Bernie Ecclestone wirkt erstmals besorgt über sein Lebenswerk, die Formel 1

Formel 1 2014

— 02.11.2014

Sorge um die Formel 1: Ecclestone räumt Fehler ein

In einem beispiellosen Anfall von Selbstkritik bietet Bernie Ecclestone an, alle bestehenden Verträge zu zerreißen und neu zu schreiben, um die Finanzkrise zu lösen



Jetzt ist die Krise endgültig in der Formel 1 angekommen. Seit Jahren wird die Kostendiskussion geführt, doch mit dem Fernbleiben von Marussia und Caterham vom US-Grand-Prix und besorgniserregenden Nachrichten von drei weiteren bedrohten Teams (Force India, Lotus und Sauber) lässt sich das Thema nicht mehr klein reden.

Selbst Bernie Ecclestone gesteht erstmals öffentlich ein, dass die Situation dramatisch ist. Seiner Meinung nach haben die Journalisten in der Vergangenheit schon oft von einer Krise geschrieben, ohne dass es tatsächlich eine gab, aber jetzt gibt er zu: "Diesmal schreibt ihr die Wahrheit." Der Brite kämpft in der Woche seines 84. Geburtstags um sein Lebenswerk und hält in einem für ihn beispiellosen Anfall von Selbstkritik fest: "Das Problem ist, dass zu viel Geld schlecht verteilt wird. Wahrscheinlich mein Fehler. Aber wie mit so vielen Dingen im Leben schien es damals eine gute Idee zu sein."

Einnahmen in der Höhe von insgesamt rund 1,3 Milliarden US-Dollar werden in der Formel 1 verteilt, aber der Verteilungsschlüssel ist momentan Gegenstand hitziger Diskussionen. Die von Ecclestone repräsentierten Inhaber der kommerziellen Rechte (darunter zum Beispiel die Investmentgruppe CVC Capital Partners, der Staat Norwegen oder der Beamten-Rentenfonds von Kalifornien) streichen 37,5 Prozent davon ein. Die übrigen 62,5 Prozent, rund 840 Millionen Dollar, gehen an die Teams.

Ferrari bekommt 14 Mal so viel wie der Letzte

Doch während etwa Ferrari und Red Bull derzeit über 160 Millionen Dollar pro Jahr kassieren, bekommt der WM-Letzte gerade mal knapp über zehn. Oder, anders ausgedrückt: Mehr als 60 Prozent der Einnahmen werden unter vier Teams (Ferrari, Red Bull, McLaren und Mercedes) aufgeteilt, weniger als 40 Prozent unter den restlichen sieben. "Ich weiß, was falsch läuft, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es reparieren kann", räumt Ecclestone ein.

Denn: "Niemand ist bereit, etwas zu unternehmen, weil sie nicht können. Uns sind durch die Regeln die Hände gebunden." Genauer gesagt durch die Individualverträge mit den Teams und der FIA, die das frühere Concorde-Agreement ersetzt haben. Der Knackpunkt: Die großen Teams, denen in diesen Verträgen am meisten Geld zugestanden wird, zeigen nachvollziehbarerweise wenig Bereitschaft, freiwillig auf ihren großen Anteil vom Kuchen zu verzichten.

Dabei würde Ecclestone selbst sogar den ersten Schritt machen und auf einen Teil aus den 37,5 Prozent des Rechteinhabers verzichten: "Ich habe zwei Teams (mutmaßlich Ferrari und Red Bull; Anm. d. Red.) den Vorschlag gemacht, einen Prozentsatz von ihrer leistungsorientierten Auszahlung zu nehmen, um das Geld zwischen den drei oder vier Teams aufzuteilen, von denen wir wissen, dass sie in Problemen stecken. Ich hätte dann den gleichen Betrag nochmal draufgelegt." Doch dieser Rettungsversuch scheiterte.

Ecclestone durch eigene Verträge geknebelt

"Wenn wir in einer Position wären, diesen Teams zu helfen, würden wir es tun. Aber wir dürfen nicht", sagt Ecclestone und sieht die Ursache dafür bei den kommerziellen Verträgen, die er selbst ausgehandelt hat: "Das Problem mit vielen Regeln und Verträgen ist, dass wir nicht langfristig denken. Mir ist im Grunde egal, wie das Geld verteilt wird. Wenn sie mir einen Vorschlag unterbreiten würden, wie wir es besser machen können, würde ich sagen: 'Gebt mir einen Stift, ich unterschreibe sofort.'"

Doch in Zeiten, in denen Ecclestone nicht mehr Alleinherrscher über die Formel 1 ist, sind unbürokratische und schnelle Antworten selten geworden. "Von den modernen Leuten kann sich niemand auf irgendwas einigen, selbst wenn sie wollten. Die müssen alle an irgendeinen Chef berichten." So wäre er selbst bereit, auf einen Teil der Einnahmen aus dem großen Topf zu verzichten, doch für Eigentümer wie etwa CVC kann er das nicht eigenmächtig entscheiden.

