Niki Lauda (l.) mit Bernie Ecclestone

Formel 1 Doppel-Interview

— 09.10.2009

Echte Männer in der Formel 1

Im großen AUTO BILD MOTORSPORT-Interview reden Bernie Ecclestone und Niki Lauda exklusiv über die heutige Fahrergeneration, den fehlenden Respekt vor Unfällen – und übers Kinderkriegen.

Niki Lauda: "Bernie, bevor wir hier über den ganzen Shit reden, Folgendes: Meine Zwillinge sind da. Mia und Max. Zwei Kilo und 2,4 Kilo. 90 Minuten hat die Geburt nur gedauert, es war wie ein langer Boxenstopp. Ich selbst war nicht dabei. Das will sich kein Mann antun. Als ich in das Zimmer kam, lagen sie schon da, noch mit der Nabelschnur. Es war eine perfekte Geburt."
Bernie Ecclestone: "Wie viel mal musstest Du es versuchen, damit es Zwillinge wurden?"
Lauda: "Es klappte bei einem Versuch. Definitiv!

Lauda: Bernie Ecclestone und ich hören nie auf, Männer zu sein

Gut gelaunt: Formel-1-Legende Niki Lauda (l.) und F1-Promoter Bernie Ecclestone im Doppelinterview mit ABMS.

ABMS: "Herr Ecclestone, was denken Sie eigentlich darüber, dass Niki Lauda mit seinen 64 Jahren noch Vater von Zwillingen wird?" Ecclestone: "Warum nicht? Er hatte wohl sonst nichts zu tun." Lauda: "Bernie und ich hören niemals auf Mann zu sein. Niemals!" Ecclestone: "Das stimmt."
ABMS: "Herr Lauda, wenn ein Teamchef wie Bernie von Ihnen früher etwas verlangte. Wo war Ihre Grenze dessen, was Sie getan hätten?" Lauda: "Das kommt darauf an. Aber eins ist sicher, hätte Bernie von mir verlangt, dass ich in die Mauer fahre, damit der blöde Piquet gewinnt, hätte ich ihm gesagt: Du kannst mich mal!" Ecclestone: "Ich hätte ihn niemals gefragt!"

Früher wussten wir nicht, ob wir ins Hotelzimmer zurückkommen

"Bernie, hat damals in Singapur eigentlich jemand gewusst, dass dieser Unfall Absicht war?"

ABMS: "Warum ist es heute aber passiert?" Lauda: "Ganz einfach! Weil die Zeiten anders sind. Früher waren die Leute nicht nur andere, sondern auch die Situation. Früher hast du Zettel im Hotelzimmer hinterlassen, wer Deine Sachen abholt, falls Du es selbst nicht mehr kannst. So groß war das Risiko, dass Du sterben konntest. In der Formel 1 gab es nur gestandene Mannsbilder."
ABMS: "Und heute?" Lauda: "Heute fahren die Jungs mit zehn Jahren Gokart, kommen mit 19 in die Formel 1. Das sind fast noch Kinder! Die meisten haben noch keinen speziellen Charakter. Den letzten Toten in der Formel 1 gab es 1994 mit Ayrton Senna. Die Autos heute sind wie Panzer. Im Rennwagen kommen sie klar, ansonsten sind es noch Kids."
ABMS: "Dann müssen sich die Teamchefs aber auch geändert haben." Lauda: "Alles hat sich geändert!" Ecclestone: "Die Fahrer heute haben gar keinen Respekt mehr vor einem Unfall. Die fahren gegen die Mauer, schütteln sich kurz, und weiter geht's. Da verliert man gewisse Hemmschwellen."

Neue Beweise? Her damit!

Lauda: "Bernie, glaubst Du, dass direkt nach dem Rennen letztes Jahr in Singapur irgendeiner wusste, dass Piquet absichtlich in die Mauer fuhr?" Ecclestone: "Glaube ich nicht. Denn selbst nach der Aktion konnte sich keiner sicher sein, das Rennen gewinnen zu können. Das Rennen war doch erst im ersten Drittel. Es hätten noch tausend Dinge passieren können. Es war eine völlig bescheuerte Aktion. Ein völlig unnötiges Risiko." ABMS: "Ist der Druck, der auf jedem lastet,  in den modernen Formel-1-Zeiten zu groß?" Ecclestone: "Nein. Es haben sich einige Individuen diesen Mist ausgedacht. Aber das heißt nicht, dass die ganze Formel 1 kriminell ist. Wenn einige Leute eine Bank ausrauben, heißt das doch nicht, dass jeder ein Bankräuber ist." Lauda: "Warum hat man beim Hearing Briatore eigentlich nicht angehört?" Ecclestone: "Keine Ahnung. Wenn Flavio neue Beweise hat – er hat das ja behauptet – sollte er damit jetzt schleunigst herauskommen."

