Marc Surer machte sich in Jerez persönlich ein Bild von der neuen Formel-1-Generation

Formel 1 2014

— 02.02.2014

Die Jerez-Testwoche aus Expertensicht

Marc Surer über erste Tendenzen der Formel-1-Kräfteverhältnisse 2014: Gewinner und Verlierer aus Jerez unter der Lupe und ein erster Ausblick auf die Saison



Mit großer Spannung wurden sie erwartet, inzwischen sind die ersten Testfahrten der Formel-1-Generation 2014 Geschichte. Die vier Testtage im südspanischen Jerez de la Frontera brachten sowohl Gewinner als auch Verlierer hervor.

Experte Marc Surer war bei den ersten Runden der neuen V6-Turbo-Ära persönlich vor Ort und schildert gegenüber 'Motorsport-Total.com' seine Eindrücke. "Am ersten Morgen sind vier Autos rausgefahren und davon sind zwei stehengeblieben. Es hat sich dann aber sehr schnell relativiert. Die Teams haben sehr schnell reagiert, so wie man das in der Formel 1 gewöhnt ist", urteilt Surer.

Bei den Renault-Teams allerdings gelang die schnelle Problemlösung nicht. Allen voran Red Bull musste in Jerez kräftig Federn lassen, schaffte mit Sebastian Vettel und Daniel Ricciardo an vier Tagen keine 100 Kilometer . "Das war schon überraschend", spricht Surer die langen Standzeiten im Lager des amtierenden Weltmeisterteams an.

Red Bull in ernsthaften Schwierigkeiten?

Doch gleichzeitig will der Schweizer, der im Zeitraum von 1979 bis 1986 an 88 Grand-Prix-Wochenenden teilgenommen hat und die Formel 1 seit Jahren als Experte begleitet, die Anfangsschwierigkeiten nicht überbewerten. "Es gab auch schon in der Vergangenheit Testfahrten, von denen Teams manchmal sogar abgereist sind, weil sie es nicht auf die Reihe gekriegt haben. Genauer betrachtet ist das also gar nichts Neues."

Weltmeister Vettel reiste schon am Mittwochnachmittag enttäuscht aus Jerez ab. Surer kann es nachvollziehen. "Man ist ja auch ein bisschen verwöhnt bei Red Bull", sagt er und fügt hinzu: "Dass es jetzt gerade sie so hart trifft, ist überraschend und neu, aber auf der anderen Seite: Das ist die Formel 1. Es hat in der Vergangenheit andere getroffen. Jetzt hat es sie getroffen. Aber dafür sind ja Testfahrten da."

Neben dem komplett neuen Motorenreglement trug auch die Tatsache, dass die erste Testwoche bereits Ende Januar und damit so früh wie nie über die Bühne ging, dazu bei, dass einige Teams auf dem falschen Fuß erwischt wurden. "Lotus ist gar nicht fertig geworden, Marussia erst in letzter Minute", hält Surer fest und erinnert an einen Umstand, der angesichts des Umstiegs vom V8-Sauger auf den V6-Turbo diesmal nicht möglich war: "In der Vergangenheit haben viele anfangs sogar mit dem alten Auto getestet."

Dennoch muss der frühe Termin für die ersten Testfahrten langfristig betrachtet kein Nachteil sein, wie Surer betont: "Ich fand es sehr nützlich, dass die Teams jetzt so früh fahren konnten und praktisch bis auf ein Team alle die neuen Autos da hatten. So hat man jetzt Zeit zum Reagieren. Hätte man die Testfahrten später angesetzt, alle wären mit fertigen Autos gekommen und hätten dann Probleme bekommen, dann wäre ihnen die Zeit weggelaufen."

Die große Frage ist nun, ob die sechs Wochen bis zum Saisonauftakt in Australien reichen, um die Probleme bei den Renault-Teams auszumerzen? "Ich weiß nicht, wie groß die Probleme wirklich sind", hält sich Surer bedeckt. "Das kann ja irgendeine Kleinigkeit sein, die man übersehen hat oder die mit der Temperatur im Auto zusammenhängt. Wenn man erkennt, wo das Problem herkommt, dann bin ich überzeugt, dass es Renault sehr schnell lösen wird."

