Viele 90-Grad-Kurven: Der Kurs in Sotschi führt durch den Olympiapark

Formel 1 2014

— 08.10.2014

Rennvorschau Sotschi: Power-Strecke mit Rutschgefahr

Worauf es bei der Russland-Premiere der Formel 1 ankommen wird, welche Tücken der Kurs in Sotschis Olympiapark hat und wen man auf der Rechnung haben muss



Das Timing schien perfekt: Eine Woche vor der Russland-Premiere der Formel 1 wurde bekanntgegeben, dass Lokalmatador Daniil Kwjat in der kommenden Saison für das (noch) amtierende Weltmeisterteam Red Bull antreten wird. Russland wird also sechs Jahre, nachdem mit Witali Petrow der erste heimische Pilot in der Formel 1 debütiert hat, 2015 einen Fahrer in einem absoluten Top-Team haben. Ideale Vorzeichen für das Rennen am kommenden Wochenende, möchte man meinen.

Doch über der Sotschi-Premiere (Sonntag, 13 Uhr MESZ) schwebt nach Jules Bianchis Horrorunfall am vergangenen Sonntag in Suzuka ein dunkler Schatten - die Gedanken der Formel-1-Protagonisten sind dieser Tage im Krankenhaus von Yokkaichi, wo der französische Marussia-Pilot um sein Leben ringt. Da ist es umso schwieriger, sich auf die Vorbereitungen auf eine völlig unbekannte Strecke zu konzentrieren.

Dabei steht in Sotschi möglicherweise eine Titelentscheidung an: Mercedes liegt in der Konstrukteurs-WM 190 Zähler vor Verfolger Red Bull - mit einem Doppelerfolg wäre den Silberpfeilen der Triumph unter keinen Umständen mehr zu nehmen. Doch für die Formel-1-Teams wird Russland eine Fahrt ins Ungewisse, denn bislang fand auf dem brandneuen Kurs aus der Feder von Rennstrecken-Stararchitekt Hermann Tilke nur die Formel-1-Generalprobe durch eine russische Tourenwagen-Meisterschaft statt.

Langsame Kurven erfordern steile Flügel

Während Sebastian Vettel immerhin in einem Straßenwagen ein paar Kilometer zurücklegte, gilt dies für die meisten Fahrer nur auf virtueller Ebene. Die Simulatoren der Formel-1-Teams liefen diesbezüglich in den vergangenen Wochen heiß. Allerdings nicht bei allen, denn Piloten wie Nico Hülkenberg oder Adrian Sutil mussten auf die virtuelle Erfahrung sogar verzichten.

Beginnen wir mit den Fakten: Der Sochi International Street Circuit, der durch den Olympischen Park der Winterspiele 2014 führt, beinhaltet zwölf Rechts- und sechs Linkskurven und zählt mit einer Länge von 5,854 Kilometern zu einer der längsten Strecken im Kalender. Sie wird im Uhrzeigersinn gefahren, 53 Runden stehen auf dem Programm. Die Durchschnittsgeschwindigkeit soll rund 215 km/h betragen, wodurch der Kurs eher zu den schnellen Strecken im Kalender zählt.

Trotzdem werden die Teams das Paket für viel Abtrieb auf das Auto schrauben, was an den vielen langsamen 90-Grad-Kurven liegt. "Die meisten Kurvengeschwindigkeiten liegen zwischen 80 und 140 km/h", geht Lotus-Technikchef Nick Chester ins Detail. "Ich würde sagen, dass das Setup wahrscheinlich dem von Singapur ähneln wird, obwohl einige Geraden in Sotschi länger sein werden. Das Abtriebsniveau wird also zwischen Singapur und Suzuka liegen."

Wenig Grip, kaum Sturzraum - eine heikle Kombination

Bodenhaftung wird auf jeden Fall ein Schlüsselfaktor sein, denn die Strecke wurde bislang kaum befahren und wird sich den Piloten äußerst staubig präsentieren. Dazu kommt, dass sie einen Straßenkurs-Charakter besitzt, die Mauern also direkt neben dem Asphalt lauern und die Piloten daher kaum Spielraum für Fehler haben werden.

Man darf also mit einem turbulenten Wochenende und einigen Zwischenfällen rechnen, wofür auch das Wetter sorgen könnte. Derzeit sieht es zwar nach Sonnenschein und angenehmen Temperaturen um die 20 Grad Celsius aus, doch die Lage der Rennstrecke stellt für die Meteorologen eine Herausforderung dar: Auf der einen Seite befindet sich das Meer, auf der anderen die Berge. Das Wetter kann also sehr rasch umschlagen - Regenschauer können wie in Monaco, wo die Lage ähnlich ist, jederzeit auftreten.

Pirelli rechnet mit zwei Stopps

Pirelli wird die Mischungen Soft und Medium nach Russland bringen - der Reifenhersteller, der zwei Boxenstopps erwartet, hat sich bei der Auswahl also für die goldene Mitte entschieden. Und genau so analysiert Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery den Kurs auch: "Der Untergrund lässt sich irgendwo in der Mitte des Spektrums einordnen. Die Messungen lassen außerdem einen Asphalt vermuten, der nicht allzu viel Abnutzung fordert." Das klingt nicht gerade nach einer Reifenschlacht.

