Großer Preis von Russland: Pre-Events

Formel 1 2014

— 09.10.2014

Ein Crash und seine Folgen: Die Formel 1 hält inne

Vier Tage nach dem schweren Unfall von Jules Bianchi fällt es seinen Formel-1-Kollegen in Sotschi schwer, zur Tagesordnung überzugehen



"Hier in Sotschi hängt eine dunkel Wolke über uns": Mit diesen Worten bringt Adrian Sutil die Stimmung im Fahrerlager der Formel 1 auf den Punkt. Während Jules Bianchi nach seinem schweren Unfall in Suzuka im Allgemeinen Krankenhaus der Präfektur Mie in Yokkaichi weiter um sein Leben kämpft, geht für seine Kollegen beim Großen Preis von Russland der Alltag weiter. Doch einfach so zum Tagesgeschäft übergehen können die Fahrer nicht.

Das zeigte sich schon bei der Pressekonferenz am Donnerstag, die in ungewohnt gedämpfter Stimmung stattfand. Wo die medienerprobten Piloten sonst jede Frage eloquent beantworten oder ihr geschickt ausweichen, suchten die Fahrer heute zu Beginn mühsam nach den richtigen Worten. "Es ist schwierig, die passenden Worte zu finden. Es war für mich und für alle anderen ein sehr schockierender Moment. Mehr kann dazu ehrlich gesagt nicht sagen", sagt Sutil. "Wir können beten, mehr können wir nicht tun. Wir müssen hoffen, dass wir bessere Nachrichten bekommen."

Auch Fernando Alonso ist mit seinen Gedanken noch ganz bei Ferrari-Junior Bianchi. "Wenn ein solch schwerer Unfall passiert, können Worte nicht beschreiben, wie schlecht man sich fühlt", so der Spanier. "Jetzt sind wir hier und stehen vor einem emotional sehr schwierigen Wochenende. Wir fahren an diesem Wochenende für ihn und müssen versuchen so professionell wir möglich sein. Aber ich denke auch in diesem Moment an ihn und bete für ihn."

Massa: "Das schlimmste Rennen meines Lebens"

Felipe Massa sitzt der Schrecken des vergangenen Sonntags ebenfalls noch in den Knochen. "Das war das schlimmste Rennen meines Lebens", sagt der Brasilianer. "Es war schlimmer als damals bei meinem Unfall, denn daran kann ich mich nicht erinnern", zieht er einen Vergleich zu seinem Crash 2009 in Ungarn. Lewis Hamilton gibt ebenfalls zu: "Es ist nicht einfach. Das Gefühl ist merkwürdig, Interviews über das Rennfahren zu geben, in Medienrunden zu sitzen und über letzte Woche zu sprechen", so der Mercedes-Pilot. "Normalerweise reden wir am Donnerstag über die Spannung des WM-Kampfs, die Aufregung. Dieses Wochenende ist anders. Meine Gedanken sind ganz woanders."

Doch spätestens am Freitag um 8:00 Uhr müssen die Fahrer ihre Gedanken wieder auf das Rennfahrern konzentrieren, wenn in Sotschi das erste Freie Training beginnt und die Piloten zum ersten Mal auf dem neuen Stadtkurs ausrücken. Und insgeheim sind die Fahrer sogar froh darüber. "Vielleicht wird es morgen besser, dann haben wir wenigstens die Arbeit und müssen über andere Dinge nachdenken", sagt Massa.

"Wenn ich ins Auto steige und das Visier runterklappe, muss ich meine Emotionen abschalten und Vollgas fahren", stellt Nico Rosberg klar. "Es ist ja auch nicht das erste Mal - ich selbst hatte auch schon mal einen Unfall, nach dem ich wieder ins Auto einsteigen musste. Schwierig, aber das ist der einzige Weg. Und auch Sutil meint: "Sich jetzt auf das Rennwochenende zu konzentrieren, hilft vielleicht dabei, aus dieser dunklen Stimmung herauszukommen."

Plötzlich ist die Gefahr wieder da

Doch der Unfall ihres Kollegen hat die Fahrer nachdenklich gemacht. Trotz aller Verbesserungen der Sicherheit sind schwere Verletzungen noch nicht aus der Formel 1 verschwunden und allen ist bewusst: Das hätte auch mir passieren können. "Wir können uns glücklich schätzen, dass in unserer Generation die Unfälle meist nur begrenzte Auswirkungen haben", sagt Sebastian Vettel. "In den vergangenen Jahren gab es Unfälle, die brutal aussahen, bei denen aber fast nichts passiert ist."

