Ayrton Sennas Presseprecherin erinnert sich an einen nachdenklichen Chef

Formel 1 2014

— 01.05.2014

Vertraute Sennas erinnert sich: "Jemand sagte 'Er lebt!'"

Betise Assumpcao Head war vor 20 Jahren als Pressesprecherin für Ayrton Senna tätig und erinnert sich an die dramatischen Geschehnisse in Imola



Der blau-weiße Williams FW16, wie er geradewegs aus der Tamburello-Kurve schießt. Das Wrack des Boliden, an dem noch immer die Kollegen vorbei rasen. Eine Traube von Streckenposten und Ärzten, die versuchen, den Unglücksort von den Kameras abzuschirmen - all diese Szenen spielten sich vor 20 Jahren beim Großen Preis von San Marino in Imola ab und sind vielen noch im Gedächtnis, als wäre es erst gestern gewesen. Pressesprecherin Betise Assumpcao Head saß am 1. Mai 1994 im Fahrerlager und musste am TV-Bildschirm mit ansehen, wie ihr Chef, Formel-1-Legende Ayrton Senna, tödlich verunglückte.

Seither hat die Brasilianerin, die heute als Beraterin im Presseteam für die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro tätig ist, das Gelände des Autodromo Enzo e Dino Ferrari in zwei Jahrzehnten nur ein einziges Mal wieder betreten. Kurz vor dem Jahrestag des Unfalls kehrt sie noch einmal nach Imola zurück. "Hier zu sein, das lässt mein Herz schwer werden", beschreibt sie ihre Gefühle der 'Mail on Sunday.' "An der Stelle zu stehen, wo Ayrton sein Leben verloren hat, ist sehr emotional für mich."

Es war ein einschneidendes Wochenende für die Formel 1, eines der tragischsten und auch das jüngste in der Geschichte der Königsklasse, dass so folgenschwer endete. Es war Rubens Barrichello, der am Freitag vor dem Rennen bereits für Aufmerksamkeit sorgte, als er mit seinem Jordan spektakulär in die Reifenmauer knallte und sich dabei überschlug. Doch der damals erst 22 Jahre junge Landsmann Sennas kam mit einer gebrochenen Nase davon.

Das Unglücks-Wochenende von Imola

Das Unglück setzte sich am Samstag, dem 30. April 1994, fort. Der Simtek S941 des jungen Österreichers Roland Ratzenberger raste aufgrund eines beschädigten Frontflügels mit Höchstgeschwindigkeit in die Mauer. Da sich der Österreicher schon bei dem Aufprall das Genick brach, kam jede Hilfe zu spät. Der Formel-1-Zirkus war geschockt, allen voran Senna, der sich die TV-Bilder des Crashs immer wieder ansah und sich sogar an den Unglücksort fahren ließ, um die Geschehnisse nachzuvollziehen.

Allen Diskussionen zum Trotz, fand das Rennen am Sonntag statt. Doch das italienische Publikum wurde von dem Pech, das sich über den Grand Prix von San Marino gelegt hatte, nicht verschont. Schon beim Start kam es zu einer Kollision zwischen Pedro Lamy und JJ Lehto bei dem sich ein Reifen löste und in die Zuschauer-Menge schoss. Neun Menschen wurden bei dem Vorfall leicht verletzt. Es folgte eine Safety-Car-Phase bis zur fünften Runde.

In der siebten Runde spielten sich dann die schon so oft gezeigten Szenen ab. Assumpcao Head sah aus dem Media Center zu. "Alles, was wir im Fernsehen sahen, war ein Nebel aus Sand", erinnert sie sich, "dann sein blau-weißes Auto und seinen gelben Helm. Ich dachte nur, er wird sauer sein, wenn er zurückkommt, er wird fluchen und über den Motor, das Auto und die Reifen meckern. Also sagte ich mir 'Du musst da sein'."

Ecclestone überbrachte die Hiobsbotschaft

Doch während sich die Pressesprecherin noch überlegte, wie sie ihren Chef beruhigen könnte, waren Helfer und Ärzte schon vor Ort und kämpften um Sennas Leben. "Dann wusste ich, dass er nicht aus seinem Auto kommen würde", erzählt Assumpcao Head weiter. "Aber ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht, dass er tot sein könnte. Ayrtons Kopf hat sich bewegt. Jemand sagte 'Er ist am Leben'."

Auch Sennas Bruder war vor Ort und versuchte zusammen mit der persönllichen Angestellten des dreimaligen Weltmeisters, nähere Informationen über den Zustand des Verunglückten zu erlangen. Dabei begegneten sie Formel-1-Boss Ecclestone. "Bernie fragte, ob er mit Leonard sprechen könne, der zu dem Zeitpunkt schon vollkommen bleich im Gesicht war", berichtet Assumpcao Head. "Ich sagte Bernie, dass Leonard kein Englisch spreche und er zeigte uns an, ihm zum folgen."

