Felipe Massa konnte es sich in seinen acht Ferrari-Jahren selten gemütlich machen

Formel 1 2013

— 21.11.2013

Massas Ferrari-Abschied: Der 30-Sekunden-Champion

Felipe Massa fährt auf seiner Schicksalsstrecke in Brasilien sein letztes Ferrari-Rennen: Kaum ein Pilot erlebte eine derart zwiespältige Ferrari-Karriere



"Ich wäre lieber für immer Weltmeister, nicht nur für 30 Sekunden", sagt Felipe Massa durchaus wehmütig. Die Momente, als er nach der Zieldurchfahrt in Interlagos 2008 über Boxenfunk informiert wurde, dass er nicht nur seinen Heim-Grand-Prix gewonnen hatte, sondern auch die WM 2008, haben sich in sein Gedächtnis eingebrannt. In der Box sprangen sich alle um den Hals, waren im Freudentaumel, bis klar wurde, dass der größte Moment in Massas Karriere bloß ein Missverständnis war. Titelrivale Lewis Hamilton - der deutlich hinter Massa lag, hatte wenige Meter vor dem Ziel Toyota-Pilot Timo Glock überholt und damit doch noch Rang fünf erobert - wurde um einen mickrigen WM-Punkt Champion.

Dieses Wochenende tritt Massa erneut im Autodromo Carlos Pace an. Und wieder ist es ein denkwürdiges Ereignis: Der 32-Jährige fährt sein 139. Rennen für Ferrari - und es ist sein vorläufig letztes. Nach acht Jahren als Stammpilot verlässt "Pippo", wie er von seinen Fans genannt wird, die "Scuderia" - nach einer zwiespältigen Karriere.

In der ersten Phase entwickelte er sich vom Adjutanten Michael Schumachers zum Siegfahrer und WM-Kandidaten, der plötzlich völlig überraschend Champion Kimi Räikkönen an die Wand spielte. In der zweiten Phase, die auch von seinem schweren Unfall in Ungarn 2009 gezeichnet ist, war Massa meist ein Schatten seiner selbst, ein klassischer Nummer-zwei-Pilot, dem das gewisse Etwas fehlt. Und dann war da dieses eine Rennen in Interlagos, das Massas Ferrari-Ära in zwei Hälften teilt, denn seitdem stand er nie wieder ganz oben auf dem Siegerpodest.

Massas Triumph mit Tränen

Sein bislang - und möglicherweise für immer - letztes Mal fühlte sich bittersüß an, denn ihm haftet trotz eines perfekten Wochenendes der Nachgeschmack der WM-Niederlage an. Dennoch zählt er das Rennen zu den Highlights seiner Ferrari-Karriere. "Ich habe das Rennen gewonnen, in Sao Paulo, mit der Schnellsten Runde", zählt er auf. "Ich hätte bei diesem Rennen nicht besser abschneiden können. Ich habe 120 Prozent gegeben, bin von der Pole-Position gestartet. Und das alles unter enormem Druck. Es lief viel besser als erwartet."

Tatsächlich kann Massa dieses Rennen als persönlichen Triumph verbuchen. In den Sekunden seiner größten Niederlage zeigte der kleine Brasilianer Größe, überwand den Schmerz und jubelte mit den Tränen kämpfend seinen Landsleuten zu. "Ich war einfach ich selbst, sah zu meinen Leuten", schildert er die legendären Momente auf dem Siegespodest. "Ich habe einfach versucht, ich selbst zu sein. Alles lief automatisch."

Alonso als Spielverderber?

Der wahre Moment der Niederlage ist für Massa ein anderer: der Grand Prix von Singapur 2008. Damals führte er das Rennen an, ehe Renault das Rennen mit einem schmutzigen Trick manipulierte. Piquet jr. knallte auf Anweisung des Teams in die Mauer, damit Teamkollege Fernando Alonsos Strategie aufgeht. Der Spanier siegte tatsächlich und beteuert bis heute, nicht in die sogenannte "Crashgate-Affäre" eingeweiht geworden zu sein.

Massa wurde schließlich nur 13. - den verlorenen Punkten trauert er heute noch nach. "Ich fürchte, wir haben die Weltmeisterschaft in Singapur verloren", sagt er. "In Ungarn habe ich das Rennen angeführt und hatte dann einen Motorschaden, aber so etwas kann passieren. Aber was in Singapur passiert ist, ist inakzeptabel."

