Die größte Last liegt vor dem WM-Finale auf den Schultern von Lewis Hamilton

Formel 1 2014

— 13.11.2014

Gary Anderson: Eine Warnung an Hamilton

Technik-Experte Gary Anderson weiß um die Stolpersteine, die ein scheinbar einfaches Formel-1-Rennen zerstören können - Hamilton habe allen Grund zur Sorge



Alles, was Lewis Hamilton zum Gewinn der Weltmeisterschaft tun muss, ist, auf Position zwei ins Ziel zu kommen. Klingt nach der selbstverständlichsten Sache der Welt, oder? Möglicherweise ist sie das aber gerade nicht. Bei einem sauberen Rennverlauf und normalen Umständen sollte Mercedes eigentlich in der Lage sein, seinen zwölften Doppelerfolg der Saison einzufahren. Und selbst wenn Nico Rosberg gewänne, würde Hamilton das reichen.

Nachdem ich von der Boxenmauer aus viele Rennen beobachtet habe und stets eine klare Erwartung an das Resultat hatte, kann ich sagen: Es kann so vieles passieren, womit du nicht rechnest. Es ist so, als würde ein Cricket-Schläger hinter dir nur darauf warten, dir eins auf den Hinterkopf zu verpassen. Jeder bei Mercedes hofft verzweifelt, dass kein technischer Defekt dazwischenkommt. Man stelle sich nur noch, dass Hamilton in der Startaufstellung nicht loskommt, so wie es Rosberg in Singapur erging.

Das Problem ist: Immer wenn alle verzweifelt darauf hoffen, dass nichts passiert, dann gehen sie die Dinge auf einmal anders an als sonst. Du checkst alles plötzlich dreimal, nicht mehr zweimal, anstatt deiner normalen Arbeitsweise nachzugehen. Du denkst zu viel darüber nach. Das ist das Schlimmste, was du tun kannst, denn plötzlich machst du die Dinge, die das ganze Jahr über hervorragend funktioniert haben, anders.

Bruch mit der Routine kann fatal enden

An diesem Punkt können Probleme auftreten. Die Angst davor, etwas könnte schiefgehen, kann oftmals der Grund dafür sein, dass genau das eintritt. Sowohl für die Fahrer als auch für die Teams wird es essenziell wichtig sein, in Abu Dhabi alles beim Alten zu belassen. Bei den aktuellen Gegebenheiten ist es aber sehr schwer, den Grand Prix als ganz normales Rennen anzusehen. Das Teammanagement wird alle Hände voll zu tun haben, die Betroffenen zu beruhigen.

Deshalb kann Hamilton nicht davon ausgehen, dass alles fehlerfrei abläuft. Auch wenn Mercedes in den vergangenen vier Rennen ein zuverlässiges Auto hatte, heißt das nicht, dass es auch so bleiben wird. Er muss einen kühlen Kopf bewahren, ebenso wie alle um ihn herum. Aus diesem Grund erwähnt er auch immer wieder, dass er seine Herangehensweise nicht ändern wird. Er will nach wie vor gewinnen, auch wenn er weiß, dass Platz zwei genügen würde.

Wenn du in diesem Jahr 18 Rennen mit dem Ziel zu gewinnen angegangen bist und dann plötzlich auf etwas anderes abzielst, kannst du nicht davon ausgehen, dass es auch funktionieren wird. Man denke nur an die Titelentscheidung 2008 zurück: Hamilton musste lediglich unter den besten Fünf kommen, gesetzt den Fall, dass Felipe Massa gewinnt.

Die Geschichte hat gezeigt...

Genau das tat Massa, und Hamilton kam in den letzten Sekunden der Saison gerade noch an Timo Glock vorbei und wurde Fünfter. Er und McLaren hatten es zu konservativ angehen lassen, weil sie es sich leisten konnten. Doch dieser Schuss wäre beinahe nach hinten losgegangen. Es besteht immer die Chance, dass Dinge passieren, mit denen du überhaupt nicht rechnest.

2010 hat Ferrari Sebastian Vettel nicht als Titelanwärter ernst genommen, und während dieser das Rennen gewann, orientierte sich die Scuderia an der Strategie von Mark Webber. Das Rennen ging so aus, dass Fernando Alonso über viele Runden hinweg den Heckflügle von Witali Petrow im Blick hatte, während Vettel seinen ersten Weltmeister-Titel holte. Es braucht nur eine schlechte Entscheidung, einen Fehler, eine falsche Annahme, und du ruinierst dir alles.

Das konnten wir auch in dieser Saison bereits beobachten. Mercedes hatte das ganze Jahr über das stärkste Auto. Bisher gab es 18 Rennen, Mercedes konnte allerdings "nur" in zwölf Grands Prix auf die Plätze eins und zwei fahren (auch wenn jedes andere Team von einem einzigen Doppelerfolg träumen würde). Zu einem Drittel der Saison haben die Silberpfeile also nicht die Ergebnisse eingefahren, mit denen man gerechnet hatte.

