Künftig sollen bei Gefahren Tempolimits konsequent durchgesetzt werden

Formel 1 2014

— 11.10.2014

Daumenschrauben unter Gelb: Fahrer willigen ein

Ob mitttels Referenz-Rundenzeit oder Speedlimiter: Die Formel-1-Piloten wünschen sich Im Sinne der Fairness und der Sicherheit, dass die Rennleitung durchgreift



Tempolimit in der Formel 1. Das klingt nach einem fundamentalen Widerspruch, doch der schwere Unfall Jules Bianchis beim Japan-Grand-Prix hat viele tiefgreifende Veränderungen angestoßen, die in der nahen Zukunft Realität werden sollen. Dazu zählt das Vorhaben, unter gelben Flaggen eine bestimmte Rundenzeit als Referenz vorzugeben, die die Piloten in einem Abschnitt mit Unfallstelle nicht unterschreiten dürfen. Im restlichen Umlauf kann schneller gefahren werden, wenn der Wert auf dem Zielstrich stimmt.

Das soll verhindern, dass bei jedem Bergungseinsatz das Safety-Car ausrücken muss und Rennen zur Lotterie werden - die Sache aber trotzdem sicherer, schließlich war Bianchi in Suzuka offenbar trotz doppelt geschwenkter gelber Flaggen abgeflogen. Für die Umsetzung sind Veränderungen der Einheitselektronik notwendig, doch das bedeutet offenbar keine Hürde: "Die FIA plant, es im Freien Training in Austin zu testen", kündigt McLaren-Rennleiter Eric Boullier an, ohne von einer finalen Entscheidung bezüglich des in drei Wochen steigenden US-Grand-Prix zu sprechen.

Der Franzose zeigt sich angetan: "Es scheint ein gutes System zu sein. Oder zumindest scheint es funktionieren zu können." Diese Ansicht teilen die Fahrer. "Ich denke, das ist der einzige Weg, um uns wirklich langsamer zu machen", sagt Kimi Räikkönen. Der Ferrari-Star spricht damit die Tatsache an, dass unter gelben Flaggen bisher zwar langsamer gefahren werden muss. Wie stark aber abgebremst wird, bleibt Ermessenssache des Piloten. Und der will als Sportler möglichst wenig Zeit verlieren, was dazu führt, dass größeres Risiko letztlich doch belohnt wird.

Viel Adrenalin, wenig Überblick

Bisher dienen persönliche Sektorenbestzeiten als Maßstab, kein einheitlicher Wert. Wie nahe diese Marke angetastet wird - ob eine Zehntelsekunde oder drei Sekunden langsamer - ist ebenfalls nicht verbindlich. "Natürlich ist es einfach, ein bisschen zu lupfen und nicht wirklich das Tempo zu reduzieren", weiß auch Räikkönen. Für Draufgänger hält Pastor Maldonado sich und seine Kollegen dennoch nicht: "Unter gelben Flaggen bremst man normalerweise ab, aber man weiß nicht, ob es ausreichend ist oder nicht", erklärt der Lotus-Pilot das Dilemma.

Maldonado gibt zu bedenken, dass der Fahrer im Cockpit wenig Überblick über die Situation hat: "Das kann man nicht einschätzen, weil man ja nichts über die Schwere des Vorfalls weiß oder ob zum Beispiel Öl auf der Strecke ist und man die Kontrolle über das Auto verlieren könnte", so der Venezolaner, der auch an das Adrenalin eines Zweikampfes als Einflussfaktor erinnert: "Jeder bremst ab, wir sind alle Profis, aber wenn man gerade mit einem anderen Auto fightet, will man nicht viel Zeit verlieren und es kommt dann darauf an, wer weniger verliert."

Demzufolge hätte die Referenzrundenzeit neben einem geringeren Unfallrisiko einen weiteren Vorteil, nämlich absolute Chancengleichheit. "Es tut nicht weh, so etwas einzuführen", macht Sebastian Vettel klar. "Unser erstes Interesse gilt der Sicherheit, gleich danach einem so fair wie möglich gestalteten Sport." Sein Red-Bull-Teamkollege Daniel Ricciardo will ebenfalls nicht auf die Barrikaden gehen: "Das gehört zu den Dingen, bei denen gilt: Solange sie für alle gleich sind und die Sache sicherer machen, dann werden wir uns nicht beschweren."

