Für Jarno Trulli verließ die Formel 1 nach 253 Rennen mit einer Menge Frust

Formel 1 2013

— 13.12.2013

Im entscheidenden Moment nicht zugebissen - Jarno Trulli

Jarno Trullis Rückblick auf seine Formel-1-Karriere erinnert teils an ein klassisches Dramas - Nach steilem Aufstieg warteten Flavio Briatore und Fernando Alonso



Am 22. Mai 2004 brannte Jarno Trulli die beste Runde seines Lebens auf den Asphalt der Häuserschluchten von Monaco - so meinen zumindest viele. Sie markierte die erste von vier Pole-Positions in der langen Karriere des ehrgeizigen Italieners, der am Folgetag seinen einzigen Grand-Prix-Sieg holen sollte. Für Trulli, der von 1997 bis 2011 in der Formel 1 unterwegs war, und der mit 253 Rennen der vierterfahrenste Pilot überhaupt ist, stellte das Jahr 2004 die sportliche Klimax seiner Karriere dar - dann kamen Flavio Briatore und Fernando Alonso ins Spiel...

"Ich habe mich sofort sehr wohl gefühlt im Kart, hatte direkt den Speed", erinnert sich Trulli gegenüber 'F1 Racing' an seine ersten Erfahrungen im Motorsport. Seinem Vater hatte der damals Achtjährige nicht nur seinen Italien-untypischen Vornamen zu verdanken (benannt nach finnischen Motorradweltmeister Jarno Saarinen): "Er und seine Freunde hatten damals ein Team auf die Beine gestellt, um sonntags ein bisschen Spaß zu haben - so bekam ich die Chance, ein paar Tage in der Woche auf dieser neuen Strecke in Pescara (Trullis Heimatstadt; Anm. d. Red.) zu üben", denkt der mittlerweile 39-Jährige zurück.

Nach einigen Jahren im Kartsport durchlief Trulli diverse Formelserien im Schnelldurchgang und landete bereits 1997 in der Königsklasse. Nach einigen Rennen im unterlegenen Minardi wurde er nach Olivier Panis' schwerem Unfall in Montreal während der Saison von Prost engagiert und sammelte sensationell seine ersten Führungskilometer in Spielberg, was ihn aber schon damals halbwegs kalt ließ: "Ich war nicht sonderlich überwältigt davon, ich war es ja gewohnt, Rennen anzuführen." Unglücklicherweise schied Trulli jedoch etwas später im Rennen mit einem Motorschaden aus.

Ein Fortschritt nach dem anderen

Im Team von Alain Prost etablierte sich das Jungtalent in der Formel 1. Zur Jahrtausendwende heuerte Trulli dann bei Eddie Jordan an, in dem er auch neben der Strecke einen guten Freund fand: "Eddie ist ein fantastischer Typ. Ich hatte zwar eigentlich nie mit irgendwem Probleme innerhalb der Formel 1, aber mit Eddie kam ich besonders gut klar. Er ist verrückt, aber ich hatte großen Respekt vor ihm - und er vor mir genauso."

Da sein Jordan-Bolide jedoch sehr unzuverlässig im Rennen war und einen hohen Reifenverschleiß provozierte, reichte es für Trulli allein im Qualifying zu hervorstechenden Leistungen: "Zu der Zeit nannten mich alle den 'Trulli-Train'! Ich war unglaublich schnell auf eine Runde, aber was wir auch taten: Wir konnten das Reifenproblem im Rennen nicht lösen", so der Italiener. Da er sich weiterentwickeln wollte, gab es nur eine Alternative: "Es war eine harte Entscheidung, das Team nach der Saison 2001 zu verlassen, aber ich konnte nicht noch ein weiteres Jahr mit Ausfällen und unlösbaren Problemen verschenken."

"Ich weiß noch, wie Eddie immer versucht hat, mich zu überzeugen - er kam sogar mit seinem Privatjet nach Pescara", so Trulli weiter. "Ich musste ihm sagen: 'Ich mag dich wirklich sehr, aber ich muss mich jetzt um meine Karriere kümmern. Ich habe die Fähigkeiten und muss sie mit mehr als nur schnellen Qualifying-Runden unter Beweis stellen. Ich muss die Rennen beenden und aufs Podium kommen.'" Der eiserne Wille, sich hochzuarbeiten, war nicht zu übersehen.

