Sebastian Vettel und Red Bull: Nach 2010, 2011 und 2012 auch 2013 Champion

Formel 1 2013

— 27.10.2013

Weltmeister Vettel: "Eine großartige Saison"

Sebastian Vettel im ausführlichen Interview über die Saison 2013, sein Bild in der Öffentlichkeit, Lehren aus der Vergangenheit und das, was noch kommt



Seit dem Grand Prix von Indien am Sonntag steht fest: Sebastian Vettel und Red Bull sind zum vierten Mal in Folge Formel-1-Weltmeister.

Im 'BBC'-Interview, das vor dem Grand Prix von Indien aufgezeichnet wurde, lässt Vettel die Saison 2013 aus seiner Sicht Revue passieren, spricht über die Genugtuung von fünf Siegen in Folge, über seinen Anteil an den Red-Bull-Erfolgen und die öffentliche Wahrnehmung dieses Anteils, über Lehren aus der Vergangenheit, über seine Siegergeste und über eine ganze Reihe von Pralinenschachteln.

Frage: "Sebastian, wie würdest du deine Saison zusammenfassen?"
Sebastian Vettel: "Nun, bis hier her lief sie nahezu reibungslos. Wenn man zurückblickt, wie wir in Australien angefangen haben, dann muss man sagen, dass wir von Beginn an ein sehr starkes Auto hatten, das jederzeit gut genug war, um in die Top 5 zu fahren. Das haben wir erreicht. Es gab einen Ausfall in Silverstone, als wir ein technisches Problem hatten. Glücklicherweise hatten wir keinen Reifenschaden, denn das ist es wohl, was den Leuten von diesem Rennen am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Bei uns war es ein anderes Problem. Wir mussten das Auto abstellen. Das war schade, denn es war das Heimrennen unseres Teams, wir hatten entsprechend viele Leute vor Ort und lagen in einer guten Position."

"Abgesehen davon haben wir viele Siege eingefahren und jede Menge Pokale gesammelt. Es war eine großartige Saison, in gewisser Weise vergleichbar mit 2011. Das Team hat sehr hart gearbeitet und nur ganz wenige Fehler gemacht. Die Saison 2012 war in dieser Hinsicht ein stärkeres Auf und Ab von allen Beteiligten, aber in diesem Jahr ist es bis hier her wirklich sehr gut gelaufen."

...und dann ist die Statistik immer gegen dich

Frage: "Fünf Siege in Folge. Das haben bisher nur sechs Fahrer geschafft und du bist einer davon. Was bedeutet das für dich?"
Vettel: "Man muss es schaffen, fünfmal hintereinander alles richtig zu machen. Die Leute tun sich schwer, das richtig einzuordnen. Wenn man drei Rennen in Folge gewonnen hat, was an sich schon unglaublich ist, dann heißt es beim vierten Sieg: 'Er hat ja drei Rennen in Folge gewonnen, also ist der vierte Sieg einfach.' Es gibt aber keine Garantie, dass man nach fünf Podestplätzen in Folge wieder auf einem Podestplatz ins Ziel kommt. Der Arbeitsaufwand ist jedes Mal genau der gleiche, wenn nicht sogar höher, denn andere werden hungrig und wollen sicherstellen, dass sie beim nächsten Mal gewinnen."

"Um alles richtig zu machen, muss einfach alles zusammenpassen: Mein Anteil im Cockpit, aber ebenso ein großer Anteil vom Team. Die Boxenstopps müssen sitzen. Die Strategie muss jederzeit passen. Im Verlauf von fünf Rennen kann allein schon in Bezug auf das Wetter viel passieren. Wenn man sich die Menge an Dingen vor Augen führt, die potenziell schiefgehen können und dann die Dinge gegenüberstellt, die immer klappen müssen, dann ist die Statistik immer gegen dich. Was soll ich sagen? Unsere fünf zurückliegenden Rennen seit der Sommerpause waren fantastisch. Das gilt ganz besonders für das Rennen in Monza, wo wir vorher nie genau wissen, ob wir gut oder schlecht aussehen werden. In den vergangenen Jahren war es für uns dort immer ein 50:50-Unterfangen. Diesmal haben wir mit einem fantastischen Auto mit wenig Abtrieb alles richtig gemacht. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

Man kann nicht jedes Mal 500 Namen aufzählen...

