Der "neue" Grosjean weiß, was er will - und hat die Nerven im Griff

Formel 1 2013

— 31.10.2013

Grosjean spricht Klartext: "Es liegt an psychologischer Arbeit"

Romain Grosjean erklärt, wie er vom Crashpiloten zum Siegkandidaten reifte, was sein persönlicher Tiefpunkt war und was er sich von Räikkönen abschaute



Romain Grosjean wirkt seit dem Sommer wie ausgewechselt. Der Franzose, der im Vorjahr Schimpf und Schande über sich ergehen lassen musste, weil er bei fast allen Rennen in Zwischenfälle verwickelt war und überaggressiv agierte, zählt nun zu den stärksten Fahrern der Formel 1 - sogar ein Sieg liegt in der Luft. In der Medienrunde vor dem Grand Prix von Abu Dhabi, wo sich Lotus gute Chancen ausrechnet, lässt der Lotus-Überraschungsmann noch einmal die harten Zeiten Revue passieren und gibt interessante Einblicke, wie er sich selbst aus der Krise manövriert hat.

Frage: "Romain, wie würdest du dich als Fahrer 2012 und 2013 vergleichen?"
Romain Grosjean: "Es ist immer schwierig, in die Formel 1 einzusteigen. Das erste Jahr ist immer eine große Herausforderung. Viele Dinge sind anders, als man es gewohnt ist. Ich hatte einen guten Start, habe ein paar kleine Fehler gemacht, hab es manchmal übertrieben. Dann passierte die Spa-Geschichte. Alle haben auf mich hingehauen, was es nicht einfach macht, zu fahren, sich gut zu fühlen. Ich habe harte Zeiten hinter mir, und all das hat mir geholfen, um mich zu verbessern. Ich habe hart an mir gearbeitet, und ich glaube, dass ich immer noch besser und besser werde. Hoffentlich habe ich das Limit noch nicht erreicht. Ich habe mich verändert, nicht wegen der Geburt meines Sohnes, nicht weil Kimi geht, was manche gerne glauben wollen. Es liegt einfach an der Arbeit, die ich zuhause mache."

Frage: "Welche Arbeit genau?"
Grosjean: "Psychologische Arbeit. Alles spielt sich im Kopf ab. Wenn du es in die Formel 1 schaffst, dann hast du bewiesen, dass du ein sehr guter, sehr talentierter Fahrer bist. Den Unterschied macht dann der Kopf."

Frage: "Du willst also sagen, dass der Unterschied zwischen deiner ersten und deiner zweiten Saisonhälfte ausschließlich mit dem Kopf zu tun hat, keine anderen Dinge?"
Grosjean: "Andere Dinge - wir hatten einen sehr langsamen Saisonstart. Das Motormapping im Auto war falsch. In Bahrain hatten wir dann ein gutes Rennen. In Barcelona brach die Hinterradaufhängung, als ich auf dem Weg zu einem Podestplatz war. In Monaco war ich superschnell, aber ich habe das Wochenende verhauen - das war zu 100 Prozent meine Schuld. Dann hatten wir ein paar Rennen mit wenig Abtrieb, wo wir Schwierigkeiten hatten - z.B. Kanada. Dann kamen wir nach Deutschland, und alle hatten den Eindruck, dass dann plötzlich alles gut war. Nein, es ist schon lange gut, aber es wollte einfach nicht laufen."

Frage: "Welchen Einfluss hatte die Reifen-Umstellung?"
Grosjean: "Ich bevorzuge die Reifen, die wir jetzt verwenden. Aber wenn wir jetzt mit dem aktuellen Setup wieder die alten Reifen verwenden würden, dann wäre es ähnlich."

Grosjeans Tiefpunkte 2012

Frage: "Was war im Vorjahr dein schlimmster Moment?"
Grosjean: "Für mich war das Japan."

Frage: "Warum?"
Grosjean: "Weil ich versucht habe, vorsichtig zu sein, vorwärts zu kommen, und dann habe ich in der ersten Kurve mit Mark (Webber, Anm. d. Red.) Mist gebaut. Es war vielleicht etwas dumm, in dieser Kurve auf die Bremse zu steigen, dennoch habe ich ihn getroffen. Das war mein größter Fehler des Jahres."

Frage: "Welches Gefühl hattest du nach der Startkollision in Spa 2012 - war die Entscheidung, dich zu sperren, zu hart?"
Grosjean: "Das war eine harte Entscheidung, aber wir haben sie akzeptiert und versucht, nach vorne zu schauen."

Frage: "Das war ungewöhnlich, denn wir haben in der Formel 1 schon viele Unfälle gesehen."
Grosjean: "Es war einfach ein ungünstiger Ort für einen Unfall. Der Zusammenprall mit Lewis wäre unter normalen Bedingungen völlig harmlos gewesen, aber ich hatte eine Vorgeschichte bei den Starts. Vielleicht hat es mir geholfen, zu arbeiten anzufangen."

