Hafenrundfahrt am Mittelmeer: Monaco zählt zu den Klassikern im Formel-1-Kalender

Formel 1 2014

— 20.05.2014

Rennvorschau Monte Carlo: Die ultimative Stadtfahrt

Die Vorschau auf den Klassiker: Was das Stadtrennen in Monte Carlo so einzigartig macht, warum die Fahrer dort Angst und Freude empfinden, wer die Favoriten sind



"Es ist die ultimative fahrerische Herausforderung." So beschreibt David Coulthard den Groen Preis von Monaco in Monte Carlo. Und der frhere Formel-1-Pilot wei, wovon er spricht: Er zhlt zu den Grand-Prix-Siegern im Frstentum an der Cote d'Azur, hat den Formel-1-Klassiker schlechthin gleich zweimal gewonnen. Und damit hat Coulthard wahrgemacht, wovon wohl jeder Rennfahrer trumt.

Monaco. Diese sechs Buchstaben lassen das Herz von Fahrern und Fans gleichermaen hher schlagen. Das Rennen dort ist das Kronjuwel im Kalender der Formel 1. Ein Sieg auf diesem so schwierigen Stadtkurs gilt als spezielle Auszeichnung. Der Kurs selbst ist schon lange eine echte Legende. Und wer dort als Erster ins Ziel fhrt, trgt sich gleichermaen in die Geschichtsbcher ein.

Es sind groe Motorsport-Namen, die in Monaco zu den erfolgreichsten Fahrern zhlen: Ayrton Senna mit sechs Siegen, Graham Hill und Michael Schumacher mit jeweils fnf Erfolgen. Insgesamt 15 Siege gehen auf das Konto von McLaren, Ferrari brachte es bisher auf acht Triumphe und Lotus auf sieben . Mit fnf Pole-Positions ist Senna erneut die Nummer eins , Nick Heidfeld der Mann mit der geringsten Ausfallquote .

Die spezielle Herausforderung von Monaco

Und damit sind wir auch schon mittendrin in Monte Carlo, wo Ankommen wichtiger ist als auf jeder anderen Strecke. Denn der Circuit de Monaco stellt die Piloten vor besonders schwierige Aufgaben. Auf 3,340 Kilometern bewegen sich die Fahrer in einem engen Leitplanken-Kanal, Auslaufzonen gibt es nur wenige. Reifenstapel? Die finden sich nur an ausgewhlten Stellen, und dann nicht sehr viele.

Dafr bietet Monte Carlo , was die meisten anderen Formel-1-Kurse nicht haben: enge und nicht einsehbare Kurven, die langsamste Passage der gesamten Saison, etliche Unebenheiten, Fahrbahn-Markierungen und Kanaldeckel. Nirgendwo sonst werden die Flgel steiler gestellt, nirgendwo sonst werden die Radaufhngungen extra verstrkt. Und nirgendwo sonst sprudelt mehr Adrenalin durch den Krper.

"Monaco ist einfach unglaublich", sagt beispielsweise der aktuelle WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton (Mercedes). Er schwrmt: "Als Kind trumst du davon, mit dem Rennwagen durch den Tunnel zu fahren. Und es ist ein absolut fantastisches Gefhl, es in der Realitt zu erleben. Auf der Strecke in Monte Carlo zu fahren, ist ein haarstrubendes Erlebnis: Es ist die hrteste Achterbahn, die du dir vorstellen kannst!"

4.000 Schaltvorgnge pro Rennen

Und das, obwohl in Monaco die geringste Renndistanz zu absolvieren ist: "Nur" 260 statt der sonst blichen 305 Kilometer stehen beim Grand Prix auf dem Programm. Dafr ist Monte Carlo auch viel anstrengender als andere Rennen. Schlielich sind im Verlauf einer Runde acht Links- und elf Rechtskurven zu meistern. Von 50 bis 300 km/h ist alles dabei, mit durchschnittlich 53 Prozent Vollgas.

Bei rund 50 Gangwechseln pro Runde schalten die Piloten im Rennen etwa 4.000 Mal. Weshalb die Fahrer zu Zeiten von Ganghebeln im Cockpit oft mit aufgescheuerten oder gar blutigen Handflchen aus ihren Autos stiegen. Und Monaco ist nicht nur krperlich fordernd, sondern vor allem auch mental. Das zeigt sich in der hohen Fehlerquote: Die Wahrscheinlichkeit einer Safety-Car-Phase betrgt 82 Prozent.