Frage: "Heißt das, dass Monza dein größter Sieg in dieser Saison war?"
Vettel: "Ich mag es nicht, einen Sieg oder ein Rennen über die anderen zu stellen. Ich hinterfrage mich immer selbst: Habe ich an diesem Tag mein Bestes gegeben oder war noch ein bisschen mehr drin? In dieser Hinsicht verliefen die fünf zurückliegenden Rennen sehr gut. Nicht nur, weil wir gewonnen haben, sondern auch, wie wir es umgesetzt haben. Wir haben kaum Fehler gemacht und auch alle Sachen im Hintergrund - Strategie, Boxenstopps und so weiter - richtig gemacht. Es war das Maximum. Sicher hatten wir hier und da noch ein bisschen was in der Hinterhand, hätten noch schneller fahren können, aber es waren auch Rennen dabei, wo der Vorsprung nur ein paar Sekunden groß war. Wenn man dann einen großen Fehler einbaut, ist der Vorsprung dahin und man gewinnt nicht."

Frage: "Wenn man von deinen Siegen spricht, dann spricht man automatisch auch von Red Bull und von Adrian Newey. Hast du das Gefühl, dass dein Anteil am Erfolg ausreichend gewürdigt wird?"
Vettel: "Um ehrlich zu sein habe ich das Gefühl, dass es viele Leute im Hintergrund gibt, die nicht ausreichend gewürdigt werden. Den Schlüsselpersonen, die man kennt - sei es ich selbst oder Adrian - wird genug Beachtung geschenkt. Im Hintergrund arbeiten aber so viele Leute, die in der Fabrik oder im Büro jeden Tag ihr Bestes geben und mit cleveren Ideen um die Ecke kommen. Aus diesen wird dann ein Projekt, das beispielsweise in eine Upgrade und damit in einer Verbesserung des Autos mündet. Es gibt so viele Bereiche, die leider kaum Beachtung finden. Das ist aber auch gar nicht anders möglich, denn man kann ja nicht jedes Mal im Interview 500 Namen aufzählen (lacht; Anm. d. Red.)."

Der alte und neue Weltmeister ist selbst sein größter Kritiker

Frage: "Es ist genau ein Jahr her, dass Fernando Alonso gesagt hat, er tritt im Grunde nicht gegen dich, sondern gegen Adrian Newey an. Dabei wird aber offenbar vergessen, dass Adrian vorher schon jahrelang bei Red Bull war ohne einen Rennsieg gefeiert zu haben. Die Siege kamen erst, als du zum Team gestoßen bist. Wie reagierst du also auf Stimmen, die deine Fähigkeiten oder deinen Anteil am Erfolg anzweifeln?"
Vettel: "Ich schaue einfach auf mich selbst und mache weiter wie bisher. Unterm Strich kommt es darauf an, mit sich selbst im Reinen zu sein. Ich möchte ein Beispiel geben: Wenn du einen Fehler gemacht hast und damit meine nicht einen im Cockpit oder auf der Strecke, sondern im Leben allgemein, dann bist du selbst der erste, den du damit aufs Kreuz legst. Das meine ich, wenn ich sage, mit sich selbst zufrieden und im Reinen zu sein. Wenn das gegeben ist, gibt es keinen Grund, irgendetwas anzuzweifeln."

Frage: "Gibt es irgendwelche Zweifel oder ein rückwirkendes Bedauern im Zusammenhang mit 'Multi 21', der Stallorder-Affäre aus Malaysia?"
Vettel: "Ich möchte nicht die ganze Geschichte von Neuem aufrollen. Wenn ich etwas bereue, dann das, wie ich es bereits direkt nach dem Rennen sagte: Ich habe die Anweisung des Teams nicht befolgt. Ich erklärte damals schon, dass es meiner Meinung nach nicht richtig war, wie ich mich verhalten habe. Denn ich habe mich über das Team gestellt und das war nicht gut. Also bin ich in die Fabrik gegangen und habe den Leuten direkt gesagt, warum ich getan habe, was ich getan habe und was genau vorgefallen war. Ich hatte natürlich auch ein Vier-Augen-Gespräch mit Mark (Teamkollege Webber; Anm. d. Red.), um ihm meine Sichtweise der Dinge zu erklären, bevor ich damit an die Öffentlichkeit gegangen bin."

Ferrari-Wechsel, um Respekt zu erlangen?