Nur die langgezogene Kurve drei, die nach außen hängt und ein Novum im Kalender darstellt, könnte die Reifen ans Limit bringen. "Da wird mit mehr als 200 km/h reingefahren, raus geht es mit mehr als 300 km/h", erzählt Architekt Tilke gegenüber 'auto motor und sport'. "Die wird immer schneller. So eine gibt es, glaube ich, noch nicht."

Die außergewöhnliche 180-Grad-Linkskurve, die rund um den Medals Plaza verläuft, erinnert Hembery an Kurve acht in Istanbul - eine Passage mit mehreren Scheitelpunkten. "Die wird zweifellos schwierig", spielt er auf die Reifenbelastung an. "Wir haben dort konstant hohe Fliehkräfte bei schneller Geschwindigkeit und über eine lange Zeit." Auch die Nackenmuskeln der Fahrer werden an dieser Stelle auf die Probe gestellt.

Power-Strecke: Mercedes mit besten Karten

Nicht zu unterschätzen ist auch die Bedeutung der Antriebseinheiten: Durch die vielen Geraden und die eher langsamen Kurven benötigt man eine gute Beschleunigung. Der Russe Alexei Dudukalo, der WTCC-Erfahrung hat und beim RCRS-Rennen in Sotschi am Start war, bestätigt gegenüber 'Autosport': "Es handelt sich auf jeden Fall um eine Power-Strecke. Der Motor spielt eine entscheidende Rolle."

Dadurch ist klar: Mercedes geht auch diesmal als klarer Favorit in das Wochenende. Große Updates sind übrigens nicht zu erwarten, denn der Zoll in Russland erlaubt offenbar nur Fracht aus Japan - dadurch kommen die Teams ausschließlich in den Genuss von Teilen, die man bereits in Suzuka dabei hatte.

Auch Williams sollte man nicht unterschätzen, obwohl die Briten in Suzuka unter den Erwartungen blieben. Das lag aber vor allem daran, dass der FW36 bei Regen seine Schwächen hat. "Russland sollte uns besser liegen, und dort sollte es normalerweise auch trocken sein", blickte Valtteri Bottas nach dem Grand Prix von Japan zuversichtlich zum nächsten Rennen.

Red Bull nutzt Sotschi für Motorwechsel und Strafe

Nicht ganz so positiv scheint die Lage bei Red Bull. Schon vor einigen Rennen plante man, in Sotschi bei Vettels Antriebseinheit einige Komponenten zum fünften Mal auszutauschen und damit einen Start aus der Boxengasse in Kauf zu nehmen. Der Hintergrund: Das Weltmeister-Team rechnet sich auf dem Power-Kurs ohnehin geringere Chancen aus. "Außerdem sollte man dort überholen können", hofft Vettel.

Bei Ricciardo setzt man übrigens ebenfalls neue Motorenkomponenten ein. Allerdings ohne negative Folgen, denn beim Australier handelt es sich erst um den vierten Wechsel - bei der sechsten Komponente wird man bestraft. Red Bulls Motorsportkonsulent Helmut Marko rechnet gegenüber 'ServusTV' sogar mit einem Vorteil: "Der Motor sollte eine Spur besser sein - aber bei weitem nicht das, was Mercedes hat."

Der WM-Dritte steht unter Zugzwang, denn er muss in den kommenden drei Rennen 24 WM-Punkte auf WM-Leader Lewis Hamilton aufholen, will er in Abu Dhabi, wo es doppelte Punkte gibt, noch Chancen auf den Titel haben. Er muss also vermutlich auf technische Defekte oder eine Kollision der Rivalen hoffen.

Marussia bei Heimrennen unter Schock

Auch bei Ferrari geht längst die Angst vor Strafen um: Fernando Alonso sieht es im Nachhinein sogar als Vorteil, dass er in Suzuka früh ausgeschieden ist, weil seine fünfte Antriebseinheit in dieser Saison dadurch weniger Kilometer zurücklegen musste. "Ich muss somit keinen neuen Motor einbauen lassen und bei einem der verbleibenden Rennen aus der Boxengasse starten", sagt er. Die Roten aus Maranello haben Platz drei in der Konstrukteurs-WM noch nicht aufgegeben und liegen nach der Nullnummer in Japan schon 23 Zähler hinter Williams.

Hinter der Scuderia bleibt es ebenfalls eng: Force India liegt derzeit als Fünfter einen Punkt vor McLaren. Das Duell der beiden Rennställe mit Mercedes-Antrieb geht nun also in die heiße Phase. Für Marussia wird es am Ende des Feldes mit Sicherheit ein trauriges Rennen: Jahrelang hatte man es sich als russisches Team erträumt, endlich im eigenen Land als Nationalteam zu starten, doch nach dem Drama um Bianchi sitzt der Schock der Mannschaft in den Gliedern - die Vorfreude hält sich verständlicherweise in Grenzen. Noch ist nicht einmal klar, ob es für den Franzosen einen Ersatzmann geben wird.

Fotoquelle: SochiAutodrom

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