Der Böse Bube Briatore

Trulli wechselte somit zu Renault. "In Sachen Professionalität war es eine gute Entscheidung", auch wenn sich vor allem das erste Jahr aufgrund von Zuverlässigkeitsproblemen als "Desaster" entpuppte. Trotzdem habe er im britischen Enstone den professionellen Weg eines Formel-1-Fahrers kennengelernt. "Das war eine sehr wichtige Phase in meiner Karriere. Bei Prost habe ich nicht viel Technisches gelernt, auch Jordan war immer noch ein kleines Team. Renault hatte die Strukturen und die Erfahrung zu gewinnen. Ich konnte den Unterschied erkennen", so Trulli.

In der bereits erwähnten Saison 2004 war Renault endlich halbwegs konkurrenzfähig und war vorne dabei, auch wenn Michael Schumacher und Ferrari in der Summe unantastbar waren. Trulli wurde unter anderem durch seinen Monaco-Sieg Gesamtsechster und holte somit sein bestes Endergebnis. Nachdem im ersten Jahr noch Jenson Button an seiner Seite gefahren war, war mittlerweile Fernando Alonso zu Trullis Teamkollegen geworden, der ihm auf indirekte Weise zum Verhängnis werden sollte.

"Die Beziehung zu Flavio Briatore (damaliger Renault-Teamchef sowie Trullis Manager; Anm. d. Red.), und letztlich auch die zum Team haben nicht mehr funktioniert. Flavio hat mich mehr als Geldmaschine gesehen, als dass er mich als Fahrer gesehen hat. Er hat mir das Leben schwer gemacht - aus Gründen, die ich hier nicht diskutieren will", erinnert sich Trulli. "Es war einfach nicht mehr mein Platz. Die hatten ihren Fahrer - Alonso -, ich war nicht mehr wichtig." Trulli verließ das Team, in den beiden Folgejahren feierte Alonso mit Renault die Weltmeisterschaft.

Im Stolze gekränkt

Im Nachhinein bedauert Trulli ein wenig, dass er in jenen Tagen nicht etwas aggressiver zu Werke gegangen ist: "Ich denke schon. Auf der Strecke war ich ein guter Fahrer, aber politisch hatte ich nicht ganz so viel drauf." Es folgten ein paar durchschnittliche Jahre bei Toyota, anschließend kam es zum unrühmlichen Karriereende bei Lotus (heute Caterham): "Nichts von dem, was wir vorher geplant hatten, ist passiert. Lotus war ein großer Fehler. Ich war nicht traurig, als ich schließlich aufgehört habe - ich hatte genug."

Ein weiteres Kapitel im Motorsport kam für Trulli nicht in Frage: "Ich hatte eine Menge Angebote, aber ich bin immer ganz oben gefahren - sei es im Kartsport, in der Formel 3 oder in der Formel 1. Ich habe realisiert, dass jede andere Serie ein Riesenrückschritt gewesen wäre. Ich muss die Chance haben zu kämpfen und zu gewinnen, damit es mir Spaß macht. Dann würde ich es jederzeit wieder leidenschaftlich machen, aber es müsste auf professioneller Ebene sein. Nach 15 Jahren Formel 1 sehe ich mich nicht neben Hobbypiloten fahren."

Dass seine beiden Söhne eines Tages im Motorsport Fuß fassen könnten, glaubt Trulli indes nicht: "Es sieht nicht danach aus! Der Eine spielt Fußball und Basketball, der Andere zeichnet gern und macht solche kreativen Dinge. Ich habe ihnen ein Formel-1-Rennen im Fernsehen gezeigt, aber sie hatten nicht wirklich Spaß daran." Kurioserweise stimmt Trulli diese Tatsache glücklich: "Sehr glücklich, denn so besteht kein Bedarf an irgendwelchen Verhandlungen mit Flavio Briatore." Die Formel 1 sei eben ein hartes Geschäft: "Ich werde sie niemals zum Rennen überreden."

Der Stachel des Frusts scheint noch immer tief zu sitzen. So blickt der Italiener mit einem scheinbar fast trotzigen Stolz auf seine lange Karriere zurück: "Ich kann behaupten, dass keiner meiner Teamkollegen im selben Auto besser war als ich." Mit diesem Fazit beschließt Trulli seine Motorsportkarriere und kümmert sich weiter um seinen florierenden Weinhandel in der Heimat. "Was passiert ist, ist passiert, und es war insgesamt eine fantastische Erfahrung."

Fotoquelle: xpb.cc

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