Nico Rosberg hat seinen Vorsprung in der Meisterschaft auf 22 Punkte ausgebaut

Formel 1 2014

— 09.06.2014

Rosbergs kleines Meisterstück

Trotz größter Widrigkeiten hat Mercedes-Pilot Nico Rosberg in Kanada Platz zwei nach Hause gebracht - und baut somit seinen Vorsprung auf Lewis Hamilton aus



Für Mercedes entpuppte sich der Große Preis von Kanada als äußerst turbulentes Rennen. Bereits beim Start gerieten Nico Rosberg und Lewis Hamilton beinahe aneinander, der Brite musste auf das Gras ausweichen. Nachdem Hamilton dann durch einen Boxenstopp die Führung übernommen hatte, nahm das Schicksal seinen Lauf: Beide Piloten meldeten fast zeitgleich einen Abfall der Motorleistung - wie sich herausstellen sollte, ein Fehler im Energierückgewinnungssystem. Es folgten diverse Verbremser, Hamilton musste aufgeben. Rosberg konnte sich am Ende noch als Zweiter ins Ziel retten - ein klarer Fall von Schadensbegrenzung.

Kurz nach Halbzeit des Rennens war es zum Schockmoment für den Deutschen gekommen: "Der erste Gedanke ist dann natürlich: Das Rennen ist gelaufen. Also im Kampf mit meinem Teamkollegen, weil der natürlich nach drei Runden vorbeikommt. Dann habe ich gesehen, dass er auch langsam ist und mich gefragt: Was ist denn jetzt los?! Dass wir das Problem gleichzeitig hatten, ist schon sehr verrückt." Sportchef Toto Wolff war ebenso verblüfft. Erst habe sich Hamilton via Funk gemeldet, er habe keine Power, "gefühlte 20 Sekunden später" sei die gleiche Botschaft von Rosberg eingetroffen.

"Da kann man dann natürlich alle möglichen schizophrenen Gedanken bekommen: Sitzt da irgendwo jemand mit einer Fernsteuerung (lacht; Anm. d. Red.)? Nein, aber beide Power-Units sind absolut auf den gleichen Temperaturen gelaufen, und dann war eben die Konsequenz, dass erst das eine, dann das andere System ausgefallen ist." Auch seien beide Antriebseinheiten der Silberpfeile genau gleich alt gewesen. Warum genau es zum Defekt kam, wisse Wolff noch nicht, "aber normalerweise sollte das keine Konsequenzen geben."

Rosberg gibt das Chamäleon

"Ich habe das ERS verloren", erinnert sich Rosberg an den denkwürdigen Moment, "und wenn du das verlierst, gewinnst du auch keine Energie zurück. Somit kommt dann die gesamte Bremsleistung hinten von den Bremsen (nicht mehr elektrisch unterstützt; Anm. d. Red.), wodurch diese überhitzen. Es gab also erst das eine, dann das andere Problem, was es zu einer äußerst schwierigen Angelegenheit gemacht hat."

"Ich musste die Bremsen sehr stark kühlen und habe ziemlich viel Power auf der Geraden verloren", erinnert sich Rosberg. Der 28-Jährige musste aufgrund der Überhitzung seine Bremsbalance nach vorn verstellen: "Die war dann sehr, sehr weit vorn, sodass es noch schwieriger wurde, die Vorderreifen nicht blockieren zu lassen. So habe ich sie auch viel zu stark beansprucht, was die nächste Herausforderung war. Gleichzeitig bin ich Vollgas gefahren, eine Qualifying-Runde nach der anderen, und musste versuchen, diese Gruppe von Autos hinter mir zu halten", gibt Rosberg zu bedenken.

"Als ich einmal meinen Rhythmus gefunden hatte, war ich aber eigentlich schön im Tunnel", denkt Rosberg an das schwierige Rennen zurück. "Die Jungs haben dann auch weniger mit mir gesprochen, und ich musste einfach akzeptieren, dass ich die Bremsbalance künstlich so weit vorn hatte. Dann konnte ich attackieren, und dann war es sogar eine coole Phase. Ich habe gesehen, dass ich es gerade so schaffen kann, und habe einfach voll attackiert."