Frage: "Hattest du dich selbst und deine Fähigkeiten jemals in Frage gestellt?"
Grosjean: "Nein. Wenn ich das Selbstvertrauen verloren hätte, dann wäre ich heute nicht hier. Es war hart, zuerst musste ich das mit mir selbst ausmachen, ich habe versucht, das Problem zu lösen. Dabei habe ich aber nicht das Selbstvertrauen verloren."

Frage: "In der ersten Saisonhälfte haben viele gesagt, du musst beim Start vorsichtiger sein. Wie ist es möglich, als Formel-1-Fahrer vorsichtig zu sein - ist das nicht ein Widerspruch?"
Grosjean: "Es ist möglich, man wird etwas passiver und nicht mehr so aktiv. Das ist nicht großartig und nicht sehr schön. Ich habe das Jahr nicht sehr aggressiv sondern neutral begonnen. In den vergangenen paar Rennen war ich beim Start etwas aggressiver. Südkorea ist ein gutes Beispiel - mit Lewis. Und in Japan kam ich auf der rechten Seite gut weg. Wie ich gesagt habe, habe ich hart gearbeitet - und wenn sich jetzt eine Situation ereignet, dann habe ich viel mehr Möglichkeiten, ich kann mich für das Richtige entscheiden. Früher hatte ich vielleicht nicht genügend Auswahl-Möglichkeiten zur Verfügung, um mich richtig zu entscheiden."

Frage: "Es gibt viele Gerüchte über Lotus im Jahr 2014. Hast du einen Plan für dich?"
Grosjean: "Ehrlich gesagt denke ich derzeit nicht so viel über 2014 nach. Wir haben noch drei Rennen vor uns, und die harten Zeiten haben mich gelehrt, dass ich mich am besten auf die Gegenwart konzentriere und nicht zu viel nach vorne schauen sollte. Ich gebe bei den letzten drei Saisonrennen mein Bestes, und dann werde ich mir das Auto und das Reglement ansehen und in den Simulator gehen, aber jetzt spielt das keine Rolle."

Frage: "Aber du bist doch sicher in den Entwicklungsprozess des nächstjährigen Autos eingebunden?"
Grosjean: "Was können wir schon machen? Es geht um Aerdynamik-Werte und um die Motoren-Performance. Ich bin kein Ingenieur, was in beiden Bereichen nötig wäre."

Frage: "Eric hatte auch im Vorjahr eine sehr hohe Meinung von dir. Wie wichtig war er in deiner Karriere?"
Grosjean: "Ja, er stand immer hinter mir. Wir hatten harte Zeiten, aber er hat immer daran geglaubt, dass ich es schaffen kann, dass ich das Zeug zum Teamleader und möglicherweise eines Tages zum Weltmeister habe. Die Beziehung hat sich entwickelt, ist jetzt ganz anders als damals, als wir uns kennenlernten. Jetzt ist die Beziehung sehr gut."

Grosjeans "seltsame" Beziehung zu Räikkönen

Frage: "Du hast viel Erfahrung im Motorsport. Inwiefern unterscheidet sich die Beziehung zum Teamkollegen in der Formel 1 im Vergleich zu anderen Serien?"
Grosjean: "Ich habe mit Kimi seit zwei Jahren einen speziellen Teamkollegen. Er ist ein fantastischer Fahrer, ein großartiger Weltmeister und eine gute Referenz für mich. Aber er ist Kimi - er spricht nicht viel, er sagt nicht viel. Wir haben eine seltsame Beziehung."

Frage: "Hast du viel von Kimi gelernt?"
Grosjean: "Direkt von ihm - fast nichts. Aber von der Datenanalyse, der Beobachtung, wie er arbeitet habe ich viel gelernt. Die Art, wie man das Setup entwickelt, wie er über die Dinge denkt - all das habe ich versucht aufzunehmen. Das habe ich dann versucht mit meinem Speed zu kombinieren."

Frage: "Deine Beziehung zu Hülkenberg in der Vergangenheit war nicht sehr gut."
Grosjean: "Nein, das stimmt. Aber damals mit Hülkenberg waren wir beide jung und sehr ambitioniert. Wir beide wollten den Formel-3-Titel holen - und das im gleichen Team. Das macht die Sache nicht einfach. Wenn wir morgen Teamkollegen wären, dann wäre die Situation ganz anders. Wir sind beide gereift, sind in der Formel 1, sind beide in guter Form. Der Respekt ist vorhanden, und das ist das wichtigste."

