Katzenjammer: Sebastian Vettel und Helmut Marko in der Krise

Formel 1 2014

— 04.03.2014

Marko: "Saisonstart mindestens zwei Monate zu früh"

Helmut Marko erklärt, welchen großen Fehler Renault machte, wieso Red Bull die Kühlung unterschätzte und weshalb ihm ausgerechnet Ferrari Hoffnung gibt



Bei den Testfahrten in Jerez soll Sebastian Vettel einen Wutanfall bekommen haben, weil der RB10 streikte - auch in Bahrain blieb die Stimmungslage des vierfachen Weltmeisters ähnlich. Kein Wunder, denn der Renault-Antriebsstrang verhagelte dem Weltmeisterteam den gesamten Testwinter. Und sorgt dafür, dass man mit äußerst geringen Erwartungen nach Melbourne reist.

"Es ist schwer einzuschätzen, ob wir ins Ziel kommen, denn bis jetzt sind wir noch nicht so viel gefahren", rechnet Vettel gegenüber 'ServusTV' nicht einmal mit der schwarz-weiß-karierten Flagge. "Allein was die Kilometer angeht, sind wir doch deutlich im Rückstand. Das wäre schon ein Erfolg. Und wenn die Hälfte ausfällt, können wir vielleicht ein paar Punkte mitnehmen."

Vettel nimmt Marko und Lauda aufs Korn

Dennoch verblüffte der 26-Jährige mit einem breiten Grinsen - und auch seinen Humor hat er offensichtlich nicht verloren. "Man wird beobachten können, dass der Doktor Marko schon ein paar Kilo verloren hat, denn es sind unheimlich viele nervenaufreibende Wochen gewesen in der letzten Zeit", bringt er Red Bulls Motorsportkonsulenten zum Lachen.

Und auch Mercedes-Aufsichtsratsvorsitzender Niki Lauda muss sich eine Spitze gefallen lassen: "Bei ihm wird man sehen, dass der Bauchansatz ein bisschen größer geworden ist, weil es bei Mercedes richtig gut läuft, der kann sich ein bisschen zurücklehnen vor dem Saisonstart."

Renaults kapitaler Fehler

Marko freut sich über Vettels gute Laune: "An den zwei Tagen, wo ich in Bahrain war, habe ich ihn nie so lächeln gesehen", verrät der Österreicher gegenüber 'ServusTV'. Und spricht im nächsten Atemzug wie gewohnt Klartext: "Der Auftakt kommt für uns mindestens zwei Monate zu früh. Und das wird eine ganz schwierige Angelegenheit, das aufzuholen. Momentan wissen wir nicht, in welchem Zeitrahmen es überhaupt möglich ist und ob es möglich ist."

Lauda, der meint, nicht zugenommen zu haben, offenbart seine These, warum Mercedes gegenüber Red Bull im Vorteil ist: "Wer früher anfängt, ist früher fertig." Marko widerspricht nicht, sieht die Schuldigen aber keineswegs in Milton Keynes: "Kannst du das auf Französisch sagen? Der Motor kommt - wie du ja weißt - von Renault. Also die Message muss dort hingehen. Und dort ist es leider scheinbar nicht so angekommen."

Doch warum wurden die Franzosen beim Teststart in Jerez so kalt erwischt und konnten sich bis jetzt nicht so recht von den enormen Problemen erholen? Marko liefert eine Erklärung: "Renault hat im Vergleich zu Ferrari und Mercedes den Motor nur als Verbrennungsmotor auf dem Prüfstand laufen lassen - ohne Getriebe. Mit dem Getriebe kommen thermische Probleme, Vibrationen. Als dann die gesamte Einheit zum Einsatz gekommen ist, hat man erst gesehen, welche Probleme auftreten - davor dachten die, dass ihr Antriebsstrang funktioniert."

Renault-Piloten leiden unter Turboloch

Das Zusammenspiel der unterschiedlichen Elemente des Antriebsstrangs sei der Kern des Übels. Zudem hat man noch enorme Probleme mit der Fahrbarkeit: Die Motorleistung setzt zu abrupt ein, und bei Vollgas liegt man gegenüber Ferrari und vor allem Mercedes im Rückstand. "Wir kämpfen derzeit mit dem Turboloch", gibt Marko zu.

Ein Problem, das auf das Zusammenspiel zwischen Elektro- und Turbomotor zurückzuführen ist, denn das verzögerte Einsetzen der Turbo-Power sollte eigentlich durch den Elektroantrieb ausgeglichen werden, was bei Renault noch nicht reibungslos funktioniert. "Zuerst steigst du aufs Gas, aber die Leistung kommt nicht", beschreibt der Österreicher das ungünstige Fahrverhalten. "Und dann kommt sie urplötzlich, die Räder drehen durch, dadurch rutscht das Auto, du verlierst Speed, aber auch Drehzahl, weil du wieder vom Gas musst."

Das Fazit klingt ernüchternd: "In unserem Zustand ist es einfach nicht möglich, kontinuierlich Kurven und konstante Rundenzeiten zu fahren. Das alles zusammenzubringen, braucht Zeit. Und diese Zeit sind wir leider hinten."

Homologierung: Ist der Zug für Renault bereits abgefahren?

Dazu kommt, dass die Motorenentwicklung mit Ende Februar eingefroren wird und Änderungen an der Konstruktion somit nicht mehr möglich sind. Heißt dass, dass Red Bull die Saison bereits ad acta legen muss und Renault den Rückstand nicht mehr aufholen kann? Marko gibt mit seinen Aussagen Hoffnung und deutet an, dass es sich nicht um ein mechanisches, sondern vorrangig um ein Software-Problem handelt.

