Die dominierende Mannschaft: Für Red Bull wurde das Jubeln zur Gewohnheit

Formel 1 2013

— 05.11.2013

Red Bull: Von zerstrittener Truppe zur Erfolgseinheit

Den Red-Bull-Erfolg an Genie Newey festzumachen, wäre zu einfach - Wie Red Bull zerstrittene Abteilungen auf Kurs brachte und man schwache Freitage überwindet



Anfang des vergangenen Jahrzehnts übertrafen sich die Hersteller gegenseitig mit ambitionierten Fünfjahres-Plänen: In diesem Zeitraum wollten es Toyota, Honda, BMW & Co. in der Formel 1 zum WM-Titel schaffen. Heute haben sie die Formel 1 längst erfolglos durch die Hintertür verlassen. Die aktuellen Formel-1-Dominatoren von Red Bull waren - als sie 2005 das marode Jaguar-Team von Ford übernahmen - von den Herstellern noch belächelt worden und waren im Fahrerlager als Partyteam verschrien.

Inzwischen ist Red Bull erst neun Jahre lang in der Königsklasse des Motorsports am Start - in vier Saisons, also fast der Hälfte, holte man Fahrer- und Konstrukteurs-WM-Titel. Eine unheimliche Serie. Doch was ist das Erfolgsgeheimnis von Red Bull? Was hat der österreichische Getränkehersteller gemacht, woran all die Automobil-Riesen gescheitert sind?

"Vor ungefähr zehn Jahren sind wir nach Milton Keynes gefahren und haben ein demotiviertes Mittelfeldteam gekauft: Jaguar", erinnert sich Red Bulls Motorsportkonsulent Helmut Marko gegenüber 'ServusTV'. "Dank der Unterstützung, der Mittel und des Vertrauens aus Salzburg konnten wir eine Truppe aufbauen, die einmalig ist - das haben die vergangenen Jahre gezeigt."

Wie sich Newey bei Red Bull rehabilitierte

Nach einer ansprechenden ersten Saison, als man das Auto von Jaguar übernahm, ging es 2006 zunächst bergab. Technikchef Mark Smith wurde in der Folge geschasst und Adrian Newey an Bord geholt. Doch zunächst schien es, als könnte selbst der Stardesigner das Team nicht nach vorne bringen.

Im Fahrerlager galt die Zeit der Genies am Reißbrett als vorüber - um erfolgreich zu sein, brauche man eine breit aufgestellte Technikabteilung und einen Super-Computer wie ihn damals das BMW-Sauber-Team mit Albert2 benutzte, hieß es. Doch Newey belehrte alle eines besseren, als 2009 ein neues Aerodynamik-Reglement eingeführt wurde, und baute ein Auto, das plötzlich siegfähig war.

Dennoch gelang es damals nicht, den WM-Titel einzufahren - auch 2010 war eine Zitterpartie und man schaffte es erst im letzten Saisonrennen. Es galt damals als Red-Bull-Schwäche, dass man im Gegensatz zu Teams wie McLaren oder Ferrari das Siegen erst "lernen" musste - immer wieder passieren Fehler, die teaminterne Rivalität zwischen Sebastian Vettel und Mark Webber schien völlig außer Kontrolle zu geraten.

Horner gibt teaminterne Grabenkämpfe zu

All diese Problemzonen wurden in den vergangenen Jahren konsequent beseitigt. "Wir haben ein tolles Kollektiv. Das war früher nicht immer so", gibt Teamchef Christian Horner gegenüber 'ServusTV' zu, dass der Teamgeist erst entwickelt werden musste. "Damals gab es Kämpfe zwischen den Abteilungen - es sind immerhin 22 verschiedene Abteilungen." Möglicher Hintergrund: Newey verlangt 100-prozentige und kompromisslose Konzentration auf die Aerodynamik - das kam in Zeiten, als der Erfolg auf sich warten ließ, vor allem in anderen Bereichen des Teams nicht unbedingt gut an. Doch der Erfolg gab Newey recht: "Jetzt ist es eine Truppe, die gemeinsam ein Ziel vor Augen hat. Die Abteilungen arbeiten zusammen, die unterstützen sich."

Der Brite verweist darauf, dass nur ein Bruchteil der Arbeit, die den Erfolg ausmacht, sichtbar ist: "Die Menschen sind unser großer Trumpf. Nicht die, die beim Grand Prix dabei sind. Das ist unser Schaufenster. Was hinter den Kulissen passiert, dies harte Arbeit dort, die ist wichtig."

Marko fällt auf, dass die Arbeitsweise des Teams nun deutlich effektiver ist als noch vor einigen Jahren. "Wenn wir 2010 am Freitag schlecht waren, dann war meist das gesamte Wochenende nicht toll", sagt der Österreicher. "Wenn wir jetzt einen schlechten Tag haben, dann kommt von Freitag auf Samstag die Verbesserung und am Sonntag das Resultat. Das Team ist so stark, sodass wir in der Lage sind, das Auto immer wieder an die Spitze zu bringen."