Hamiltons Nackenschläge

Zwar gehen alle davon aus, dass Hamilton Erster oder Zweiter wird, ebendies hat er aber bei fünf von 18 Versuchen nicht geschafft. Auch das entspricht fast einer Quote von einem Drittel. Schauen wir uns doch mal an, was in diesen Rennen für Hamilton schiefging: In Australien erlitt er einen Motorschaden, noch bevor das Rennen überhaupt losging. Es gab nichts, was er dagegen tun konnte, dennoch begann seine Saison praktisch mit einem Rückstand von 25 Punkten.

Sein nächstes Desaster spielte sich in Kanada ab, wo Mercedes ERS-Probleme hatte. An dieser Stelle könnte man argumentieren, dass Rosberg besser damit zurechtkam, indem er Platz zwei sicherte, während Hamilton aufgeben musste, nachdem er seine Bremsen zu hart rangenommen hatte. Dadurch büßte er jedenfalls weitere 18 Punkte ein.

In Deutschland und Ungarn brachten ihn technische Probleme in Q1 jeweils ans Ende der Startaufstellung. Er wurde in beiden Rennen Dritter, was beweist, wie schmal der Grat zwischen Sieg und Niederlage sein kann. In Deutschland hatte er auf seinem Weg durch das Feld mehrmals Kontakt mit anderen Fahrzeugen, bei denen er sich leicht hätte ernstere Beschädigungen am Frontflügel holen können. Ebenso hätte er ganz ausfallen können.

Die Quote beunruhigt

Eine Woche später in Ungarn hatte Hamilton einen Motorschaden in Q1. Es gab nichts, was er dagegen tun konnte. Allerdings hat er im Rennen direkt sein Auto verloren, weil seine Bremsen nach dem Start aus der Boxengasse noch kalt waren. Er drehte sich raus und berührte die Mauer; da hätte bereits in der ersten Runde alles vorbei sein können. Beim nächsten Rennen in Belgien folgte die vieldiskutierte Kollision mit Rosberg. Es war nicht Hamiltons Schuld, aber letztlich verließ er Belgien ohne Punkte.

Aus verschiedensten Gründen hat Hamilton die Chance zum Doppelerfolg also bereits mehrfach weggeworfen. Mal war es sein Fehler, mal der des Teams, mal der des Teamkollegen. Für Rosberg ist es deutlich einfacher. Er muss mit dem Ziel ins Wochenende gehen, das Rennen zu gewinnen. Das macht es einfacher, weil du nicht darüber nachdenken musst, ob du es vielleicht ruhiger angehen oder weniger Risiken in Kauf nehmen solltest.

Für Rosberg geht es um alles oder nichts, und ich glaube, er liebt genau das - keine Kompromisse, einfach nur Vollgas. Was Williams beim Brasilien-Grand-Prix passiert ist, zeigt, wie dir ein Rennen aus den Händen gleiten kann. Die Plätze drei und vier waren eigentlich schon in Stein gemeißelt, doch statt 27 Punkten holte man nur 16. Während Felipe Massa seine Strafe für zu schnelles Fahren in der Boxengasse sowie seinen Besuch bei McLaren noch überlebte, lief bei Valtteri Bottas alles schief.

Verantwortung auf 100 Schultern

Selbst so banale Dinge wie das richtige Festschnallen der Sicherheitsgurte können zum Problem werden. Die Zeit, die Williams brauchte, um die Gurte zu prüfen, sowie Reifenprobleme bedeuteten am Ende Rang zehn in einem Rennen, in dem Bottas problemlos zumindest hätte Vierter werden können. Williams ist ein Team im Aufschwung, das große Fortschritte unter Pat Symonds und Rob Smedley gemacht hat, aber auch dort läuft es noch nicht perfekt.

Man könnte meinen, Mercedes sei das stärkere Team, weil es seit Jahren vorne mitfährt und in dieser Saison schon viele Siege feiern konnte, aber - und das ist ein großes Aber - die Titelentscheidung zwischen ihren beiden Piloten ist auch für sie eine völlig neue Situation. Sonst hat man immer im Hinterkopf gehabt: Es wird noch eine andere Chance geben. Aber nun geht es um das letzte Rennen 2014, es heißt also alles oder nichts. Das ist wahrer Druck - egal ob für die Fahrer oder das Team. Druck kann Menschen zu Fehlern treiben.

Für Hamilton müsste schon etwas falsch laufen, um den Titel nicht zu gewinnen, aber ich habe schon viele Rennen gesehen, die einfach durch kleine dumme Fehler entschieden wurden. Und der Fahrer ist nur einer von hundert Leuten, die einen Fehler begehen können - man stelle sich nur den Druck des Mannes vor, der beim letzten Reifenwechsel das linke Vorderrad tauscht. Deshalb wird es für Mercedes nicht leicht in Abu Dhabi. Viel Glück beiden Fahrern und allen, die am Rennwochenende involviert sein werden.

Fotoquelle: xpbimages.com

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