Der Ferrari-Pilot spielt darauf an, dass der überraschende Crash von Piquet jr. eine Safety-Car-Phase zur Folge hatte, wodurch alle spontan ihren Boxenstopp vorzogen. Bei Massa ging beim Tanken alles schief, als sich der Schlauch nicht lösen ließ und er dennoch das Freizeichen erhielt. Lange musste er am Ende der Boxengasse warten, ehe die Mechaniker seinen Boliden vom Fremdkörper befreiten und er das Rennen wieder aufnehmen konnte.

Singapur 2008: Massa fühlt sich um Titel betrogen

Heute vergleicht er das Rennen mit einem manipulierten Fußball-Match. "Wir haben so viele Meisterschaften im Fußball gesehen, wo herauskam, dass der Schiedsrichter bestochen wurde, und das Verliererteam zum Sieger erklärt wurde", hätte er sich von der FIA Konsequenzen erwartet. "Aber in der Formel 1 passiert nichts."

Trotzdem gibt er sich Mühe, gute Miene zum bösen Spiel zu machen: "Ich werde den Ereignissen nicht nachweinen. Es ist so passiert, und es tut mir leid, aber wir müssen nach vorne schauen." In den vergangenen Jahren war Massa interessanterweise ausgerechnet mit dem Mann als Teamkollegen konfrontiert, der in der Crashgate-Affäre eine umstrittene Rolle spielte: Fernando Alonso.

Wie er damit umging, plötzlich mit dem Piloten zusammenzuarbeiten, der den größten Nutzen aus der Aktion gezogen hat? "Ich denke nicht, dass wir hier sind, um darüber zu sprechen", lenkt Massa vom heiklen Thema ab. "Ich habe kein Problem mit Fernando, der vielleicht der stärkste Teamkollegen ist, den ich hatte. Ich habe die Zeit mit ihm bei Ferrari genossen. Vielleicht hätte ich mir gewünscht, mich etwas besser zu schlagen, aber wir hatten eine gute Beziehung."

Trotz bitterer Momente: Kein Groll gegen Alonso

Der stärkste Teamkollege - eine interessante Aussage, schließlich fuhr Massa bei Ferrari zunächst an der Seite von Rekord-Weltmeister Michael Schumacher. "Michael war sehr ähnlich", vergleicht er seine Ex-Teamkollegen. "Ich würde aber sagen, dass Fernando vielleicht ein bisschen intelligenter ist. Vielleicht ist das der einzige Unterschied."

Ein großes Kompliment an Alonso, dem nachgesagt wurde, in den weniger erfolgreichen Ferrari-Jahren des Mannes aus Sao Paulo einer seiner größten Fürsprecher gewesen zu sein, schließlich hatte er ihn im Griff. Der zweifache Weltmeister gibt das Lob zurück: "Wir hatten eine sehr produktive Beziehung, wir haben sehr eng zusammengearbeitet und sind auch abseits der Strecke Freunde geworden. Trotz des Auf und Abs war er immer sehr konkurrenzfähig."

Stallregie prägt zweite Ferrari-Phase

Manchmal sogar zu konkurrenzfähig für den Geschmack Alonsos - denn in Deutschland 2010 und in den USA 2012 wurde Massa von Ferrari zugunsten seines Teamkollegen zurückgepfiffen: Die Worte "Fernando is faster than you" seines Renningenieurs Rob Smedley werden dem Noch-Ferrari-Piloten vermutlich nie aus dem Kopf gehen, denn sie zwangen ihn dazu, Alonso die Führung in Hockenheim zu überlassen. In Austin musste er sogar einen Getriebewechsel und damit eine absichtlich herbeigeführte Rückversetzung in der Startaufstellung hinnehmen, damit sein um die WM kämpfender Teamkollege im Rennen eine bessere Ausgangssituation vorfindet.

Heute gibt Massa unumwunden zu, dass Hockenheim 2010 neben seinem schweren Unfall 2009 einer der zwei absoluten Tiefpunkte seiner Ferrari-Zeit war: "Das war auf jeden Fall sehr hart. Ich habe so viele andere Dinge getan, um dem Team zu helfen." Oft wurde er genau dafür in seiner Heimat kritisiert - die erfolgsverwöhnten Brasilianer waren Alphatiere wie Ayrton Senna oder Nelson Piquet gewöhnt, die sich von niemandem was sagen ließen.