Das bedeutet auch: Ein Moment der Unachtsamkeit reicht aus, um den Rennbetrieb im Frstentum zum Erliegen zu bringen. Denn Ausweichen ist in Monte Carlo nur bedingt mglich - zu eng geht es zu auf der Strecke, die fr viele Beteiligte die letzte unverflschte Herausforderung der Formel 1 darstellt. "Fangio und Co. sind schon auf diesem Layout gefahren", erklrt Jenson Button (McLaren). "Das ist cool."

Geduld und Disziplin sind gefragt

Und damals wie heute gilt: Willst du in Monaco erfolgreich sein, brauchst du gewisse Tugenden. "Unflle sind schnell passiert. Deshalb ist unbedingt Disziplin erforderlich", meint Coulthard. Gar nicht so einfach, wenn sich - wie in diesem Jahr - 22 ehrgeizige Rennfahrer nach dem Start auf die erste Kurve zubewegen. "Dort durchzukommen, ist schon die halbe Miete", sagt Ex-Formel-1-Pilot Coulthard.

Dies gelte sowohl fr den Rennstart als auch fr die schnelle Runde in der Qualifikation. Aber hat Monaco nicht mehr zu bieten als Sainte Devote? "Ja, es ist nur eine Kurve", erklrt Coulthard. "Doch viele Fahrer sind dort schon zu gierig." Ausdauer und vor allem Geduld seien gefragt, um in Monaco sicher und schnell ber die Distanz zu kommen. Oder wie es Hamilton formuliert: "Es sind nur du, das Auto und der Asphalt."

Konzentration ist also gefragt in Monte Carlo, mehr noch als auf anderen Kursen. "Es ist extrem schwierig", sagt Vorjahressieger Nico Rosberg (Mercedes), "alles aus dir und dem Auto herauszuholen und dabei keinen Fehler auf dieser unnachgiebigen Strecke zu machen. Die kleinste Fehleinschtzung kann dir das gesamte Wochenende ruinieren und ein potentielles Topergebnis verhindern."

Cool bleiben in Monaco? Schier unmglich!

"Du bist an beiden Seiten von den Leitplanken umgeben und fhrst pausenlos am Limit. Dabei kannst du nicht weit vorausblicken. Das bedeutet, dass du einen Groteil der Strecke aus dem Gedchtnis fahren musst. Du musst wissen, welche Kurven als nchstes anstehen", erklrt Rosberg, der 2013 just 30 Jahre nach seinem Vater Keke Rosberg den Formel-1-Klassiker in Monaco fr sich entschieden hat.

Auch die Vorbereitung darauf ist also sehr wichtig. Aber gar nicht so einfach, wie Daniel Ricciardo (Red Bull) gesteht: "Jedes Jahr nehme ich mir vor, das Wochenende distanziert und khl anzugehen. Doch das endet dann immer darin, dass ich herumhpfe und total aufgeregt bin." Aussagen, die belegen, dass Monaco etwas Besonderes ist. Oder schlichtweg "der Wahnsinn", wie Ricciardo sagt.

"Dort ein Formel-1-Auto zu fahren, ist sehr speziell. Die Geschwindigkeit, die Leistung und die Beschleunigung blasen dich einfach weg", meint der junge Australier. Und dann wre da natrlich noch die bereits angesprochene Historie. Da bekommen selbst gestandene Rennfahrer leuchtende Augen: "Jede Kurve ist weltbekannt. So etwas gibt es nur einmal", meint etwa Sergio Perez (Force India).

Im Land der Reichen und Schnen

Einmalig ist auch das Flair, das dieses Rennen umgibt: Im direkt an die Rennstrecke angrenzenden Hafen rkeln sich Schnheiten auf imposanten Jachten, auf der traditionellen Modenschau sind auch Rennfahrer auf dem Laufsteg, die Startaufstellung ist voller VIP-Gste, der Champagner fliet in Strmen, eine Cola kostet 80 Euro und fr ein Hotelbett sind mindestens vierstellige Betrge zu entrichten.

Kann man sich als Rennfahrer angesichts dieses hohen Glamourfaktors berhaupt noch auf seine Arbeit konzentrieren? "Es ist schon eine verrckte Woche", meint Romain Grosjean (Lotus). "Aber alle lieben Monaco." Denn die spezielle Szenerie gehrt beim "Glamour-Grand-Prix" einfach dazu. Fr manche Piloten ist es aber auch nur der ganz normale Wahnsinn, denn sie wohnen in Monte Carlo.

