Für Jos Verstappen stand nie wirklich in Frage, dass sein Sohn Rennfahrer wird

Formel 1 2014

— 29.08.2014

Jos Verstappen: "War für Max kein einfacher Zeitgenosse"

Tränen beim Kartfahren, PlayStation-Dramen und Internet-Schule: Jos Verstappen verrät im Interview, wie er Sohn Max zum jüngsten Formel-1-Fahrer aller Zeiten formte



2010 traf 'Motorsport-Total.com' Jos und seinen Sohn Max Verstappen im Fahrerlager von Spa-Francorchamps - in der Energy Station von Red Bull. Schon damals schwärmte der ehemalige Benetton-Teamkollege von Michael Schumacher vom 12-Jährigen, den er als "sehr anpassungsfähig" bezeichnete. Schon mit vier Jahren habe der Filius geweint, als er beim Kartfahren zusehen musste - so sehr wollte er sich selbst hinters Steuer setzen.

Am vergangenen Wochenende - erneut in Belgien - wurde Max Verstappen dem Fahrerlager als nächstjähriger Toro-Rosso-Pilot präsentiert. Mit 17 Jahren wird er kommende Saison Geschichte schreiben - als jüngster Formel-1-Fahrer aller Zeiten, nach nur einem Jahr im Formelsport. Anlass genug für 'Motorsport-Total.com', Vater Jos Verstappen zum Interview zu bitten. Der 42-jährige Niederländer gibt darin unbekannte Einblicke in die Kindheit des Supertalents und blickt auf seine eigene Karriere zurück.

Frage: "Jos, vor genau vier Jahren habe ich dich hier getroffen und du hast gesagt, dass du dich um die Karriere deines Sohnes kümmerst. Jetzt ist fix, dass er mit 17 Jahren der jüngste Formel-1-Fahrer der Geschichte wird. hättest du damit gerechnet, dass Max so früh in die Formel 1 einsteigen würde?"
Jos Verstappen: "Er ist schnell (lacht). Dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht. Ich wusste aber schon früh, was er kann. Sicherlich, viele Väter halten viel von ihren Söhnen. Wenn ich aber nicht gemerkt hätte wie gut er ist, dann hätte ich ihn nicht so unterstützt. Was er kann, zeigt er ja jetzt auf der Strecke."

Frage: "War Max schon immer ein Kind, das gewisse Dinge früher drauf hatte als andere Kinder, zum Beispiel Sprechen oder Laufen?"
Verstappen: "Gelaufen ist er zum ersten Mal im Alter von zehneinhalb Monaten. Er hatte von Beginn an eine sehr gute Balance auf zwei Beinen. Sein erstes Wort war, glaube ich, 'Daddy'. Ganz sicher kann ich das aber nicht mehr sagen, denn ich war ja damals selten zu Hause, war auf den Rennstrecken unterwegs."

Frage: "Wie würdest du Max im Kindesalter beschreiben?"
Verstappen: "Er war immer motiviert. Ganz egal, was wir spielten, er wollte immer gewinnen. Grundsätzlich ist er vom Charakter her sehr ruhig und entspannt. Ich finde, das ist wichtig. Es war nicht so, dass er geheult hätte, wenn er mal ein Spiel verloren hat, aber ich möchte ein Beispiel geben: Auf der PlayStation zockte er ständig das Formel-1-Spiel. So hatte ich da natürlich keine Chance gegen ihn."

"Als ich dann einmal ein Motorrad-Rennspiel einlegte, sah ich nicht so schlecht aus. Trotzdem war er immer vor mir. In der letzten Runde drückte ich ihn von der Strecke und gewann das Rennen. Da war er so sauer, dass es fast schon lustig war. Ab diesem Zeitpunkt war er bei den folgenden Spielen immer vorbereitet auf das, was von mir kommen konnte. Das zeigt, dass er schon damals immer etwas dazulernte."

Mit zweieinhalb Jahren am Steuer eines Quads

Frage: "Wie wuchs Max auf?"
Verstappen: "Bis er sieben Jahre alt war, lebten wir alle zusammen. Dann ließen sich meine Frau und ich scheiden. Er war fortan bei mir, meine Tochter war bei meiner Frau. Wir lebten aber nicht sehr weit voneinander entfernt und sahen uns häufig. Wir hatten auch nach der Trennung ein normales Verhältnis. Mal schaute Max bei seiner Mutter vorbei, mal Victoria bei mir. Sie ist inzwischen 14 Jahre alt, interessiert sich aber nicht für den Rennsport."

Frage: "Wann bemerktest du bei Max erstmals ein Interesse für den Rennsport?"
Verstappen: "Weil ich selbst Rennen fuhr, interessierte er sich im Grunde von Beginn an für dieses Thema. Mir war damals schon klar, dass er diesen Weg einschlagen würde. Der Lärm machte ihm nichts aus und auch sonst identifizierte er sich voll mit dem Rennsport. Er erinnert sich sogar noch an einzelne Details aus meiner eigenen Karriere, obwohl er damals noch sehr jung war. Bei einigen meiner Rennen war er dabei und lief im Fahrerlager herum."