Frage: "Mark Webber wird das Team verlassen. Daniel Ricciardo ist in der neuen Saison dein Teamkollege. Glaubst du, das wird die Kritiker verstummen lassen oder musst du dafür erst einen Teamkollegen vom Schlage eines Fernando Alonso oder Kimi Räikkönen besiegen - womöglich sogar bei Ferrari?"
Vettel: "Ich weiß es nicht. Man kann sich da viele Gedanken machen. Unterm Strich müssen wir nichts beweisen, denn wir haben meiner Meinung nach genug bewiesen. Es waren drei fantastische Jahre und auch dieses Jahr läuft fantastisch. Ich glaube einfach, dass es immer einen Grund gibt, warum die Dinge passieren, wie sie passieren. Natürlich braucht man das richtige Paket. Dieses hatten wir in den vergangenen Jahren und auch in diesem Jahr. Wir hatten auch schon 2009, als ich Vize-Weltmeister wurde, ein sehr starkes Paket. Vielleicht wäre 2009 mit der Erfahrung, die ich heute besitze, anders verlaufen. Andererseits habe ich damals das Bestmögliche herausgeholt. Ich habe ein paar Fehler gemacht, aber ich mache auch heute noch von Zeit zu Zeit Fehler. Das Wichtigste ist, daraus zu lernen."

"Insgesamt betrachtet hatten wir einige Hürden zu überwinden. Man denke nur daran, wie wir im vergangenen Jahr in Abu Dhabi ans Ende der Startaufstellung versetzt wurden und uns wieder nach vorn kämpfen mussten. Wir hatten ein Albtraum-Rennen in Brasilien und waren nach Runde eins Letzter mit beschädigtem Auto. Dennoch haben wir es geschafft, zurückzuschlagen. Natürlich war es knapp und es war auch ein bisschen Glück dabei. Ich bin aber überzeugt, dass man sich selbst sein eigens Glück schaffen kann. Unterm Strich haben wir als Team sehr hart für das Erreichte gearbeitet. Das Wichtigste ist immer, es sich selbst zu beweisen. Als Team haben wir das mehr als nur einmal geschafft."

"Natürlich wird es immer Leute geben, die sagen, man müsse dies und jenes tun. Das kommende Jahr ist aus derzeitiger Sicht noch ein bisschen mit einem Fragezeichen versehen. Ich bin mir aber sicher, dass Daniel gute Arbeit abliefern wird. Er kommt von Toro Rosso. Seine Situation ist somit mehr oder weniger mit meiner eigenen vor der Saison 2009 vergleichbar. Der Unterschied ist, dass es im Team natürlich mittlerweile andere Erwartungen gibt. Die Botschaft ist aber toll: Wenn man für Toro Rosso fährt, hat man die Chance, eines Tages im großen Team zu fahren. Wer weiß, vielleicht fahre ich eines Tages an der Seite von Kimi? Das hängt davon ab, wie lange wir beide im Geschäft bleiben - oder Fernando oder wer auch immer. Ich habe keine Angst davor. Schließlich will man seine Gegner auf der Strecke besiegen, um herauszufinden, wer in einer Weltmeisterschaft der Beste ist."

Frage: "Wo siehst du dich über ein gesamtes Rennwochenende betrachtet im Vergleich zu Fernando Alonso oder Lewis Hamilton stehen?"
Vettel: "Das ist schwierig zu beantworten, denn ich weiß natürlich nicht, was sie tun und wie sie an die Sache herangehen. Ich kann nur nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen, was sie auf der Strecke abliefern und wie sie das Auto fahren. Ich weiß aber nicht, wie viel Zeit sie damit verbringen, das Auto abzustimmen und wie sehr sie sich darum kümmern. Natürlich kümmern wir uns alle in gewisser Weise darum, denn niemand will mit einem Schrotthaufen oder mit einem schlecht abgestimmten Auto fahren. Es gibt sicherlich Fahrer, die dafür mehr Zeit investieren und mehr verstehen wollen. Auf der anderen Seite gibt es Fahrer, die sich darum vielleicht ein bisschen weniger kümmern. Ich glaube nicht, dass eines von beiden richtig oder falsch ist. Letzten Endes geht es darum, womit man selbst glücklich ist. Wenn dieser Punkt erreicht ist, dann sagt man sich 'Okay, ich habe getan, was ich tun konnte. Ich weiß, was ich wissen muss und gehe nun ins Hotel, um mich auszuruhen.'"

