Formel 1

Formel 1 Aktuell: Rüpel, Raudis, Falschfahrer

— 10.11.2016

So funktioniert Transparenz in der F1

In der Presserunde vor dem Brasilien GP wurden noch einmal die Aufreger aus Mexiko zerpflückt. Genau richtig, findet Ralf Bach in seiner F1-Kolumne.

Auch in der Formel 1 erlebt man noch Überraschungen. Im Fahrerlager, deren Bewohner ihre Ignoranz mit geduldiger Konsequenz immer dann mit alten Werten tarnen, wenn es um besseren Umgang mit den Medien geht, war das, was FIA-Pressesprecher Matteo Bonciani (46) in Sao Paulo veranstaltete, so was wie die Entdeckung des Feuers der Vorzeitmenschen. Hintergrund: Bonciani waren die verschiedenen Reaktionen nach dem Rennen in Mexiko zu viel, also brachte er die Beteiligten alle an einen Tisch. Dazu lud er zur traditionellen Fahrerpressekonferenz am Donnerstag neben WM-Anwärter Nico Rosberg und Lokalmatador Felipe Massa nicht zufällig die Protagonisten des Rennens in Mexiko ein: "Brechstangenüberholer" Daniel Ricciardo, "Asphaltrüpel" Max Verstappen, "Straßen- und Verbalraudi Sebastian Vettel" und "Falschfahrer" Lewis Hamilton.

Matteo Bonciani (l.) weiß, wie Kommunikation geht...

Bonciani machte sich wegen seiner Medienrevolution sicher nicht nur Freunde, besonders bei den Beteiligten. Aber ich bin der Meinung, dass er anscheinend das einzige Lebewesen auf dem ausgetrockneten FIA-Planeten ist, der es kapiert hat, wie man in Zukunft wieder Jugendliche für die Königsklasse begeistern kann: Durch Transparenz und Offenheit verbunden mit ein bisschen Entertainment.

Wie auch immer: Der Rauch aus Mexiko war schon längst verflogen. Verstappen und Vettel kicherten zusammen, Ricciardo grinste wieder in alle Richtungen und Lewis Hamilton saß entspannt zurückgelehnt in der ersten Reihe und freute sich seines Daseins. Einen Journalisten warnte er, sich das Handy nicht zwischen die Beine zu klemmen: "Das ist gefährlich. Wegen der Strahlung."
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Vettel und die Red-Bull-Stars haben sich wieder lieb

Selbst Charlie Whiting nahm brav Stellung. Warum bekam Lewis Hamilton also keine Strafe fürs Abkürzen in Kurve eins von Mexiko, Max Verstappen dagegen schon (fünf Sekunden)? Whiting: "Jedes Szenario ist anders. Lewis hat keinen Vorteil aus seinem Manöver gezogen. Er war vorne, hat einen Fehler gemacht und abgekürzt. Auf der Geraden zwischen Kurve 3 und 4 hat er 80 Prozent Gas rausgenommen und die anderen aufschließen lassen. Max blieb dagegen auf dem Gas. Hätte er wie Lewis gehandelt, wäre er hinter Vettel gefallen." Zusätzlich verhinderte die kurz danach ausgelöste Virtual-Safety-Car-Phase eine Untersuchung gegen Hamilton. Whiting: "Damit jeder angebliche Vorteil völlig ausgeschlossen." In Zukunft könnten Hindernisse, aufgebaut in den Auslaufzonen, das Abkürzen vermeiden. "Das ist einfach zu machen und wir haben es schon getan. In Monza in der zweiten Schikane. In Sotschi in der zweiten Kurve. Und in Kanada in der letzten Schikane." Nächste Frage: Warum wurde Vettel bei seinem Abwehrmanöver gegen Ricciardo mit einer zehn Sekunden Zeitstrafe belegt? Whiting: "Wir haben in Austin die Regeln präzisiert. Es ging um drei Fragen: Hat Sebastian auf der Bremse die Spur gewechselt? Hat er unnatürlich gehandelt? Und wurde durch seine Fahrweise ein Unfallrisiko vergrößert? Also ist er potentiell gefährlich gefahren? Alles musste mit ja beantwortet werden." Vettel hielt dagegen: "Ich habe nur einmal die Spur gewechselt, und auf der Innenseite war einfach wenig Grip." Damit solche Diskussionen ausbleiben, hat Ferrari die FIA nun gebeten "sich die Situation noch einmal anzuschauen". War es wirklich ein plötzlicher Spurwechsel auf der Bremse à la Verstappen oder ein normales Verteidigungsmanöver alter Schule?

In Mexiko hatte es viele kontroverse Szenen gegeben

Und zu guter letzt: Wie sieht Herr Whiting die verbale Pöbelei von Sebastian Vettel während des Mexiko GP, als er ihm „Fuck off“ ausrichten ließ? Whiting: „Es war nicht das erste Mal, dass am Funk geschimpft wurde. Es war unglücklich, dass es sich gegen mich gerichtet hat. Aber Sebastian hat sich nach dem Rennen entschuldigt. Damit ist der Fall für mich erledigt.“ Verstappen hat wegen zukünftiger verbaler Entgleisungen eine Idee. „Falls sie nicht jugendfrei sind, sollte man sie nicht senden.“

Ich habe zu Vettels "Fuck off" auch eine Ansicht. In einer Welt, in der ein Donald Trump US-Präsident werden kann, obwohl er im Vorfeld der Wahlen verbal ständig unter irgendeiner Gürtellinie lag, sollte man sich über Vettels verbalen Aussetzer nicht aufregen. Außerdem sollten die Bewohner des ausgetrockneten FIA-Planeten sich zwei Dingen bewusst sein: Vettels "Fuck off" ist zwar nicht nett, wird aber seiner endgültigen beleidigenden Wirkung deshalb beraubt, weil "Fuck off" mittlerweile zum täglichen Wortschatz auf Schulhöfen und sogar Uni-Hörsälen gehört. Und die Jugendlichen haben nicht nur jemanden gehört, der ihre Sprache spricht. Sie haben, und das ist bedeutender, einen jungen aufrichtigen Sportler erlebt, der seine Fehler einsieht und sich sofort dafür entschuldigt. Das sollte die Botschaft sein, die rüberkommt!
Nach Funk-Wutausbruch in Mexiko: Vettel entschuldigt sich

Autor: Ralf Bach

Fotos: Picture-Alliance

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