Als die Zeiten noch unkomplizierter waren...

Wehmütig erinnert sich Ecclestone an Zeiten, in denen er seine Angelegenheiten unkompliziert regeln konnte: "Früher ist Frank Williams zu mir gekommen und hat mich gefragt: 'Kannst du mir fünf Millionen Dollar leihen? In zehn Tagen hast du sie wieder.' Nach zehn Tagen zahlte er es zurück und wollte noch einmal zehn. Aber er hat immer pünktlich zurückgezahlt. Dafür haben wir nie einen Vertrag gebraucht." Doch die Zeiten, in denen Ecclestone etwa mit unbürokratischen Preisgeld-Vorschüssen Teams retten konnte, sind aufgrund der komplexen Strukturen in der Formel 1 vorbei.

"Wenn mir die Firma selbst gehören würde, hätte ich einiges anders gemacht, weil es dann mein eigenes Geld wäre, um das es geht. Aber ich arbeite für Leute, die in diesem Geschäft sind, um Geld zu verdienen", erklärt Ecclestone und räumt ein, dass dies beizeiten "absolut" frustrierend sei. Und neben den Eigentümern wie CVC müssen auch noch die Teams unter einen Hut gebracht werden: "Das Problem ist, dass wir Einigkeit brauchen, um etwas zu ändern. Für 2016 geht das, aber da müssen wir noch ein ganzes Jahr überstehen."

Und das könnte in einer Situation, in der einige Teams sogar einen Boykott des US-Grand-Prix nicht ausschließen, zu lang sein. Auch wenn Ecclestone einen Boykott ausschließt: "Vergesst die ganze Scheiße! Ich verspreche euch, dass sie fahren werden - das garantiere ich. Aber ich bin besorgt, ob sie auch nächstes Jahr noch fahren werden." Bereits zuvor hatte der Formel-1-Geschäftsführer gestanden, dass er für 2015 ein Starterfeld mit nur noch 14 Autos befürchtet.

Motoren sind Ecclestone ein Dorn im Auge

Um das zu verhindern, wäre er notfalls für drastische Maßnahmen zu haben. In Austin signalisiert Ecclestone beispiellose Kompromissbereitschaft, wenn er sagt: "Wir sollten alle derzeitigen Verträge einfach zerreißen und neu schreiben. Von allen Geld einsammeln und alle Schulden zahlen. Auch das technische Reglement neu schreiben. Den Fans ist es doch ganz egal, ob die Motoren 700 oder 800 PS haben, aber 80 Prozent der Teams würden wahrscheinlich am liebsten zu den alten Motoren zurückkehren." Weil die wesentlich billiger waren als die aktuellen Hybridantriebe.

"Wenn genug Leute eine Lösung wollen, dann bekommen wir eine Lösung hin", glaubt Ecclestone. "Es müssen aber Opfer gebracht werden." Und diese Opferbereitschaft sieht er zumindest bei den neuen Teamchefs, über die er kein gutes Wort verliert, nicht: "Leute wie Mattiacci werden wieder verschwinden. Sie sind nicht Eigentümer ihrer Firmen. Wie soll Marco wissen, wie lange er noch bei Ferrari ist? Kann sein, dass er eines Tages aufwacht und einen Anruf erhält: 'Du bist draußen.'"

Gespräche mit Mateschitz statt mit Horner?

Also kann sich Ecclestone vorstellen, nicht mehr mit den Teamchefs, sondern direkt mit den Konzernchefs zu verhandeln: "Das wird wahrscheinlich passieren müssen." Aber kostensenkende Maßnahmen seien komplizierter, als das auf den ersten Blick wahrgenommen wird: "Du bist Teamchef und musst 60 Prozent deiner Leute feuern. Was ist mit George? Seine Frau hat gerade ein Baby bekommen und sie haben Probleme mit der Hypothek. Da schwingt auch ein menschliches Element mit."

Das spürt man auch beim 84-Jährigen selbst - zum ersten Mal überhaupt wirkt er ratlos, sogar nach außen. Aber nicht hilflos: "Ich habe mich noch nie hilflos gefühlt. Ich bin nicht glücklich und ich werde etwas dagegen unternehmen. Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen und glauben, es wird alles gut. Das Problem verschwindet nicht von selbst. Es ist nicht wie bei einer Grippe, dass man eine Tablette nehmen kann und dann geht sie weg."

"Wir müssen den Leuten, die den Lichtschalter in der Hand haben, erklären, was sie tun müssen, denn ich möchte nicht in der Position sein, dass ich zu dominant bin und die Formel 1 verschwindet und jemand sagt, dass ich daran schuld bin", zeigt sich Ecclestone um sein Lebenswerk besorgt. Die schlimmste Krise seiner Laufbahn sei die aktuelle Situation aber "eher nicht. Es geht halt um größere Geldbeträge als früher, weshalb das Problem schwieriger zu lösen ist."

Fotoquelle: xpbimages.com

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