Sutil ist von Sauber felsenfest überzeugt und lobt die Moral der Truppe

Formel 1 2014

— 23.05.2014

Sutil: "Wir reden mehr als wir fahren"

Der Sauber-Pilot wünscht sich mehr Fahrzeit und klassische Strecke, sieht im "Politischen" der Formel 1 aber einen Reiz - Saison 2014 nicht aufgegeben



Adrian Sutil ist ein Fahrer, der über viel mehr Dinge als die richtige Abstimmung grübelt. Mit Vorschlägen zu einem neuen Rennformat sowie dem Kampf gegen den Diätwahn in der Königsklasse hatte sich der Gräfelfinger in den vergangenen Wochen positioniert - während es auf der Strecke mit Sauber nicht lief: drei Ausfälle und keine WM-Punkte in fünf Rennen. Im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' erklärt Sutil, warum es bald aufwärts geht und was er sich für die Formel 1 wünscht.

Frage: "Adrian, ganz simpel gefragt: Wie geht es dir eigentlich im Moment?"
Adrian Sutil: "Mir geht es eigentlich gut. Mein normales Leben ist wunderbar. Das Rennsport-Leben könnte ein bisschen besser sein. Das definiert man mit dem Erfolg, den man hat, und der bleibt im Moment ein bisschen aus."

Frage: "Wie frustrierend war es, sich in Barcelona trotz einer Reihe Updates nicht massiv verbessert zu haben?"
Sutil: "Teilweise haben wir den Schritt sehen können, aber er war nicht so, wie wir uns das erhofft haben. Wir müssen das Auto verstehen und dieses Update nutzen. Die Aerodynamik hat nicht so funktioniert, wie es hätte sein sollen. Eigentlich hätten wir noch ein oder zwei Tests gebraucht. Die hatten wir nach dem Grand Prix und da gab es einige ganz interessante Schlüsse. So sind wir sicherlich nach dem Rennen besser gewesen als davor. Trotzdem sehe ich den Schritt positiv: Besonders im Qualifying oder auf einer einzelnen Runde waren wir näher dran an unseren Konkurrenten. Es ist vielleicht der Start in einen Aufschwung gewesen. Ich hoffe, dass wir uns jetzt kontinuierlich steigern."

Umso länger die Leidenszeit, umso süßer der Erfolg

Frage: "Was für ein Typ bist du im Umgang mit Durststrecken? Musst den Frust mal herauslassen muss oder bist du eher in dich gekehrt?"
Sutil "Ich bin ja schon lange genug dabei. Es gibt immer Probleme. Wenn es keine Probleme gibt, dann macht man sich sie selbst. Es gibt also immer Probleme im Leben - egal ob reich oder arm, bekannt oder nicht bekannt. Ich gehe das letztendlich professionell an und versuche, die Dinge besser zu machen. Schreien hilft nicht. Es ist wichtig, dass jeder weiß, was wir hier tun und jeder das Ziel vor Augen hat. Man darf nicht aufgeben. Manchmal dauert es länger, aber umso süßer ist der Erfolg, den man bekommt."

Frage: "Gab es einen Moment in deiner Karriere, in dem du gesagt hast: 'Formel 1 ist so viel Geld und Politik, das lasse ich sein und mache etwas anderes!'"
Sutil: "Es ist bekannt, dass es hier so zugeht. Das war mir schon klar, als ich in die Formel 1 gekommen bin. Ich betreibe den Sport, weil ich es möchte. Wenn ich es nicht mehr möchte, dann höre ich auf. Im Moment möchte ich es aber noch und komme mit den ganzen Umständen klar."