Bernie ist wie Enzo Ferrari, großherzig und manchmal brutal

ABMS: "Wann haben Sie das erste Mal von dem Vorfall erfahren?" Ecclestone: "Nelson Piquet senior erzählte mir davon irgendwann im Mai. Ich ging sofort zu Flavio und fragte ihn danach. Er stritt alles ab, sagte, "Alles Unsinn!" Ich glaubte ihm." ABMS: "Schlagen nicht zwei Herzen in Ihrer Brust? Flavio war ihnen über Jahre sehr nahe. Wie persönlich sind Sie betroffen?" Ecclestone: "Ich muss die Freundschaft trennen von der Sache, die passiert ist." Lauda: "Ich kann für Bernie antworten: Er hat ein großes Herz. Wenn aber etwas gegen seinen Willen, gegen sein Business läuft, dann wird er das niemals vergessen. Dann wird er Dich abwatschen dafür. Ich respektiere Bernie für diese Einstellung sehr. Es gab nur einen Menschen, den ich bisher getroffen habe, der ein ähnliches Charisma hatte. Das war Enzo Ferrari. Auf der einen Seite emotional mit einem typisch italienischen Herzen. Auf der anderen Seite konnte er ein brutales Arschloch sein. Bernie ist im Prinzip genauso wie der alte Enzo."
Ecclestone: "Du glaubst also, ich bin ein Arschloch." Lauda: "Nein, dazu komme ich noch. Enzo liebte sein Auto über alles. Wer sein Auto beleidigte, den hat er rausgeschmissen. Gut, Bernie ist kein Arschloch. Aber beide sind eine Mischung aus warmen Herzen und unglaublichen Sturkopf."

Früher haben wir zusammen betrogen

Lauda ganz spitzbübisch: "Psssst Bernie, wir haben doch früher auch betrogen."

ABMS: "Was würden Sie sagen, wenn Briatore Sie um einen Pass fürs Fahrerlager bitten würde?" Ecclestone: "NEIN! Bis er uns bewiesen hat, dass er unschuldig ist." ABMS: "Hat Briatore die Chance, seine Unschuld zu beweisen?" Ecclestone: "Wenn er klare Beweise hat, die das belegen, dann ja."
ABMS: "Haben Sie auch über Niki so lachen können, als er 1978 und 1979 für Sie bei Brabham gefahren ist?" Ecclestone: "Wir waren ein gutes Team." Lauda: "Wir haben zusammen betrogen." Ecclestone: "Niemals." Lauda: "Doch. In Schweden 1978 setzten wir das Auto mit dem Ventilator ein. Damit habe ich gewonnen." Ecclestone: "Stopp! Das war nicht betrügen, das war ein Ausloten des technischen Reglements. Du konntest den Sieg behalten. Erst danach haben sie den Ventilator verboten. Weil er viel zu gut war." Lauda: "Das stimmt. Damals war ich ein Idiot. Ich musste das ganze Training mit 200 Litern Sprit fahren. Die anderen waren furztrocken. Ich tobte. Deshalb war ich nur Zwölfter in der Startaufstellung. Einen Tag später wusste ich warum: Keiner sollte merken, wie schnell das Auto wirklich war. Sonst hätten sie das Auto vor dem Rennen schon verboten."

Jeder Teamchef zeigt mir den Stinkefinger

Ecclestone ganz entrüstet: "Nein, nein, niemals haben wir betrogen – nur die Regeln ausgereizt."

ABMS: "Herr Ecclestone, was haben Sie gedacht, als Niki Lauda Ihnen während des Kanada-GP 1979 sagte, er will nicht mehr weiterfahren – mitten in der Saison?" Ecclestone: "Das hat er so gesagt? Dann verrate ich Ihnen jetzt ein Geheimnis: Er hat mir gesagt, dass er am Ende des Jahres aufhören will. Ich sagte ihm: Du bist total bekloppt! Wenn du aufhören willst, dann jetzt sofort. Alles andere ist sinnlos!" Lauda: "Das war typisch Bernie. Zuerst habe ich sechs Monate mit ihm um einen Vertrag gekämpft, das war fast wie Krieg. Er hat mir richtig gezeigt, wo es lang geht. Ich habe ihm gesagt, wenn Du mir das Geld nicht gibst, gehe ich woanders hin. Von wegen! Jeder Teamchef, den ich ansprach, zeigte mir den Mittelfinger. Weil Bernie die vorher geimpft hatte. Kaum habe ich meinen Rücktritt erklärt, lief Bernie im Fahrerlager rum und suchte einen neuen Piloten. Mit meinem Helm und Overall!"
ABMS: "Herr Lauda, können Sie sich vorstellen, dass irgend jemand die Formel 1 so gut organisieren und vermarkten kann wie Bernie Ecclestone?" Ecclestone: "Lassen Sie mich diese Frage beantworten. Die Formel ist solch eine starke Marke, da ist es fast egal, wer vorne steht. Es werden Leute nach mir kommen, die es auch können. Sie werden es nur auf andere Art machen." ABMS: Wäre Niki Lauda ein potentieller Nachfolger? Ecclestone: "Nein, er ist viel zu sensibel."

Autor: Bianca Garloff

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