Sebastian Vettel weiß, dass der Rückstand auf Mercedes noch immer sehr groß ist

Formel 1 2014

— 12.05.2014

Mercedes unschlagbar? Red Bull gehen die Optionen aus

Auch beim Europaauftakt war Mercedes wieder einmal nicht zu schlagen, Lewis Hamilton und Nico Rosberg enteilten der Konkurrenz um fast 50 Sekunden



Von wegen Wendepunkt: Beim Europaauftakt in Spanien ist der Mercedes-Vorsprung nicht etwa geschmolzen, die Dominanz der Silberpfeile scheint sogar noch grer geworden zu sein. Lediglich vier andere Autos wurden beim Rennen in Barcelona von Lewis Hamilton und Nico Rosberg nicht berrundet, Daniel Ricciardo hatte als schnellster Verfolger am Ende fast 50 Sekunden Rckstand auf das Mercedes-Duo. Die Silberpfeile steuern offenbar unaufhaltsam auf eine Dominanzphase zu, wie es sie in der Formel 1 nur selten gegeben hat.

"Momentan muss man fair sein und sagen, dass sie ein sehr gutes Paket haben", erklrt Sebastian Vettel bei 'Sky Sports F1' und ergnzt: "Sie haben einen phnomenalen Antrieb, ein sehr gutes Auto und gute Fahrer. Insgesamt macht sie das so stark und nur schwer zu schlagen." Um nicht sogar zu sagen unschlagbar, denn in den bisherigen fnf Saisonrennen sicherte sich Mercedes alle Siege, davon vier Doppelsiege, und Pole-Positions.

Wre Lewis Hamiltons W05 in Australien nicht mit einem Antriebsdefekt ausgefallen, wren es wohl sogar fnf Doppelsiege in fnf Rennen gewesen. So eine Serie gab es zuletzt 2002, als Michael Schumacher und Rubens Barrichello die Saison im Ferrari F2002 mit fnf Doppelsiegen in Folge beendeten. Selbst das erfolgsverwhnte Red-Bull-Team war in den vergangenen Jahren nie so dominant.

Vettel erkennt Mercedes-Leistung an

"Es wre falsch, sich ber ihre Dominanz zu beschweren", sagt Weltmeister Vettel anerkennend und ergnzt: "Sie haben im Winter besser als alle anderen gearbeitet und verdienen es, in dieser Position zu sein. Hoffentlich knnen wir ihnen frher oder spter das Leben schwer machen. Das ist unsere Motivation. Ich hoffe, dass wir bald aufholen knnen." Bei den Wintertests absolvierten die Silberpfeile insgesamt 4.971 Kilometer und damit mehr als jedes andere Team.

Erntet Mercedes nun also nur die Frchte dieser Arbeit? "Ich denke, dass Mercedes eine riesige Chance im Wechsel des Motorenformats gesehen hat", erklrt McLarens Renndirektor Eric Boullier und fgt hinzu: "Deswegen haben sie unheimlich viel dort hineingesteckt. Der Erfolg ist, dass sie in Sachen Leistung und Energiemanagement allen anderen voraus sind. Das macht den Unterschied aus - und zwar einen sehr groen."

Doch ganz offensichtlich hat der W05 weit mehr zu bieten, als nur einen starken Antrieb. Schlielich wurden in Barcelona mit Ausnahme von Valtteri Bottas alle anderen Mercedes-Autos von den Silberpfeilen berrundet. Vettel erklrt bei 'Sky': "Ich glaube im Moment ist Mercedes einfach sehr schnell und wenn man den letzten Sektor anschaut, dann ist es auch nicht so, als htten sie nur einen 'ber-Motor' und ein einigermaen durchschnittliches Auto, sondern sie haben auch ein sehr gutes Auto. Im letzten Sektor waren sie das ganze Wochenende ber fast unschlagbar."

Gewinnt Mercedes alle Rennnen?

Auch Force-India-Pilot Nico Hlkenberg, selbst ebenfalls mit einem Mercedes-Antrieb ausgerstet, findet die aktuelle Dominanz "krasser als Red Bull, das ist ganz ein eigener Stern." Fernando Alosno drckt es noch drastischer aus und erklrt: "Sie sind vermutlich in der Position, alle Rennen zu gewinnen." Das hat in der Formel 1 bisher noch nie ein Team geschafft, am dichtesten war 1988 McLaren dran, als Alain Prost und Ayrton Senna im MP4/4 15 der 16 Rennen gewannen.

"So weit habe ich noch nicht gedacht, ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was gerade passiert", sagt WM-Spitzenreiter Hamilton und ergnzt: "Wenn das Team sich weiter so entwickelt, dann ist die Chance dazu da. Es ist unser Ziel, alles zu gewinnen." Sein ehemaliger Teamkollege Jenson Button ergnzt: "Ich habe in meiner Karriere tolle Autos in der Formel 1 erlebt. 2004 war der Ferrari einmalig stark. Die waren damals auch eine bis eineinhalb Sekunden schneller als alle anderen."