Da wre zum Beispiel Rosberg, der im Frstentum aufgewachsen ist. Mehr Heimrennen geht also nicht. Der berhmte Tunnel? Sein frherer Schulweg! "Hier bin ich mit dem Schulbus durchgefahren. Und jetzt fahre ich auf der gleichen Strae mit 300 km/h in einem Formel-1-Auto entlang", so der Mercedes-Pilot, der von einem "ganz besonderen Gefhl" spricht, wenn er dort seiner Arbeit nachgeht.

Fr seine Fahrerkollegen um Valtteri Bottas (Williams), die ebenfalls in Monaco residieren, geht es bei dem ganzen Trubel um das Rennen aber auch um ganz banale Dinge: Endlich mal im eigenen Bett schlafen! "Es ist schn, den Tag einfach von zuhause aus beginnen zu knnen", sagt der Finne. Und ausgeschlafen mssen sie alle sein. Vor allem am Samstag in der Qualifikation, dem entscheidenden Moment.

Denn ein Blick in die Monaco-Statistiken zeigt: Eine gute Startposition ist unerlsslich, um eine Chance auf den Sieg oder einen Podestplatz zu haben. Wer in die ersten beiden Startreihen fhrt, darf sich gute Hoffnungen machen. Von weiter hinten haben seit 1950 nur sechs Fahrer das Formel-1-Rennen in Monte Carlo gewonnen. Und so konzentrieren sich alle Piloten besonders auf das Qualifying.

Es sei dort intensiver als auf anderen Strecken, meinen die Beteiligten wie Button. Er sagt: "So etwas erlebt man nicht so oft. Man geht bis an die letzten Limits und wei genau, dass alles vorbei ist, wenn man auch nur einen Millimeter ber das Limit hinausgeht. Dann landest du eben in einer Wand. Wenn du also in Monaco die Pole-Position holst, dann ist das viel wert." Fr das Prestige, aber auch fr das Rennen.

Wie viel Risiko ist ratsam?

Denn: "berholen ist in Monaco nur mit extrem viel Risiko mglich", erklrt Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull). "Die beste berhol-Mglichkeit ist vor der Hafen-Schikane, genau wenn man mit rund 300 km/h aus dem Tunnel auf die im ersten Gang gefahrene Schikane zuschiet. Ansonsten", so der Titelverteidiger, "geht es in Monaco nur mit Geduld und der Hoffnung auf ein zuverlssiges Auto."

Und manchmal ist auch die Hafenschikane kein idealer Ort fr ein Manver: "Schwierig wird es, wenn du ber den Hang zur Bremszone vor der Schikane kommst. Dort wird das Auto leicht. Und an dieser Stelle ist es auch holprig. Vor dem Einlenken in die Schikane fhrst du zudem noch ein bisschen nach rechts." Also alles andere als eine einfache Stelle, um einen Ausbrems-Versuch zu wagen. Aber vielleicht die einzige.

Und das alles direkt nach dem berhmten Tunnel, der fr sich genommen schon zu den verrcktesten Passagen in Monaco zhlt. "Ein einzigartiger Streckenabschnitt", meint Hamilton. "Du fhrst mit Vollgas in die Dunkelheit und erkennst nicht, wohin du fhrst. Du hoffst einfach, dass du das Auto an der richtigen Stelle platziert hast, um auf der anderen Seite wieder gut ins helle Sonnenlicht zu fahren."

Der Frst ehrt den Sieger

Um am Rennende als strahlender Sieger in die Frstenloge zu drfen, wo traditionell Staatsoberhaupt Albert II. die Trophe berreicht - mit der ebenfalls traditionellen Formulierung: "Ich freue mich, dass Sie es sind." Doch wer wird es sein, der sich am Sonntag als groer Gewinner feiern lassen kann? Der bisherige Saisonverlauf deutet darauf hin: Es wird einer der beiden Mercedes-Fahrer sein.

Also: Hamilton oder Rosberg. Auch wenn Letzterer bemht ist, die Erwartungen zu dmpfen: "Ich bin der Monaco-Titelverteidiger und freue mich darauf, es wieder zu versuchen. Ich mchte aber auch festhalten, dass uns dort die Konkurrenz nher sein wird. Unser Vorteil ist die Motorenpower, die in Monaco praktisch nicht bedeutend ist. Deswegen knnte dieses Wochenende schwieriger fr uns werden."

