Heikki Kovalainen bekommt bei Lotus eine neue Chance, sich zu beweisen

Formel 1 2013

— 16.11.2013

Kovalainen: Vom Abseits ins Rampenlicht

Vom Reservefahrer bei Caterham zum umjubelten Lotus-Debütanten: Heikki Kovalainen erlebte in Austin einen wahren Sahnetag mit Lob von oben



Es ist die Story des Tages: die Rückkehr von Heikki Kovalainen auf die große Grand-Prix-Bühne. Der Finne, der von Lotus als Ersatz für seinen Landsmann Kimi Räikkönen verpflichtet wurde, ging mit einiger Skepsis in seinen ersten Einsatztag für das Team, das noch um Rang zwei in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft kämpft - und kam mit einem nicht für möglich gehaltenen fünften Rang aus dem Training wieder.

Lediglich den beiden starken Red Bull und Mercedes musste sich der Ersatzmann heute geschlagen geben, wobei ihm nur 0,768 Sekunden auf die Bestzeit von Weltmeister Sebastian Vettel gefehlt haben. "Ich bin ziemlich glücklich", drückt er seine Emotionen nach dem gelungenen Debüt aus, denn mit dem fünften Platz hätte selbst bei Lotus wohl niemand gerechnet. "Mein einziges Ziel war, so schnell wie möglich am Limit zu sein", schildert der Finne.

Dabei muss er aber zugeben, dass sein neues Team ihm dies aber auch ziemlich erleichtert hat: "Wir haben das heute ziemlich gut hinbekommen. Das Auto war von Beginn an gut ausbalanciert und wir mussten nicht erst lange nach dem Setup suchen", lobt er. "Auch die Reifen brechen nicht gleich ein. Man hat ein paar Runden mehr, um etwas zu versuchen." All das kennt der 32-Jährige aus seiner Zeit bei Caterham nicht mehr, wo er nach drei Jahren als Stammfahrer in dieser Saison lediglich sporadisch zum Freitagseinsatz kam, um das Team voranzubringen.

Nur kleine Unterschiede zu Caterham - aber überall!

Nun könnte man denken, dass er dies nach seinem Lotus-Intermezzo mit seinen dort gesammelten Informationen auch tun könnte, doch da winkt Kovalainen gleich ab: "Nein, so einfach ist das nicht", grinst er. "Es ist einfach eine andere Entwicklungslinie, in der sich Lotus und Caterham befinden. Lotus ist einfach weiter", muss er anerkennen - auch wenn er viele Parallelen zu seinem eigentlichen Team erkennt. "Es gibt gewisse Unterschiede, aber sie sind nicht so groß, wie die Leute vielleicht denken."

In Zahlen ausgedrückt waren dies heute über zwei Sekunden, die die beiden Teams trennten, die sich einst wegen des Namens Lotus in der Wolle hatten. Kovalainen ist der einzige Pilot der Königsklasse, der sowohl den E21 von Lotus als auch den CT03 von Caterham im direkten Vergleich fahren durfte. Aufgefallen ist ihm dabei, dass den Grünen eigentlich überall etwas auf das Team aus Enstone fehle - in hohen sowie in niedrigen Geschwindigkeiten. "Man kann später bremsen, hat mehr Grip und mehr Traktion - man hat einfach überall ein wenig mehr Performance", spricht er über sein aktuelles Gefährt.

Doch zurück zum heutigen Tag: Zwar zog man Kovalainen aufgrund seiner Erfahrung beispielsweise Ersatzfahrer Davide Valsecchi vor, dennoch benötigt auch ein gestandener Grand-Prix-Sieger ein wenig Eingewöhnungszeit in seinem neuen Team. Die sollte der Finne heute auch im ersten Training bekommen. "Wir haben ein etwas anderes Programm gemacht, als sie mit Kimi gemacht hätten", beschreibt er. So wollte Kovalainen nach seiner Rennpause unbedingt wieder Boxenstopps und Starts üben, doch der fehlende Hubschrauber machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Lob von oben

Wertvolle Zeit ging dem ehemaligen GP2-Vizemeister durch den Lapsus verloren, sodass man erst ein normales Programm erwägte - schließlich muss Lotus ja auch selbst vorankommen. Dennoch gewährte man seinem Neuling schließlich doch die wichtigen Übungen, bevor man sich im zweiten Training wieder dem normalen Programm widmete. Kovalainen fügte sich schnell in das Team ein, sodass die Nachmittagssession fast schon wie Routine wirkte.

"Wir finden, er hat heute einen brillanten Job gemacht", lobt der neue Technikchef Nick Chester den Räikkönen-Ersatz. Besonders die schnelle Anpassungsfähigkeit des Umsteigers habe das Team an diesem Freitag sehr beeindruckt: "Wir dachten, es braucht ein wenig Zeit, aber schon zu Beginn des ersten Trainings hat er gut auf das Auto aufgepasst", nickt Chester anerkennend. Das Sahnehäubchen war dann der fünfte Platz im zweiten Training.

Doch eines hat Kovalainen in seinen sechs Jahren als Stammfahrer gelernt: Ein toller Freitag muss noch lange keine Garantie für das restliche Wochenende sein. "Wir hatten heute einen guten Tag, aber morgen wird es wieder anders", warnt er. "Die Abstände sind immer noch sehr gering, und wenn man nur ein bisschen fernab der Pace ist, einen kleinen Fehler macht, die Balance nicht perfekt hat oder die Reifen nicht ins richtige Fenster bekommt, dann kann man sehr einfach aus den Top 10 fliegen."