Überraschungszweiter

"Wenn man dies im Hinterkopf behält, war es ein sehr gutes Rennen mit vielen Punkten", findet Rosberg: "Perspektivisch war das natürlich Schadensbegrenzung." Trotzdem räumt er ein, dass es für ihn kein optimales Rennen gewesen sei: "Den Sieg zu verlieren, war natürlich sehr, sehr enttäuschend. Wir haben eigentlich so einen Speed und so ein tolles Auto, dass ein zweiter Platz - und auch die Tatsache, nicht mit beiden Autos ins Ziel zu kommen - extrem enttäuschend sind. Unsere Ambition ist, Doppelsiege einzufahren, und da müssen wir auch wieder hinkommen in Österreich."

Kurioserweise wusste Rosberg kurz vor Schluss gar nicht, dass er den Sieg vor Augen hatte: "Es stand wahrscheinlich auf meiner Boxentafel, aber um ehrlich zu sein, habe ich auch nicht gefragt, weil es mir egal war. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Da war ein Zug von Autos hinter mir, und den musste ich hinter mir halten - ganz egal, wo ich war. Hätte ich gewusst, dass ich Erster war, wäre die Anspannung umso größer gewesen, da war es mir so fast lieber."

Untersuchungen wirklich nötig?

In einer frühen Phase des Rennens hatte sich Rosberg im Zweikampf mit Hamilton vor der letzten Schikane verbremst und musste abkürzen. Der Vorfall wurde von den Stewards untersucht, Rosberg kam jedoch mit einer Verwarnung davon - in seinen Augen die richtige Entscheidung: "Naja, das kam auch vom Verstellen der Bremsbalance. Aber ich habe mir nichts dabei gedacht und auch keinen Vorteil gehabt. Also zuerst schon, aber dann habe ich in den Kurven 1 und 2 das Tempo rausgenommen und solange ich da letztlich keinen Vorteil habe, ist das okay. Zum Glück wurde das auch so bewertet."

Obwohl er ungeschoren davongekommen ist, ärgert sich der Wahlmonegasse etwas darüber, dass sich auch bei kleinen Ausritten wie seinem direkt die Rennkommissare einschalten: "Dass die Stewards sich damit beschäftigt haben, fand ich ein bisschen seltsam, weil wir alle uns darauf verständigt hatten, dass man beim ersten Mal vielleicht eine Verwarnung bekommt, sollte man sich verbremsen. Natürlich darfst du es nicht dreimal hintereinander machen, aber das ist ja klar."

Letztlich denkt der Deutsche aber an Mercedes. Lieber wäre er vor Hamilton zum Doppelsieg gefahren, als von dessen Ausfall zu profitieren - obwohl er seinen WM-Vorsprung demnach nicht um 18, sondern lediglich um sieben Punkte vergrößert hätte. "Ich habe keine Lust, dass Red Bull gewinnt, das ist nix. Wir wollen die immer schlagen - und auch alle anderen Teams. Trotzdem kann ich auch Positives rausziehen, etwa dass ich den WM-Vorsprung natürlich gut ausgebaut habe (auf 22 Punkte; Anm. d. Red.)."

Kundenteams nicht gefeit

Obwohl das ERS ausgefallen ist, und somit der Motor über weite Strecken des Rennens "die ganze Arbeit" leisten musste, habe Rosberg bis zum Ende kein Benzin sparen müssen: "Der Spritverbrauch war eigentlich nie ein Thema, weil wir ohnehin schon die Bremsen schonen mussten. Da hat natürlich auch noch das Safety-Car geholfen."

Sollten derartige Probleme erneut auftreten, wisse Mercedes von nun an, mit der Situation umzugehen, versichert Wolff. "Aber wenn du es nicht einschätzen kannst... Noch nie hatten wir dieses Problem." Droht den Mercedes-Kundenteams Williams, McLaren und Force India nun ein ähnliches Schicksal beim nächsten Rennen in Spielberg? "Wir waren die die Ersten, denen das passiert ist. Die Kundenteams könnten das gleiche Problem haben", so Wolff.

Fotoquelle: xpbimages.com

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