Stehen die Renault-Teams, insbesondere Red Bull, als Verlierer der ersten Testwoche da, so gibt es nach den ersten vier Testtagen der neuen Turbo-Ära auch zufriedene Gesichter. Wer sind in den Augen von Experte Surer die großen Gewinner des Jerez-Tests? "Mit Abstand Mercedes", sagt der Schweizer mit Nachdruck und meint damit nicht nur das Werksteam der Silberpfeile, sondern auch die von Brixworth aus belieferten Kundenteams.

Mercedes, McLaren und Magnussen die Gewinner

"Mercedes hat beeindruckt. Die Motoren und die Systeme laufen, egal in welchem Auto sie eingebaut sind. Man hat ja über den Winter schon gemunkelt, dass Mercedes diejenigen sind, die am weitesten sind", erinnert Surer und hält fest: "Der erste Test hat das bestätigt."

Während Mercedes-Pilot Nico Rosberg mit 188 zurückgelegten Runden der fleißigste Fahrer der Jerez-Testwoche war, ließ sich McLaren-Rookie Kevin Magnussen die Bestzeit gutschreiben. "Er hat sein Markenzeichen gleich gesetzt. Er kommt zum ersten offiziellen Test und setzt sofort die Bestzeit", zeigt sich Surer vom Debüt des jungen Dänen angetan und fügt hinzu: "Das war schon gut und beruhigt sicherlich auch die Leute, die sich gegen Perez und für ihn entschieden haben."

Zwar sind die in dieser Woche erzielten Rundenzeiten mit Vorsicht zu genießen, eine gewisse Tendenz ist laut Surer aber schon jetzt erkennbar: "Wenn man ein Auto hat, das läuft, dann kommt irgendwann eine Rundenzeit zustande. Die Teams unterscheiden sich ja in der Regel nicht groß dahingehend, wie sie fahren. Meistens sind halbvolle Tanks angesagt. So große Variationen gibt es da nicht."

"Ich würde jetzt auch nicht allzu viel Wert auf ein paar Zehntel mehr oder weniger legen, aber man sieht schon, welche Autos vorwärts gehen und welche nicht. Das sieht man auch mit bloßem Auge, wenn man an der Strecke steht", sagt der Schweizer und stellt heraus: "Sicherlich kann man über den Ladedruck noch einen richtigen Sprung machen. Trotzdem: Eine Rundenzeit, die mit links kommt, wie man das eben bei McLaren gesehen hat, spricht schon für sich."

Surer rechnet in der neuen Saison mit größeren Abständen

Nach der verkorksten Saison 2013, in der kein einziger Podestplatz gelang, scheint McLaren mit dem neuen MP4-29 auf dem richtigen Weg zu sein. Gut möglich, dass sich dieser Eindruck auch bei den anstehenden Testfahrten in Bahrain (19. bis 22. Februar und 27. Februar bis 2. März) bestätigt. Eines steht für Surer schon jetzt fest: "Wir werden in diesem Jahr sicherlich größere Abstände haben, ganz einfach, weil die Technik so kompliziert ist."

"In den vergangenen Jahren war es so, dass a) alle Motoren praktisch gleich viel Leistung gegeben haben und b) das KERS irgendwann auch alle im Griff hatten. Die Aerodynamik wurde so kopiert, dass unterm Strich alle Autos fast gleich waren. So gesehen haben sich alle angenähert. Jetzt haben wir einen Neuanfang und so schnell kann man ja auch nicht kopieren, wenn man sieht, dass ein Auto läuft. Das dauert eine Weile. Also werden wir viel größere Unterschiede haben", erklärt der Schweizer.

Doch bedeuten große Unterschiede automatisch auch Langeweile? Nicht unbedingt. "Ich finde das gar nicht so schlecht, denn man sollte ja auch sehen, dass es nicht einfach ist, ein schnelles Auto zu bauen", sagt Surer und kommt zum Schluss: "Das ist die neue Formel 1. Die wird es jetzt für die nächsten Jahre geben und sie ist zeitgemäß."

Fotoquelle: xpbimages.com

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