Die Motoren sind trotzdem gefordert, wie Remi Taffin von Renault bei 'Autosport' erklrt. Die Energie-Rckgewinnung spiele angesichts der wenigen Vollgas-Passagen von "etwa 30 Prozent" , wie er sagt, nur eine Nebenrolle. Und es komme mehr auf "den eigentlichen V6-Motor" an. "Wahrscheinlich zum ersten und einzigen Mal in diesem Jahr. Gefahren wird in jedem Fall mit anderen Einstellungen als sonst."

Der Reifen als Entscheidungskriterium

Und auch mit komplett anderen Antriebsstrngen als in den vergangenen Jahren, was es den Fahrern zustzlich erschwert. "Die diesjhrigen Autos sind schwieriger zu fahren. Und Monaco ist mit keinem Fahrzeug einfach zu meistern", erklrt McLaren-Pilot Button. Er fgt hinzu: "Wegen des hheren Drehmoments sind wir in diesem Jahr viel lnger an den Grenzen der Traktion. Einfach wird es also nicht."

"Weil wir weniger Grip haben als in der Vergangenheit, mssen wir mit dem rechten Fu noch viel vorsichtiger sein", sagt Grosjean. Ganz besonders, wo auch in Monaco auf den Reifenverschlei geachtet werden muss. Nur ein Boxenstopp - das ist meist die ideale Strategie, sofern die Pneus mitspielen. Deshalb erledigen die Teams die Reifenarbeit in Monte Carlo noch sorgfltiger als blich.

"Solange ich in der Formel 1 bin, solange waren die Hinterreifen dort das groe Problem. Das ist, was dich limitiert", meint Rob Smedley, Leiter Fahrzeug-Performance bei Williams. "Du kannst dir aber erlauben, die Reifen etwas mehr zu verschleien, weil berholen in Monaco ohnehin schwierig ist." Generell gelte folgende Faustregel: "Wer seine Reifen am lngsten am Leben halten kann, der siegt."

Red Bull in Lauerstellung?

Das war in der Vergangenheit nicht immer eine Strke von Mercedes, doch inzwischen hat Silber die Pirelli-Pneus gut im Griff. Gut genug, um die bisherige Dominanz auch in Monaco fortzusetzen? Ja - das ist die einhellige Meinung im Fahrerlager. Wenngleich Fernando Alonso (Ferrari) zumindest Red Bull gewisse Chancen einrumt: "Sie haben dort eine der wenigen Mglichkeiten, Mercedes zu schlagen."

"Red Bull ist schnell in den Kurven, aber langsam auf den Geraden. Da scheinen sie am meisten Zeit zu verlieren", erklrt der zweimalige Formel-1-Weltmeister. Er merkt an: "In Monte Carlo gibt es aber keine Geraden. Deshalb knnte es Red Bull gelingen, Mercedes dort unter Druck zu setzen." Hamilton und Rosberg seien dennoch die Favoriten. "Sie haben quasi schon eine Hand am WM-Pokal", meint Alonso.

Doch es gab schon einige Fahrer, die die Rechnung ohne Monte Carlo gemacht und das dann teuer bezahlt haben. "Monaco ist auch Monaco, weil dort alles passieren kann", sagt Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Das gilt natrlich auch fr das Wetter: Wenn vom Mittelmeer ein Unwetter aufzieht und an den Hgeln Monacos hngenbleibt, wird die Stadtfahrt der Formel 1 schnell ungemtlich.

Nur eines ist Monaco nicht: gewhnlich

"Das wre ein Spa, wirklich ein Spa. Vielleicht fr die Zuschauer, aber nicht fr uns", sagt Jean-Eric Vergne (Toro Rosso). Und Button pflichtet seinem Fahrerkollegen bei: "Im Nassen", so der Champion von 2009, "kann Monaco ein bisschen bengstigend werden." Und berraschend, wie der Sieg von Olivier Panis im Regenrennen 1996 zeigt. Der Monaco-Grand-Prix ist eben nur eines nicht: gewhnlich.

Und wer dort etwas wagt, der gewinnt - vielleicht. Das glaubt zumindest McLaren-Rennleiter Eric Boullier. Er meint: "Wie im berhmten Kasino kann man manchmal gewinnen, wenn man nur sein Glck herausfordert." Doch das gleicht in Monaco einem Drahtseilakt. An einem wahrhaft historischen Rennplatz. Oder wie es Smedley ausdrckt: "Monaco ist ein besonderer Ort. Der letzte dieser Art."

Fotoquelle: xpbimages.com

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