Alternative Limiter: Vorbild Indoor-Kartbahn

Maldonado denkt auch an die Streckenposten, schließlich waren sie bei den tödlichen Unfällen in den vergangenen zwei Jahrzehnten der Formel 1 die Betroffenen: "Es ist ja nicht nur für uns, sondern auch für die Marshalls, die an der Strecke arbeiten." Wenn es in der Konsequenz Strafen gibt, plädiert der Lotus-Fahrer für die Referenzrunde, auch Delta-Zeit genannt. Doch es ist nicht der einzige Weg, bei gelben Flaggen für mehr Sicherheit zu sorgen. In einem ähnlichen Ansatz ist es auch denkbar, die Autos elektronisch auf ein bestimmtes Tempo abzuriegeln.

Vorbild für diese Überlegung ist das Freizeitvergnügen für Jedermann, die Indoor-Kartstrecke: "Da hat der Bahnchef einen Knopf. Wird der gedrückt, wird die ganze Strecke ist neutralisiert", meint Adrian Sutil. "Die Karts fahren dann zehn Kilometer pro Stunde und du kannst machen, was du willst. Eigentlich schützt das den Fahrer selbst, weil der Fahrer manchmal vielleicht emotional ist oder will noch ein bisschen schneller sein und einen Vorteil haben", so der Gräfelfinger weiter. Geht es um das Thema Fairness, ist dieser Ansatz noch etwas konsequenter als die Referenzrunde.

Sutil kann es sich gut vorstellen: "Charlie Whiting (FIA-Rennleiter; Anm. d. Red.) drückt den Knopf und Ruhe ist auf der ganzen Strecke. Wenn die Gefahr wieder vorbei ist, drückst er wieder auf den Knopf." Aus Sicht Lewis Hamiltons wäre die Technik keine Drangsalierung, sondern eine Erleichterung für den Piloten: "Ich finde das ziemlich gut. Wenn man den Boxengassen-Begrenzer aktiviert oder etwas Ähnliches, nimmt das Druck von uns", betont der WM-Führende. Technisch wäre das Ganze ohne großen Aufwand umsetzbar, glaubt Rob Smedley.

Vettel fordert: "Müssen etwas unternehmen"

Der Williams-Chefingenieur blickt auf eine rasche Einführung: "Ich bin sicher, dass es viele Ideen bis zum Ende des Jahres geben wird. Technisch ist alles machbar." Dennoch plädiert Smedley für die Lösung mit der Delta-Zeit, bei der die Piloten ihren Status (Momentangeschwindigkeit schneller oder langsamer als die Vorgabe) in Echtzeit auf dem Display ablesen könnten. "Das wäre das Beste, weil die Technologie bereits genutzt wird. Für die Formel 1 wäre es keine große Herausforderung, und auch die Fahrer müssten sich nicht dran gewöhnen", schätzt der Brite.

Bei den Piloten hat die Limit-Idee trotzdem ihre Anhänger, zu denen auch Fernando Alonso zählt. Nach einem privaten Kartausflug brachte er das Thema nach eigener Aussage bereits vor dem Japan-Grand-Prix auf die Agenda. Sutil glaubt, es mittels GPS-Technik problemlos umsetzten zu können. Egal, welchen Weg die FIA und die Teams letztlich einschlagen: Vettel wünscht, dass sich nach dem Bianchi-Unfall etwas bewegt: "Die vergangene Woche hat gezeigt, dass wir etwas unternehmen müssen", unterstreicht der Heppenheimer.

Auch wenn Suzuka ein alarmierendes Signal war, wünscht sich Räikkönen, dass nicht lange experimentiert, sondern eine langfristig tragfähige Lösung implementiert wird: "Anstatt jetzt schnell etwas zu entscheiden und dann nicht glücklich zu sein für lange Zeit", mahnt der Finne. Für Toto Wolff ist genau das einer der großen Fortschritte infolge des Bianchi-Crashs: "Die Reaktion ist sehr gut", lobt der Mercedes-Motorsportchef. "Wenn Tragisches passiert, dann gibt es oft Aktionismus. Das ist nicht passiert. Es wird sorgfältig nachgearbeitet. Ich bin beeindruckt, wie die FIA und die Medien mit der Sache umgehen." Auch Williams-Pilot Felipe Massa findet: "Wir befinden uns auf einem konstruktiven Weg."

Fotoquelle: xpbimages.com

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