Dank Bottas, Massa und dem FW36 mit Mercedes-Power ist Williams wieder wer

Formel 1 2014

— 26.08.2014

Das erstaunliche Comeback des Williams-Teams

Claire Williams, Pat Symonds und Mike O'Driscoll erklären, wie sie Williams vom Hinterbänklerteam wieder in die Erfolgsspur geführt haben - Ziel noch nicht erreicht



Das Comeback des Williams-Teams ist eine der positiven Überraschungen der laufenden Formel-1-Saison. Rangierte der im Jahr 1977 von Frank Williams und Patrick Head als "Williams Grand Prix Engineering Ltd." gegründete Rennstall in der Konstrukteurswertung 2013 nur auf Rang neun, so ist 2014 die Sonne ins Lager des neunmaligen Konstrukteursweltmeisters zurückgekehrt.

Bevor der bemerkenswerte Turnaround geschafft werden konnte, ging es in Grove zunächst einmal darum, das Überleben des Teams zu sichern. Angesichts der Tatsache, dass Williams anders als etwa Red Bull, Ferrari oder Mercedes keinen zahlungskräftigen Geldgeber im Rücken hat, gar nicht so einfach. "Ich glaube, es braucht eine clevere Finanzplanung", sagt Claire Williams, die als stellvertretende Teamchefin de facto die Führungsaufgaben von Vater Frank übernimmt, wenn dieser nicht an der Rennstrecke vor Ort ist.

"Wir haben es immer geschafft zu überleben", so die Tochter des Teamgründers. "Ich erinnere mich daran, wie Mum beim Abendessen schon mal die Frage stellte 'Werden wir im nächsten Jahr noch Rennen fahren?', woraufhin Dad immer antwortete 'Ja, es wird funktionieren'. Dieser Optimismus war Dad von Beginn an eigen und ich habe diesen Ansatz sicherlich in gewisser Weise übernommen."

Die angesprochene Ehefrau von Frank Williams, Virginia, verstarb im Frühjahr 2013 im Alter von 66 Jahren. Das Team ihres Mannes aber lebt weiter und blüht inzwischen wieder richtig auf. Dass Williams in dieser Saison Großes vorhat, wurde schon bei den ersten Testfahrten in Jerez de la Frontera deutlich. Die Bekanntgabe des neuen Hauptsponsors Martini kurz vor dem Saisonauftakt in Melbourne unterstrich die Ansprüche optisch und nicht zuletzt finanziell.

Neben Martini als Geldgeber sind die Erfolgszutaten für das starke Williams-Comeback in dieser Saison Valtteri Bottas, der dem Team erhalten geblieben ist, Felipe Massa und Chefingenieur Rob Smedley, Technikchef Pat Symonds sowie Geschäftsführer Mike O'Driscoll. Sie alle haben das Team verstärkt und wollen künftig gemeinsam auf der gelegten Basis aufbauen.

Gemeinsam auf gelegter Basis aufbauen

Diese Basis zeigt nach zwölf von 19 Saisonrennen eine Pole-Position (Massa in Spielberg), vier Podestplätze (Bottas in Spielberg, Silverstone, Hockenheim und Spa-Francorchamps), die Ränge fünf und neun in der Fahrerwertung und in der Konstrukteurswertung Rang vier mit Anschluss zu Ferrari.

"Im Vorstand war uns zu Beginn des vergangenen Jahres klar, dass wir auf eine weitere enttäuschende Saison zusteuern", gesteht Williams-Geschäftsführer O'Driscoll. Rückblickend liegen für den Nachfolger von Adam Parr die Gründe für die Misere der vergangenen Jahre auf der Hand: "Wir hatten einfach nicht das Beste aus unseren Zutaten gemacht. So enttäuschten wir unsere Mitarbeiter, Teammitglieder, Partner und Fans."