Von Ecclestone erfuhren beide über den Tod des damals 34-jährigen Senna, auch wenn dies erst am Abend offiziell bestätigt wurde. Bei seinem Unfall hatte sich die Radaufhängung durch den Helm gebohrt und Senna schwer am Kopf verletzt. Der Brasilianer soll zwar kurz nach dem Unfall noch bei Bewusstsein gewesen sein, verlor dieses jedoch noch vor Ort und zeigte auch um Krankenhaus von Bologna keine Regung mehr.

Nach Ratzenberger-Tod: Senna brach zusammen

Assumpcao Head wurde sich der schrecklichen Nachricht erst sehr spät am Abend bewusst. Als sie an der Strecke noch ihre letzten Sachen zusammensuchte, sah sie schon die ersten Nachrufe über ihren Chef im Fernsehen. "Ayrton war gebräunt und trug ein farbenfrohes Shirt", beschreibt sie. "Er sprach darüber, wie wunderschön das Leben sei. Das war der Punkt, an dem ich aus meiner Starre erwachte. Ich fing heftig an zu weinen und konnte kaum atmen."

Auch Senna selbst hatte an diesem Wochenende schon Tränen vergossen. Der Vorfall mit Barrichello und der Tod von Ratzenberger hatten ihn sichtlich mitgenommen. Da Assumpcao Head nicht nur Angestellte, sondern auch Vertraute des Brasilianers war, kann sie sogar von einem Zusammenbruch berichten, den sie beobachtete, als sie ihn allein hinter der Garage vorfand. "Er zitterte und weinte. So verletzlich hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich wollte ihm helfen. Er sah so verloren aus."

Da sich Senna am Samstag weigerte, das Training nach Ratzenbergers Unfall fortzusetzen, drohte ihm die Rennleitung mit Disqualifikation vom Rennen. "Ayrton verweigerte sich trotzdem", erzählt Assumpcao Head. "Einige Minuten später wurde bekanntgegeben, dass kein Fahrer mehr gezwungen wurde, rauszufahren. Ich glaube bis heute, dass sie diese Regel wegen Ayrton geändert haben."

"Er wusste, was auf dem Spiel stand"

Die Besorgnis, die Senna in seinen letzten Tagen zeigte, passte zu seinem Gemüt. Seine Pressesprecherin, immer an der Seite des Rennfahrers, kannte die nachdenkliche Einstellung der Ikone: "An Rennwochenenden war Ayrton oft angespannt und gestresst, als würde er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern tragen. Am Anfang rührte das daher, dass die Formel 1 ihm so wichtig war. Mit der Zeit wusste er aber, wie viel auf dem Spiel stand, wenn er raus fuhr."

Seine Bekanntheit nahm vor allem in seinem Heimatland extreme Ausmaße an und übertraf womöglich sogar die des besten Fußballers aller Zeiten. "In Brasilien war Ayrton bekannter als Pele", weiß Assumpcao Head. "Zu Peles Zeiten gab es noch nicht so viele Fernseher. Als das TV-Zeitalter anbrach, erwarteten die Leute jeden Sonntag, das Ayrton gewann. Er verkörperte das einzig Gute, auf was sich die Leute in diesem Land mit Sicherheit verlassen konnten."

Dieser Ruhm war dem schüchternen Rennfahrer oft unangenehm. "Ayrton war kein unbeschwerter Mann", berichtet seine Pressesprecherin. "Er hatte keinen natürlichen Sinn für Humor. Er konnte zwar über Witze lachen, aber selber keinen erzählen. Auch ich habe ihn zum Lachen gebracht - daran erinnere ich mich gerne - aber ich hätte es nie gewagt mit ihm zu scherzen, wenn er im Rennmodus war."

Senna änderte gerade seine Lebenseinstellung

Zuletzt hatte man ihn öfter lachen gesehen. "Im letzten Jahr vor seinem Tod hatte er eine neue, viel jüngere Freundin", so Assumpcao Head. "Adriane Galisteu war 19, als sie zusammen kamen. Seine Eltern waren mit keiner seiner Freundinnen zufrieden, aber Adriane hat Ayrton die Leichtigkeit zurück gebracht. Sie kam im Bikini-Top an die Strecke, das kann man sich gar nicht vorstellen. Sie war ein Kind, zog sich an wie ein Kind und verhielt sich wie eines. Das hat Ayrton glücklich gemacht." Sennas Mitarbeiterin berichtet weiter von einer Veränderung.

Einer Art Reife, die der Brasilianer kurz vor seinem Tod erlebte: "Ayrton war nicht einfach. Alles, was er sagte, wurde auf die Goldwaage gelegt. Er hat nicht immer richtig gehandelt, sowohl auf, als auch neben der Strecke. Aber er war so außergewöhnlich talentiert und auch aufmerksam und rücksichtsvoll. Er wurde immer mehr zu dem Menschen, der er sein wollte - das bedrückt mich am meisten." Am 1. Mai jährt sich der Todestag von Senna nun schon zum 20. Mal. "Ich habe noch lange von Ayrton geträumt. Ich vermisse ihn in vielerlei Hinsicht", sagt Assumpcao Head, als sie am Unfallort steht. Ich werde nicht wieder hierher zurückkehren, dafür gibt es jetzt keinen Grund mehr", schließt sie ihre Erinnerungen ab.

Fotoquelle: xpbimages.com

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