"Und dennoch: Der Mercedes ist wohl eines der dominantesten Autos der vergangenen Jahre - vor allem im Qualifying. Da ist es wirklich unglaublich. Es wird fr alle schwierig, in diesem Jahr noch irgendwie heranzukommen." Der Brite spricht aus Erfahrung, 2009 gewann er im berlegenen Brawn BGP 001 sechs der ersten sieben Saisonrennen und wurde am Ende Weltmeister.

Rosberg begeistert

Dass die Konkurrenz damals in der zweiten Saisonhlfte aufholen konnte, hatte vor allem mit dem begrenzten Budget des damals kleinen Teams zu tun. Ein Problem, das Mercedes, das 2010 aus dem Brawn-Team hervorging, nicht haben wird. Rosberg berichtet: "Es sind jetzt seit 2010 fnf Jahre gewesen, seit dieser Prozess angefangen hat und es hat sich so viel verndert. Es war ein sehr, sehr langer Weg, es gab personelle Umstrukturierungen, all das."

"Es gab groe, groe Vernderungen und jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir, dank der Arbeit des Teams in der Vergangenheit, das beste Team der Formel 1 werden", sagt der WM-Zweite und ergnzt: "Ich wrde noch immer sagen, dass Red Bull momentan der Gradmesser ist, aber wir rtteln im Moment definitiv an ihrem Stuhl und ich denke, dass es die Mglichkeit gibt, dass wir bald das absolut beste Team sein werden. Im Hinblick auf die Organisation des Teams und unsere Mglichkeiten kommen wir dorthin und hoffentlich wird es eine lange Dominanz werden."

Hamilton fgt hinzu: "So wie es fr das Team gerade luft, sehen wir zumindest fr ein paar weitere Rennen stark aus. Es ist keinesfalls einfach fr mich, denn Nico stellt mich vor eine massive Herausforderung. Ich htte mir nie vorstellen knnen, diese vier Rennen zu gewinnen, aber es ist noch immer ein langer, langer Weg und es gibt an diesem Auto noch immer Zeit, die ich finden kann, also werde ich daran arbeiten."

Macht nur der Motor den Unterschied?

Das drfte fr die Konkurrenz wie eine Drohung klingen, denn im Qualifying in Barcelona war Hamilton auch so bereits ber eine Sekunde schneller als Ricciardo auf Rang drei. "Es wre pessimistisch zu sagen, dass die Saison vorbei ist", erklrt Rob Smedley, Leiter der Fahrzeug-Performance bei Williams, und ergnzt: "Der Red Bull ist das zweitschnellste Auto und eine beeindruckende Maschine. Wenn man sich die Onboard-Kameras ansieht, dann ist dieses Auto sehr beeindruckend."

"Wenn Renault Fortschritte schafft, dann knnen sich die Dinge schnell drehen. Die Technologie der Antriebseinheiten ist noch sehr neu. Von Rennen zu Rennen werden damit grere Fortschritte erzielt, als in allen anderen Bereichen. Die aerodynamische Struktur der Autos hat sich nicht grundlegend verndert. Die Vernderungen sind aber doch gro genug, dass man nach neuen Konzepten sucht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand Fortschritte findet. Die Saison ist noch lange nicht vorbei."

Vettel ergnzt nach dem Rennen in Spanien: "Ich glaube auf jeden Fall, dass wir einen Schritt gemacht haben. Ich denke, die Dinge, die wir nach dem vergangenen Rennen gendert haben, haben im Nachhinein sehr groen Sinn gemacht. Trotzdem gibt es da noch einiges, da ist noch viel drin. Das Auto hat Potenzial. Wir wissen, dass unsere Schwche da ist, wo es eigentlich am einfachsten sein sollte - beim Geradeausfahren."

Das besttigt auch Adrian Newey gegenber 'auto motor und sport': "Die Sekunde verlieren wir ausschlielich auf der Geraden." Vettel ergnzt: "Mercedes hat in diesem Jahr ein sehr gutes Auto gebaut und sich den Erfolg verdient. Aber ich glaube immer noch, dass unser Auto besser ist." Doch ist man bei Red Bull wirklich noch zuversichtlich oder klingt in den Worten ein gewisser Zweckoptimismus durch?

Fakt ist, dass die "Bullen" seit mittlerweile fnf Rennen auf einen Sieg warten, so eine Durststrecke gab es seit 2009 nicht mehr. "Es ist eine groe Lcke, es wird einige Zeit dauern, die zu schlieen. Aber wir werden weiter kmpfen", verspricht Teamchef Christian Horner und ergnzt: "Wir haben dieses Wochenende einen kleinen Schritt gemacht. Das hat man nicht gesehen, weil wir am Anfang hinter dem Williams Zeit verloren haben, aber wir haben immer noch einen groen Rckstand aufzuholen."

"Wir mssen Renault dabei helfen, mehr Motorleistung zu finden, denn das ist genau das, was wir brauchen." Immer wieder wird der Antrieb als Hauptschwche des RB10 genannt, weshalb Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko in der 'Bild am Sonntag' erklrt: "Wir haben gesagt, dass wir motormig zum sterreich-Rennen eine Klarstellung haben wollen. Wir wissen, was mglich ist, wenn alles perfekt luft. Das betrifft den Motor und auch das neue Benzin."