"Wir mussten es schaffen, Williams wieder an die Spitze zu führen", fährt O'Driscoll fort und erklärt: "Im Vorstand berieten wir über die bestmögliche Struktur. Wir glauben, einen guten Start hingelegt zu haben, aber wir wissen auch, dass wir noch einen Haufen Arbeit vor uns haben." Der ausgetüftelte Plan sah demnach vor "zunächst Williams als Formel-1-Team wieder nach vorn zu bringen, anschließend ein starkes Standbein im Bereich der Ingenieurstechnik aufzubauen und schließlich alle Geschäftsbereiche, die uns Geld, Ressourcen oder Zeit kosteten, einzustampfen."

Konzentration auf das Wesentliche

So wurde das Williams-Technologiezentrum in Katar am 31. März dieses Jahres geschlossen. Die Williams-Hybridabteilung wurde zu GKN ausgelagert. "GKN ist ein mächtiges Unternehmen. Wir glauben, eine gute Vereinbarung getroffen zu haben. Vor allem für die Mitarbeiter der Williams-Hybridabteilung sind es gute Nachrichten, da sie ein Ingenieursunternehmen hinter sich wissen", so O'Driscoll, der zudem anfügt, dass GKN in naher Zukunft "neue Gebäude ganz in der Nähe von Grove" beziehen wird.

Doch nicht nur bei der Unternehmensstruktur, auch beim Personal wurde angesetzt. Technikchef Symonds stieß im August 2013 zu Williams und erinnert sich: "Was ich bei meiner Ankunft vorfand, waren alle richtigen Zutaten, die ein Team braucht, um in der Formel 1 Erfolg zu haben - eine sehr gute Ausstattung der Fabrik, ein hervorragender Windkanal, eine gute Test- und Entwicklungsumgebung, sehr gute Produktionsstätten und jede Menge cleverer Leute."

Die Zutaten waren also vorhanden. Woran scheiterte es laut Symonds, dass Williams in der Saison 2013 kein Bein auf den Boden bekam? "Ich glaube, wir hatten dahingehend Probleme, dass die Leute gewissermaßen in Bunkern arbeiteten. Sie kommunizierten nicht. Das große Ziel, das da heißt, ein schnelles Rennauto zu bauen, wurde aus den Augen verloren."

Pat Symonds als "Aufräumer" in Grove

Also legte Symonds, der in seiner langen Formel-1-Karriere für Toleman, Benetton, Ferrari, Renault und nach dem Absitzen seiner Sperre ("Crashgate"-Affäre aus Singapur 2008) für Marussia arbeitete, Hand an: "Das erste, was ich tat, war eine gründliche Analyse. Ich erkannte Bereiche, in denen es an klar definierten Prozessen mangelte."

"Meine Aufgabe war es, Prozesse zu implementieren, die Kommunikation zwischen den einzelnen Abteilungen in Gang zu bringen und die Leute zu ermutigen, Schwächen offen anzusprechen. Waren die Schwächen einmal erkannt, war es meine Aufgabe, diese mit guten Leuten zu beheben. Das ist es, womit ich die ersten Monate meiner Zeit bei Williams verbrachte", bemerkt Symonds.

Mit Blick auf die Zukunft führt der Williams-Technikchef an: "Die wichtigen Stellen sind inzwischen besetzt. Jetzt konzentrieren wir uns auf 2015 und darauf, wo wir uns noch verstärken können. Das betrifft aber keine hohen Positionen, nicht im Moment." Die aktuelle Struktur in Grove sieht so aus, dass Symonds, an den aus verschiedenen Abteilungen berichtet wird, seinerseits an Geschäftsführer O'Driscoll berichtet. Vorstandsmitglied ist der Technikchef nicht.

"Wir wollen die Zeit dieser Jungs nicht verschwenden, indem wir sie Geschäftsberichte und all die langweiligen Dinge erstellen lassen", erklärt die stellvertretende Teamchefin Claire Williams. Sie hingegen ist genau wie Geschäftsführer O'Driscoll Mitglied des Vorstands. Zudem finden sich auf dieser Ebene noch Louise Evans (Leiterin der Finanzabteilung), Mark Biddle (Rechtsberater) sowie einige nebenamtliche Geschäftsführer.