Frage: "Macht das den Reiz der Formel 1 aus?"
Sutil: "Genau. Es ist nur das Fahrerische. Es ist alles, was zählt. Man wird immer wieder auf die Probe gestellt und muss sich beweisen. Man lernt immer wieder neue Leute kennen. Das Rennfahren ist die eine Sache, aber es gibt noch viele andere Bereiche. Man fährt das Rennauto alleine, aber man hat ein ganzes Team hinter sich. 300, 400 Leute oder vielleicht sogar mehr. Man muss in einer Fabrik arbeiten, in einer Firma. Dort muss mit der Kommunikation jeden Tag alles passen. Macht man alles richtig? Wo kann man sich verbessern? Die Regeln ändern sich immer wieder. Man muss sich immer wieder anpassen. Das ist interessant und die Herausforderung. Zum Glück ist das so, sonst wäre es auch recht schnell langweilig."

Force India müsste noch besser sein

Frage: "Du sprichst von den Mitarbeitern. Was gibt es, was du tun kannst, um die Truppe zu motivieren?"
Sutil: "Da gibt es immer etwas. Der eine macht es so, der andere so. Das muss jeder für sich herausfinden. Das Team muss motiviert sein, um Leistung zu zeigen. Unmotivierte Menschen sind nicht gut. Bei dem einen ist es angeboren, dass sie ein bisschen höher ist, der andere braucht etwas Hilfe. Grundsätzlich sind wir voll motiviert und das ist schön. Wenn es mal nicht so klappt, halten wir trotzdem noch zusammen. Ich bin erst ein paar Monate hier, aber es fühlt sich gut an."

Frage: "Bei Force India habt ihr 2013 früh auf die Entwicklung für das Folgejahr umgesattelt. Ist so etwas auch in dieser Saison wieder möglich oder nur wegen der großen Regelnovelle denkbar gewesen?"
Sutil: "Man muss dieses Jahr noch weiterentwickeln und das ganze Paket wirklich verstehen, wie man es optimal nutzt. Da sind wir noch gar nicht. Deswegen müssen wir nach wie vor extrem arbeiten und Druck machen, dass wir das hinbekommen. Das würde für die Zukunft helfen. In der Entwicklung müssen wir auch nachlegen. Wir brauchen Punkte, damit wir in der Meisterschaft vorne liegend abschließen. Man kann die Saison nicht einfach opfern und sagen: 'Wir bauen auf das nächste Jahr'."

"Wir brauchen die Informationen aus diesem Jahr, um nächstes Jahr gut zu sein. Im vergangenen Jahr war es eine andere Situation. Da haben wir wirklich keine Updates bekommen. Wenn wir da weiterentwickelt hätten, wäre es eine außergewöhnlich starke Saison für Force India geworden. Sie haben es aber andersherum gemacht und profitieren jetzt ein bisschen davon. Aber dafür, dass so viel gespart wurde, müsste fast mehr kommen. Sie haben sehr gute Leistungen gebracht, keine Frage, aber sie müssen jetzt noch weiter glänzen, damit es aufgeht."

Frage: "Mal positiv gedacht: Ist es für eventuelle Vertragsverhandlungen in der zweiten Jahreshälfte nicht besser, jetzt zu straucheln und zum Saisonende zuzulegen? Weil man einen besseren Eindruck hinterlässt?"
Sutil: "Das ist immer ein Vorteil. Es ist besser, wenn es im Saisonverlauf auswärts geht und nicht abwärts. Ich hatte schon beides, etwa bei Force India, wo wir die Saison stark angefangen und schwach beendet haben. Diese Situation ist immer schwieriger als umgekehrt. Also hoffe ich, dass wir jetzt den Aufwärtstrend erleben. Dann sollte das in den Köpfen bleiben. Der Aufschwung ist sehr wichtig als Motivation."

Teamduell mit einer Frau? "Wer Egoprobleme hat..."