Letzte Chance in sterreich

"Bis Spielberg sollten wir alle Parameter zu dem Motor haben und wissen, ob es fr uns berhaupt noch eine Steigerungsmglichkeit gibt." Auf die Frage, ob man sich bereits nach einem neuen Motorenlieferanten umsehe, antwortet der sterreicher: "Das geht leider nicht so schnell." Soll heien: Wenn Red Bull die Mglichkeit htte, dann wrde man Renault wohl lieber heute als morgen den Laufpass geben.

Marko weiter: "Wir machen ja kleine Schritte vorwrts, aber die macht Mercedes auch. Wir brauchen einen Quantensprung, sonst ist das Jahr gelaufen." Horner ergnzt: "Die Benzinentwicklung ist dieses Jahr entscheidend, weil die Regeln so neu sind. Im Benzin steckt eine Menge Leistung. Total hat dieses Wochenende ein neues Benzin gebracht, das ein bisschen geholfen hat. Wir brauchen mehr solche Schritte. Hinter den Kulissen findet zwischen den Motoren- und den Benzinjungs ein enorm harter Wettbewerb statt."

Es sei zwar "mglich, dass Mercedes alle Rennen gewinnt, aber unwahrscheinlich. Die Dinge knnen sich ndern. Wir haben 2013 die neun letzten Rennen des Jahres gewonnen." Auch Vettel unterstreicht: "Wir sind hier, um zu gewinnen. Es wre ziemlich traurig, wenn wir in das Wochenende gehen wrden, um nur Dritter zu werden. Am nchsten Wochenende wollen wir wieder angreifen."

Angriff in Monaco?

Das nchste Rennen findet in Monaco statt und sollte Red Bull entgegenkommen, in den vergangenen vier Jahren konnte man dort dreimal gewinnen. Horner erklrt: "Wir hoffen, dass wir in Monaco wieder ein bisschen nherkommen knnen. Monte Carlo ist keine Power-Strecke, Kanada schon. Unsere Angst ist, dass wir es in Montreal gegen alle Mercedes-Teams schwer haben werden."

Vettels Hoffnung ist nicht ganz so gro. Er gibt zu bedenken, dass sich die Kurse in Barcelona und Monaco hneln. "Nico und Lewis sind keine Nasenbohrer, also sind auch dort wieder die Favoriten gesetzt. Aber wir versuchen natrlich bald, sie krftig zu rgern", so der Weltmeister. Alonso ergnzt: "Monte Carlo ist vielleicht eine der wenigen Gelegenheiten, Mercedes herauszufordern, vor allem fr Red Bull."

"Die sind in den Kurven sehr schnell. Sie verlieren auf den Geraden am meisten Rundenzeit, aber in Monte Carlo gibt es keine Geraden." Marko ist derweil bemht, die positiven Aspekte des Rennens in Spanien hervorzuheben: "Im Vergleich zu Ferrari haben wir uns gesteigert. Die lagen in China noch vor uns. Jetzt haben wir uns um eine halbe Sekunde abgesetzt. Und das bei einem Wochenende, das nicht optimal gelaufen ist. Sebastian blieb zwei Mal mit Defekten stehen." Doch die kriselnden Italiener sind fr Red Bull eigentlich nicht der Mastab.

Horner optimistisch

Fr Horner war es trotzdem "ermutigend, ein positives Rennen gehabt zu haben. Der Rckstand von 48 Sekunden ist etwas knstlich, weil wir lange hinter den Williams hingen und es im Niemandsland darum geht, die Reifen zu schonen. Trotzdem ist es eine groe Lcke. Wir haben sie aber verkrzt. Ich wrde sagen, es sind sechs Zehntelsekunden pro Runde."

Im Hinblick auf Mercedes erklrt Marko trotzdem: "Die sehen wir gar nicht." Daher glaubt auch Hlkenberg, dass es fr Red Bull "ganz, ganz schwierig" werden wird: "Beide Teams haben hnliche Ressourcen. Vielleicht wenn Mercedes in eine Phase kommt, wo sie nichts mehr finden, weil es einfach nichts mehr zu finden gibt, kann es sein, dass Red Bull rankommt, aber das wird wenn, dann erst in der zweiten Saisonhlfte sein. Red Bull ist halt immer ein bisschen von Renault abhngig, was da passiert. Da hat Mercedes auf jeden Fall einen Vorteil."

Horner verspricht jedenfalls: "Wir werden von jetzt an, das ganze Jahr ber bis zum letzten Rennen in Abu Dhabi, Druck machen wie die Verrckten." Und wenn das alles nicht hilft, dann gibt es fr Marko immerhin noch einen letzten Strohhalm, an den sich Red Bull klammern kann: "Wir knnen nur hoffen, dass es an der Spitze den Krieg der Sterne gibt und die beiden sich gegenseitig in die Kiste fahren."

Fotoquelle: xpbimages.com

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