Claire Williams und Mike O'Driscoll: Teamarbeit im Vorstand

Der Kern der Vorstandsaufgaben erledigen jedoch Claire Williams und Mike O'Driscoll. "Mike und ich, wir arbeiten so gut zusammen, dass wir alles gemeinsam anpacken. Keiner von uns beiden trifft eine Entscheidung, ohne den anderen nach seiner Meinung zu fragen und sicherzustellen, dass der andere mit der Entscheidung glücklich ist. Es ist also echte Teamarbeit und diese funktioniert bestens", berichtet die Tochter von Teamgründer Frank Williams.

So bezeichnet die stellvertretende Teamchefin Geschäftsführer O'Driscoll als "das Beste, was Williams in geschäftlicher Hinsicht passieren konnte", will gleichzeitig aber keine Kritik an dessen Vorgänger Parr üben: "Adam tat viele gute Dinge für Williams. Das kann man ihm nicht absprechen." Auf Nachfrage schiebt die 38-Jährige aber hinterher: "Die Ergebnisse sprechen für sich, nicht wahr?"

Was die Personalie O'Driscoll betrifft, stimmt Technikchef Symonds der Ansicht von Claire Williams voll und ganz zu. "Als ich ihn zum ersten Mal traf und mit ihm sprach, wurde mir klar, dass er ein Kerl ist, der weiß, wie man Management betreibt. Das gilt sowohl für Menschen als auch für Projekte", sagt Symonds über den langjährigen Marketingmanager von Jaguar Nordamerika, der im Zuge seiner weiteren beruflichen Laufbahn auch für Ford tätig war. "Ich glaube, es ist nicht nur seine Erfahrung im Automobilbereich, die den Unterschied macht. Es ist auch die amerikanische Art des Managements, vor der ich großen Respekt habe", so Symonds.

In O'Driscolls noch nicht allzu lange Schaffensperiode bei Williams fiel unter anderem die Verpflichtung des aktuellen Hauptsponsors Martini. Doch der italienische Spirituosenhersteller ist nicht der einzige zahlungskräftige Sponsor auf den Williams-Boliden. Auch Petrobras, Banco de Brazil und Randstad tragen ihren Anteil zum Budget des Teams bei - für Claire Williams kein Zufall: "Wir haben einen großen Namen und eine lange Geschichte in der Formel 1. Zudem bieten wir eine großartige Story. Die Leute erkennen den Aufschwung, der bei Williams gerade passiert und sie wollen ein Teil davon sein."

Einzelne Siege? Konstanz ist das A und O

Nach bisher vier Podestplätzen bei den ersten zwölf Rennen der laufenden Saison stellt sich die Frage, ob Williams noch vor der Winterpause zum ganz großen Schlag in Form des 115. Grand-Prix-Sieges ausholen kann. Symonds will sich darauf nicht festnageln lassen. Stattdessen denkt der Williams-Technikchef langfristig: "Ein einzelner Sieg ist meiner Ansicht nach nicht das, warum es geht. Es geht darum, konstant aufzutreten."

"Leider weiß niemand besser als Williams, dass Konstanz das A und O ist. Man erinnere sich nur an den Sieg in Barcelona und die schwierige Zeit im Anschluss an diesen Sieg", bemerkt Symonds. Im Zeitraum Monaco 2012 (das Rennen nach Pastor Maldonados Barcelona-Sieg) bis zum Saisonfinale 2013 in Sao Paulo zog das britische Traditionsteam nur noch 38 WM-Punkte an Land.

So hält der Williams-Technikchef fest: "Mein eigentliches Ziel war es, sicherzustellen, dass alles, was wir 2014 anpacken, einen Fortschritt bedeutet. Das mag offensichtlich sein, aber in Wahrheit gibt es so viele Teams, die genau das nicht schaffen. Es gibt viele Teams, die neue Teile ans Auto schrauben, dafür einen Haufen Geld ausgeben und dann feststellen, dass sie im Endeffekt schlechter dastehen als vorher."

