Besitzer des kleinen italienischen Restaurants Upstairs, seinen Ärger nicht verbergen. "Jeder hasst ihn hier. Er hat viel Geld, aber die Art, wie er sich gibt - mit all dem Protz - kommt bei den Leuten hier schlecht an."

Auch er würde sich wünschen, dass Mallya Geld für ein Krankenhaus spendet, anstatt es für seinen luxuriösen Lebensstil auszugeben. "Aber die Menschen sind ihm egal", hat der Inder die Hoffnung bereits aufgegeben.

Thomas, der drei Jahre lang als Koch im italienischen Genua lebte, ist die Formel 1 durchaus ein Begriff. Er zweifelt aber daran, dass sich der Sport in Indien durchsetzt: "Die Leute hier haben andere Probleme, und die Formel 1 ist doch in Wahrheit ein Sport der Reichen. Das funktioniert hier bei der Masse nicht." Das gelte zwar im Grunde auch für die indische National-Sportart Kricket, doch dabei handle es sich um einen "Sport, den jeder hier ausüben kann. Deswegen hat es sich etabliert".

Formel 1 in Indien: Grand Prix ist einzige Chance

Weiter im Landesinneren des südindischen Bundesstaates Kerala - im 2.400 Meter hoch liegenden Bergdorf Munnar - treffen wir den 36-jährigen Inder Vicky Oberoi. Auch ihm ist der Motorsport im Gegensatz zu vielen Landsleuten nicht fremd, verbringt er doch die Hälfte seiner Zeit als Immobilienhändler im kanadischen Calgary - in einer westlichen Kultur. Zudem lebte er zehn Jahre lang in Dubai und arbeite für das italienische Modelabel GAS, von 2002 bis 2003 Sponsor von Motorrad-Ass Valentino Rossi.

Er ist der Meinung, dass das Formel-1-Interesse in Indien "größer war, als Michael Schumacher dominiert hat. Weil er durch seine Rekorde ein globaler Superstar wurde, war der Sport damals auch in Indien präsenter. Jetzt fehlt ein Zugpferd." Der Grand Prix von Indien sei die einzige Möglichkeit, "damit die Formel 1 als indische Veranstaltung wahrgenommen wird. Wenn es das Rennen nicht mehr gibt, wird sich der Sport nie etablieren können."

Und was Mallya angeht, schlägt er in die gleiche Kerbe wie seine zwei Landsleute Mallan und Thomas: "Viele Menschen in Indien haben ein Problem mit ihm, weil er den armen Leuten nichts gibt und seinen Luxus offen zur Schau trägt. Sein Sohn ist der gleiche Playboy. Ständig gibt es irgendwelche Frauengeschichten. Das kommt hier nicht gut an."

Fotoquelle: xpb.cc

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