Der erhobene Zeigefinger

Frage: "Sprechen wir über deine Siegergeste: Wann fing der Gruß mit dem Finger an, schon bei Toro Rosso, erst bei Red Bull oder schon früher?"
Vettel: "Ihr habt doch die ganzen Aufzeichnungen (lacht; Anm. d. Red.). Im Ernst: Für Toro Rosso habe ich ein Rennen gewonnen und das war der Auslöser. Es war eine ganz spontane Sache. Ich bin über die Ziellinie gefahren und hatte gewissermaßen einen Blackout. Ich wusste gar nicht, was ich denken sollte. Eine der ersten Sachen, die mir eingefallen sind, war dieser Ausdruck des Ergebnisses, den man nach dem Rennen bekommt. Zur damaligen Zeit fuhr ich ja um Platz zehn, Platz 18 herum. Dann ist es natürlich schön, wenn deine Startnummer plötzlich ganz oben auf der eins auftaucht. Das war es, was ich mit dem Finger ausdrücken wollte."

Frage: "Betrachtest du den Gruß mit dem Finger als dein Markenzeichen?"
Vettel: "Inzwischen ist er zu meinem Markenzeichen geworden. Das liegt aber eher daran, weil die Leute die Geste als solches bezeichnen und weniger daran, dass ich die Geste als mein Markenzeichen anpreise."

Frage: "Glaubst du, dass das Bild, welches die Öffentlichkeit von Sebastian Vettel besitzt - lustiger Kerl, großartiger Rennfahrer - ein gesamthaftes ist? Zeichnet dies die ganze Person?"
Vettel: "Nein. Die Leute gehen aber auf professionelle Weise damit um. Man fährt sein Rennen und wenn einem anschließend eine Frage gestellt wird, dann beantwortet man die halt auf eine Art und Weise, wie einem das gefällt. Dadurch erfahren die Leute in bisschen mehr über einen selbst als Person. Die Leute kennen einen aber nicht als Privatperson. Da gibt es Grenzen. Es ist nett, ein Interview zu geben, aber mir würde es nicht gefallen, wenn mich die Kamera bis auf mein Zimmer, bis auf die Toilette oder wohin auch immer verfolgt. Das öffentliche Bild ist immer nur ein Teil. In gewisser Weise ist das verzwickt, denn wenn man Leute trifft, sind sie oftmals überrascht, wie anders man ist. Das kann positiv oder negativ ausfallen. Grundsätzlich sind diese Treffen ja immer nur von kurzer Dauer, weil man gerade auf dem Weg zu einer Besprechung ist und nur kurz Zeit für ein paar Fotos hat. Grundsätzlich liebe ich meinen Job, aber man muss ständig auf der Hut sein."

Pralinen in der Sommerpause

Frage: "Es gibt die Geschichte, dass du allen Frauen in der Red-Bull-Fabrik eine Schachtel Pralinen geschickt hast. Stimmt das und wenn ja, was hat es damit auf sich?"
Vettel: "Ja, das war in der Sommerpause. Grundsätzlich ist es immer schwierig, etwas zurückzugeben. Man kann im Auto über Funk Danke sagen, aber nicht jeder in der Fabrik kennt einen persönlich. Man hat auch gar nicht die Zeit, um jedem einzelnen die Hand zu schütteln und zu erfahren, welche Geschichte er hinter sich hat. Wenn man dann auf diese Art etwas zurückgibt, sendet das meiner Meinung nach kleine Signale. Wir haben ja viele Männer im Team, aber eben auch Frauen. Alle Welt spricht immer nur von den Männern. Da dachte ich, es wäre nett, wenn ich den Damen ein paar Pralinen aus der Schweiz schicke."

Frage: "Wie hast du die Zeit seit dem Japan-Sieg verbracht? Hast du daran gedacht, in Indien den Titel zu gewinnen?"
Vettel: "Ich habe versucht, nicht daran zu denken. Andere Leute hingegen haben offenbar ständig daran gedacht und mir Fragen gestellt. Ich möchte nicht irgendetwas planen und wenn es nicht klappt, vielleicht einen Plan B haben. Letzten Endes haben wir hier unseren Job zu erledigen. Für mich oder die Jungs in der Box ist das kein Problem. Eher schon für die Leute im Hintergrund, die versuchen, gewisse Dinge zu organisieren. Ich bin aber kein großer Fan von solchen Vorabplänen, denn wenn es nicht klappt, steht man da wie ein Idiot. Wenn es klappt, gibt es immer einen Weg, spontan etwas auf die Beine zu stellen. Um ehrlich zu sein, verlief die zurückliegende Woche recht ruhig. Ich war zu Hause und habe nicht viel gemacht außer Training und mich selbst vorzubereiten. Sehr langweilig eigentlich (lacht; Anm. d. Red.)."

Fotoquelle: Red Bull

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