Auch Williams-Chefingenieur Rob Smedley, der im Winter zusammen mit Felipe Massa von Ferrari zu Williams kam, plädiert für die langfristige Strategie: "Glücklicherweise ist bei uns die Wechselbeziehung zwischen Windkanal und Strecke seit Saisonbeginn eine sehr gute. Das ist nicht selbstverständlich - auch dann nicht, wenn alle ihre Hausaufgaben gemacht haben. Sowohl im Windkanal in Grove als auch innerhalb des Aero-Teams an der Strecke wurde hervorragende Arbeit geleistet. Mit dem aktuellen Stand bin ich sicherlich zufrieden. Es ist aber ein fortwährender Prozess. Wir werden immer noch besser."

Mit Bottas und Massa die perfekte Kombination im Cockpit

Auf Fahrerseite ist Williams mit Shootingstar Valtteri Bottas und Routinier Felipe Massa ebenfalls bestens aufgestellt. "Ich spüre, dass Valtteri ein hochintelligenter Junge ist. Er ist ein echter Racer, der die richtige Einstellung mitbringt. Er ist ruhig, aber auf der Strecke fest entschlossen. Ich halte große Stücke auf ihn", betont Symonds.

Mit Massa habe man ebenfalls einen Glücksgriff getan, wie der Williams-Technikchef herausstellt: "Bevor er bei Williams anfing, kannte ich Felipe nicht sonderlich gut. Ich war aber absolut überzeugt, dass er derjenige ist, den wir brauchen. Wir brauchten Erfahrung, wir brauchten Führungsqualitäten und wir brauchten jemanden, der hungrig ist. Mir war klar, dass Felipe aufgrund der Tatsache, dass er bei Ferrari vielleicht nicht immer so behandelt wurde wie es sein sollte, besonders hungrig sein würde."

Symonds spricht damit auf Massas Ferrari-Zeit als Teamkollege von Platzhirsch Fernando Alonso an. Den Spanier kennt der heutige Williams-Technikchef aus der gemeinsamen Zeit bei Renault sehr gut: "Ich weiß wahrscheinlich besser als viele andere wie gut Fernando tatsächlich ist. Ich habe also einen Maßstab und muss sagen, dass mir Felipe unter Berücksichtigung dieses Maßstabs imponierte. Als er dann zu uns stieß, war ich sofort beeindruckt. Er ist nicht nur ein richtig netter Kerl, sondern auch ein echter Teamplayer und einer, der die Leute motiviert."

Mercedes als wichtiges Teil im Erfolgspuzzle

Ein weiteres wichtiges Puzzleteil im Zusammenhang mit dem Comeback des Williams-Teams in Richtung Formel-1-Spitze ist Antriebslieferant Mercedes. Die rund zwei Autostunden von Grove entfernt in Brixworth ansässige Mercedes-Motorenabteilung hat es Symonds ebenfalls vom ersten Tag der Zusammenarbeit an angetan. "Ich muss sagen, die Zusammenarbeit mit den Ingenieuren klappt fantastisch. Es ist offensichtlich, dass sie ein erstklassiges Triebwerk auf die Beine gestellt haben."

Williams-Geschäftsführer O'Driscoll stimmt zu: "Die Partnerschaft mit Mercedes ist sehr wichtig. Mit der Kooperation zwischen den Mitarbeitern von Mercedes und unseren eigenen sind wir sehr zufrieden. Das ist sicher einer der Gründe, weshalb wir die Saison so stark beginnen konnten." Da spielt laut Technikchef Symonds auch die Distanz zwischen Grove und Brixworth keine Rolle: "Die Entfernung ist in der heutigen Zeit kaum noch entscheidend. Wir haben alle paar Wochen Meetings, in denen sich die Leute direkt gegenüber sitzen."

Nach der starken ersten Saisonhälfte steht Williams für die mittelfristige Zukunft die Welt offen. Davon ist man im Vorstand des britischen Traditionsteams fest überzeugt. "Wir wollen Rennen und WM-Titel gewinnen. Alles andere würde uns nicht zufriedenstellen", sagt Geschäftsführer O'Driscoll klar und deutlich. Claire Williams sieht es ganz genauso: "Wir haben bereits in der Vergangenheit bewiesen, dass wir gegen McLaren und Ferrari WM-Titel gewinnen können, obwohl sie mit Mega-Budgets antraten und wir nicht. Ich würde das nur allzu gerne wieder erleben."

Fotoquelle: xpbimages.com

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