Achtung auf die Reifen

Auch sollte er einen guten Samstag haben, will er noch nichts von einem guten Sonntag wissen. Andersrum müsse ein schlechter Samstag aber nicht unbedingt auch einen schlechten Sonntag bedeuten: "Wir haben in diesem Jahr gesehen, dass Kimi ein paar durchschnittliche Qualifyings hatte und dann am Sonntag sehr gut war", ist ihm aufgefallen. "Bis Sonntagnachmittag werden wir nicht wissen was passiert, da sich die Dinge ziemlich schnell ändern können."

Besonders die Reifen stehen häufig im Verdacht, die Kräfteverhältnisse mächtig durcheinanderzuwirbeln. Als Testfahrer hat Kovalainen natürlich keine Erfahrung mit der neuen Reifengeneration, die noch weicher und aggressiver ist als im vergangenen Jahr. "Es ist eine große Herausforderung und es gibt keine Garantie dafür, dass ich es richtig hinbekomme", warnt er vor allzu großen Erwartungen. "Aber das bedeutet auch nicht, dass es schiefgeht."

Zugute könnte ihm kommen, dass Pirelli in Austin eine konservative Richtung eingeschlagen ist und die beiden härtesten Mischungen nominiert hat. Zudem konnte er im Simulator des Teams ein paar Runden lang testen. Ob ihm das in Sachen Reifenverständnis allerdings etwas nützen wird, da hat er so seine Zweifel: "Das Reifenmodell ist im Simulator ziemlich schwierig, das ist vielleicht noch nicht so ganz akkurat. Es ist schwierig, das auf die Reihe zu bekommen", meint der Finne.

Probleme im Cockpit

Auch noch nicht ganz warm ist der 32-Jährige mit seinem Lotus-Cockpit. Zum einen verwendet er den Sitz von Vorgänger Kimi Räikkönen, der ihm allerdings ein wenig zu groß ist, weswegen er ein wenig im Auto herumrutscht. "Das ist nicht perfekt", weiß er. Zum anderen ist das Lenkrad in seinem Auto vollkommen anders als das von Caterham. "Ich habe heute ziemlich oft die falschen Knöpfe gedrückt. Ich habe nicht immer den richtigen Knopf gefunden", muss er zugeben.

Doch das hält der einmalige Grand-Prix-Sieger für normal. "Es gibt hier ein paar Knöpfe, die man während einer Runde ein bisschen öfter verwendet als bei Caterham", erklärt er. "Die haben schon eine signifikante Bedeutung: Es verändert die Balance des Autos, und man benötigt bestimmte Einstellungen, wenn man in gewisse Kurven fährt. Ich war da heute öfters mal außer der Reihe - aber gegen Ende des Tages lief es besser."

Verwirrend ist bei Kovalainen aber nicht nur der Anblick des Lenkrads, sondern auch ein Einblick in seine Formel-1-Historie. Der 32-Jährige war nämlich schon einmal im Namen Lotus' unterwegs - allerdings heißt das Team heute Caterham und ist der Rennstall, von dem Kovalainen in dieser Woche herüberwechselte. Allerdings war er auch schon als Stammfahrer für das jetzige Lotus-Team aus Enstone unterwegs: Damals hieß das Team aber noch Renault.

Freudiges Wiedersehen

2007 feierte Kovalainen unter Teamchef Flavio Briatore sein Formel-1-Debüt dort. Zwar ist der damalige Teamchef heute nicht mehr an Bord, dafür allerdings viele andere Leute. "Ich war überrascht, dass ich noch so viele bekannte Gesichter in der Fabrik und im Einsatzteam gesehen habe", freut er sich über das Wiedersehen. "Die Leute kennen mich auch noch sehr gut und haben mich willkommen geheißen."

Auch andere Elemente im Team habe der ehemalige Renault-Pilot bei seiner Rückkehr sofort wiedererkannt: "Ich sehe auch ein paar Verbesserungen, die das Team gemacht hat. Es gibt ein paar Bereiche, auf die sie stärker schauen, als zu meiner Zeit. Es gibt Unterschiede, aber auch ziemlich viele bekannte Gesichter", erzählt er. "Es sind dieselben Routinen wie damals, das hilft ein bisschen." Auch sein Renningenieur ist dem Finnen wohlbekannt - allerdings kennt er Mark Slade noch aus seiner Zeit bei McLaren. "Er weiß, was ich brauche", sieht der Ersatzpilot den Vorteil in der Beziehung.

Am Freitag scheint die Beziehung schon gefruchtet zu haben. Platz fünf war über jeden Erwartungen. Trotzdem bleibt Kovalainen am Boden: "Es ist mir eigentlich ziemlich egal", spricht er die Platzierung an. Er wollte heute eigentlich nur wissen, wie schnell er wieder auf Geschwindigkeit kommen kann. "Ich wusste nicht, ob es einen Tag, ein Rennen oder ein halbes Jahr benötigt. Das war das einzige Fragezeichen. Und es ist schön zu sehen, dass sich die Dinge besser ergeben haben als erwartet."

Vielleicht führt Kovalainen Lotus ja noch auf Rang drei in der Konstrukteurs-Wertung - oder etwas mehr. Denn genau darum hat man sich schließlich in Enstone gegen Davide Valsecchi entschieden. Besonderen Druck spürt der Finne deswegen aber nicht: "Ich gehe da ganz entspannt ran", sagt er. Gedanken über eine Zukunft mit Lotus habe er sowieso nicht gehabt - und Gespräche erst Recht nicht. "Wer weiß, was in diesem Fahrerlager passiert, aber ich habe keine besonderen Ziele, um mich irgendwie ins Schaufenster zu stellen." Guten Gewissens konnte er das Angebot also nicht ablehnen...

Fotoquelle: xpbimages.com

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