Eckfeiler: Das kriselnde Red-Bull-Team baut auf die Arbeitsmoral des Weltmeisters

Formel 1 2014

— 19.03.2014

Vettels Erfolgsgeheimnis: Wie der Weltmeister arbeitet

Ex-Physio Tommi Pärmäkoski und Helmut Marko geben Einblicke, mit welchen Methoden Sebastian Vettel die Formel 1 eroberte und Red Bull trotz Krise hoffen lässt



Sebastian Vettel steht dieses Jahr vor einer Herkulesaufgabe. Der vierfache Weltmeister kam bei den Wintertests wegen technischer Probleme bei Red Bull und Renault kaum zum Fahren -und auch der Saisonauftakt in Melbourne stand unter dem Motto "Pleiten, Pech und Pannen": Im Qualifying und im Rennen machte die Elektronik den RB10 unfahrbar. Von Startplatz 13 war das Australien-Gastspiel des Red-Bull-Stars nach nur drei frustrierenden Runden vorbei.

Dennoch wagt es derzeit niemand, Vettel abzuschreiben. Denn im Fahrerlager weiß man längst, wie hart und konsequent dieser arbeitet, um seine Ziele gegen alle Widerstände zu erreichen. Und auch die Tatsache, dass Red Bull in Melbourne trotz der miserablen Wintertests schnell war, ist auf die Arbeitshaltung des 26-Jährigen zurückzuführen.

Vettel steckt Team mit Arbeitsmoral an

Das bestätigt Tommi Pärmäkoski, der von 2008 bis 2011 als Physiotherapeut Vettels fungierte, rund 300 Tage pro Jahr mit ihm verbrachte und den Aufstieg zum Formel-1-Dominator hautnah miterlebte. "Für mich ist Seb der am härtesten arbeitende Athlet, den ich je gesehen habe", spricht der Finne, der nun im Trainerteam des finnischen Damen-Eishockeyteams arbeitet, gegenüber der 'SportWoche' Vettel ein großes Kompliment aus.

Und ergänzt: "Mit seiner Arbeitsmoral legt er die Latte für alle sehr hoch. Und genau diese Einstellung verlangt er dann auch vom Team. Die Teammitglieder wissen: Wenn sie etwas entwickeln, dann haben sie den Fahrer, der es umsetzen kann und der ständig an sich arbeitet."

Für den Finnen, der aus dem Dunstkreis des legendären McLaren-Arztes Aki Hintsa stammt, besteht überhaupt kein Zweifel: "Die Arbeitsmoral ist der Grund, warum er so erfolgreich ist. Natürlich hat er auch Talent. Aber wenn die Leute sehen würden, wie hart er an und abseits der Strecke arbeitet, dann wären sie nicht überrascht, dass er so erfolgreich ist."

Schon als junger Kartfahrer die besten Fitnesswerte

Diese Einstellung entwickelte Vettel nicht erst in der Formel 1 - bereits in jungen Jahren verblüffte der Heppenheimer mit der Zahnspange sein Umfeld mit seinem Perfektionismus. Red Bulls Motorsportkonsulent Helmut Marko, der den damals elfjährigen Kartfahrer Ende 1998 in seinen Nachwuchskader aufnahm, erinnert sich gegenüber 'Sport Bild': "Mir fiel auf, dass er aus wenig immer viel machte. Die Vettels hatten wenig Geld, mussten mit dem bescheidenen Material auskommen."

Bei Vettels ersten Fitnesstests im Red-Bull-Leistungszentrum in Thalgau, wo 600 Red-Bull-Sportler aus unterschiedlichsten Bereichen betreut werden, traute Marko seinen Augen nicht: "Sebastian hatte bei Weitem - ich betone: bei Weitem - die besten Werte. Wir testen da sehr vielschichtig. Von Fitnesswerten bis Reaktionszeiten. Alles, was das Gesamtbild eines Leistungssportlers ausmacht."

Wie eine Maschine...

Eine Aussage, die bei Pärmäkoski keineswegs für Verwunderung sorgt. Denn der 30-Jährige weiß, mit welchem Ehrgeiz Vettel seinen Körper stählt, damit er für die kräfteraubende Formel-1-Saison gerüstet ist. Momente, in denen der Physiotherapeut Vettel motivieren musste, gab es "selten. 95 Prozent der Zeit musste ich ihn bremsen. Er ist wie eine Maschine, will immer mehr. Es war meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass er es nicht übertreibt, weil Erholung genauso wichtig ist wie Training."