Frage: "Eine ganz andere Frage: Hast du darüber nachgedacht, dass mit Simona de Silvestro eine Frau deine Teamkollegin werden könnte?"
Sutil: "Ich weiß nicht, ob das so sein wird. Letztendlich ist sie eine Fahrerin, die bei Sauber für eine mögliche Karriere in der Formel 1 vorbereitet wird. Mal sehen, wer die erste Frau sein wird - oder mal wieder sein wird, denn es gab ja schon Frauen, aber lange nicht mehr. Ich bin offen für alles. Ich versuche, meine Arbeit gut zu machen und man weiß nie, wer der nächste Teamkollege sein wird, wer kommt, wer geht. Es geht sehr schnell in diesem Geschäft. Wir haben hier eine gute Truppe, es sind sehr nette Menschen. Auch Giedo und Sergej (van der Garde und Sirotkin; Anm. d. Red.) sind junge Fahrer, teilweise erfahren oder mit mir sogar der erfahrenste Pilot. Es ist eigentlich eine gute Struktur."

Frage: "Ist es unter Kerlen nicht so, dass man sich von einer Frau besonders ungern schlagen lässt?"
Sutil: "Wenn man Egoprobleme hat, dann ist das vielleicht ein Problem. Aber für mich ist das kein Problem. Es geht um Leistung und nicht um das Aussehen."

Frage: "Es gibt wegen des Reglements wenig Testmöglichkeiten: Wie kannst du als Stammpilot zum Beispiel Giedo helfen?"
Sutil: "Er kann fragen, was er wissen möchte. Und er war auch schon ein Jahr in der Formel 1. Er hat einige Freitage (Einsätze in den Freien Trainings; Anm. d. Red.) und es ist ganz gut, eine dritte Meinung zu hören und einen anderen Fahrer mit dem eigenen Auto fahren zu lassen. Wenn er das Gleiche sagt, weiß man, dass man in die richtige Richtung arbeitet. Ich bin sehr offen, ein fairer Sportsmann und habe da keine Probleme. Wenn er etwas wissen möchte, bekommt er alle Fragen beantwortet."

Frage: "Du hast kürzlich angeregt, ein neues Rennformat einzuführen: zwei Sprintrennen und ein Ausdauerrennen."
Sutil: "Ich wurde gefragt, was man vielleicht anders machen könnte. Das wäre eine Idee."

Formel Sutil: Simpler und abwechslungsreicher

Frage: "Was versprichst du dir davon?"
Sutil: "Abwechslung. Man kann immer gleich fahren, das kann man machen. Oder man kann Sachen verändern. Ich sage nicht, was richtig und was falsch ist, aber es wäre interessant. Nachdem ich immer das gleiche Format kenne, wäre es schön, etwas anders zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass es für die Zuschauer interessant ist. Vereinfachen, die Sache nicht zu kompliziert machen, wie die Formel 1 im Moment ist. Vielleicht nicht nur ein Rennen, sondern zwei Rennen an einem Wochenende fahren. Dann hat man am Samstag eine Show, am Sonntag eine Show zu bieten. Wenn man am Samstag einen Fehler macht, hat man noch eine Chance am Sonntag. Das hat viele Vorteile."

Frage: "Und ihr hättet mehr Zeit im Cockpit."
Sutil: "Ganz genau. Das ist natürlich auch ein Punkt. Es ist schade, dass wir so wenig fahren. Die Reifen sind sehr limitiert, auch die Motoren. Für die Motoren, die wir haben, ist die Laufleistung gering. Wir müssen damit durchkommen und schauen, wann man sparen kann. Ich denke, dass das Freie Training dazu da ist, die Strecke kennenzulernen. Man hat gar keine Zeit mehr, etwas zu probieren. Man muss direkt raus und Leistung bringen. Jeder kleine Fehler, den man macht, wirft einen zurück. Einen zweiten Satz hat man nicht, wenn man den versaut, steht man am Freitagnachmittag schon da und weiß nicht: Was wäre die optimale Rundenzeit? Wo stehen wir? Schon wird man nervös."