Frage: "In welchem Alter saß Max zum ersten Mal am Steuer?"
Verstappen: "Sein erstes Fahrzeug war ein kleines Quad. Damals war er ungefähr zweieinhalb Jahre alt. Genau wie beim Laufen oder Rennen hatte er auch auf dem Quad von Beginn an eine sehr gute Balance. Er kam sehr gut zurecht und fuhr oft im Garten herum."

Frage: "War es schwierig, den Rennsport und die Schule unter einen Hut zu bekommen?"
Verstappen: "Das klappte immer ganz gut. Sobald er mit der Schule fertig war, gingen wir auf die Rennstrecke. Dabei gab es aber immer klare Vorgaben. Wäre er in der Schule nicht gut genug gewesen, dann wären wir nicht zu den Rennen gefahren. Er stellte also immer sicher, dass er gute Noten hatte. In der Schule wussten sie, dass er Rennen fuhr. Wenn er doch mal einen Tag frei brauchte, bekam er den. Das war kein großes Problem. Er war ein guter Schüler und ist es nach wie vor. Inzwischen nimmt er via Internet am Unterricht teil. In den Niederlanden ist das offiziell anerkannt."

Frage: "Adrian Newey erwähnte im Scherz, dass im Formel-1-Fahrerlager jetzt wohl eine Schule untergebracht werden müsste..."
Verstappen: "Es stimmt, Max ist noch jung, aber so ist es eben. Wir werden sehen, welche Ergebnisse er einfahren wird. Ich habe jedenfalls ein gutes Gefühl und finde, dass man die Chance ergreifen muss, wenn sie einem geboten wird."

Wie es zum Red-Bull-Deal kam

Frage: "Wie kam der Deal mit Red Bull zustande - Wer kam wann auf wen zu?"
Verstappen: "Wir stehen schon seit ein paar Jahren mit ihnen in Kontakt. Damals fuhr Max noch Kart. Es ist natürlich klar, dass es nicht so einfach ist, den Kartsport intensiv zu verfolgen. Deshalb hielten wir uns zunächst zurück. Der Plan war, dass wir uns wieder treffen, wenn Max in einen Rennwagen einsteigt. Bei Red Bull bekamen sie natürlich mit, dass er Rennen gewinnt, aber sie wussten nicht, wie gut er tatsächlich ist."

Frage: "Ihr habt ja auch mit anderen Teams wie Mercedes gesprochen. Kann man von einem Kampf Mercedes gegen Red Bull um die Dienste von Max sprechen?"
Verstappen: "Wir hatten mit mehreren Leuten aus dem Fahrerlager Gespräche. Es waren normale Unterhaltungen, aber kein Kampf. Helmut Marko war speziell nach dem guten Norisring-Wochenende von Max ganz begeistert von ihm und machte etwas mehr Druck."

Frage: "Gab es auch ein Treffen mit Dietrich Mateschitz?"
Verstappen: "Nein. Ich kenne ihn, weil wir uns einmal trafen, als ich selbst noch Rennen fuhr. In letzter Zeit haben wir uns aber nicht getroffen."

Frage: "Stimmt es, dass Toto Wolff die Empfehlung gab, das Red-Bull-Angebot anzunehmen?"
Verstappen: "Sagen wir mal so: Wir hatten auch mit Mercedes sehr gute Gespräche. Toto ist ein richtig netter Kerl. Ich komme gut mit ihm aus. Es spielt aber keine Rolle, was gesagt oder geschrieben wird. Wir wissen, was wir untereinander vereinbart haben. Nur das zählt."

Frage: "Helmut Marko gilt als sehr fordernd. Wirst du Max in Zukunft beschützen oder wie gehst du mit der neuen Situation um?"
Verstappen: "Zunächst einmal glaube ich nicht, dass ich für meinen Sohn immer der einfachste Zeitgenosse war. Wenn er auf irgendeiner Strecke unterwegs war, forderte ich immer 100 Prozent. Daran hat sich im Grunde nichts geändert. Der einzige Unterschied ist, dass er jetzt selbst diesen Anspruch an sich hat. Was die Situation im Team betrifft, sehe ich überhaupt keine Probleme. Ich glaube, Max ist bei Toro Rosso genau im richtigen Team, um zu lernen. Franz (Teamchef Tost; Anm. d. Red.) geht mit jungen Fahrern sehr behutsam um. Er weiß, dass Max noch sehr jung ist und noch viel lernen muss."