Horner als Schlüsselperson für britische Belegschaft

Marko ist einer der Architekten des Red-Bull-Erfolgs - seine Aufgabe war es, die auf ihre Motorsport-Historie so stolzen Briten in der Fabrik in Milton Keynes auf den in Fuschl von Dietrich Mateschitz vorgegeben Weg einzuschwören. Davor war bereits Ex-Jaguar-Teamchef Niki Lauda an dem Unterfangen, sich mit den Briten zu arrangieren, kläglich gescheitert.

Diesbezüglich ist Teamchef Horner eine Schlüsselperson. Der ehemalige GP2-Pilot und Arden-Teamchef ist für die vielen britischen Teammitglieder eine Identifikationsperson - aus seinem Mund nehmen sie die Anweisungen eher an als aus dem eines Österreichers. "Christian kam ohne Formel-1-Erfahrung zu uns, und wir haben ihn zum Teamchef gemacht", erklärt Marko, dass die Entscheidung für den Briten durchaus risikobehaftet war. Genau diese mangelnde Erfahrung könnte aber auch das Reibungspotenzial verringert haben. "Mittlerweile ist er der Beste und Profilierteste im gesamten Feld", spricht ihm Marko ein großes Kompliment aus.

Vor einem Jahr gab es sogar Gerüchte, Horner könnte von Ferrari abgeworben werden. Dies sieht der Red-Bull-Motorsportkonsulent aus Graz allerdings entspannt. "Dem Christian würde es nirgends anders besser gehen, und nirgends sonst hätte er eine solch tolle Truppe - und er hätte keinen Vettel."

Keine Angst vor Abwerbungen

Marko ist der Ansicht, dass kein Team so gut aufgestellt und so motiviert ist wie Red Bull - und das trotz des bereits lange anhaltenden Erfolgs. "Bei uns herrscht absolute Begeisterung, es herrscht Leidenschaft und ein absoluter Siegeswille. Mit solch einer Truppe kann man solche Ergebnisse bringen. An der Spitze steht ein Genie - das weiß man auch", spielt er auf Newey an. "Es geht von oben bis unten herunter."

Zuletzt musste Red Bull durch die Abwerbung von Aerdoynamikchef Peter Prodromou und seiner Nummer zwei Dan Fallows auf Personalebene einen Rückschlag hinnehmen. Man glaubt aber, dies abfedern zu können. "Es ist tägliches Geschäft, dass man Leute dort abwirbt, wo der größte Erfolg ist", spielt Marko den Verlust herunter. "Aber bei uns ist eine eingeschworene Truppe am Werk."

Ab 2014 erstmals vier Red-Bull-Eigenbaupiloten

Dies wird aus Sicht des ehemaligen Rennfahrers auch dadurch unterstrichen, dass Red Bull 2014 erstmals nur noch auf Fahrer aus dem hauseigenen Nachwuchs-Programm setzt. Nach den anfänglichen Misserfolgen des Red-Bull-Juniorteams, wo erst mit Vettel der Durchbruch gelang, ein beachtlicher Erfolg.

"Wir haben nicht die Tradition der britischen Teams oder Ferrari, wir sind kein Automobilhersteller", weiß Marko. "Wir haben das Juniorteam. Aus diesem Juniorteam ist Sebastian Vettel hervorgegangen. Bald sind alle vier Fahrer, die in unseren Autos sitzen, aus dem Red-Bull-Juniorteam."

Erfolg sorgt für Neid

Trotz - oder gerade wegen - der Erfolgsserie der vergangenen Jahre sieht sich das Weltmeisterteam mit einem immer schärferen Gegenwind konfrontiert. Vettel musste auf dem Podest Pfiffe und Buhrufe über sich ergehen lassen, die Fans wünschen sich mehr Abwechslung an der Spitze, und im Fahrerlager sind Neid und Missgunst sowieso ständige Begleiter.

"Man wird schnell unpopulär, wenn man Erfolg hat", fällt auch Teamchef Horner auf. "Das haben wir in den zurückliegenden Jahren erlebt. Wir arbeiten in einem extremen Wettbewerbsumfeld. Da musst du dich auf dich selbst konzentrieren. Was andere tun oder lassen, darauf hast du keinen Einfluss. Es ist wichtig, dass wir unseren eigenen Weg gehen. Die Ergebnisse auf der Strecke zeigen den Erfolg."

Keine Ermüdungserscheinungen bei Genie Newey

Auch der stets neugierige Newey wird nun von der Konkurrenz wieder kritischer beäugt als in seinen Anfangszeiten bei Red Bull, als viele Experten davon überzeugt waren, dass seine große Zeit vorbei sei. "Die Mechaniker versuchen immer, das Auto zu verdecken, damit ich nicht hinschauen kann", schildert er seine Erlebnisse aus der Startaufstellung der Rennen, wo er gern die Entwicklungen der Rivalen mustert.

"Es geht einfach darum, zu erkennen, was so abläuft und was gerade der Entwicklungstrend sein könnte. Wir würden nie etwas direkt kopieren, aber wenn ich manche Entwicklungen sehe, dann verstehe ich besser, warum die Konkurrenz einen gewissen Weg gewählt hat. Das wiederum könnte uns neue Ideen bringen." Aussagen, die den nie müde werdenden Geist des Stardesigners unter Beweis stellen. Man darf also gespannt sein, ob auch das neue Reglement 2014 als Newey-Ära in die Geschichte eingehen wird.

Fotoquelle: xpbimages.com

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