Frage: "Ist Formel-1-Fahrer eigentlich noch ein Fulltime-Job?"
Sutil "Ein Fulltime-Job ist es auf jeden Fall. Aber das Fahren steht leider nicht im Vordergrund. Teilweise reden wir mehr als wir fahren. Ich möchte für Kilometer bezahlt werden..."

Frage: "...und nicht für Interviews, so wie heute."
Sutil: "Ich rede nicht so gerne, ich zeige lieber auf der Strecke, was ich kann und was ich nicht kann."

Kampf für Chancengleichheit

Frage: "Du hast in Bahrain den Vorschlag gemacht, man könnte das Gewicht der Fahrer ausgleichen, indem man den Sitz beschwert. Davon war anschließend nichts mehr zu hören."
Sutil: "Manche Fahrer haben es auch vorgeschlagen. Ich fände es eine gute Sache für die Zukunft, aber auch in der Vergangenheit wäre es gut für die Chancengleichheit gewesen. Das Gewicht und die Größe sind komplett egal, wenn das Gewicht am Sitz dran ist und jeder exakt das Gleiche wiegt. Dann ist auch der Schwerpunkt identisch. Das wäre optimal und die perfekte Lösung für dieses Problem. Wenn es ein Sport ist, sollte es angenommen werden."

Frage: "Ärgert es dich, wenn Jean Todt als FIA-Präsident das Problem nicht wirklich ernst nimmt?"
Sutil: "Ich kann nur aus der Fahrersicht sprechen. Der eine fährt das Auto, der andere nicht. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen. Wenn man von Chancengleichheit spricht, dann ist das eine intelligente Sachen. Natürlich wissen wir auch, dass nicht alles gleich ist. Jedes Team ist anders. Das eine hat mehr Budget, das andere nicht. Vielleicht ist es der richtige Ansatz, vielleicht aber auch nicht."

Sehnsucht nach mehr "Monacos"

Frage: "Monaco ist eine Strecke, wo Fehler sofort bestraft werden. Auf den neuen Kursen gibt es Auslaufzonen, die Parkplätzen gleichen. Was wünschst du dir mehr 'Monacos'?"
Sutil: "Ich vermisse es. Deswegen fühle ich mich sehr wohl und freue mich. Erstens hat es Historie. Die Strecke ist nach wie vor so, wie sie damals war. Es ist einfach schön, wenn man Bücher liest, erkennt die Strecke wieder und weiß: 'Da bin ich auch gefahren.' Das ist etwas Besonderes. Aber natürlich dreht sich die Welt und es müssen auch neue Dinge kommen. Ich habe nichts gegen neue Dinge, man kann nicht nur in der Vergangenheit leben. Aber wichtig ist, dass die Vergangenheit auch ernst genommen wird."

"In einer Meisterschaft, wie wir sie haben, sollten die alten genau wie neue Strecken vorhanden sein. Die Balance ist im Leben immer wichtig. Im Moment sind fast zu viele moderne Strecken da. Man merkt es auch bei den Fahrern: Wir freuen uns alle, wenn es nach Monaco, nach Kanada, nach Spa-Francorchamps, nach Monza geht - das sind alles Strecken, die bei vielen Fahrern hoch im Kurs stehen. Das zeigt, dass die alten Strecken noch Flair haben und es dazugehört. Moderne Rennstrecken sind gut und sicher, aber auch diese gehören dazu."

Frage: "Wie oft sitzt du eigentlich noch am Piano?"
Sutil: "Sehr selten. Da ich schon sehr früh angefangen habe, ist es tief in meinem Gedächtnis verankert. Es gibt gewisse Stücke, die ich auch nach ein oder zwei Jahre noch ganz gut spielen kann. Ich habe mich jetzt vor ein paar Wochen mal hingesetzt und ich konnte es noch ein bisschen. Es macht Spaß, aber es ist nur noch ein Hobby."

Fotoquelle: Lukas Gorys

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