Die Kritik ging dem emotionellen Massa nahe: "Es ist nicht schön, von den eigenen Leuten in Brasilien zu lesen, wenn sie dich kritisieren, aber manchmal ist es sehr einfach, etwas beim Fernsehen zuhause zu beurteilen. Man arbeitet ja nicht für eine Firma, für eine Gruppe. Und so viele Leute, die mich kritisieren, machen das gleiche in ihren Firmen, aber niemand sieht es." Er steht aber zu seinen Entscheidungen: "Es tut mir nicht leid, denn ich bin sehr professionell, und ich habe immer alles auf die professionellste Art und Weise für die Firma getan, für die ich arbeite. Das ist besser als sich mit der Firma anzulegen, die auf dich setzt."

Welche Auswirkungen hatte der Unfall 2009?

Möglicherweise war dies auch einer der Gründe, warum Ferrari so lange an ihm festhielt, schließlich war der einstige Titelkandidat Ende 2010 und 2011 nur bedingt konkurrenzfähig und sah gegen Alonso kein Land. Viele sehen den Unfall auf dem Hungaroring 2009, als ihm eine Stahlfeder von Landsmann Rubens Barrichellos Brawn-Boliden auf den Helm prallte und ihm lebensgefährliche Verletzungen zufügte, als Ursache für den Leistungseinbruch.

Weggefährten meinten, dass Massa daraufhin langsamer sprach, und bis heute legt er in den Rennen nicht mehr die Konstanz seiner besten Zeiten hin, während er im Qualifying nach wie vor glänzt. Massa selbst, der sich einigen Operationen unterziehen musste, damit der verletzte Bereich rund um sein linkes Auge wieder hergestellt wird, dementiert, dass sich der Unfall auf seine Fähigkeiten ausgewirkt hat: "Ich denke darüber oft nach, aber ich habe viele Tests gemacht, war in vielen Krankenhäusern - ich habe alles getan. Und alle Ärzte haben mir vergewissert, dass zu 100 Prozent wieder alles in Ordnung ist, und ich hatte überhaupt keine Probleme."

Stattdessen führt er die Probleme der vergangenen Jahre auf andere Faktoren zurück: "Es ist ja nicht nur der Unfall passiert, sondern es haben sich so viele Dinge geändert, ich hatte viele Probleme mit den Reifen. Der Bridgestone-Reifen war sehr hart, weshalb ich mich sehr schwer getan habe. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass es der Unfall war."

Massa wird Ferrari-Familie vermissen

Trotz der Schwierigkeiten der vergangenen Jahre verlässt Massa Ferrari "ohne Frust, denn ich bin glücklich. Ich werde aber die menschliche Seite von Ferrari vermissen, denn es ist wirklich eine Familie, und es wird schwierig, ein anderes Team zu finden, wo das auch der Fall ist. Ich habe hier viele Freunde, und ich arbeite so gerne mit diesem Team und mit diesen Leuten." Aus professioneller Sicht freue er sich auf seinen Wechsel zu Williams, menschlich ist es ein Verlust, meint Massa. "Jetzt hoffe ich auf weitere großartige Ergebnisse - ich möchte weiter um Siege und Weltmeisterschaften kämpfen."

Doch noch ist die Ferrari-Ära nicht zu Ende: Das Rennen auf Massas Schicksalsstrecke steht noch aus, wo er 2006 übrigens auch den glücklichsten Moment seiner bisherigen Rennfahrer-Karriere erlebt hat - den zweiten seiner elf Grand-Prix-Siege. "Das war definitiv mein größter Moment", strahlt er, "damals, mit dem grüngelben Overall. Es ist ja bekannt, wie wichtig es für einen Brasilianer ist, zuhause zu gewinnen - Senna war glücklicher, als er in Brasilien gewann, als nach einem WM-Titel."

Und da ist sie wieder - die Erinnerung an das bittere Titelfinale 2008, wo Massa eben dieser Titel durch die Finger glitt. "Vielleicht hatte ich aber das unglaublichste letzte Rennen einer Weltmeisterschaft aller Zeiten", grinst der Familienvater. "Ich bin sicher, dass sich die Leute an mich erinnern werden."

Fotoquelle: xpbimages.com

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