Frage: "Du bist jetzt manchmal schneller als Kimi. Wenn du dir jetzt den Teamkollegen aussuchen könntest, wen würdest du nehmen - eher einen schnellen Routinier, oder einen jungen Fahrer, der auch schnell ist?"
Grosjean: "Mir persönlich ist das eher egal. Für das Team wäre es wichtig, einen schnellen Fahrer zu engagieren. Es gibt viele Reglementänderungen für die kommende Saison, und um das zu bewältigen sind zwei Fahrer fast zu wenig. Wir benötigen also zwei schnelle Fahrer, wenn möglich mit etwas Erfahrung. Die Änderungen werden sehr schwierig sein."

Wie Grosjean mit der Teamleader-Rolle zurecht kommt

Frage: "Du wirst vermutlich der Teamleader sein. Wie wird das die Herangehensweise verändern?"
Grosjean: "Ich glaube nicht, dass es die Herangehensweise verändern wird. Mein Gedanke, wenn ich hierher komme, ist es, Rennen zu gewinnen und mein bestes zu geben. Das ist es, was ich wirklich erreichen will an den Rennwochenenden. Ob ich ein Teamleader bin oder nicht, ändert meine Herangehensweise nicht. Ich will immer mein Bestes geben, und das muss auch für einen Teamleader ausreichen."

Frage: "Nächstes Jahr werden die Ingenieure - auch wegen der Reglementänderungen - mehr von dir erwarten. Wie gehst du mit dem Druck um?"
Grosjean: "ich mag das. Ich mag es, wenn das Team hinter mir steht, ich fühle mich als Teil des Teams. Wir haben das Qualifying in Indien verhauen, und ich habe sofort gesagt, dass wir das gemeinsam verhauen haben. Ich war Teil der Entscheidung, und ich übernehme die Schuld dafür, dass wir es nicht geschafft haben. Dann hatten wir ein fantastisches Rennen, das Auto war fantastisch - wir haben auch diese Strategie gemeinsam ausgesucht und bis zum Ende durchgezogen. Ich führe gern und kenne das aus unterschiedlichen Serien. Ich hoffe, dass wir Erfolg haben werden."

Frage: "In der aktuellen Formel 1 haben junge Fahrer kaum Möglichkeiten, Kilometer abzuspulen. War das für dich ein Problem? Wäre dir eine Formel 1 anno 2005 oder 2006 lieber?"
Grosjean: "Man muss die richtige Mischung finden. Als ich in die Formel 1 kam, hatte ich keine Tests. Ich musste einfach ins Auto springen und mein Bestes geben. Es handelt sich weltweit sicher um die Autos, die am kompliziertesten zu fahren sind. Ich kann das sagen, denn bin schon viele unterschiedliche Autos gefahren. Wir sollten etwas mehr Kilometer abspulen und trainieren können, aber andererseits kostet das sehr viel Geld. Wir müssen also die richtige Mischung finden."

Frage: "Als du in der Formel 1 debütiert hast, warst du recht jung. Jetzt kommt mit Daniil Kwjat ein junger Russe und er wird Jean-Eric Vergnes neuer Teamkollege. Kannst du uns schildern, welchen Herausforderungen er sich nun stellen muss?"
Grosjean: "Es wird hart. Er kommt aus der GP3. Die Red-Bull-Entscheidung hat mich etwas überrascht, aber es ist gut für ihn. Die Herausforderung wird riesig, aber ich wünsche im viel Glück. Das ist alles, was ich sagen kann."

Frage: "Wenn du die Wahl hast, ob du nach Ende deiner Formel-1-Karriere Teambesitzer oder Restaurantbesitzer bist - was würdest du machen?"
Grosjean: "Restaurantbesitzer."

Frage: "Als du 2010 in die Formel 1 eingestiegen bist - hättest du dir damals vorstellen können, 2013 zum Teamleader aufzusteigen?"
Grosjean: "Ich dachte, dass es mit der Formel 1 vorbei ist. Ich dachte nicht einmal daran. Ich hatte das Glück, dass ich mit AutoGP und GP2 ein paar Gelegenheiten vorfand, dann den Titel holte, bei Gravity unterschrieb und dann in die Formel 1 zurückkehrte. Jetzt sprechen wir darüber, wie es ist, ein Team anzuführen..."

Frage: "Nicht viele haben so eine Karriere."
Grosjean: "Nein. Ich habe mir das Leben nicht einfach gestaltet. Nicht einmal 2012 habe ich es mir leicht gemacht. Ich muss ein bisschen besser auf mein Herz aufpassen."

Frage: "Hat es etwas verändert, eine Familie zu haben?"
Grosjean: "Das ändert nichts. Ich skype öfter bei Nacht, ich vermisse den kleinen Mann. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich zuhause zu sein, aber wenn ich im Auto sitze, denke ich nicht darüber nach."

Fotoquelle: xpbimages.com

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