Kurz vor dem Unfall: Bianchi vor Sutil, der als Erster abfliegen sollte

Formel 1 2014

— 14.10.2014

Geheimer Unfallbericht: Auf Bianchi wirkten Kräfte von 92 g

Der geheime Unfallbericht der FIA belegt, wie heftig der Horrorunfall von Jules Bianchi in Suzuka wirklich war - Auch über den Hergang kommen weitere Details ans Licht



Die Formel 1 steht nach dem Horrorunfall von Jules Bianchi unter Schock. Während der Marussia-Pilot im Krankenhaus von Yokkaichi im Beisein seiner Angehörigen ums Überleben kämpft und seine Eltern täglich befürchten, dass sie mit der Todesnachricht konfrontiert werden, kommen nun weiter Details zum Unfallhergang ans Tageslicht.

Laut den Kollegen von 'auto motor und sport', die sich wiederum auf den geheimen Unfallbericht der FIA beziehen, dürfte der Franzose bei seinem Einschlag in das Bergungsfahrzeug Fliehkräften in Höhe 92 g ausgesetzt gewesen sein - das ist das 92-fache des eigenen Körpergewichts. Ursprünglich wurde spekuliert, dass es sich um 50 g gehandelt haben soll.

Zum Vergleich war Luciano Burti bei seinem Horrorunfall in Spa-Francorchamps 2001 kurzzeitig knapp über 80 g ausgesetzt gewesen und befand sich dabei laut dem Unfallbericht der FIA zwischen Leben und Tod - er kam mit einer Gehirnprellung davon. Wie lange der Zeitraum bei Bianchi war, ist unbekannt. Die Verzögerungsdaten werden seit dieser Saison mittels Sensor im Ohr erhoben, der an den Ohrenstöpseln befestigt ist.

Anprall: Bergungsfahrzeug eineinhalb Meter in der Luft

Laut Vater Philippe Bianchi hatten die Ärzte gemeint, dass es "ein Wunder" sei, dass der Marussia-Pilot nach so einem schweren Unfall überhaupt am Leben ist. Je mehr Umstände bekannt werden, desto weniger verwundert diese Aussage. Durch die Wucht des Aufpralls soll das Bergungsfahrzeug eineinhalb Meter hoch in die Luft geschleudert worden sein - und das bei einem Gewicht von neun Tonnen. Der Nackenschutz des Marussia-Boliden, der fünf Meter nach dem Aufprall zum Stehen kam, soll sogar im Motorraum gefunden worden sein, das Chassis blieb aber intakt.

Doch wie kam es zu dem Unfall? Bei den bisherigen Ermittlungen wurden keine Anhaltspunkte auf einen technischen Defekt gefunden, alles deutet also auf einen selbstverschuldeten Crash hin. Weil zu diesem Zeitpunkt der Sauber von Adrian Sutil vom Bergungsfahrzeug abgeschleppt wurde, schwenkten die Streckenposten doppelte gelbe Flaggen, was die Fahrer anhand der Gefahrensituation dazu bringen soll, jederzeit anhalten zu können.

Doch daran scheint sich Bianchi nicht gehalten zu haben. Dafür könnten neuesten Informationen zur Folge auch Funksprüche seines Teams Marussia verantwortlich gewesen sein. 'Sport Bild' beruft sich auf eine Nachricht aus FIA-Kreisen, wonach Bianchi "trotz gelber Flaggen nicht verlangsamt" habe. "Über Funk hat ihn Marussia dazu aufgefordert, schnell zu fahren, um Ericsson hinter sich zu halten", heißt es weiter. Den Funkspruch gebe es auch auf Tonband.

Forderte Marussia Bianchi zum Gasgeben auf?

Hintergrund dürfte der Kampf zwischen Marussia und Caterham gewesen sein: Während Bianchi zum Unfallzeitpunkt mit 15 Runden alten Intermediate-Reifen unterwegs war, nahte Rivale Marcus Ericsson mit Regenreifen in Riesenschritten heran - der Schwede war in der Runde vor dem Unglück um eine Sekunde schneller als der Marussia-Pilot. Das würde für die Theorie sprechen, dass Bianchi vom Kommandostand eine Aufforderung erhalten haben könnte, das Tempo zu erhöhen.

Alles sieht also nach einer Verkettung extrem unglücklicher Ereignisse aus. Vor allem bei jungen Piloten, die das Horrorwochenende in Imola 1994, als zum bislang letzten Mal in der Formel-1-Geschichte Fahrer bei Unfällen ums Leben kamen, nicht miterlebten, sitzt der Schock tief. Sie sind mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass derartige Katastrophen aus der Formel 1 längst verbannt sind.

"Wenn man diese jungen Fahrer hier sieht - die waren damals teilweise noch nicht einmal geboren", spielt Ex-Formel-1-Pilot David Coulthard zum Beispiel auf Daniil Kwjat an, der eine Woche vor dem Unglück 1994 auf die Welt kam. "Die Geschichte wiederholt sich in vielerlei Hinsicht immer wieder, und es ist schockierend für diese jungen Fahrer, das durchzustehen."

Coulthard: Identität des Sports darf nicht verloren gehen

Trotzdem findet der Schotte: "Diese Unfälle gehören aber zum Leben dazu. Jetzt, wo wir hier sitzen, passiert irgendeinem unschuldigen Menschen irgendwas im Straßenverkehr." Nach dem Unglückswochenende in Suzuka begannen rasch Diskussionen um die Sicherheit in der Formel 1 - von Cockpitkanzeln bis zu Safety-Car-Phasen bei jedem Zwischenfall wurden viele Varianten besprochen.

Coulthard findet aber, dass man einen guten Mittelweg für den Sport anvisieren sollte. "Historisch gesehen handelt es sich um Autos mit offenen Cockpits. Mit geschlossenen Cockpits würde man diesen Sport in seinen Grundlagen verändern", erklärt er und unterstreicht seine These mit einem Beispiel: "Wenn man sich andere Sportarten anschaut, wie zum Beispiel Rugby: Da gibt es sehr viele Hals- und Genickverletzungen, und das versucht man auch zu reduzieren, aber man kann das nicht komplett ausschließen, denn auch da geht es um den Kern der Sportart."

Er findet hingegen, dass man die Sicherheitsvorkehrungen verbessern sollte, wenn Bergungs- oder Rettungsfahrzeuge im Streckenbereich unterwegs sind. "Möglicherweise gibt es in Zukunft keine echten Safety-Car-Phasen mehr, sondern Zonen, in denen die Geschwindigkeit reduziert wird, wenn ein Auto geborgen wird", spricht er seine Gedanken für die Zukunft aus. "Es ist nicht akzeptabel, dass ein Formel-1-Auto mit so einem Bergekran kollidiert. Das war jetzt ein Ereignis, das gezeigt hat, was das für Konsequenzen haben kann."

Fotoquelle: xpbimages.com

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