Zudem nahm Vettel stets aktiv an der Gestaltung des Trainingsprozesses teil, ließ eigene Gedanken einfließen und hinterfragte Dinge. "Er hat immer gefragt, wie man eine Trainingsmethode verbessern kann, und wollte wissen, warum wir das so machen", erzählt Pärmäkoski. Der Red-Bull-Star nützt jede freie Minute, um über mögliche Verbesserungen nachzudenken, ruht sich nicht auf seinen Erfolgen aus.

Vettel hinterfragt alles

Auch diese Herangehensweise war schon in den Nachwuchsjahren sehr stark ausgeprägt, weiß Förderer Marko. "2004 gewann Vettel in seinem zweiten Formel-BMW-Jahr 18 von 20 Rennen, sein Durchbruch", blickt der Österreicher zurück. "Das aber war nicht das Entscheidende, was mir auffiel. Sondern dass er sich intensiv damit beschäftigte, warum er die zwei Rennen nicht gewonnen hatte, und die Gründe dafür analysierte. Man darf nicht vergessen: Sebastian war zu diesem Zeitpunkt erst 17 Jahre alt. Er ging noch zur Schule, hatte eine Zahnspange. Das war außergewöhnlich."

Und auch jetzt noch löchert Vettel seine Ingenieure mit Fragen und zwingt sie zu Nachtschichten. Selten verlässt der amtierende Champion die Strecke am Freitag oder Samstag eines Rennwochenendes vor 22 Uhr, womit er üblicherweise der letzte Pilot ist. Zum Vergleich: Ferrari-Star Kimi Räikkönen - ein Instinkt-Rennfahrer der alten Schule - hat oft schon um 17 Uhr genug von den Technikbesprechungen mit seiner Crew.

Was Vettel so lange mit seiner Mannschaft bespricht? "Seb will alles über jedes kleinste Detail wissen - ganz egal, ob es um den Motor, die Reifen, das Setup oder etwas anderes geht", gibt Pärmäkoski Einblicke. "Er stellt ständig Fragen und macht Notizen - und zwar nach jedem Training. Er studiert die Telemetriedaten, damit er jede Kurve so gut wie möglich fahren kann, verbringt viel Zeit in Ingenieursbesprechungen und überprüft alles mit seinen Mechanikern. Und er schreibt nach jedem Rennen eine Zusammenfassung, damit er im Jahr darauf noch besser vorbereitet ist."

Wie Vettel das Glück erzwingt

Mit seiner perfekten Vorbereitung "erzwingt er das Glück", glaubt Pärmäkoski, weil er nichts dem Zufall überlässt. Das ist auch Marko aufgefallen: "Wenn Sebastian mal im Training oder im Qualifying langsamer war, hat er sich sofort das Datenblatt von Mark Webber geben lassen und sich seine Runden angeschaut."

Ein Beispiel ist der dritte Sektor in Barcelona: Webber war in der neuen Schikane vor der Zielkurve stets schneller als Vettel, was diesen wurmte, aber ihn schließlich zu einem besseren Rennfahrer machte, wie Marko verrät: "Sebastian studierte dann die Datenblätter und setzte die Erkenntnisse beim nächsten Mal um."

Red Bull trotz Krise bis in die Haarspitzen motiviert

Genau diese Eigenschaft, mit harter Arbeit das Glück zu erzwingen, ist nun möglicherweise wichtiger denn je in der Karriere Vettels. Noch lange ist bei Red Bull nicht alles so, wie es sein sollte. Es wird von der Moral des Rennstalls abhängen, ob man dieses Jahr rechtzeitig die Kurve kratzt und die derzeit dominante Mercedes-Truppe fordern kann.

Glaubt man Red-Bull-Teamchef Christian Horner, dann ist seiner Mannschaft und Vettel auch dieses Jahr alles zuzutrauen: "Die Moral ist bei uns nach wie vor extrem hoch - das Team reagiert fantastisch - also mit wahrer Leidenschaft und innerer Stärke - auf die Herausforderung. Wir haben nicht durch Zufall in den letzten Jahren so viel erreicht." Und abschließend ergänzt er: "Für alle technischen Probleme gibt es auch technische Lösungen". Ein Satz, der auch von Vettel stammen könnte.

Fotoquelle: xpbimages.com

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