"Momentan arbeiten wir mit Renault mit Tag-und-Nacht-Einsätzen auf Prüfständen zusammen, damit wir bis Melbourne hoffentlich dieses Zusammenspiel - und das ist in erster Linie eine Software-Angelegenheit - zum arbeiten bringen", bestätigt der Steirer. Auch zugunsten der Zuverlässigkeit dürfen noch Verbesserungen vorgenommen werden.

Nun werde man die verbleibende Zeit bis zum Melbourne-Wochenende nutzen, um für Abhilfe zu sorgen. Auch ein Notfallplan werde erstellt, "damit wir nicht nur die Daten vom Renault-Prüfstand erhalten, denn scheinbar ist auch die Korrelation ein Problem. Das, was der Renault-Prüfstand anzeigt, ist in der Realität nicht gegeben."

Die Ursache der Kühlungsprobleme

Lassen sich die Renault-Probleme auch damit begründen, dass die Franzosen nach der Einfrierung der Saugmotoren 2006 massiv Personal abgebaut haben und diesbezüglich gegenüber Ferrari und Mercedes im Rückstand liegen? "Das Finanzielle ist glaube ich nicht vordergründig", winkt Marko ab. "Ich glaube, Renault hat das etwas unterschätzt."

Das könnte man auch von Red Bull behaupten, denn die Truppe von Aerodynamik-Genie Adrian Newey kam bei den Tests selbst im Vergleich zu den anderen Renault-Teams auf die wenigsten Kilometer. Der Brite ist bekannt dafür, in seiner Domäne besonders ans Limit zu gehen. Marko verteidigt Newey aber und meint, dass man von Renault kaum Anhaltspunkte erhalten habe, um bei der Konstruktion des Chassis für die erforderliche Kühlung zu sorgen.

"In Jerez haben die Teams erstmals diese gesamte Motoreinheit bekommen, und wenn beim Turbolader die Krümmer zusammenkommen, dann ergibt das tausend Grad", schildert Marko. "Das hat bei uns zu Hitze-Schwierigkeiten, zu Bränden geführt, aber auch bei den anderen. Das liegt daran, dass wir von Renault keine Daten bekommen haben, wie heiß das wird, wie viel Luftdurchfluss man benötigt."

Werksteams Ferrari und Mercedes im Vorteil

Daraus hätten sich dann Folgeprobleme entwickelt: "Wenn es ein Problem mit der kinetischen Energie gibt, dann wirkt sich das auf die Batterien aus, die überladen werden oder überhitzen. Das führt zu einem Kurzschluss, und das Auto steht wieder. Auch die anderen Motorenhersteller hatten Probleme, aber die vier Renault-Teams sind ein Viertel der Kilometer der Mercedes-Teams gefahren - das sagt doch schon alles."

Lauda sieht gegenüber 'ServusTV' einen klaren Grund, warum die Silberpfeile beim Antrieb nun besser aufgestellt sind als Red Bull: "Der Vorteil von Mercedes ist, dass wir Motor und Auto selbst bauen." Die beiden Fabriken in Brackley, wo das Chassis entwickelt wird, und in Brixworth, wo die Antriebsstrang-Abteilung sitzt, sind 40 Kilometer voneinander entfernt. "Dadurch sind Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den Mitarbeitern, die alle Englisch sprechen und wissen, worum es geht, besser", glaubt der Ex-Formel-1-Weltmeister.

Warum man Red Bull nicht abschreiben sollte

Trotzdem warnt Lauda davor, Red Bull bereits abzuschreiben, und wehrt sich gegen die Favoritenrolle: "Auch wenn es jetzt schlecht ausschaut: Ihre Aufholphase kann ganz kurz dauern. Wenn die ihre Probleme erledigt haben, fahren die wieder ganz vorne mit - davon bin ich überzeugt. Deswegen müssen wir alle Vollgas geben, damit wir zumindest mitfahren können. Also für mich ist nach wie vor Red Bull der Favorit für die Weltmeisterschaft."

In die gleiche Kerbe schlägt Ex-Red-Bull-Pilot Mark Webber, der gegenüber 'Motorsport-Total.com' klarstellt, man dürfe die Mannschaft aus Milton Keynes "niemals unterschätzen". Und auch Marko ist davon überzeugt, dass der RB10 grundsätzlich das Zeug zum Titel hat: "Ich glaube, wir haben ein gutes Auto. Es gibt Kurvenmessungen, und vor allem in den schnellen Kurven war unser Auto wieder das schnellste. Man braucht aber einen Motor, der funktioniert. Wir müssen jetzt einmal diese Anfangsphase überstehen und uns dann sukzessive wieder nach vorne arbeiten."

Und womöglich geschieht in Melbourne ein Wunder. Auch das will der Motorsportkonsulent des Weltmeister-Teams nicht ausschließen. "Ich kenne da ein Beispiel aus dem Jahr 1989", verweist er auf die Vergangenheit. "Da hatte Ferrari eine noch schlechtere Testsaison als wir. Beim ersten Rennen hatte man die Überlegung, nur 20 Kilo Sprit zu tanken und für ein kurzes Feuerwerk zu sorgen. Mansell hat dann das Rennen gewonnen. Mit diesem Optimismus und mit dieser Hoffnung - auch wenn nicht ganz gerechtfertigt - fahren wir nach Melbourne."

Fotoquelle: xpbimages.com

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