Frage: "Du warst in einer schwierigen Situation, als du mit 22 Jahren als Rookie bei Benetton als Teamkollege von Michael Schumacher eingestiegen bist. Kannst du ihm mit deinen Erfahrungen von damals helfen?
Verstappen: "Ja, ich habe aus meiner Karriere gelernt und will, dass er es besser macht. Wir werden aus meinen Erfahrungen das Maximum machen, und natürlich versuche ich, ihm so gut es geht zu helfen. Das ist ganz normal. Das würde jeder Vater bei seinem Sohn so machen, wenn dieser in der höchsten Klasse fährt."

Frage: "Wirst du im kommenden Jahr bei den Rennen von Max vor Ort sein?"
Verstappen: "Ja. Ich werde alles tun, was für Max notwendig ist."

Frage: "Glaubst du, dass die Mädchen im Paddock eine Ablenkung für Max sein könnten?"
Verstappen: "Im Rennsport geht es nicht um Mädchen, sondern um schnelles Autofahren. Wenn es anders wäre, dann hätte er sich die falsche Bühne ausgesucht. Er weiß genau, weshalb er in der Formel 1 ist."

Kam Verstappen sen. zu früh in die Formel 1?

Frage: "Sprechen wir über dein Rookie-Jahr bei Benetton mit Schumacher - mit welchen Erinnerungen blickst du auf 1994 zurück?"
Verstappen: "Das ist so lange her. Ich hatte für das erste Jahr eigentlich nur einen Vertrag als Testfahrer, doch dann brach sich J.J. Lehto bei einem Unfall ein Bein. So saß ich plötzlich im Auto. Ich weiß noch, dass Benetton damals ein Topteam war. So gesehen waren es sicherlich nicht ganz einfache Umstände, um eine Formel-1-Karriere zu beginnen."

"Hinzu kommt, dass Michael mein Teamkollege war. Er war damals wahrscheinlich der schnellste Fahrer im Feld. Dass mir das nicht gerade geholfen hat, ist klar. Ich musste mir damals alles selbst beibringen. Ich hatte aber kein Problem mit Michael. Ich kannte ihn bereits aus dem Kartsport und kam ganz gut mit ihm aus. Woran ich mich noch gut erinnern kann, ist seine Motivation, um Erfolg zu haben. Er war sehr professionell, ein Getriebener. Er wollte es wissen - und das ist es, was du brauchst."

Frage: "Du warst damals 22 Jahre alt. Glaubst du rückblickend, dass der Einstieg in die Formel 1 für dich zu früh kam?"
Verstappen: "Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube aber, dass ich im falschen Team angefangen habe. Ich hätte in einem kleineren Team anfangen sollen, um erst einmal alle Tricks zu lernen. Doch als sich die Chance bei Benetton bot, musste ich zuschlagen."

Frage: "Wie hast du den Feuerunfall beim Boxenstopp in Hockenheim in Erinnerung?"
Verstappen: "Ich kam herein, das Auto wurde aufgetankt und plötzlich roch ich Benzin. In der nächsten Sekunde stand das Auto schon komplett in Flammen. Im ersten Moment weißt du nicht was los ist, denn du hast ja keine Augen nach hinten. So etwas kommt vor. Glücklicherweise ist nichts passiert."

Frage: "1996 hattest du im Arrows einen schweren Unfall in Spa-Francorchamps. Der Unfall war damals nicht im Fernsehen zu sehen, nur das Wrack. Welche Erinnerungen hast du daran?"
Verstappen: "Als ich in der Runde zuvor die Bus-Stop-Schikane, die damals noch anders gestaltet war, anbremste, blieb das Gaspedal stecken. Ich musste geradeaus in die Boxengasse fahren. An der Box wurde das Auto gecheckt, aber es wurde nichts Ungewöhnliches gefunden. Ich wurde wieder ins Rennen geschickt."

"Ein paar Kurven später flog ich ab. Ursache war eine gebrochene Radnabe vorn links. Weil es mitten in der Kurve passierte, schoss das Auto geradeaus in die Streckenbegrenzung. Der Einschlag war richtig heftig. Die Mauer stand damals noch deutlich näher an der Strecke als heute."

"Mir tat der Nacken weh, aber ansonsten war ich okay. Es hatte wie gesagt schon in der Runde zuvor ein Problem gegeben, aber das hatte nichts damit zu tun. Jeder dachte, der Unfall sei passiert, weil das Gaspedal steckengeblieben wäre. In Wirklichkeit waren es aber zwei verschiedene Defekte."

Frage: "Woran erinnerst du dich am liebsten, wenn du an deine eigene Karriere zurückdenkst?"
Verstappen: "Schwer zu sagen, was das Highlight war. Vielleicht das Regenrennen in Malaysia, als ich gegen Häkkinen kämpfte. Mein Arrows ging auf nasser Strecke richtig gut. Wir lieferten uns tolle Duelle."

Fotoquelle: xpbimages.com

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