Beim Unfall von Bianchi war jedoch allen Beteiligten schnell klar, dass es dieses Mal nicht glimpflich ausgegangen ist. "Das vergangene Wochenende hat uns allen das Risiko wieder bewusst gemacht", so Vettel. Und das Wissen um das Risiko für die eigenen Gesundheit oder das Leben lässt die Piloten darüber nachdenken, ob es das wert ist. "Darüber denkt man nach", gibt Massa zu, der 2009 in Ungarn am eigenen Leib spüren mussten, wie schnell sich alles verändern kann.

Doch beim Brasilianer ist die Leidenschaft größer als die Angst. "Ich bin hier, weil ich es liebe, Rennen zu fahren und mich mit anderen zu messen. Das macht mich glücklich, macht mit Spaß", sagt Massa. "Wir wissen, dass dieser Sport riskant ist, aber wir wollen das tun." Und das wisse auch die Familie, meint Romain Grosjean: "Man fühlt sich nicht gut. Aber ich kenne das Risiko. Auch meine Frau ist sich dessen bewusst, mein Sohn ist noch zu jung dafür. Wir lieben den Sport. Früher gab es schlimme Unfälle, wir wissen um die Gefahr, aber ich liebe die Formel 1 und den Motorsport - und Jules tut das auch."

"Felipe hat das sehr gut gesagt", stimmt Vettel seinem Kollegen zu. "Wir teilen alle die gleiche Leidenschaft und können uns glücklich schätzen, in der Formel 1 zu sein und die schnellsten Rennautos der Welt zu fahren. Das verschafft uns Befriedigung. Deswegen fühlen wir uns so lebendig." Und Risiko gehöre zum Motorsport nun einmal dazu, meint Rosberg. "Man akzeptiert es." Ähnlich sieht es auch Rookie Daniil Kwjat: "Die Geschwindigkeiten sind sehr hoch, wie fahren über 300 km/h. Würden wir nur noch 100 km/h fahren, wäre es kein Rennen mehr", sagt der Toro-Rosso-Pilot.

Kobayashi: "Wir sind dazu bestimmt, zu sterben"

Ganz so einfach will Sutil es sich aber nicht machen. "Es ist allen klar, das Motorsport gefährlich ist. Ich bin mir der Gefahr bewusst, was aber nicht heißt, dass ich sie akzeptiere", warnt der Sauber-Pilot davor, sich mit Unfällen wie dem von Bianchi abzufinden. "Wir alle wollen es besser und sicherer machen, denn wir möchten nicht, dass so etwas öfter passiert." Doch auch den Gräfelfinger treibt die Leidenschaft für den Rennsport weiterhin an. "Ich bin hier, weil ich es liebe und Rennen fahren will. Sollte ich irgendwann fühlen, dass dem nicht mehr so ist, werde ich zu Hause bleiben."

Auch Kamui Kobayashi hat sich so seine Gedanken über das Risiko gemacht und kommt zu einer Einschätzung, die man je nach Betrachtung entweder philosophisch oder fast schon fatalistisch nennen kann. "Wir sind dazu bestimmt, irgendwann zu sterben. Würde ich ewig leben, hätte ich einen anderen Job", sagt der Japaner mit asiatischer Gelassenheit. "Das hier ist meine Bestimmung. Es macht mir Spaß, ich liebe diesen Job."

Kobayashi erinnert daran, dass das Leben voller Risiken sei, nicht nur auf der Rennstrecke. So erinnert er an den Fall eines Formel-1-Journalisten, der in diesem Jahr in Malaysia auf offener Straße überfallen und verprügelt wurde. Und auch die Reise zum Rennen von Sao Paulo sei nicht ohne Risiko "Wenn wir in Brasilien über die Straße gehen, kann das auch sehr gefährlich sein", verweist der Caterham-Pilot auf die hohe Kriminalitätsrate in Brasilien.

Unter dem Strich sei jeder Pilot selbst in der Lage einzuschätzen, ob er sich des Risikos Formel 1 aussetzen will oder nicht, meint Vettel. "Wir sind alle alt genug und können unser Gehirn gebrauchen. Es ist also unsere bewusste Entscheidung, ob wir Rennen fahren wollen oder nicht. Wenn sich irgendjemand nicht wohl fühlen sollte, wäre er alt genug, um nein zu sagen", so der Red-Bull-Pilot.

Fotoquelle: xpbimages.com

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